"5000 FischMac" - Kreuz & Quer vom 19.07.2015, Johannes 6,1-15

Es hat einmal jemand gesagt: "Wer nicht mit Wundern rechnet, ist kein Realist." Ein erstaunlicher Satz, der Widerspruch erregt. Wir denken ja normalerweise ganz anders: Wenn wir ein Problem haben, dann müssen wir doch erst einmal alle menschlichen Mittel und Wege ausschöpfen, die uns helfen können. Wer schlechte Noten hat, der muss halt mehr lernen oder Nachhilfeunterricht in Anspruch nehmen. Wer krank ist, geht zum Arzt oder Psychiater. Wer arbeitslos ist, schreibt Bewerbungen oder geht zu seinem Berater bei der Agentur für Arbeit. Und wer Hunger hat, der kauft sich etwas zu Essen. Erst wenn wir nicht mehr weiterwissen, erst wenn die Not überhand nimmt, dann denken wir an Gott, dann bitten wir um Hilfe. Bezeichnend ist ja der Satz: "Jetzt hilft nur noch Beten."
Vielleicht war so eine Einstellung in früheren Jahrhunderten noch nicht so weit verbreitet. Da gab's ja noch keine modernen Medikamente wie Antibiotika. Da musste man an einer simplen Blinddarmentzündung sterben, weil es die Operationstechniken wie heute nicht gab, da mussten Menschen in Deutschland verhungern, weil es noch keinen Kunstdünger gab und wir noch in keinem so unermesslichen Wohlstand lebten, dass auch der Ärmste sich zu Essen und zu Trinken kaufen kann. Frühere Generationen wussten wohl noch mehr wie wir, dass es nicht selbstverständlich ist, wenn man genug zu essen und trinken hat oder wenn man gesund sein darf. Vielleicht ist zu diesen Zeiten auch mehr gebetet worden. Aber hat man damals mehr mit Wundern gerechnet? Ich bin mir da nicht sicher. Und wenn wir an die Geschichte denken, die ich eben vorgelesen habe, muss man eher sagen: Nein. Jesus redet hier mit zwei seiner Jünger, mit Andreas und Philippus. Auch sie rechneten nicht damit, dass Jesus ein Wunder tun könnte. Obwohl sie doch schon große Wunder miterlebt hatten: Jesus hatte Wasser in Wein verwandelt, er hatte unzählige Kranke geheilt, er hatte einen Sturm auf dem See Genezareth durch einen Satz zum Schweigen gebracht.
Gut, jetzt war das Problem keine Krankheit, kein Toben eines Sturmes, keine leeren Weinkrüge auf einer Hochzeit. Jetzt war das Problem: Es gab einfach zu wenig Essen für so viele Leute. Es war eine Riesenmenge zusammengekommen, um Jesus zu hören. Die Evangelisten sprechen von 5000 Männern, von den Frauen und Kindern gar nicht zu reden. Das Hans-Walter-Wild-Stadion in Bayreuth wäre rappelvoll gewesen.
Was tun? Jesus fragt Philippus: "Wo kaufen wir Brot?" Was hätten wir an seiner Stelle geantwortet? Vielleicht: "Das kann doch nicht dein Ernst sein? Wir sind in einer menschenleeren Gegend. Da gibt es keine Großbäckereien!" Oder: "Wieso Brot kaufen? Wie kommst du denn darauf? Die Leute haben doch bestimmt selber was dabei! Und wenn nicht, sind sie selber dran schuld!" Oder: "Schick doch die Leute einfach nach Hause!"
Diese Antworten klingen so ähnlich wie die, die Philippus gegeben hat, rein nüchtern, rational. Philippus ist ein nüchterner Rechner. „Wir bräuchten 200 Denare“ so sagt er. “Dann könnten wir den Leuten etwas zu essen kaufen. Aber trotzdem bekäme jeder nur ein paar Bissen.“ Ein Arbeiter verdiente damals einen Denar pro Tag. 200 Denare waren also ein kleines Vermögen, das die Jünger Jesu natürlich nicht besaßen. Was war überhaupt da? Die Bestandsaufnahme von Andreas hilft auch nicht weiter: „Es ist ein Junge hier. Der hat fünf Gerstenbrote und zwei Fische dabei. Aber das reicht auch nicht für so viele Menschen aus!“ Die Mutter hatte wohl diesem Kind für seinen eigenen Hunger Proviant mitgegeben: Fünf Gerstenbrote, das Brot armer Leute. - Es war in Scheiben von etwa 30 Zentimeter Durchmesser gebacken. – Und noch zwei eingemachte Fische. Lächerlich gering für so viele Menschen. Ratlos überlegen also die Jünger hin und her und kommen doch zu keinem vernünftigen Ergebnis. Sie stoßen an die Grenzen ihrer Vernunft.
Nochmals die Frage von Jesus an seine Jünger: "Wo kaufen wir Brot, damit diese zu essen haben?" Eine gute Antwort hätte wohl gelautet: "Ich weiß es nicht. Aber du weißt bestimmt, wie du helfen kannst."
Gott hat uns unseren Verstand gegeben. Den sollen wir natürlich auch einsetzen, so gut wir können. Aber es gibt noch ein anderes Instrument, das wir brauchen, um die ganze Wirklichkeit zu erfassen. Das ist der Glaube.
Mein Konfirmationspfarrer hat uns Konfirmanden so erklärt, was ein Wunder ist. Ich habe es mit meinen Konfirmanden ebenso gemacht. Er nimmt einen Bleistift in die Hand und sagt: „Ich kann machen, dass dieser Bleistift nicht zu Boden fällt, wenn ich die beiden Finger zurückziehe.“ „Ausgeschlossen!“ „Doch!“ Er lässt los und als der Bleistift fallen will, fängt er ihn schnell mit der anderen Hand wieder auf. „Ja, so ist`s freilich kein Wunder! Das hätte ich auch gekonnt.“, sagen wir. „Das kann ja jeder, mit der anderen Hand...“ „Ja, die andere Hand!“ sagt der Pfarrer. „Die ist das Geheimnis der ganzen Geschichte. Ich habe von vornherein mit ihr gerechnet, ihr aber nicht!“
Kennen wir auch das Geheimnis der anderen Hand, der Hand Gottes? Nur der ist ein Realist, der nicht nur mit seinem Verstand und dem Prinzip von Ursache und Wirkung rechnet sondern eben auch mit Wundern Gottes.

Film: "Der Fall Nils B."

Ein guter Tipp: Rechne doch in Zukunft viel mehr mit Wundern in deinem Leben, das heißt mit dem helfenden Eingreifen Gottes. Dann wirst du auch mehr Wunder erleben. Jesus wartet darauf, dass du mit seiner Hilfe rechnest. Denn er will sich um dich kümmern, weil er dich liebt. Du bist ihm nicht egal. Er will dir helfen, ob es jetzt kleine Dinge sind wie verlegte Schlüssel, ein Parkplatz in der Innenstadt, ob es große Dinge sind wie Krankheit, die Suche nach einem Partner oder einem Arbeitsplatz oder das Größte, was es gibt: das Wunder, dass du einmal in den Himmel hineinkommst.
Allem Mangel, den du hast, kann er abhelfen. Hier in unserer Geschichte war es das Essen, das fehlte. Fünf Brote und zwei Fische für mehr als 5000 Menschen, - das war viel zu wenig. Davon wird ein kleiner Junge satt, aber nicht eine große Menschenmenge! Und doch geschieht das Wunder, dass keiner von denen, die da waren, hungrig nach hause gehen musste.
Das Geheimnis des Brotwunders, wie kann man es erklären? Es ist keine fromme Legende. Es geht auch nicht darum, dass alle es fertiggebracht haben, ihre Vorräte auszupacken und miteinander zu teilen. Jesus zauberte auch nicht Nahrung aus dem Nichts. Nein, es waren die paar Brote und Fische, mit denen Jesus die vielen Menschen satt machte. Er nahm das Wenige, das man ihm gab und dankte Gott dafür. In diesem schlichten Dankgebet ist das Geheimnis des Brotwunders begründet. Jesus dankte, das heißt, er rechnete damit, dass das, was an Nahrungsmitteln da war, schon reichen würde. Und so geschah es auch. Es reichte, auf wunderbare Art und Weise. Wie dies Wunder geschah, wird nicht erzählt. Das ist auch nicht das Entscheidende an dieser Geschichte.
Ist das, was Jesus tat, nicht auch ein Hinweis für uns, wenn uns etwas fehlt? Machen wir es doch wie er! Seien wir dankbar für das Wenige, das wir haben: für die paar Minuten Freizeit, die uns nach einem stressigen Tag noch geblieben sind, die paar Euro, die wir noch an Erspartem haben, unsere geringen Kräfte für eine große Aufgabe, die uns bevorsteht, die wenigen Aufgaben, die wir haben, wenn wir arbeitslos sind, für jedes bisschen Gesundheit, das uns im Alter noch geblieben ist, für jedes Lächeln und jeden freundlichen Händedruck, wenn wir einsam und allein sind. Sei für das Wenige von Herzen dankbar! Und du wirst erfahren: Es reicht, dieses Wenige. Die Zeit ist nicht zu knapp, um das zu tun, was deine Aufgabe ist, - es bleibt sogar noch Zeit übrig! -, die Freizeit reicht, um uns zu erholen, die Kräfte reichen für das, was wir zu tun haben, das Geld ist nicht zu wenig und wir sind doch nicht so einsam und verlassen, wie wir gedacht haben. Es reicht!
Es reicht. So habe ich es schon oft in meinem Leben erfahren dürfen. Ich denke da jetzt an das Wunder des Kirchenanbaus, an das ich euch erinnern möchte. Bis vor wenigen Jahren platzte die Kirche aus allen Nähten. Der Gottesdienstraum war häufig zu klein und die Räumlichkeiten für die vielen Gruppen im Haus zu wenig. Wir wollten und mussten anbauen. Aber wir hatten dafür kein Geld. Denn wir mussten alles selber bezahlen, ohne nennenswerte Zuschüsse. Aber wenn Gott etwas will, dann schafft er Mittel und Wege. Und so geschah nun nicht die die wunderbare Brotvermehrung aber die wunderbare Geldvermehrung. Mit 1000 Euro fing es an. Die nahmen wir bei der 30jahrfeier unserer Kirche vor 12 Jahren ein. Aber es mussten etwa 720.000 Euro werden! Das Geld kam im Laufe der Jahre zusammen, zumindest so viel, dass wir bauen konnten. Wir haben, dass hört ihr ja jeden Sonntag bei den Abkündigungen, noch Schulden, die wir aber bis jetzt abzahlen konnten. Wir gründeten einen Förderverein, der für den Kirchenanbau und später für den kidsTreff zu einem großen Segen wurde. Am Tage der Gründungsversammlung stand in der Losung: "Es ist der Herr; er tue, was ihm wohlgefällt." Und der Lehrtext lautete: "Bei Gott sind alle Dinge möglich." Es gingen in einem Jahr 50.000 Euro an Spenden ein, ein großartiges Ergebnis. Doch das war bei einer Sitzung dem Bauträger, der Gesamtkirchengemeinde zu wenig. Bis zur nächsten Sitzung hätten wir Gelegenheit "nachzubessern". Was auch im überwältigenden Ausmaß Gott geschehen ließ. Innerhalb von 20 Tagen bekamen wir 70.000 Euro an Spendenzusagen. Die Verantwortlichen für den Bau waren zufrieden. Wir bekamen an dem Abend der Sitzung die Genehmigung für den Bau. In der Losung für diesen Tag stand das Mut machende Wort: "Du führst Herr, meine Sache." Wir bekamen vollkommen unerwartet einen namhaften Zuschuss, weil wunderbarerweise die Richtlinien geändert wurden.
Bei der ersten Veranstaltung in der neuen Kirche zog ein Gewitter auf. Es hat geregnet, gehagelt, geblitzt und gedonnert. Aber dann, am Ende der Veranstaltung konnte man einen wunderbaren Regenbogen sehen, einen ganz besonders schönen in doppelter Ausfertigung. Der Regenbogen ist ja seit der Sintflut ein Zeichen der Gnade Gottes. Mit diesem Gnadenzeichen wollte Gott mir und der ganzen versammelten Gemeinde sagen: "Siehst du, seht ihr, so wunderbar gnädig kann ich sein, wenn ihr mir nur ein bisschen etwas zutraut!"
Er gibt nicht nur ein wenig sondern die Fülle. Bei der Speisung der 5000 blieben 12 Körbe voll Essen übrig. Jesus gab genug für die Anwesenden und sogar für andere, die gar nicht dabei waren, auch noch. Im Psalm 23 heißt es: "Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln." Dieser Herr ist für uns Christen Jesus. Er gibt dir genug für dein Leben und noch darüber hinaus, so viel, dass du von deinen Gütern anderen abgeben kannst, an Geld, an Zeit, an freundlicher Zuwendung.
Wenn dich jetzt ein Problem belastet, so glaube dem Wort der Bibel: "Des Herren Rat ist wunderbar und er führet es herrlich hinaus! Herrlich nicht kümmerlich! Er hat mehr mit dir vor, als du dir in deinen kühnsten Träumen erhoffst. Er will dein Leben in einer Art und Weise gebrauchen, dass du nur staunen kannst. Du wirst noch viel Größeres erleben als das, was du schon mit Gott erfahren hast. Trau ihm das zu! Jeder, der Gott vertraut, du auch, hat doch einen wunderbaren Herrn! Er verdient es, dass du ihm vertraust. Dann kann eine große Freude, Geborgenheit und Dankbarkeit in dein Leben hineinkommen.
Aber eines muss zum Schluss doch noch gesagt werden: Hüte dich, Jesus als eine Art Wunscherfüllungsautomaten zu missbrauchen! Er ist nicht dazu da, dir alle deine Wünsche zu erfüllen. Dies hätte wohl die Menschenmenge nach der wunderbaren Brotvermehrung gerne gewollt. "Dieser Jesus ist unser Mann!", so dachten sie. "Der kann uns jeden Tag frische Brötchen geben!" Deshalb wollten sie ihn zum König machen. Doch Jesus entzog sich diesem Ansinnen. Denn er ist nicht dazu da, uns jeden Tag frisches Brot zu geben sondern sich selber als das Brot des Lebens.
Er will uns nicht in erster Linie reich machen, damit wir uns Häuser und Autos kaufen können, nicht so attraktiv, dass wir den tollsten Partner bekommen, nicht so erfolgreich, dass uns alle anderen bewundern und uns gewissermaßen die Füße küssen. Sondern er will uns sich selber geben und damit den Hunger unseres Lebens stillen.
Da verirrte sich ein Beduine in der Wüste. Tagelang irrte er umher. Völlig entkräftet drohte er zu verhungern. Da entdeckte er eine verlassene Lagerstätte. Dort mussten Kaufleute mit ihren Kamelen gerastet haben. Mit letzter Kraft untersuchte er den Ort und fand ein kleines Ledersäckchen. Er öffnete es, in der Hoffnung darin etwas Essbares zu finden. Doch dann erschrak er, denn er fand nur Perlen.
Perlen sind kostbar. Und es gibt viele Perlen, die unser Leben bereichern, wie Wohlstand, Erfolg, Ansehen, Haus, Reisen, gute Bücher, Musik. Aber sie erfüllen unser Leben nicht. Sie machen uns nicht wirklich satt. Das macht allein Jesus, er allein. Er ist das Brot des Lebens. Deshalb suche nicht nach Perlen, suche nach Brot, nach dem Brot des Lebens, nach Jesus. "Suche Jesus und sein Licht, alles andere hilft dir nicht."

 

Amen

© 2015 Dieter Opitz