"Zeit zum Abstauben" - Kreuz & Quer vom 31.01.2016, Johannes 5,39

"Suchet in der Schrift, denn ihr meinet, ihr habt das ewige Leben darin; und sie ist's, die von mir zeuget."

Vor einigen Wochen an der Schule, in der ich Religionsunterricht erteile: Mitglieder vom Gideonbund kamen in den Unterricht der 5. Klassen, um Bibeln an die Schüler zu verteilen. Jeder Schüler erhält so ein grünes Neue Testament mit Psalmen geschenkt. Finde ich eine großartige Sache, dass die "Gideons" diese Verteilaktion Jahr für Jahr machen, nicht nur an meiner Schule, sondern an vielen Schulen und anderen Einrichtungen wie Altersheimen, Krankenhäusern oder Justizvollzugsanstalten. Immer noch liegen in vielen Hotelzimmern die Gideonbibeln aus. Allein im Jahr 2009 wurden weltweit über 80 Millionen Bibeln in 84 Sprachen verteilt. Bis Juli 2011 wurden weltweit 1,6 Mrd. Bibeln verteilt, davon etwa 20 Mio. in Deutschland. Mit diesen Zahlen kann kein Buch mithalten. Allerdings muss man sich auch fragen: Wie viele Menschen lesen ihre Bibel überhaupt? Ich fürchte eher sehr wenige. Ich  habe den Eindruck, dass die Bibelkenntnis allgemein immer mehr abnimmt. Wie viele lesen die Bibel in unseren Reihen? Ich fürchte, wir kämen da auch auf erschütternde Zahlen. Nach einer Untersuchung sollen 5 Prozent der Evangelischen einigermaßen regelmäßig die Bibel lesen und ein Drittel der sogenannten "Kerngemeinde", also der Menschen, die regelmäßig die Gemeindeveranstaltungen besuchen. Ich frage mich, welche Zahl erschütternder ist. Es ist schon traurig genug, dass nur jeder 20. Evangelische die Bibel liest. Denn die evangelische Kirche versteht sich ja als Bibelbewegung. Noch trauriger finde ich es, dass nur jeder 3. der Gottesdienstbesucher die Bibel regelmäßig in die Hand nimmt, um darin zu lesen. Wie sieht es mit dir aus? Liest du die Bibel? Liest du Gottes Wort?

Erino Dapozzo, aus Italien stammender Evangelist, erzählt von seiner Missionsarbeit in der französischen Schweiz und Frankreich:

"Vor einiger Zeit gab ich in einigen Zeitungen Inserate auf, in denen ich um Bibeln bat, auch alte und gebrauchte. Lange hörte ich nichts. Dann kam eine Nachricht von einem Gastwirt. 'Werter Herr, kommen Sie vorbei. Ich habe viele Bibeln zu verschenken.' Ich machte mich sofort auf den Weg. Ein freundlicher Gastwirt empfing mich. 'Ich habe einen ganzen Berg von Bibeln. Sehen Sie, dort ist die Kirche. Dort werden die Hochzeitspaare getraut und bekommen vom Pfarrer eine wunderbare Bibel. Vorn auf dem ersten Blatt stehen die Namen des Paares und die Daten. Nach der Trauung kommt die ganze Hochzeitsgesellschaft zu mir ins Wirtshaus. Sie essen gut und trinken reichlich. Und wenn sie fortgehen, reißen sie aus der Bibel die erste Seite mit ihrem Namen raus, stecken sie ein und lassen die Bibel bei mir zurück!' Dann führte mich der Wirt in ein kleines Nebenzimmer, und dort lagen 62 Bibeln auf dem Tisch, neu und liegengelassen."

So machen es viele Menschen: Ihren eigenen Namen nehmen sie sehr wichtig. Aber Gottes Wort interessiert sie nicht. Sie reißen auseinander, was doch zusammengehört: ihr Leben, und alles, was damit zusammenhängt und die Bibel. Die Bibeln bleiben liegen oder verstauben in irgendeiner Schublade. Gottes Wort spielt im Leben keine Rolle. Und damit verzichten viele Menschen auf das Wertvollste, was es gibt: Dass der lebendige Gott sie anredet, ihnen wunderbare Worte weitergibt, die sie mahnen, trösten, neuen Mut und Orientierung geben, neue Hoffnung und neue Kraft.

In unserem Land gibt es Bibeln die Fülle. Wir haben die hervorragende Lutherübersetzung, wir haben viele gute neuere Übersetzungen, die um Verständlichkeit für den modernen Menschen ringen. Aber das Interesse an der Bibel ist nicht sehr hoch. Woran liegt das bloß?

Ein Grund ist sicher die Bibelkritik der letzten etwa 200 Jahre. Die Zeit der Aufklärung setzte die menschliche Vernunft auf den Thron. "Wage es, deinen eigenen Verstand zu gebrauchen!" lautete ein Motto der Aufklärung. Diese Aufforderung ist ja gut. Die Vernunft ist eine gute Gabe Gottes. Wer sie recht gebraucht, kommt gut durchs Leben. Und die Errungenschaften der modernen Naturwissenschaft haben wir ja Menschen zu verdanken, die ihren Verstand gebrauchten.

Aber die Vernunft hat auch ihre Grenzen. Für das Verstehen der sichtbaren Wirklichkeit taugt sie hervorragend. Aber für das Erfassen der unsichtbaren Wirklichkeit Gottes ist sie das falsche Instrument. Von dieser Wirklichkeit redet eben die Bibel. Sie spricht von Dingen, die den menschlichen Verstand übersteigen: von Wundern, die wir naturwissenschaftlich vielleicht nicht erklären können, wie eben, dass jemand wie Jesus über Wasser gehen kann oder von den Toten aufersteht, sie spricht von Visionen, von Prophezeiungen, von Engeln, von Dämonen, von Himmel und Hölle, von Menschen, mit denen Gott geredet hat. All das kann sich die menschliche Vernunft nicht erklären. Das Organ, das die göttliche Wirklichkeit erfassen kann, ist nicht der Verstand sondern der Glaube. Der Glaube erfährt die Wunder, von denen die Bibel spricht, erfährt oft unbegreifliche Eingreifen Gottes in seinem Leben und sein persönliches Reden mit ihm, eben in der Bibel, bis auf den heutigen Tag.

Wer mit dieser unsichtbaren Wirklichkeit Gottes nicht rechnet, nicht an sie glaubt, der erfährt dies natürlich nicht. Für den ist auch die Bibel ein Buch mit Märchen, Legenden, Mythen und Sagen. Ihr Wahrheitsgehalt schrumpft auf das zusammen, was seinem Verstand einleuchtet. Übrig bleiben vielleicht ein paar moralische Regeln. Oder man presst die biblischen Aussagen in eine modische Weltanschauung hinein. Man interpretiert die Bibel existential, psychologisch, ökologisch, feministisch oder politisch, nationalsozialistisch wie die "Deutschen Christen" oder "grün" wie manche Kirchenfunktionäre. Und kommt dabei dem, was die Bibel aussagen will, nicht auf die Spur.

Und was macht denn nun das Besondere der Bibel aus? Warum ist es so wichtig, sie zu lesen? Die Antwort ist einfach wie für moderne Ohren anstößig: (Die Bibel ist Gottes Wort. Gott redet in ihr mit dir. Immer wieder erfahren Menschen, die mit der Bibel leben, dieses Reden Gottes.

Die Bibel ist deshalb nicht vom Himmel gefallen. Sie ist nicht wortwörtlich ihren Verfassern diktiert. Sondern sie ist ein Buch, von Menschen verfasst, mit ihren Sprache, mit ihrer Kultur, mit ihrem Weltverständnis. Aber Gott bekennt sich zu dem, was in diesem Buch geschrieben ist. Er lässt sich darauf festnageln. Die Bibel enthält nicht nur Gottes Wort. Sie ist Gottes Wort. Ich kann mir nicht die Stellen rauspicken, die dem Maßstab meiner Vernunft entsprechen und alle anderen aussortieren. Sondern ich möchte mit Respekt und vor allen Dingen mit Gebet an die Bibel herangehen.

Das heißt nicht, dass ein Bibelleser alles in der Bibel verstehen muss. Ich lese nun schon über 40 Jahre jeden Tag in der Bibel. Und es gibt Stellen, von denen ich bis heute nicht weiß, wie ich sie zu verstehen habe. Aber ich möchte mich hüten, mich vorschnell über diese Bibelstellen zu stellen und sie für als unbrauchbar weglegen. Jeder Bibelleser muss mit offenen Fragen leben, die sich aber im Laufe der Zeit auch klären können. Der bekannte Pfarrer und Liederdichter Peter Strauch pflegt, bei solchen Stellen ein Fragezeichen an den Rand seiner Bibel zu schreiben. Mit Bleistift. Denn oft nach Monaten oder Jahren schloss sich ihm so manche schwierige Stelle auf und radierte dann das Fragezeichen wieder weg.

Natürlich gibt es auch wichtigere und weniger wichtige Stellen in der Bibel. Selbst der Apostel Paulus unterscheidet zwischen dem, was er als ein "Wort des Herrn" weiterzugeben hat und seinen eigenen Ansichten. Das Zentrum der Bibel ist zweifellos die Person von Jesus Christus. Das ist wichtig, festzuhalten. Denn von daher ergibt sich oft von selbst, wie ich manche Stellen im Alten Testament zu verstehen habe. Wenn zum Beispiel Jesus als das Opferlamm Gottes bezeichnet wird, so ist klar, dass für einen Christen der Opferkult des Alten Testamentes keine Bedeutung mehr hat.

Nochmals: Lies die Bibel mit Ehrfurcht und Gebet. Denn sie ist Gottes Wort.

Du kannst der Bibel gute Ratschläge entnehmen, aber nicht nur das. Deine unruhige Seele kann Ruhe finden, wenn du die Bibel liest. Aber nicht nur das. Du kannst beim Lesen von Gottes Wort, neue Kraft bekommen. Aber nicht nur das. Du kannst Klarheit für Lebensentscheidungen bekommen. Aber nicht nur das.

Beim Bibellesen geht es um mehr, um viel mehr. Wir sollten die Bibel nicht nur lesen, um Kraft, Hilfe, Trost und Wegweisung zu bekommen, nicht nur, weil es mir etwas nützt. Es geht vielmehr um die Pflege einer Liebesbeziehung. In der Bibel spricht der uns liebende Gott zu uns. Das ist das Wichtigste beim Bibellesen: Gott wartet auf mich. Und ich darf mich staunend darauf einlassen, dass Gott an mich interessiert ist, dass er sich in der Bibel mir ganz persönlich mitteilen möchte. Alles andere kommt dann von selbst: Trost, Hilfe, Kraft, Wegweisung.

Die Bibel ist nichts anderes als ein Liebesbrief Gottes an uns. Zugegeben, sie ist nicht immer einfach zu verstehen. Aber es ist der Mühe wert, sich mit ihr zu beschäftigen. Wenn ich einen Liebesbrief bekomme, dann lege ich ihn nicht achtlos beiseite, wenn mir Manches unverständlich vorkommt. Sondern ich lese ihn, freue mich an dem, was ich verstehe und bemühe mich zu verstehen, was ich noch nicht begriffen habe. Ich lese ihn mehrmals, bei unverständlichen Begriffen greife ich vielleicht zu einem Wörterbuch, bei Gelegenheit frage ich beim Verfasser selber nach. So soll ich auch die Bibel lesen, aufmerksam, mit dem Bemühen, sie zu verstehen und vor allen mit Gebet, das heißt ja im Gespräch mit ihrem Verfasser, dass er mir zeigt, wie sie zu verstehen ist und was sie mir zu sagen hat.

Martin Luther war ein leidenschaftlicher Bibelleser. Er hat sie mehrfach durchgelesen und gründlich studiert. Deshalb konnte er sagen: " Du kannst nicht zuviel in der Bibel lesen; und was du liest, kannst du nicht genug verstehen. Was du gut verstehst, kannst du nicht gut genug lehren; Und was du gut lehrst, kannst du nicht gut genug leben. Das heißt, wir sind immer am Lernen, am Wiederholen und Üben dessen, was wir durch Gottes Wort erfahren."

Nun ergeht die Frage an uns: Wie gehst denn du mit der Bibel um? Ist sie dir wichtig? Liest du sie überhaupt? Liest du sie als den persönlichen Liebesbrief Gottes an dich? Oder tust du es ohne große Erwartung sondern nur aus frommem Pflichtgefühl, weil du meinst, es gehört halt zum Leben eines Christen dazu, dass man jeden Tag ein paar Verse in der Bibel liest? Was bedeutet dir die Bibel? Liest du sie nicht nur, nimmst du dir nicht nur Zeit für Gott und sein Wort? Sondern bist du vor allen Dingen auch bereit, dein Leben dementsprechend auszurichten? Wer sein Leben am Wort Gottes orientiert, der wird ein anderer Mensch.

So erlebte es ein Afrikaner. Ein Mitarbeiter der Bibelgesellschaft in Zimbabwe bot ihm eine Bibel zum lesen an. Selbstbewusst gab ihm der Mann zur Antwort: "Wenn Sie mir dieses Neue Testament unbedingt aufdrängen wollen, werde ich mir aus jeder einzelnen Seite eine Zigarette drehen." "Nun gut", gab ihm der Mitarbeiter der Bibelgesellschaft zur Antwort. "Das können Sie meinetwegen machen. Aber Sie müssen mir versprechen, das Neue Testament zu lesen, bevor Sie es rauchen."

Der Mann willigt ein, packte die Bibel und machte sich aus dem Staub. Jahre später erzählte dieser Mann, was er mit dem Buch erlebte: "Ich rauchte Matthäus, ich rauchte Markus, ich rauchte Lukas. Aber dann stieß ich im dritten Kapitel des Johannesevangeliums auf den 16. Vers: Denn Gott hat die Menschen so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn für sie hergab. Jeder, der an ihn glaubt, wird nicht verlorengehen, sondern das ewige Leben haben. Von jenem Moment an konnte ich nicht mehr weiterrauchen, und mein Leben änderte sich von Grund auf."

Heute ist der ehemalige Bibelraucher Pfarrer in Zimbabwe.

Die Bibel entfaltet eine ungeheure Kraft. Sie kann Menschen verändern. Verzagte kann sie trösten, Egoisten zu Liebenden machen, Feige zu Mutigen, Zweifelnde zu Glaubenden, Verzweifelten neuen Lebensmut geben. Denn Gott kann dir in der Bibel begegnen.

Noch einmal die Worte Jesu: "Suchet in der Schrift, denn ihr meinet, ihr habt das ewige Leben darin; und sie ist's, die von mir zeuget." Eine wichtige Aufforderung des Sohnes Gottes selber. Wer unter Gebet die Bibel liest, der bekommt das ewige Leben, der findet Jesus Christus.

 

Amen

© 2016 Dieter Opitz