"Pssst!" - Kreuz & Quer vom 25.01.2015, Matthäus 17,1-9

Stille - manchmal sehnen wir uns nach ihr: Wenn der Nachbar laut Musik hört, keine ruhige Meditationsmusik, nein sondern von "Rammstein" natürlich, oder wenn Kinder plärren oder wenn wir nervige Musik beim Einkaufen hören müssen, ob wir wollen oder nicht, wenn man an einer belebten Straße wohnt und ein Laster nach dem anderen lässt die Wände erzittern, oder einfach nur, wenn der Bettnachbar schnarcht.
Stille - manchmal halten wir sie kaum aus: Wenn wir auf einen wichtigen Telefonanruf warten, wenn der Lehrer vor der Abfrage im Notenbuch blättert und es Totenstille im Klassenzimmer ist oder wir nach hause kommen und niemand ist da, der uns willkommen heißt.
Stille - manche, vielleicht sogar sehr viele, können sie überhaupt nicht ertragen. Sie brauchen immer irgendeine Geräuschkulisse um sich herum. Das Radio muss angeschaltet sein oder das Fernsehen, oder man läuft mit einem Stöpsel im Ohr oder einem Kopfhörer durch die Gegend.
Musikhören, Filme schauen kann eine schöne Freizeitbeschäftigung sein. Aber ich muss auch ehrlich sagen: Ein Mensch, der immer irgendwelche Geräusche um sich braucht, der tut mir leid. Der kommt ja gar nicht mehr zur Ruhe. Und der kommt auch nicht zu Gott.
Gott will mit jedem von uns Verbindung aufnehmen. Er will mit jedem von uns reden. Doch nur ein Mensch, der auch einmal stille werden kann, der ist auch hörbereit für sein Reden. Einer, der nie zur Ruhe kommt, der kann auch keine Erfahrungen mit Gott machen. Wer sich Gott vom Halse halten will, der muss nur einen Ratschlag beherzigen: Mach Krach, so viel du kannst.
In einem Gedicht heißt es:

„Leute, macht Krach, / die Stille ist gefährlich, /
Denn wenn es still ist, / dann bin ich ehrlich.
Leute macht Krach!
Denn in der Stille, / da kann es passieren,
dass mich Gedanken / zum Denken verführen.
Leute macht Krach!
Hört nicht auf Stimmen, / die leise euch fragen:
Was wird am Ende / Gott dazu sagen?
Leute macht Krach!
Erschlagt die Gedanken, / die Lieder, das Leid,
erschlagt alle Liebe / und Traurigkeit.
Leute macht Krach!“

Positiv formuliert müsste es dann so heißen: Leute, kommt einmal zur Ruhe. Nehmt euch einmal für folgende Dinge ganz bewusst Zeit: Denkt über euch und euer Leben nach. Und fragt auch einmal Gott, wie er euer Leben sieht. Holt euch einmal in einer stillen Stunde ein gutes, christliches Buch her und lest darin. Oder legt euch eine CD mit christlichen Liedern auf, aber nicht als Geräuschkulisse. Sondern achtet ganz bewusst auf den Inhalt der Lieder.
Leute, kommt zur Ruhe, - um Gott zu begegnen.
Jesus führte einmal drei seiner Jünger in die Stille. Matthäus erzählt in seinem Evangelium im 17. Kapitel davon.
(Textverlesung)
Jesus führte Petrus, Jakobus und Johannes an einen Ort, wo sie nichts ablenkte. Es war ein hoher Berg. Dort waren sie ganz allein. Sie verließen den Alltag und erlebten wunderbare Dinge mit Gott, die sie unten im Tal nie erlebt hätten. Sie erfuhren eine andere Wirklichkeit, die Wirklichkeit Gottes.
Willst du auch diese Wirklichkeit Gottes erfahren? Dann nimm dir Zeit für ihn. Warte nicht erst, bis du Zeit für ihn hast. Sondern nimm dir Zeit für ihn. Lass anderes stehen und liegen, was dir wichtig erscheint, was es auch sein mag. Und nimm dir Zeit für ihn, um ihm zu begegnen. Nimm dir Zeit, um einen Gottesdienst wie den heute zu besuchen. Und rechne damit, dass dir Gott durch das, was du hier hörst, begegnest. Es wird geschehen. Du wirst seine Stimme hören.
Jesus hat die drei Jünger also in die Einsamkeit geführt. Das will er auch mit uns machen. Jesus will auch uns zur Seite nehmen, wegführen von aller Arbeit, auch der Arbeit für ihn, weg von allen Medien, von Radio, Fernseher, Zeitschriften und Zeitungen, weg von allen Apparaten wie Computer, Telefon oder Smartphone und was es sonst noch alles um uns herum gibt.
Wir brauchen das, was man eine „Stille Zeit“ nennt, Zeit zum Bibellesen, zum Lesen eines Andachtsbuches, Zeit zum Beten, für sich und für andere, Zeit zum Lob Gottes und zum Dank. Um diese Zeit müssen wir kämpfen. Anscheinend wichtigere Dinge wollen uns von ihr abhalten: dringende Post, eilige Erledigungen, Müdigkeit und Unlust. Es ist wichtig äußerlich zur Ruhe zu kommen. Noch wichtiger ist es, innerlich zur Ruhe zu kommen. Nur pflichtgemäß sein frommes Pensum wie Beten und Bibellesen jeden Tag herunterspulen, und wir sind gar nicht bei der Sache, bringt uns Gott ja auch nicht näher. Ganz wichtig bei der Stillen Zeit ist deshalb die Bitte um den Heiligen Geist, ist auch das ehrliche Gebet: „Herr, ich bin so unruhig, komm du jetzt zu mir mit deinem Frieden. Begegne du mir jetzt!“
Es ist auch hilfreich, um Gott zu begegnen, wenn wir einmal für längere Zeit den Alltag verlassen. Etwa wenn wir mit anderen Christen an einem Wochenende wegfahren, um an einer Freizeit teilzunehmen, wo wir mehr Zeit als sonst haben, um Gottes Wort zu hören und mit Gott zu reden. Oder wenn wir alleine zu einer christlichen Tagungsstätte fahren.
Mit Jesus den Alltag verlassen, bedeutet, Abstand vom Alltäglichen zu gewinnen. Solche Zeiten der Zurückgezogenheit dienen dazu, um auf besondere Art und Weise Gott zu begegnen, und das heißt Jesus allein.
Jesus hat sich den drei Jüngern auf eine besondere Art und Weise gezeigt. Ein besonderes Licht ging von seinem Gesicht aus, ja seine ganze Gestalt strahlte. Ähnliches berichtet die Bibel von Mose, als er Gott auf dem Berg Sinai begegnete. Auch der Jünger Johannes schreibt in seiner Offenbarung, wie er den auferstandenen Christus in einer hellen Lichtsgestalt begegnete.
Solche Gottesbegegnungen sind sicher selten. Wir haben auch keinen Anspruch darauf. Für die drei Jünger auf dem Berg war der Himmel auf eine besondere Art und Weise nahe. Wohl auch deshalb, weil sie so eine Stärkung gut gebrauchen konnten. Sie hatten ja später besondere Führungsaufgaben unter den ersten Christen. Und alle drei sollten auch für ihren Glauben sterben.
Aber Gott begegnen darf jeder Mensch. Auf diesem Gebiet muss keiner zu kurz kommen. Gott knausert nicht, wenn es um die Erfahrung seiner Nähe geht. Seit dem ersten Weihnachten ist die Tür zum Himmel offen. Gott kam von ihm damals in Gestalt eines kleinen Kindes. Auch wenn wir Jesus seit seiner Himmelfahrt nicht mehr sehen, so ist er uns trotzdem nahe. Und zwar in seinem Wort. Es liegt an uns, ob wir dieses Wort schätzen, es lesen, es hören, darüber nachdenken, dafür danken, und dann auch die Nähe Gottes erfahren.
Lied: Mach mich still
Predigt 2. Teil
Durch sein Wort, können wir heute noch wie die Jünger auf dem Berg der Verklärung besondere Gotteserfahrungen machen. Es kann eine Freizeit sein, wo wir gemerkt haben: Jesus ist uns besonders nahe. Es kann passieren, wenn wir uns in der Stille im Gebet mit Jesus treffen oder in der Bibel lesen. Ein Abendmahl kann zum Höhepunkt in unserem Leben werden ebenso eine Predigt. Oder ein Liedvers kann uns einfallen und unseren Alltag heller machen. Jesu Gegenwart in Wort und Sakrament vertreibt alles Dunkle und Trübe und Langweilige in unserem Leben. Mit Jesus hat das Leben immer wieder Höhepunkte.
Solche Erlebnisse können so schön sein, dass man sich wünschen kann, sie möchten gar nicht aufhören. Der Jünger Petrus hätte das sicher so gewollt. Am liebsten hätte er eine Hütte für Jesus, Mose und Elia gebaut, um den wunderbaren Augenblick der Gottesnähe festzuhalten. Diesen Moment hat er sein Leben lang nicht vergessen. In einem seiner Briefe berichtet er davon. Aber es war eben nur ein Moment. Dafür warten in der Ewigkeit sicher noch mehr solcher Augenblicke auf uns, einer aufregender als der andere.
Diese Momente der Gottesnähe lassen uns übrigens nicht abheben. Sie machen uns nicht "high" wie Drogen oder aufputschende Musik. Das Licht der Nähe Gottes macht uns auch bewusst, wer wir sind. Es durchleuchtet uns und zeigt uns, dass wir Sünder sind, durch und durch. So können wir wie die Jünger erschrocken sein und uns so vor der Nähe Gottes fürchten. In der Begegnung mit Gott fällt es uns wie Schuppen von den Augen. So bin ich also, so lieblos, so egoistisch! Soviel Dunkles steckt in mir!
Auch die Jünger fielen erschrocken zu Boden, als sie die Stimme Gottes hörten. Doch Jesus richtete sie wieder auf. "Steht auf und fürchtet euch nicht!" sagte er zu ihnen. Er nimmt ihnen ihre Scham wegen ihrer Unzulänglichkeit und Sündhaftigkeit weg und ihre Angst vor Gott.
So geht Jesus heute noch mit denen um, die unter ihrer Schuld leiden und sie bereuen. Er lässt keinen am Boden liegen sondern richtet ihn wieder auf. Wer zu mir kommt, den werde ich nicht hinausstoßen, hat Jesus einmal gesagt. Der Satz gilt heute noch. Heute noch lädt er die Mühseligen und Beladenen zu sich ein. Kommt her zu mir! So ruft er es ihnen zu. Er will sie erquicken, ihnen neuen Mut geben, ihren Weg durchs Leben aufrecht zu gehen und nicht gebückt und bedrückt. Sie dürfen ein Leben unter dem Zuspruch der Vergebung und der Liebe Gottes führen.
Petrus, Johannes und Jakobus durften wunderbare Erfahrungen mit der himmlischen Welt machen. Wie lange haben sie gedauert? Ein paar Stunden oder gar nur ein paar Minuten? Wir wissen es nicht. Auf jeden Fall war irgendwann der ganze "Spuk" vorbei. Mose und Elia waren verschwunden, Jesus sah wieder aus wie vorher, wie ein "normaler" Mensch. War das alles nur Einbildung? Hatten sie einen wunderschönen Wachtraum? Vielleicht haben sich die drei Jünger das gefragt. Und selbst, wenn das alles Wirklichkeit war, was bleibt? Die Antwort ist klar: Jesus! Jesus allein! Unter dem Eindruck dieser besonderen Gotteserfahrung sahen sie nieder, schlossen sie wohl ihre Augen. Als sie es wagten, wieder aufzusehen, sahen sie Jesus allein.
Alles vergeht, auch die schönsten Erfahrungen - Jesus bleibt. Glaubenserfahrungen gehen und Zweifel kommen wieder . Jesus bleibt. Besondere Erlebnisse und Wunder haben wir nicht immer - Jesus bleibt. Nach einer erfüllten Freizeit und einem wunderschönen Gottesdienst geht es wieder in den Alltag - Jesus bleibt. Er geht mit in den Stress und die Probleme. Er bleibt.
Christsein ist kein immerwährendes Leben auf "Wolke 7". Wer das verspricht, der lügt. Auch Christen können Schweres durchmachen. Aber Jesus bleibt. Und das reicht.
Auch für die drei Jünger geht es wieder zurück in den Alltag. Es geht wieder den Berg hinunter, ob sie wollen oder nicht. Und unten wartet schon das blanke Elend auf sie. Ein verzweifelter Vater war mit seinem schwerkranken Sohn bei den Jüngern. Sie konnten ihn mit ihren Gebeten nicht wieder gesund machen. Hilflos stehen sie neben Vater und Sohn.
Aber Jesus kann. Er macht den Jungen wieder gesund. Die Jünger hörten jetzt keine Stimme vom Himmel. Das Angesicht von Jesus leuchtete nicht. Kein Mose oder Elia waren zu sehen. Aber trotzdem erfuhren die Jünger auch unten im Tal die Herrlichkeit Gottes.
Auch wir müssen nach gesegneten Freizeittagen, Abendmahlsfeiern, Gottesdiensten oder Stunden, die wir alleine mit Jesus verbracht haben, wieder zurück in das Tal des Alltages. Wie die Jünger wissen wir oft nicht, was auf uns zukommt. Und das ist sicher gut so, damit wir uns nicht noch mehr Sorgen machen als wir uns so schon machen. Es mag Krankheitszeit sein, der Gang ins Krankenhaus, in einen Operationssaal, schwierige Gespräche, schwere Prüfungen, Berge an Arbeit oder eine Entlassung, ein Mensch, dem wir vertrauten, mag uns enttäuschen, - was es auch sein mag: Er, Jesus, lässt uns nicht Stich. Er gibt uns die nötige Kraft. Er bleibt bei uns. Und wir können auch in einer schlimmen Situation die Herrlichkeit Gottes erfahren.
Wir brauchen die Stille mit Gott. Sie gibt uns die Kraft und Zuversicht für unseren Alltag. Aber dann müssen wir wieder zurück manchmal in ein "lärmendes Getümmel", in ein hektisches Getriebe. "Steht auf und fürchtet euch nicht!" sagt Jesus zu den Jüngern noch auf dem Berg. Dieser Auftrag gilt auch uns, wenn wir wieder den Gottesdienst verlassen. Wir dürfen aufstehen und ohne Furcht uns dem Bösen entgegenstellen. Ob es uns nun in Menschen begegnet, die uns nicht wohl gesonnen sind, auf der Arbeit, in der Schule oder an der Uni, oder ob es aus uns selbst herauskommt, in Form von dunklen oder verführerischen Gedanken, an Worten oder Dummheiten, die wir begehen. Wir wollen dies nicht mit eigener Kraft tun, erst recht nicht mit Hass und Aggression sondern mit der Bitte um seine Kraft und Liebe. Er gibt uns die nötige Ausrichtung und Ausrüstung für unseren Alltag.

© 2015 Dieter Opitz