"ER KOMMT" - Kreuz & Quer vom 29.11.2020, Psalm 24,7-10

Liebe Gemeinde!

Gott kommt. Das ist die Botschaft des Advents. Er kommt, er kommt in unsere Welt, in unser Leben hinein

In welche Welt? In welches Leben? In eine oft kaputte Welt, in der vieles nicht so ist, wie es sein sollte.

Wir hören ein paar Beispiele aus der Lebenswirklichkeit junger Leute:

Bilderserie mit Stimmen

Streit, Mobbing, Prüfungsstress, Konkurrenzdenken: Wer ist besser? Wer ist schöner? So ist oft unsere Wirklichkeit. Vor 2000 Jahren war es auch nicht viel anders.

Damals kam Gott in der Person von Jesus auf die Welt. Es waren politisch unruhige Zeiten. Die Römer beherrschten das Land Israel und pressten es mit hohen Steuern aus. Jüdische Terroristen setzten sich gegen die Besatzer zur Wehr. Krankheit, Hunger plagten wie in vielen armen Ländern der Welt die Leute. Und das Schlimmste war wohl: Gott schien so weit weg. Früher gab es die Propheten. Durch die redete Gott zu den Menschen. Durch sie konnten sie seinen Willen erfahren, Mahnung und Trost. Doch diese Zeiten waren lange vorbei. Schon seit Jahrhunderten. Er redete nicht mehr. Gott war stumm. Doch dann kam Jesus. Er heilte, tröstete, gab Hungernden zu Essen. Durch seine Worte erfuhren seine Zuhörer die Nähe Gottes. Gott selber redete durch das, was Jesus sagte, mit ihnen.

Gott schaute herab auf all die Sehnsucht, die Mühseligkeit des Menschen. Er sah, dass die Welt kaputt ist, dass alles nicht so ist, wie es sein sollte. Aber er begnügt sich nicht mit dem Sehen. Er verhält sich nicht wie ein Tourist. Der kann ja interessiert aus dem behüteten Abstand heraus das Elend eines Reiselandes betrachten. Aber Gott kommt zu uns. Er kommt als unser Heiland, als unser Vater und Bruder. Gott kommt zu uns.

Ein Junge wird in der Weihnachtszeit von seinem Lehrer gefragt: ?Was möchtest du am liebsten zu Weihnachten haben?" Der Junge denkt an das eingerahmte Bild mit der Photographie seines Vaters. An dem hing er so. Aber der Vater ist nun nicht mehr da. Dann sagt er leise: ?Ich möchte, dass mein Vater aus dem Rahmen heraustritt und wieder bei uns ist!?

Der Junge bringt die Sehnsucht aller Menschen zum Ausdruck. Wir sehnen uns nach Geborgenheit und Frieden, nach einer starken und guten Hand, die uns in Schwachheit trägt, in Ängsten birgt, in Trauer tröstet, nach einem Vater. Wir wünschen uns einen lebendigen Gott. Wir wünschen uns einen Gott, der aus seiner unsichtbaren Welt zu uns kommt.

Und heute? In unserem Land haben wir genug zu Essen und zu Trinken. Es geht uns gut. Aber eines hat sich nicht geändert. Menschen haben immer noch viel Angst, Alte vor dem Sterben und Junge vor dem Leben, vor einer ungewissen Zukunft, vor dem Klimawandel oder davor, einmal keinen Arbeitsplatz zu bekommen. Und alle haben Angst vor einem winzig kleinen Virus, genannt Covid 19. Schon seit Monaten beherrscht es die Schlagzeilen, unser öffentliches Leben, unser Gespräche, Gedanken und sogar unsere Träume in der Nacht.

Und Gott? Wo bleibt Gott? Schaut er nicht nach uns? Hat er sich damals wie zur Zeit der Zeitenwende vor dem Kommen von Jesus zurückgezogen? Schweigt er? Oder gibt es ihn gar nicht?

Nein, auch heute ist er erfahrbar. Heute noch kommt er zu uns, auch in der Person von Jesus. Nur, viele fragen sich: Wo passiert das? Wo kommt mir denn Jesus entgegen? Sind das nicht nur fromme Worte? Ich sehe nichts, ich fühle nichts, ich merke nichts, ich erfahre nichts. Wo ist denn Jesus? Bonhoeffer schreibt einmal: Wir gehen an dieser schrecklichen Unsichtbarkeit Gottes noch kaputt." Ja, wir gehen kaputt, wenn wir immer nur auf unser Gefühl sehen, ob wir etwas von der Nähe Gottes spüren, wenn wir immer nur sehen und erfahren wollen. Es kommt nicht auf unser Gefühl und unsere Erfahrung an, sondern auf unseren Glauben. Du darfst es doch glauben, auch jetzt in dieser Adventszeit, auch wenn du es nicht siehst und spürst: Er kommt als dein Herr und Heiland und Retter auch zu dir. Er kommt auch jetzt zu dir, mit diesem Wort. Glaub es doch, dass es so ist. Das ist eine Tatsache, dass Jesus jetzt in diesem Raum unter dem Wort dieser Predigt ist. Jesus kommt mit diesem Wort in dein Leben, deine Not, deine Schwierigkeiten, deine Schuld und deine Niederlagen im Kampf gegen die Sünde, und liebt dich trotz allem, was gegen dich spricht.

Er kommt. Die Meisten, die hier sind, haben sich vielleicht an solche Sätze gewöhnt. Sie haben sie oft genug gehört. Aber diese Wahrheit ?Gott kommt!? ist überhaupt nicht selbstverständlich.

Ein junges Mädchen hat das einmal mit Erstaunen festgestellt. Jemand hatte sie in einen unserer Jugendgottesdienste eingeladen. Junge Leute erzählten in diesem Gottesdienst etwas, was sie mit ihrem Glauben an Jesus erlebt haben. Das war ihr vollkommen neu. Bisher dachte sie: Im Christentum geht es halt darum, dass man irgendwelche Sachen glaubt, die mit meinem Leben nichts zu tun haben. Aber in diesem Gottesdienst hörte sie: Mit Gott kann man etwas erleben! Der kommt in unsere Welt, in unser Leben hinein.

Er steht jetzt gewissermaßen vor dir und blickt dich in Liebe an. Er spricht auch zu dir: "Hab' keine Angst. Ich bin doch bei dir, dass ich dir helfe!" Das spricht Jesus zu dir. Nimm es ihm doch ab, was er zu dir spricht. Das heißt Glaube.

Wenn du das tust, wirst du auch etwas mit ihm erleben. Vier junge Leute haben dies getan und erfahren: Gott fängt auf. Gott führt. Gott ist größer. Gott hilft. Wir sehen und hören ihre Erzählungen, die vor dem Gottesdienst aufgenommen wurden.

Video

Lied: Du bist stärker.

Gott ist stärker. Das kannst du auch erleben. Traue es ihm nur zu!

Das heißt auch die Tür öffnen, von der hier im Psalm 24 die Rede ist. In vielen Adventsliedern ist ja von dieser Tür die Rede. ?Macht hoch die Tür, die Tor macht weit, es kommt der Herr der Herrlichkeit?, so heißt es in einem der bekanntesten Lieder, die wir im Advent singen, vielleicht schon zu oft, vielleicht auch, ohne uns viel dabei zu denken, was das eigentlich heißt. Es bedeutet: Jesus will in unser Leben hinein. Aber er kann es nur, wenn wir ihm

die Tür aufmachen, wenn wir ihn in unser Leben hereinlassen. Er drängt sich uns nicht auf.

Ein kleines Mädchen sagt stolz ihr Adventsgedicht auf: "Erst eins, dann zwei, dann drei, dann vier - und dann steht das Christkind auf der Tür!" Die Mutter schmunzelt darüber. Unwillkürlich sieht sie die Szene vor sich: Ein Unbekannter stürmt auf die Tür zu, wirft sich mit Wucht dagegen und steht dann auf der herausgesplitterten Tür breitbeinig im zerbrochenen Rahmen - tausendfach verfilmt in Western und brutalen Krimis.

Aber Jesus steht nicht so "auf der Tür". Er fällt nicht mit der Tür ins Haus. Er kommt ganz anders zu uns. Er dringt nicht taktlos in den Lebensraum eines Menschen ein - er bittet, er klopft an - einmal und viele Male. Bereits "vor der Tür" gibt er sich als Freund, als Helfer zu erkennen.

Eigentlich ist das überwältigend: Da klopft endlich einer bei uns an, nicht um uns irgendetwas anzudrehen, sondern um uns etwas zu schenken, was wir nie bezahlen könnten: seine Vergebung, seine Liebe, seine Kraft zu einem Neuanfang mit ihm.

Lass ihn doch rein in dein Leben. Wir lassen ja so viel in unser Leben rein, was uns nicht guttut. Falsche Freunde, die uns vom Glauben wegbringen wollen. Bilder und Filme aus dem Internet, die unsere Phantasie verderben. Sorgen, die sich als Ratgeber ausgeben, aber uns unglücklich und handlungsunfähig machen und uns nachts nicht schlafen lassen, Geld, Filme, Sport oder andere Hobbys, die Jesus den Rang ablaufen laufen, so dass unser Leben so voll ist, dass für ihn kein Platz mehr ist.

Aber Jesus reinlassen, dass fällt uns schwer. Davor haben wir Angst. Vielleicht hat er an meinem Leben ja etwas auszusetzen. Vielleicht passt ihm ja Einiges gar nicht. Und dann müsste ich mich ändern. Will ich das eigentlich?

In einer eindrücklichen Kurzgeschichte schildert Manfred Siebald, wie Jesus in das Leben eines Menschen kommt. Diese gleichnishafte Geschichte heißt "Einzugsermächtigung".

Da klingelt der Hauseigentümer beim Mieter. Dieser öffnet mit schlechtem Gewissen. Die Miete wollte er nicht per Einzugsermächtigung bezahlen und vergaß dann die Überweisungen. Die Mahnungen beantwortete er nicht, weil ihm alles zu peinlich war. Die Nachbarn hatten sich auch beschwert. Anlass: Der Garten war verwahrlost und der Gehsteig nicht geräumt. Der Hauseigentümer betritt die Wohnung und entdeckt Schimmel an der Decke, eine herausgerissene tragende Wand und gesundheitsschädliche Wandfarben. Eine fristlose Kündigung wäre zweifellos angebracht gewesen, erklärt der Eigentümer. Aber er habe sich entschlossen, zusammen mit seinem Vater und einem Mitarbeiter, dem "guten Geist" der Firma, einzuziehen und die Wohnung gründlich zu renovieren. Der Mieter protestiert: "Sie treten ja auf wie der Allmächtige persönlich!" "Ach ja?" lächelt der andere.

Lass ihn doch rein. Klar, er sieht dann, wie es in deinem Leben aussieht, was alles nicht in Ordnung ist. Aber er will doch aufräumen. Will dein Lebenshaus renovieren. Und das tut dir gut.

Lass ihn mit seinen guten Worten in dein Leben hinein. Öffne ihm die Tür deines Herzens. Es tut einem Menschen gut, wenn Jesus in sein Herz einzieht.

Auch in dein Leben will Jesus hineinkommen. Will mit seiner verändernden Liebe zu dir kommen. Wir sind nicht allein mit unseren Schwierigkeiten, Nöten, Problemen, Sünden und Süchten. Jesus will in all dieses Dunkle sich hineinbegeben und es hell machen.

Was dir auch heute fehlt, vielleicht an Liebe, an Freude, an Vergebung, an Hoffnung, an Mut oder an Kraft, glaube doch, dass das alles jetzt da ist.

Und wie kommt es zu uns? Wir brauchen nichts zu machen. Wir brauchen nur zuzugeben, dass wir Jesus brauchen, weil unser Herz ohne ihn leer ist. Dann brauchen wir ihn nur noch zu bitten, zu kommen. Sag ihm das jetzt im Gebet. Und er kommt. Denn in ein Herz, das ihn braucht, kommt er gern. Es ist für ihn weit offen. Je mehr du ihn brauchst, desto offener ist dein Herz. Wenn wir ihn um seine Gnade und Freundlichkeit bitten, dann kommt er auch mit diesen Gaben.

Vielleicht geht es dir zurzeit ganz dreckig. Vielleicht hast du ein schlechtes Gewissen, weil du schon wieder an einem Menschen oder Gott schuldig geworden bist. Vielleicht bist du ganz niedergeschlagen und kaputt, weil dir alles zu viel ist. Vielleicht laufen in deinem Kopf deine Sorgen in einer Endlosschleife. Dass alles hindert Jesus nicht, zu dir zu kommen. Ganz im Gegenteil. Je größer die Not, desto lieber kommt er. Er wird eine Hilfe schaffen, dem, der sich danach sehnt, heißt es im Psalm 12 Vers 6.

Das darfst du glauben. Dann ist kein Platz mehr in deinem Leben für Sorge und Trauer, Zweifel und Niedergeschlagenheit. Dann kannst du vielmehr ganz getrost werden, voller Geborgenheit und Freude.

Er kommt. Dies gilt nicht nur für diesen Gottesdienst, für diese besondere Stunde in der Woche, und dann im Alltag bist du doch wieder allein. Nein, Jesus bleibt auch heute Nachmittag, heute Nacht und die ganze Woche über bei dir durch seinen guten heiligen Geist. Der hilft dir weiter, wenn du alleine nicht mehr weiterweißt. Er hilft dir in schwierigen Situationen die rechten Entscheidungen treffen. Er kann richtige Wege eröffnen und falsche Wege verbauen. Er führt dich in deinem Leben, wenn du nur geführt werden willst. Es können dir Bibelworte oder Liedstrophen einfallen, die dir Entscheidungshilfen geben. Auch erfahrene Christen können dir helfen, das Rechte zu tun. Er wird dich mit seinen Augen leiten.

Das gleiche gilt auch, wenn Kummer und Sorgen dich niederdrücken wollen. ?Sein Geist spricht meinem Geiste manch süßes Trostwort zu?, heißt es in einem Paul-Gerhardt-Lied. Da trägt dich ein Wort aus der Bibel oder aus einem Gottesdienst. Es lässt dich nicht mehr los. Lass es doch auch nicht mehr los. Denke immer wieder daran und danke dafür, dann wird es dich tragen, durch diese Woche, und manche Worte ein ganzes Leben lang. Und wenn du alleine mit deinen Schwierigkeiten nicht zurechtkommst, dann wende dich doch an einen seelsorgerlichen Menschen, dem du vertraust. Er kann für dich beten und dir einen guten Rat geben.

Auch in der kommenden Woche bist du nicht allein, in guten wie in bösen Tagen nicht. Es sind Menschen da, die bereit sind, deine Not mit zu tragen. Und vor allen Dingen ist der Heiland da. Er lässt dich nicht allein. Er gibt immer genügend Hilfe, Kraft, Trost und Segen. Das glaube, und du wirst es erfahren, dass es stimmt.

Amen

© 2020 Dieter Opitz