"Lost Connection" - Kreuz & Quer vom 18.11.2015, Lukas 13, 1-9

Wir lesen hier von zwei furchtbaren Ereignissen. Sie sind in keinem Geschichtsbuch zu finden. Aber sie bewegten damals die Menschen, die in Jerusalem lebten. Klar warum. Es hätte ja jeden von ihnen treffen können. Die politische Führung veranlasste ein Blutbad: Pilatus ließ galiläische Pilger beim Opfer im Tempel niedermetzeln. Im Tempel war ja jeder fromme Jude mal. Viele von ihnen dachten sicher: Was wäre denn, wenn es mich getroffen hätte?
Ein anderes Ereignis, das damals in aller Munde war: Ein Turm fiel um und erschlug etliche Menschen. Die herunterfallenden Steine hätten jeden treffen können, der dort vorüberging.
Wir hören immer wieder von schlimmen Katastrophen: Terroranschlag auf eine Zeitungsredaktion in Paris, Erdbeben in Nepal, ein durch einen Piloten bewusst herbeigeführter Flugzeugabsturz und jetzt in den letzten Tagen von diesen furchtbaren Terroranschlägen in Paris. Wir sind entsetzt, zu mindest eine Zeitlang. Aber kaum einer fragt sich wohl: Wie wäre es denn, wenn es mich getroffen hätte, wenn ich in dem Flugzeug gesessen wäre, wenn ich zu der Zeit des Erdbebens Urlaub in Nepal gemacht hätte, wenn ich in dem Cafe in Paris gesessen wäre, in dem arglose Besucher ermordet wurden?
Aber manchmal können einen Unglücksfälle schon näher rücken. So ging es mir am 11. August dieses Jahres. Ich wollte früh zum Baden auf das Wochenendgrundstück unserer Familie in der Oberpfalz. In der Nähe von Engelmannsreuth bei Creußen musste ich wieder umdrehen. Straßensperre. Jede Menge von Feuerwehrautos, Notarztwägen und Sanitätsautos waren zu sehen und unterwegs. Ein paar Minuten vorher war ein amerikanischer Kampfjet abgestürzt. Der Pilot konnte sich retten. Kurz vor dem Absturz hatte er Kerosintanks und Übungsbomben abgeworfen. Die landeten ganz in der Nähe, so las ich später in der Zeitung, unseres Wochenendgrundstückes. Sie wären beinahe in einen Badeweiher gelandet. In den Badeweiher, in dem ich schwimmen wollte. Ich hätte also nur ein paar Minuten eher losfahren müssen. Dann wäre ich auch an den Badeweiher angekommen. Ich hatte vor, sofort mich in dem Weiher abzukühlen. Und der Pilot hätte ein paar Sekunden früher oder später die Tanks und die Übungsbomben ausklinken müssen. Und dann, ich mag mir nicht ausmalen, was mir hätte passieren können…
Nun bin ich nicht von irgendeiner Bombe oder einem Kerosintank getroffen worden. Auch ihr alle seid bisher vor schlimmen Ereignissen wie Flugzeugabstürzen oder Terroranschlägen bewahrt geblieben. Warum? Haben wir einfach Glück gehabt? Sind wir besser als die, die es getroffen hat? Nein.
Die Leute, die bei solchen Katastrophen umkommen, sind nicht schuldiger als andere. Das muss man zum Schutz und zum Trost derer sagen, die von irgendeinem besonderen Leid oder Unglück betroffen sind. Wir leben nun einmal in einer Welt, in der es plötzliche Todesfälle, Krankheiten oder Unfälle gibt. Das gehört zum Menschsein nach dem Sündenfall dazu. Und jeder wird davon mehr oder weniger betroffen. Es ist nicht nur unbarmherzig sondern ganz einfach falsch, wenn man mutmaßt: Das war eine gerechte Strafe, die jemand getroffen hat. Oder wenn man gar denkt oder sagt: Das geschieht ihm gescheit recht! Sicher kann kein Mensch sagen: Ich bin unschuldig! Womit habe ich das Böse in meinem Leben verdient? Aber ich kann keinen direkten Zusammenhang herstellen zwischen meiner Schuld und meiner Strafe. Jesus lehnt solches Denken hier radikal ab.
Er sagt vielmehr: Wenn ihr nach Schuld fragt - schuldig seid ihr alle. Ihr alle habt Schuld auf euch geladen. Ihr alle habt die Verbindung mit Gott verloren. Lost Connection! Ihr alle hättet verdient, auf furchtbare Art und Weise sterben. Und wenn ihr nicht Buße tut, werdet ihr alle auch so umkommen. Das heißt doch nichts anderes als: Ohne Buße, ohne Umkehr ist ein Mensch, ist jeder Mensch verloren. So hart ist das. So unausweichlich konfrontiert Jesus seine Zuhörer mit dem Verderben. Er erspart auch uns diese Konfrontation nicht. Er erspart uns nicht die Frage nach unserer eigenen Schuld, die uns ins Verderben reißen wird.
Jesus meint es ungeheuer ernst mit unserer Sünde, aber er droht nicht mit Unheil und Untergang. Er will doch gerade davor bewahren. Er will helfen.
Es gibt eine Möglichkeit, dem Gericht Gottes zu entgehen. Jesus nennt sie hier. Wenn ein Mensch Buße tut, umkehrt, dann bewahrt uns Gott vor seinem Gericht. Wir kennen ja die Geschichte aus dem Alten Testament: Der Prophet Jona geht im Auftrag Gottes in die Stadt Ninive, um zu sagen, dass diese Stadt in 40 Tagen untergehen wird. Das Volk, vornean der König, kehrt zu Gott um. Und der Untergang findet nicht statt.
Das Gegenbeispiel gibt Jerusalem ab. Jesus ruft in unserem Predigtabschnitt und an vielen anderen Stellen seine Bewohner zur Umkehr zu Gott. Doch sie schlagen seine Warnungen in den Wind und den Sohn Gottes ans Kreuz.
Es gibt eine erschütternde Szene, die uns Lukas als einziger Evangelist überliefert. Jesus weint über Jerusalem. Er hat nicht nur ein Paar feuchte Augen bekommen. Es rollen ihm nicht nur ein paar Tränen über das Gesicht. Sondern er bricht in lautes Schluchzen aus.
Jesus sagte das furchtbare Ende Jerusalems voraus, nicht mit Genugtuung, sondern unter Tränen der Trauer. An Jerusalem vollzog sich ein furchtbares Gericht Gottes. Die Armeen des römischen Kaisers Titus eroberten im Jahr 70 die Stadt und machten sie nahezu dem Erdboden gleich. Auch der Tempel ging in Flammen auf. Nur ein Mauerrest, die sogenannte Klagemauer, erinnert an den einstigen Prachtbau der Hauptstadt Israels. Es war kein geschichtlicher Zufall, dass diese Stadt zerstört wurde. Sondern deren Bewohner lehnten das Friedensangebot Gottes ab und den, der es ihnen brachte, Jesus Christus.
Den modernen Menschen ist dieser Gedanke fremd: Gott greift in die Geschichte ein. Er richtet und straft. Sie glauben lieber an unerklärliche Schicksalsschläge und wirre Zufälligkeiten. Sicher können wir nicht immer das Wirken Gottes verstehen. Und wir müssen uns auch hüten, vorschnelle Schlüsse zu ziehen, wie: Das ist jetzt die gerechte Strafe Gottes für dieses und jenes Handeln der Menschen. Doch manchmal ist das Eingreifen Gottes, und auch seiner Gerichte, mit Händen zu greifen. Und einer, der vom Geist Gottes geleitet wird wie Jesus, weiß: Hier hat Gott gehandelt und gestraft.
Wie wird es einmal Deutschland ergehen: Wie Ninive oder wie Jerusalem? Luther sagte einmal über unser Volk: Drei Dinge forderten das Gericht Gottes heraus: Das Vergessen der Wohltaten Gottes, das gottlose Planen und die unangefochtene Sicherheit. Kann dieses Wort des Reformators nicht wieder sehr schnell beklemmende Wirklichkeit werden?
Das Schlimmste ist, wenn die Gerichte Gottes die Menschen kalt lassen. In der Offenbarung sieht Johannes furchtbare Gerichte, die einmal über die Menschheit ergehen werden und vielleicht schon ergangen sind. Und doch lesen wir die erschütternde Reaktion der Menschen: "Aber die Menschen kehrten nicht um. Sie hörten nicht auf, einander umzubringen, sich mit okkulten Dingen zu beschäftigen, Unzucht zu treiben und einander zu bestehlen." (Offenbarung 9,20-21)
Und wie wird es einmal uns ergehen? Auch wir sind ja von Jesus angesprochen. Auch nicht die Frömmigkeit, auch nicht der Kirchgang schützt automatisch vor dem Gericht Gottes, sondern allein die Umkehr zu Gott, die Buße.
2. Teil
Der Ruf zur Buße wirkt unzeitgemäß. Er war immer unzeitgemäß. Denn er konfrontiert uns mit unserer Schuld und will Betroffenheit über unsere Sünde erzeugen. Und davon wollen wir nichts hören.
Zu einem Pfarrer kamen einmal Gemeindeglieder, um sich bei ihm zu beschweren. Sie warfen ihm vor: „Herr Pfarrer, Sie reden zuviel von der Sünde.“ „Ja, ich muss so oft von ihr reden, um euch von ihr und ihren Folgen zu warnen.“ „Ja, könnten Sie dann nicht weniger drastisch, vielleicht nur andeutungsweise von ihr reden?“ Der Pfarrer verließ wortlos den Raum und kam zurück - mit einer Flasche voll Gift, deutlich erkennbar an dem Etikett mit dem Totenkopf. „Was halten Sie davon“, so fragte der Pfarrer, „wenn ich das Etikett überkleben und draufschreiben würde ‘Pfefferminztee’?“ Die Gemeindeglieder verstanden und gingen schweigend wieder nach hause.
Die Sünde des Menschen ist wie ein Gift, das für ihn tödlich ist. Je harmloser man davon redet, desto schlimmer macht man den Schaden. Die Boten Gottes müssen die Menschen so deutlich wie sie nur können vor den Folgen der Sünde, dem ewigen Tod, warnen. Das Etikett „Vorsicht, lebensgefährlich!“ kann nicht entfernt werden. Das wäre Verantwortungslosigkeit gegenüber denen, die von der Gefährlichkeit dieses Giftes nicht wissen.
Wir brauchen keine Menschen, die einem immer nur Schmeichelhaftes sagen. Einer, der einem immer nur schmeichelt, meint es gewiss nicht gut mit uns. Wir brauchen Menschen, die auch einmal im Namen Gottes den Mut haben, uns unangenehme Wahrheiten zu sagen, so wie Jesus es ja auch tat. Die harte Wirklichkeit, die er nicht verschweigt, lautet: Ohne Buße, ohne Umkehr zu Gott, geht der Mensch in seiner Sünde rettungslos verloren. Die Sünde muss sterben, in den Tod gegeben werden, durch tägliche Reue und Buße, wie Luther im Kleinen Katechismus sagt.
Doch was heißt nun eigentlich Buße? In dem Gleichnis, das Jesus erzählt, wird deutlich, was er darunter versteht.
Ein Weinbergbesitzer schaut seinen Weinberg an. Ein Feigenbaum, der dort gepflanzt ist, fällt ihm dabei auf: „Der bringt ja keine Frucht!“ Ein Obstbaum ohne Früchte war nicht nur nutzlos. Sondern er saugt auch noch viele Nährstoffe aus dem Boden auf, die dann den Weinstöcken fehlen. So ist es nicht verwunderlich, dass der Weinbergbesitzer verlangt, den Baum abzuhauen. Der Feigenbaum ist in der Bibel ein Bild für das Volk Gottes. Gott hat dieses Volk ins Leben gerufen, hat ihm viel Gutes getan und sucht nun Frucht bei ihm, damals beim Volk Israel und heute bei uns.
Wie viel Gutes hat Gott uns getan. Schon in der Taufe und bei der Konfirmation rief Gott uns zu sich. Wie sind wir mit diesem Ruf umgegangen? Er hat uns sein Wort geschenkt und ist uns im Abendmahl nahegekommen. Wie nahe sind wir ihm dadurch gekommen? Gott hat uns Schweres in unserem Leben auferlegt. Haben wir uns dadurch zur Besinnung rufen lassen?
Wir werden nach den Früchten unseres Christseins gefragt. D.h. nicht die Absichtserklärungen, sondern die Ergebnisse unseres Christseins zählen bei Gott. Was geht von uns aus? Wie viel Lob Gottes? Wie viel Hilfe für andere? Wie viel Gottvertrauen? Wie viel selbstlose Liebe?
Müssten wir da nicht ehrlich sagen, und dieses Eingeständnis hat ja auch etwas mit Buße zu tun, dass wir nicht sind, wie wir sein sollten, dass Gott mit uns so verfahren kann wie es der Weinbergsbesitzer mit dem Feigenbaum vorhat?
Er könnte es tun, und niemand könnte Gott deshalb einen Vorwurf machen. Doch da legt einer Fürsprache ein. Der Weingärtner im Gleichnis bittet um Aufschub. Er verhält sich genauso wie Christus, der Partei für die Sünder ergriffen hat.
Im Münster zu Heilsbronn hängt das sogenannte Rechtfertigungsbild. Man sieht den zürnenden Gott-Vater. Er hat ein Schwert in der Hand, mit dem er die Menschen strafen will. Doch Christus hält mit seiner linken Hand das Schwert zurück und verweist mit seiner Rechten auf seine Seitenwunde. Er erinnert Gott an seinen Kreuzestod, als er für die ganze Menschheit starb. Da gibt es also einen, der es gut mit uns meint, der für uns eintritt, ohne dass wir es verdient hätten. Christus will nicht unseren Tod, will nicht unsere Verlorenheit, er will, dass wir in Ewigkeit bei ihm sind. Deshalb gibt uns Gott immer wieder neue Chancen, deshalb zögert er oft so lange, bis er straft. Er verhält sich wie der Weingärtner gegenüber dem Feigenbaum. Dieser ist in der Pflege anspruchslos. Wenn er ihn umgraben und düngen will, so will er ein Letztes, eigentlich Unmögliches versuchen. Für einen Feigenbaum ist das eine ganz und gar ungewöhnliche Fürsorge.
Ist Gott nicht auch so? Er schenkt uns Chancen, wo wir eigentlich gar keine mehr verdient haben, Chancen, die allerdings genutzt werden sollen: zur Buße, zur Umkehr zu Gott.
Buße tun heißt nun nicht, gute Vorsätze zu fassen, zu versuchen, sich selber zu ändern. Sich selbst von Grund auf zu ändern, schaffen wir nicht, nie. Buße tun, heißt vielmehr, sein eigenes Bemühen, anders zu werden, aufzugeben und alles von Jesus zu erwarten. Buße tun, heißt zu beten: "Herr Jesus, ich schaffe es nicht, deinen Willen zu erfüllen. Verändere du mich.“ Buße tun ist deshalb etwas Befreiendes und nichts Niederdrückendes. Ich darf Gott zutrauen, dass er mein Leben in seinem Sinn umgestaltet. Deshalb konnte Luther von der Buße als einem „fröhlichen Geschäft“ sprechen. Kein Mensch muss verzweifeln, wenn er seine Sünde erkannt hat. Sondern er soll und darf vielmehr mit der Vergebung Gottes und seinen verändernden Kräften in seinem Leben rechnen. Diese verloren gegangene Verbindung zwischen ihm und uns stellt er wieder her.
Vor Jahren war Paul Morphy Weltmeister im Schachspiel. Er stand eines Tages vor einem Gemälde mit dem Titel „Der Schachspieler“. Die beiden Spieler waren Satan und ein junger Mann. Der Preis, um den sie spielten, war die Seele des Mannes. Das Spiel stand schlecht für ihn. Er konnte seine Figuren nicht mehr bewegen, ohne ins Schach zu geraten. Verzweiflung stand in seinem Gesicht. Er hatte seine Seele verloren.
Morphy, der mehr vom Schachspiel verstand als der Maler des Bildes, betrachtete es eine Zeitlang und ließ sich dann ein Schachspiel bringen. Er stellte die Figuren in die gleiche Position wie auf dem Bild, übernahm die Rolle des jungen Mannes und wagte den Zug, der ihn vor seiner Niederlage hätte bewahren können.
So wie diesen jungen Mann auf dem Bild kann es auch uns ergehen, wenn wir merken, unser Leben muss anders werden. Wir wissen nicht, wie wir es tun sollen, ohne wieder neue Fehler zu machen. Und am Ende droht das Schachmatt. Wir haben das Spiel unseres Lebens verloren. Helfen kann uns nur einer, der das Spiel unseres Lebens besser versteht als wir: Jesus Christus.
Er wartet nur auf diesen Schritt, dass wir erkennen: Ohne ihn können wir nichts tun. Er freut sich, wenn wir zu ihm sagen: „Jetzt mach du etwas aus meinem Leben! Stell du die Verbindung zwischen dir und mir wieder her, damit es in meinem Leben anders wird.“ Die größte Enttäuschung bereiten wir Jesus nicht durch unsere Sünde. Die größte Enttäuschung bereiten wir ihm, wenn wir ihm nicht zutrauen, dass er alles Hässliche, Kaputte und Verkehrte in unserem Leben wieder gut macht.
Greifen wir deshalb auch heute zu, wenn uns wieder Gottes Vergebung, sein Friede, seine Liebe, seine göttlichen Kräfte, die unser Leben verändern wollen, ganz neu angeboten wird! Und halten wir diesen Schatz auch fest, indem wir immer wieder im Alltag für die Gnadengeschenke Gottes danken!

 

Amen

© 2015 Dieter Opitz