"Nicht ganz bei Trost?" - Kreuz & Quer vom 17.05.2015, Johannes 15,26-16,4

Axel Kühner erzählt einmal in einem seiner Bücher von seinem Bruder. Als er sechs Jahre alt war, verbrühte er sich mit einem Topf kochenden Wassers den ganzen Rücken. Nach einem langen Krankenhausaufenthalt war der Rücken noch eine große eitrige Wunde, die täglich neu verbunden werden musste. Jeden Morgen ganz früh wurden die Schmerzen für ihn unerträglich und er weinte und schrie: "Ich will zum Verbinden, ich will zum Verbinden!"
Das, so Kühner, ist der Schrei des verletzten, zerrissenen, gekränkten Menschen: "Ich will zum Verbinden!" Diesen Schrei kennt jeder Mensch. Man kann es auch so ausdrücken: Jeder Mensch hat ein tiefes Bedürfnis nach Trost. Das fängt schon bei einem kleinen Kind an. Wenn es hinfällt, dann läuft es schreiend und weinend zur Mutter. Es braucht Trost. Oder denken wir an einen kranken Menschen. Er braucht nicht nur Medikamente, nicht nur fachgerechte ärztliche Hilfe. Er braucht auch Trost. Ebenso verhält es sich mit dem alten Menschen. Er braucht nicht nur eine gesicherte finanzielle Versorgung, nicht nur die nötige Pflege. Auch er braucht Trost.
Und was ist mit den anderen, die keine kleine Kinder, nicht krank und nicht alt sind? Brauchen die auch Trost? Sicher. Trost gehört zum Menschsein überhaupt dazu. An jedem Tag unseres Lebens brauchen wir Trost. Ob uns das bewusst wird oder nicht. Wer meint, er braucht keinen Trost, der täuscht sich. Der Mensch ist als trostbedürftiges Wesen erschaffen. Jeder. Nicht nur Kinder und Alte, nicht nur körperlich Kranke und seelisch Angeknackste, nicht nur Versager und Loser-Typen, nicht nur die, die Liebeskummer haben oder einen lieben Menschen verloren haben. Auch die Starken und Selbstbewussten, die ihr Leben bewältigen und im Griff haben. Ich meine, gerade die, die denken oder gar lautstark tönen: Ich brauche doch keinen Trost! Die haben ihn besonders nötig. Oft ist es ja nur eine Fassade der Stärke. Und dahinter hat sich ein schwacher, unsicherer Mensch versteckt, der auch Trost braucht.
Sicher, wir brauchen keinen billigen Trost, kein Trostpflaster, das man mehr oder weniger lieblos auf unsere Wunden klebt, damit man sie nicht mehr sieht, vor allen Dingen, damit andere sie nicht mehr sehen und von ihnen irritiert werden.
Ich meine jetzt vor allen Dingen gedankenlose und leere Sprüche. Es hilft uns nichts, wenn uns jemand sagt: „Ist doch alles nicht so schlimm!“ So einen Satz empfinden wir – zu Recht – als hohlen Spruch. Für uns ist es ja schlimm. Es gibt viele solcher wenig hilfreicher Sprüche wie: „Kopf hoch, Unkraut vergeht nicht!“ Oder: „Kommt Zeit, kommt Rat!“ Oder: „Es wird schon wieder werden!“ Oder: „Vergiss es! Denk nicht mehr dran! Das Leben geht weiter. Kopf hoch!" Solche Sätze sind oft gut gemeint. Aber sie geben uns keine Kraft, keine Hilfe, keinen Trost.
Auch diverse "Seelentröster" helfen uns gar nichts. Wenn wir versuchen uns abzulenken oder unsere Not zu betäuben, zum Beispiel mit Alkohol, um vergessen zu können. Am nächsten Morgen ist der Jammer doch wieder da.
Wir möchten nicht falsch getröstet oder vertröstet werden, übrigens auch nicht durch fromme Worte, die nicht von Herzen kommen. Aber niemand möchte auch sich in einer "trostlosen Situation" befinden. Keiner möchte, dass jemand von ihm sagt: "Du bist doch nicht ganz bei Trost." Das heißt ja: Du bist doch nicht ganz normal.
Wir alle brauchen Trost, jeden Tag. Denn wir haben unser Leben nicht in der Hand. Es ist ungesichert, verletzlich, vergänglich. Wir sind uns dieser Tatsache nur nicht immer bewusst. Die Zeit vergeht, unwiderruflich. Und mit ihr die schönen Tage, die wir gerne festhalten möchten. Wir müssen immer wieder Abschied nehmen von Menschen, von bestimmten Lebensabschnitten, in denen wir uns wohlfühlten. Und jeder Abschied ist wie ein kleiner Tod. Natürlich brauchen wir Trost in bestimmten Krisen unseres Lebens. Aber nicht nur dann. Wir erleben jeden Tag, dass andere an uns schuldig werden und wir die Liebe nicht bekommen, nach der wir uns sehnen. Und umgedreht werden wir auch an anderen schuldig, jeden Tag. Da brauchen wir auch Trost.
Trost braucht auch der, der sein Leben als Christ leben will, der ehrlich und anständig leben will, nicht lügen und betrügen will, nicht bei allen Lumpereien mitmachen und auch offen zu seiner christlichen Einstellung steht. Denn der wird schnell merken, dass er dann aus seiner Umgebung Widerstand bekommt, von Menschen, die ihn als altmodisch, engstirnig, fanatisch, fundamentalistisch bezeichnen, nicht nur von Gottlosen sondern auch von solchen, die sich als fromm und kirchlich bezeichnen.
Jesus hat es seinen Jüngern in den Worten die ich vorhin vorgelesen habe, vorhergesagt: Ihr werdet verfolgt werden, weil ihr an mich glaubt, vor allen Dingen von der etablierten Kirche. Die Apostelgeschichte erzählt davon. Und es ist bis auf den heutigen Tag so: Jeder Christ, der nicht mit der Masse mitschwimmt, erlebt in irgendeiner Form Widerstand. Wo das nie der Fall ist, da stimmt etwas mit seinem Christsein nicht. Das geschieht nicht nur in den Ländern, in denen Christen verfolgt und diskriminiert werden sondern auch in einem "christlichen" Land wie Deutschland.
Man muss es nüchtern so sehen: Wo Jesus Christus klar bezeugt wird durch Wort und durch Tat, hat auf einmal alle Toleranz ein Ende. Jesus hat diese bittere Erfahrung seinen Jüngern in unserem Predigttext mit deutlichen Worten angekündigt.
Aber wenn das alles wäre, was er seinen Jüngern zu sagen hätte, dann wäre das im wörtlichsten Sinne trost-los. Dann wäre das wie die bittere Aussage eines Arztes: "Sie sind krank, aber ich kann Ihnen nicht helfen." Aber so ist es nicht. Gott verbindet gern. Er selber sagte im Alten Testament: "Ich bin der Herr, dein Arzt." Und im Neuen Testament hören wir von Jesus, der die Wunden unseres Lebens verbinden und heilen will. Er heißt ja auch Heiland, der alles in unserem Leben wieder heil machen will.
Gerade denen, die am Boden liegen, die mutlos sind, von ihren Pflichten ausgelaugt, müde sind und zu schwach zum Aufstehen, denen will er mit seinem Trost besonders nahe sein. "Der Herr ist nahe denen, die zerbrochenen Herzens sind." (Ende Teil 1)

Gott ist nicht weit weg. Er ist uns nahe. Und seine Nähe tröstet. Menschliche Nähe kann ja auch schon trösten. In einer Grundschule beginnt ein Kind plötzlich zu weinen und weint in einem fort. Kein Zureden hilft. Kein Fragen hilft. Die Mutter wird gerufen. Das Kind weint immer noch. Da gibt ein Mitschüler dem Lehrer den Rat: „Vielleicht muss es nur mal richtig lieb in den Arm genommen und gedrückt werden. Vielleicht ist dann alles wieder gut!“
Ein Mensch kann in tausend verschiedene Traurigkeiten, Einsamkeiten, Kummer, Leid und Abgründe hineingeraten. Wohl allen würde es dann gut tun, wenn ein lieber Mensch sie herzlich drückt und somit seine Nähe und Liebe ausdrückt.
Gott geht mit seinen Kindern ja auch so um. Er kann uns nicht umarmen, nicht herzlich drücken. Aber er kann uns doch in unserem Schmerz ganz nahe kommen. Wir können seine Liebe oft fast körperlich spüren, durch ein Wort, das wir in der Bibel lesen und das uns unmittelbar anspricht, durch eine Predigt, während einer Abendmahlsfeier oder wenn ein Seelsorger mit uns betet. Viele unter uns haben es doch sicher so erlebt. Und die entscheidende Hilfe sah so aus: Es war auf einmal wieder die strahlende Gewissheit da, dass Jesus auch da ist, dass er alles in seiner Hand hat, auch mein Schicksal, dass er mich niemals loslässt, dass mit ihm alles, alles gut wird. Der Reformator Johannes Calvin drückte diese Erfahrung so aus: „Nichts tröstet mächtiger als die Gewissheit, mitten im Elend von der Liebe Gottes umfangen zu sein.“
Seit seiner Himmelfahrt ist Jesus zwar nicht mehr sichtbar bei denen, die ihm nachfolgen. Er kann nicht mehr kleine Kinder an sich drücken, wie er es gerne getan hat. Man kann sich nicht mehr an seine Schulter lehnen, wie der Jünger Johannes beim Abendmahl. Er kann Kranken nicht mehr die Hände auflegen, um sie gesund zu machen. Aber er ist auf eine andere Weise nahe, die sogar noch intensiver und weit reichender sein kann als seine körperliche Nähe auf der Erde. Dies geschieht durch seinen Geist. Durch seinen Geist steht er uns bei und tröstet uns. So verspricht er es seinen Jüngern in unserem Predigtabschnitt. Durch seinen Geist drückt er uns an sich und tröstet uns.
Gott tröstet. Um dies erfahren zu können, ist eine entscheidende Grundhaltung sehr wichtig, ob wir nämlich ein grundlegendes Vertrauen zu Gott haben oder nicht. Wer mit einem Ur-Misstrauen im Herzen Gott gegenüber herumläuft, der wird sich schwer tun, im Leid den Trost Gottes erfahren zu können. Wer aber Gott vertraut wie ein Kind, bei dem ist das anders.
Die Voraussetzung von Trost ist Vertrauen. Im Wort „Trost“ schwingt auch die Bedeutung „fester Halt, Zuversicht“ mit. Trost empfange ich von dem, dem ich vertrauen kann, der mir in Treue verbunden ist. Das kann natürlich auch ein Mensch sein. Aber den umfassendsten, tiefsten Trost empfange ich von Gott.
Wir dürfen an einen Gott glauben, der diese Welt nicht im Stich gelassen hat, sondern der sich um das Leid seiner Geschöpfe kümmert. In Jesus wurde er der Mann der Schmerzen, der auch tiefes Leid durchmachen musste, bis zu seinem qualvollen Tod am Kreuz. Er weiß, wie uns zumute ist. Keine Not, keine Angst, keine Schuld ist ihm fremd. Er hat alles am Kreuz getragen, uns zuliebe, um uns von allen Lasten, die uns drücken, zu erlösen.
Wenn ich das glaube, kann ich auch das Leid mit anderen Augen sehen. Es ist für mich dann nicht unerträgliches Schicksal, das ich nicht begreifen kann, sondern ich darf mich ja immer wieder daran erinnern, das hinter allem Leid immer die Hand eines mich liebenden Gottes verborgen ist.
Dieses Wissen kann trösten. Denn es ist ein Wissen, das durch die Trostworte der Bibel kommt. Es können auch Lieder sein, die Erfahrungen mit Worten der Bibel in andere Worte fassen. Oder Worte, die ein Seelsorger oder auch ein Mitchrist im Auftrag Gottes einem sagt. Es sind Worte, die viele Christen, auch mich, immer wieder getröstet haben, oft mehr als Worte von Menschen. Warum? Weil es Worte Gottes sind, die sein Geist lebendig macht und dadurch eine Macht haben, einen Menschen neue Kraft, Mut und Hoffnung zu geben. Diese Worte sind nicht im Kopf verankert sondern ganz tief in meinem Inneren, in meinem Herzen, heißt es in der Sprache der Bibel.
Der größte Trost, den ein Mensch erfahren kann ist der: Gott will nicht nichts von mir wissen, weil ich seinen Ansprüchen nicht genüge, weil ich zu schlecht bin. Sondern er tröstet mich durch den Zuspruch der Vergebung. Eines der schönsten Worte Jesu ist dies: "Sei getrost, deine Sünden sind dir vergeben." Er sagte es einem gelähmten Mann, bevor er ihn heilte. "Jesus nimmt die Sünder an, saget doch dies Trostwort allen" heißt es in einem unserer Gesangbuchlieder. Jesus vergibt. Ja, noch mehr: Unsere Sünden hindern ihn nicht daran, uns zu gebrauchen. Sünder können Gutes für ihn und für ihre Mitmenschen tun, gerade sie.
Ein tröstlicher Text aus Sri Lanka hat diese Wahrheit in folgende Worte gefasst: " Falls du mal wieder denkst, Gott kann jemanden wie dich nicht gebrauchen, dann denke daran: Noah war betrunken, Abraham war zu alt, Sara hat über Gott gelacht. Jakob hat gelogen und betrogen. Lea war hässlich. Josef wurde misshandelt. Mose stotterte. Gideon hatte Angst. Simson war langhaarig und ein Frauenheld. Rahab eine Hure, David und Timotheus zu jung, David ein Ehebrecher und Mörder. Elia hatte Selbstmordabsichten. Jona haute ab vor Gott. Noomi war Witwe. Hiob machte Bankrott. Petrus verleugnete Jesus dreimal. Marta machte sich um alles Sorgen. Die Samariterin hatte lauter gescheiterte Beziehungen. Zachäus war zu klein, Paulus zu religiös, Timotheus hatte Magenprobleme und Lazarus - war sogar tot.
Also keine Entschuldigungen: Gott kann deine vollen Möglichkeiten ausschöpfen. Außerdem: Du bist nicht die Botschaft, du bist nur der Bote!"
Gott kann dich gebrauchen, auch und gerade mit deinen Ecken und Kanten, deine Fehlern und Macken, deinen Unzulänglichkeiten und Sünden. So hat er es schon immer gemacht. So wird er es auch mit dir machen. Er hat immer Schwache gebraucht, damit er ihnen seine Kraft geben kann.

 

Amen

© 2015 Dieter Opitz