"Ich wasche meine Hände in Unschuld!" - Kreuz & Quer vom 24.03.2016, Matthäus 27,15-26

Was ist das nur für ein merkwürdiger Prozess, der da gegen Jesus geführt wird! Wer sind die Beteiligten? Da ist zum einen der Richter Pontius Pilatus. Er war kein Gauner. Er war nicht dumm. Er war nur sehr ehrgeizig. Schritt für Schritt hatte er sich im römischen Staat hochgearbeitet, bis er der oberste Verwaltungschef der Provinz Judäa wurde. Verheiratet war er mit einer Enkelin des früheren Kaisers Augustus. Vermutlich beförderte diese Verbindung seine Karriere. Der Vertreter der Anklage, der Staatsanwalt gewissermaßen, war der Hohepriester Kaiphas. Seine beiden Vorwürfe an Jesus: Gotteslästerung und Aufruhr gegen die Römer. Der erste Vorwurf interessierte Pilatus nicht. Das sind jüdische Religionsstreitereien. Der zweite Vorwurf war eine Lüge, das wusste er. Aber trotzdem verurteilte er Jesus zu Tode. Merkwürdig, sehr merkwürdig. Zeugen? Treten hier gar nicht auf. Die hatten sich schon vorher mit ihren Lügen beim Hohen Rat blamiert. Verteidiger? Fehlanzeige. Der Angeklagte war Jesus, also der Sohn Gottes. Hier wird also ein Prozess gegen Gott geführt. Er sitzt auf der Anklagebank.
War jemand von euch schon einmal auf der Anklagebank gesessen? Ich muss gestehen: Ich schon. Ich war einmal als Zeuge bei einem Zivilprozess geladen. Dann wurde ich für meine Zeugenaussage aufgerufen. Der Richter bat mich nach vorne zu kommen. Und aus Versehen, so oft ist man ja auch nicht vor Gericht, setzte ich mich auf die Anklagebank. Die Situation veranlasste den Richter natürlich zum Schmunzeln: Ein unschuldiger Pfarrer sitzt auf der Anklagebank.
Noch merkwürdiger die Situation vor 2000 Jahren: Da sitzt der unschuldigste Mensch, der je lebte, gewissermaßen auf der Anklagebank. Die Rollen hätten eigentlich getauscht werden müssen. Auf die Anklagebank hätten alle in diesem Prozess gehört, ohne Ausnahme. Und auf den Richterstuhl hätte Jesus sitzen müssen. So wäre es richtig gewesen. Und so wird es übrigens auch einmal geschehen: Jesus wird am jüngsten Tag alle Menschen richten.
Auch der Richter von damals, Pontius Pilatus, hätte auf die Anklagebank gehört. Gerade er. Zwar hat er zweifellos Sympathien für Jesus. Denn er weiß: Dieser Mann ist unschuldig. Und er spürt: Dieser Jesus strahlt eine geradezu königliche Würde aus. Das imponiert ihm. Außerdem erhält er eine Warnung von seiner Frau: "Verurteile diesen Mann nicht. Wegen ihm hatte ich einen Alptraum." Aber trotzdem verurteilt er Jesus. Denn er hat Angst vor den Anklägern. Sie könnten ihn beim Kaiser in Rom schlechtmachen. Auch ein vermeintlich schlauer Schachzug des Pilatus ändert nichts an der Verurteilung. Er will dem Volk einen Gefallen machen und einen Verurteilten freilassen. Doch der Mob wird von den Hohepriestern gegen Jesus aufgehetzt. So schreit das Volk: Lass Barnabas frei und kreuzige Jesus! Und so gibt Pilatus nach. Er verurteilt Jesus zu dem grausamen Tod am Kreuz, obwohl er weiß, dass er unschuldig ist. Was ist das für ein Richter! Und doch sagt er: Ich bin nicht daran schuld, wenn jetzt dieser Unschuldige sterben muss. Den Tod dieses Mannes habt nur ihr Juden zu verantworten. So war es natürlich nicht. Aber Pilatus glaubte sicher das, was er sagte.
"Ich bin unschuldig!" Diesen Satz sagen viele Menschen im Brustton der Überzeugung. Auch, und oft gerade dann, wenn sie große Schuld auf sich geladen haben. Er wird auch von Verbrechern gesprochen, gerade von den größten.
Ich denke da an Adolf Eichmann. Er war im 3. Reich der Verantwortliche für die Judenmorde, also für etwa 6 Millionen Tote. Nach dem 2. Weltkrieg flüchtete er nach Argentinien. Der israelische Geheimdienst spürte ihn dort auf und entführte ihn nach Israel. Dort wurde ihm der Prozess gemacht. Der kanadische Pfarrer Hull besuchte ihn. Er meinte: Auch dieser Massenmörder muss wenigstens einmal in seinem Leben die Botschaft von Jesus und seiner Vergebung hören. Es kam zu mehreren Gesprächen. Doch die blieben ohne Erfolg. Eichmann beharrte darauf: Ich bin unschuldig. Ich brauche keine Vergebung. Eichmann schrieb an den Richter ein Gnadengesuch. Dieses wurde vor wenigen Wochen der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Darin kommen folgende Sätze vor: "Dem Richter ist in der Beurteilung meiner Person ein entscheidender Fehler unterlaufen. Ich war kein verantwortlicher Führer und fühle mich daher nicht schuldig." Zwei Tage später wurde Eichmann hingerichtet und seine Asche ins Mittelmeer gestreut.
So versuchte Eichmann seine Schuld von sich wegzuschieben. Er sei ja nur Befehlsempfänger gewesen. Die Auftragsgeber seien die eigentlichen Schuldigen gewesen.
"Ich bin nicht daran schuld, sondern die anderen!" Ich nenne diesen Mechanismus mal das "Schuld-Verschiebe-Spiel." Dieses Spiel wurde zum ersten Mal im Paradies gespielt. Adam nahm die von Gott verbotene Frucht. Doch er verteidigte sich mit der Entschuldigung: "Ich bin nicht schuld sondern meine Frau. Die hat mir die Frucht gegeben." Ebenso Eva: "Ich bin nicht schuld. Sondern die Schlange. Die hat mich verführt." Aber mit dieser Einstellung werde ich Schuld nicht los. Ich werde sie nicht los, wenn ich versuche andere für das verantwortlich bin, was ich getan habe. Ich werde sie nicht los, wenn ich es etwa mit den Worten verharmlose: "Das machen doch alle. Deshalb kann es doch nicht so schlimm sein." Ich werde sie auch nicht los, wenn versuche, sie wieder gut zu machen. Denn passiert ist passiert. Ich kann Schuld nicht aus der Welt schaffen. Das kann alleine Gott. Und ich werde sie erst recht nicht los, wenn ich gar mit ihr angebe und Böses gut nenne. Schuld, wie werde ich sie los?
Auf jeden Fall braucht es dazu Ehrlichkeit. Und wir brauchen das Wort Gottes, das uns zeigt, wie wir sind und was wir tun sollen, um Schuld los zu werden. In einem Lied von Albert Frey heißt es: "Jesus, deine Worte weiten mir die Sicht und für meine Schritte sind sie wie ein Licht."
2. Teil
Nochmals: Wie werde ich Schuld los? Als Antwort auf diese Frage möchte ich mit eine wahren Geschichte antworten. Auf dem Willow Creek Leitungskongress vor ein paar Wochen in Hannover verpackte sie ein Mann in ein beeindruckendes Anspiel. Er erzählte mit leiser Musik und pantomimisch untermalt eine Begebenheit aus seiner Kindheit:
Sein Vater war ein sehr praktisch veranlagter Mann. Er reparierte sein Auto selber. Auch den Ölwechsel machte er jedesmal selber. Das Altöl ließ er in einer Wanne ab. Die stellte er unter das Vordach seiner Garage, bis er dazu kam, es zu entsorgen. Den Kindern verbot er streng, in dieses Öl zu langen. Sie hielten sich auch an das Verbot. Bis auf einmal. Der Erzähler stand vor der Wanne. Vater war weit entfernt im Haus. Was würde passieren, wenn er mal die Arme in das Öl taucht? Die Versuchung war groß, das herauszubekommen. Zu groß. So streckte er beide Unterarme in die Wanne voll Altöl. Bei diesem Teil der Erzählung machte der Mann auf das Bühne das vor, was damals geschah. Er tauchte die Arme in eine Wanne und zog sie wieder raus. Die Unterarme waren mit einer rabenschwarzen Flüssigkeit beklebt. Entsetzen ergriff den Jungen. Was tun? Wie konnte er dieses klebrige Zeug wieder los werden? Panikartig versuchte er das Altöl an seiner Kleidung abzustreifen. Und machte dadurch nur alles noch schlimmer. Schließlich war der Junge von oben bis unten mit dem schwarzen Zeug beschmiert. Für uns Zuschauer machte der Erzähler das nach, was damals geschah.
Schließlich gab der Junge es auf, sich sauber zu machen. Er merkte: Das schaffe ich nicht. Ich mache mich durch meine Bemühungen nur noch dreckiger. Jetzt wusste er nur noch eines, was ihm helfen konnte. Und das tat er auch. Auch wenn es ihm schwer fiel: Er rief laut: "Papa!"
Sein Vater kam auf das Rufen seines Sohnes hin aus dem Haus, sah seinen über und über mit Altöl beschmierten Jungen und entdeckte auch seine Tränen, die ihm über das Gesicht liefen. Wortlos, ohne Vorwurf, brachte er seinen Jungen ins Haus, entsorgte die dreckigen Kleider und entfernte das Öl mit einem Lösungsmittel.
Und was können wir tun, wenn wir merken, dass wir unserem himmlischen Vater ungehorsam waren? Und wenn wir entdeckt haben, dass die Sünde uns beschmutzt hat? Aus eigener Kraft werden wir sie nicht los. Dadurch machen wir alles nur umso schlimmer. Es hilft nur der Ruf nach unseren himmlischen Vater: "Vater, vergib mir. Ich habe gesündigt." Dann kommt er uns auch entgegen, so wie der Vater in der Geschichte und wie der Vater im Gleichnis vom Verlorenen Sohn. Und vergibt uns und reinigt uns von unseren Sünden, mit einem besonderen Lösungsmittel.
In seinem ersten Brief nennt der Apostel Johannes dieses Lösungsmittel mit Namen: "Das Blut Jesu Christi, des Sohnes Gottes, macht uns rein von aller Sünde." Das Blut Jesu, das bei seinem Sterben geflossen ist, hat reinigende, befreiende Wirkung. Sünde kann in einem Augenblick ausgelöscht sein, wenn ich an die Vergebungskraft des Sterbens Jesu glaube.
Ich muss nur eines tun, um Sünde loszuwerden: ehrlich werden. Ehrlich Sünde zugeben und ehrlich um Vergebung bitten. Die buchstäblich befreiende Macht der Ehrlichkeit zeigt uns folgende Geschichte:
Der preußische König Friedrich der Große ging oft unerkannt und verkleidet auf Reisen, um alle möglichen Sachen selber in Augenschein zu nehmen. Eines sei er in ein Gefängnis gegangen. Er habe Mann für Mann auf den Gefängnisgang antreten lassen und jeden einzelnen gefragt, warum er denn da sitze. Und jeder habe ihm geantwortet: „Herr, das ist ein Irrtum“ oder: „Die böse Welt ..“ oder: „Es ist völlig verkehrt, wie der Richter das dargestellt hat; ich bin unschuldig!“ Und an der letzten Tür sei dann einer gestanden, der habe gesagt: „Ich sitze zu Recht hier - ich sitze hier, weil ich das um meiner Sünde willen verdient habe.“
Und da sei der König Friedrich hochgefahren und habe gebrüllt: „Scher er sich raus aus dem Haufen dieser gerechten Leute! Wie kann ich zulassen, dass er diese gerechten Leute hier verderbe! Möge er zusehen, wie er zurecht kommt. Raus hier! Er möge mir kein Gefängnis mehr betreten!“
So entlässt uns auch ein anderer König, Jesus Christus, aus dem Gefängnis unserer Sünde. Er spricht uns frei, wenn nur diesen einen Satz ehrlich sprechen: "Gott, sei mir Sünder gnädig."
Der Prophet Jesaja sagte einmal das großartige Wort: "Wenn eure Sünde auch blutrot ist, soll sie doch schneeweiß werden." Ich brauche mir nur etwas zu nehmen, nur ein Wort, nur einen Satz: Dir sind deine Sünden vergeben! Wenn wir diesen Satz glauben, dann hat das ungeheure Folgen: Dann sind uns wirklich unsere Sünden vergeben.
Diese Vergebung kann ich heute während dieses Gottesdienstes erfahren. Bei der Beichte kann jeder in der Stille seine persönliche Schuld vor Gott bekennen und die Vergebung glauben, die ich ihm im Namen Jesu zuspreche. Jeder von uns darf heute unbelastet von Schuld, froh und frei diesen Gottesdienst verlassen. Er muss seine Schuld nicht mehr weiter mit sich herumschleppen.
Pilatus entschuldigte sich mit den Worten: "Ich bin unschuldig an dem Blut dieses Gerechten." Mit einer kleinen Änderung in diesem Satz kann nun einer sprechen, wenn ihm seine Schuld vergeben wurde: "Ich bin unschuldig durch das Blut dieses Gerechten." Das Blut Jesu Christi macht uns rein von aller Sünde. Das darf ein jeder glauben, der jetzt in der Stille seine Schuld vor Gott bekennt. Das wollen wir nun ein jeder tun.

Amen

© 2016 Dieter Opitz