"Themaverfehlung" - Kreuz & Quer vom 19.11.2014, Jesaja 1,10-18

Ihr braucht nicht nach hause gehen. Es geht schon noch weiter. Wir haben eine Geschichte gesehen, die sich so oder ähnlich wirklich zugetragen haben soll. Sie machte im Internet die Runde und wurde millionenfach angeklickt. Ein Pfarrer namens Jeremiah Steepek soll sich als Obdachloser vor seinem Einführungsgottesdienst in eine neue Gemeinde verkleidet haben. Niemand außer dem Kirchenvorstand wusste über diese Aktion Bescheid. Vor dem Gottesdienst wurde er so ähnlich wie vorhin behandelt. Und im Gottesdienst wurde er tatsächlich wieder nach hinten geschickt. Dann kam er wieder nach vorne, las wie vorhin die Geschichte vom Endgericht aus Matthäus 25 und beendete den Gottesdienst. Für die Besucher sicher unvergesslich. Einen unvergesslichen Gottesdienst haben auch einmal Leute aus Jerusalem erlebt. Vor etwa 2700 Jahren. Dort passierte Ähnliches wie in der gespielten Geschichte. Ich lese euch vor, was damals geschah. Jesaja 1 Vers 10 bis 18. Textverlesung Es war ein Tag wie heute. Bußtag in Jerusalem. Viele haben sich auf den Weg gemacht, um in den Tempel zu gehen. Die Gottesdienstbesucher kommen nicht mit leeren Händen. Sie wissen, was sich gehört. Sie bringen Tiere mit, Lämmer, Rinder oder Gaben des Feldes. Es sind Geschenke für Gott, die sie mit mitbringen und den Priestern übergeben. Diese sollen die Gaben auf dem Altar vor dem Tempel als Opfer darbringen. So will es Gott. So gefällt es Gott. Da waren sich die Gottesdienstbesucher sicher. Denn so hat es Gott in seinen Gesetzen vorgeschrieben. Es wird sicher ein feierlicher Gottesdienst. Aber es kommt alles ganz anders. Jemand ruft die Gottesdienstbesucher aus ihrer Andacht und gottesdienstlichen Routine heraus. Haben sie richtig gehört? Sie meinen ihren Ohren nicht zu trauen. „Ihr Herren von Sodom! Du Volk von Gomorra!“ So hören sie, wie jemand sie anspricht. Es ist die Stimme des Propheten Jesaja. Die Jerusalemer wissen, was mit dieser Anrede gemeint war. Und wir wissen es auch. Wir sagen ja heute noch: Da geht es zu wie in „Sodom und Gomorra" und meinen wir damit: Diese Menschen benehmen sich absolut unmoralisch, sündhaft, unmöglich. Sie tun ohne Hemmungen und schlechtes Gewissen in einem fort Böses. Jesaja will also sagen: „Ihr seid auch nicht besser als diese verdorbenen Städte Sodom und Gomorra, die Gott vernichten musste." Wir werden uns kaum vorstellen können, welche Reaktion die Worte Jesajas damals im Tempelbezirk ausgelöst haben. Oder vielleicht doch? Was wäre denn unter uns los, wenn jetzt plötzlich die Tür aufginge und einer käme herein und würde uns „Freunde des Lasters und der Gottlosigkeit“ nennen? Ihr seid nicht besser als die, die sich auf St. Pauli vergnügen oder auf dem Ballermann in Mallorca kübelweise Sangria trinken? Uns hier in der Kirche! Uns, die wir nicht heute Abend vor der Glotze hängen oder in die Disco gehen oder in die Kneipe. Uns würde wohl die Luft wegbleiben, und den Störenfried würden wir wohl an die frische Luft setzen. Motzer können wir hier nicht gebrauchen. Propheten solcher Art wie Jesaja sind nicht gerade häufig unter uns. Aber ist nicht der heutige Tag, dieser Buß- und Bettag, auch so ein Störenfried? Als staatlich geschützten Feiertag haben wir ihn nicht mehr nötig. Haben wir ihn noch nötig? Ja denen, die heute nicht da sind, denen täte es ganz gut, einmal in sich zu gehen. Aber wir? Dieser Tag, dieser unbequeme Predigttext, sollen uns unruhig machen, uns aufscheuchen aus einer gefährlichen Ruhe. Diese Worte des Propheten Jesaja haben etwas von einer Feuerwehrsirene an, die mitten in der Nacht aufheult. Da schreckt man wohl hoch, wenn man sie hört, aber das ist gut so. Und wenn die Alarmsirene dieses Textes uns aufweckt und aufscheucht, dann hat dieser Gottesdienst seinen Zweck erreicht. Allerdings müssen wir schon genau hinschauen, worum es Jesaja ging und was er uns heute noch zu sagen hat. Wir müssen uns schon fragen: Was kann denn falsch sein an Opfern, an Festen, an Gebeten? Die damals im Tempel zusammenkamen, taten doch nur das, was Gott selber geboten hatte. Soll das jetzt alles falsch sein? Und wir, sollen wir jetzt aufhören, Gottesdienst zu feiern, sollen wir die Kirchentüren zunageln, Glocken einschmelzen, alle Gemeindekreise auflösen? Kann es sein, dass unsere Frömmigkeit Gott eine Last, eine Qual ist? Es geht Jesaja um Folgendes: Fromme Zeremonien machen noch keinen Gottesdienst. Wo man die Hände faltet und betet, feierliche Liturgien und schöne Lieder singt und ein stattliches Dankopfer eingesammelt wird, da ist noch kein Gottesdienst. Das alles gibt es auch bei den Heiden. Die Bewohner von Sodom und Gomorra haben dies sicher auch getan. Es gibt sicher gute, fromme Gewohnheiten wie den Gottesdienst besuchen oder seine Stille Zeit zu halten. Aber Christsein nur noch aus Gewohnheiten besteht, dann stimmt etwas nicht. Dann bewegen sich beim Singen im Gottesdienst oder beim Beten die Lippen, aber das Herz bleibt unbewegt, ist unberührt. Dann besuche ich zwar einen Gemeindekreis oder einen Gottesdienst und habe vielleicht Gemeinschaft mit netten Menschen aber nicht mit Gott. In einem Gedicht wird geschildert, wie Christus während eines Gottesdienstes draußen vor der Kirchentür steht und sagt: “Dass ihr so lügen müsst. Mich meint ihr ja gar nicht.“ An einem Domportal findet man als Inschrift die Worte: „Ihr nennt mich Meister und fragt mich nicht, ihr nennt mich Weg und folgt mir nicht, ihr nennt mich Leben und sucht mich nicht. Wundert euch nicht, wenn ich einst sage: Ich kenne euch nicht.“ Gottesdienst ohne Gehorsam im Alltag wird zum Götzendienst. Man will gar nicht auf Gott hören und sein Leben neu ausrichten. Man will bleiben, wie man ist und nur seine Frömmigkeit zur Schau tragen. Franz Josef Degenhardt beschreibt in seinem „Song vom deutschen Sonntag“ Menschen, die vom Gottesdienst heimgehen mit folgenden Worten: „Und dann kommen sie zurück mit dem gleichen bösen Blick ...“ Ist das nur eine bösartige Übertreibung des Protestsängers? Oder steckt da nicht auch viel Wahrheit darin? Gottesdienst, Gebete und Opfer machen das Unrecht im Leben nicht ungeschehen. Ich kann mir Gottes Zuneigung nicht erkaufen. Er lässt sich nicht bestechen. Einen Wachhund mag ich durch einen Fleischbrocken, den ich ihm hinwerfe, ablenken, um ungestört meine Diebesgeschäfte vornehmen zu können. Aber Gott lässt sich nicht übertölpeln. Jesaja sagt den Tempelbesuchern und auch uns klipp und klar: „Wie wollt ihr mit euren Händen Opfer darbringen, wie wollt ihr sie zusammenlegen zum Gebet, wenn sie voller Blut sind! An euren Händen klebt Blut, deshalb ist euer Gottesdienst Beleidigung Gottes.“ Klebt auch an unseren Händen Blut? Haben wir auch einen Mitmenschen oder mehrere auf dem Gewissen? Morden kann man ja nicht nur mit einer Waffe, sondern auch mit Gerüchten, die verbreitet werden. Bezeichnenderweise spricht man dann vom Rufmord. Weiter kann ich einen Menschen durch Worte fertigmachen, ihn mund - tot machen. Und wenn ich denke: „Den könnte ich umbringen. Der soll bleiben, wo der Pfeffer wächst!“ dann demonstriere ich damit die Gesinnung eines Mörders. Schließlich kann ich auch durch Gleichgültigkeit einem anderen das Leben zur Hölle machen. Blut klebt dann an unseren Händen. Man kann all diese Fragen natürlich beiseite schieben und denken: “So genau muss man es doch wirklich nicht nehmen! Ich bin doch schließlich kein Mörder!“ Aber dann ist wieder einmal eine ganz große Chance vertan, die Chance, dass es endlich einmal anders wird mit meinen Halbheiten und Kompromissen in meinem Christsein, dass etwas vorwärts geht und neu wird in meinem Leben. Ich habe dann wieder einmal die Chance zur Buße vertan. In einem Lied von Lutz Scheufler heißt es: "Dann brennen Feuer ab. Flammen werden kleiner. Die Glut kühlt langsam ab. Wann erlischt die ganz?" Wir hören dieses Lied.

Ende 1. Teil Buße, was heißt das überhaupt? Viele denken bei diesem Wort an etwas Niederdrückendes und Lebensfeindliches. Sie stellen sich finstere Bußprediger und zerknirschte Sünder vor. Man sieht sich in Gedanken in eine düstere Klosterzelle als Mönch oder Nonne in Sack und Asche versetzt. Deshalb ziehen auch manche den Kopf ein, wenn sie etwas hören, was nach Buße riecht, weil sie meinen, damit will ich nichts zu tun haben. Aber niemand braucht den Kopf einzuziehen, wenn er von Buße hört, jeder soll ihn vielmehr aufrecht halten. Er soll ja nicht abgehauen, sondern gewaschen werden. „Wascht euch!“ so fordert Jesaja die Jerusalemer und auch uns auf, reinigt euch vom Blut, das an euren Händen klebt. Das heißt Buße tun: sich waschen. Es ist etwas Wohltuendes, nichts Niederdrückendes. Wenn man etwa nach der Gartenarbeit oder nach der Arbeit am Auto sich in die Badewanne legen kann und den Dreck von den Gliedern schrubbt, ist das doch etwas Wohltuendes. Oder wenn man nach einer Wanderung oder einer sportlichen Betätigung unter die Dusche stellt, ist das doch etwas Wohltuendes. Auch Reinigung von der Sünde ist keine bedrückende sondern eine befreiende Angelegenheit. Die Last soll abgenommen werden, der Druck darf verschwinden. Nur wer sich in seinem Dreck der Sünde wohlfühlt, freut sich nicht darauf. Der Theologe Schniewind sprach einmal von der „Freude der Buße“. Er wies nach, dass in der Bibel das Wort „Buße“ oft mit dem Wort „Freude“ verbunden ist. „Also wird Freude sein über einen Sünder, der Buße tut“, heißt es bei Lukas. Nach der Rückkehr des verlorenen Sohnes heißt es: „Sie fingen an, fröhlich zu sein“, und feierten ein Fest. Wir können uns gar nicht genug darüber freuen, dass es diese Möglichkeit der Reinwaschung von der Sünde gibt. Bei Kleidungsstücken geht das ja nicht immer. So manche Hemdentasche habe ich blau eingefärbt, weil da ein Kugelschreiber drin steckte. Die eine oder andere Jeans habe ich an den Knien grün eingefärbt, durch Grasflecken vom Garten. Auch mit Schwarz kann ich dienen. Öl von der Fahrradkette an den Hosenbeinen. Ob blau, ob grün, ob schwarz, die Farben gehen aus der Kleidung nicht mehr raus. Wie ist das mit der Sünde? Ist das genauso? Nein. Gott lässt sagen: „Wascht euch, reinigt euch!“ Sünde kann wirklich weggewaschen werden. Gott hält die Tür für einen neuen Anfang auf. Vielleicht begreifen wir jetzt, wie wenig der Begriff „Buße“ ein trauriger, finsterer Begriff ist. Umkehren können - was für eine Chance! Vielleicht kann’s nur der ermessen, der einmal in seinem Leben vor einer zugeschlagenen Tür gestanden hat. Wem man einmal ins Gesicht hinein gesagt hat: „Nein, mit dir nicht mehr! Mit dir will ich nichts mehr zu tun haben. Mit dir bin ich endgültig fertig. Schluss. Aus.“ Hätte Gott nicht allen, so mit uns zu reden? Könnten wir uns dann beschweren? Aber er schlägt die Tür nicht zu. Er nennt zwar Sünde klar beim Namen. Aber stempelt uns nicht zu hoffnungslosen Fällen ab. Er sagt „ja“ zu uns in seinem Angebot zur Umkehr. Und dieses Angebot ist praktikabel. Wir können und brauchen uns auch nicht von unserer Schuld selbst reinwaschen. Sondern wir dürfen auf das vertrauen, was im Neuen Testament uns angeboten wird: Das Blut Jesu Christi, des Sohnes Gottes, macht uns rein von aller Sünde. Das Blut Jesu, das bei seinem Sterben geflossen ist, hat reinigende, befreiende Wirkung. Sünde kann in einem Augenblick ausgelöscht sein, wenn ich an die Vergebungskraft des Sterbens Jesu glaube. Jesaja sagt hier das unglaubliche aber wahre Wort: Wenn eure Sünde auch blutrot ist, soll sie doch schneeweiß werden. Ich brauche mir nur etwas zu nehmen, nur ein Wort, nur einen Satz: Dir sind deine Sünden vergeben! Wenn wir diesen Satz glauben, dann hat das ungeheure Folgen: Dann sind uns wirklich unsere Sünden vergeben. Diese Vergebung kann ich heute während diese Gottesdienstes erfahren. Bei der Beichte kann jeder in der Stille seine persönliche Schuld vor Gott bekennen und die Vergebung glauben, die ich ihm im Namen Jesu zuspreche. Jeder von uns darf heute unbelastet von Schuld, froh und frei diesen Gottesdienst verlassen. Er muss seine Schuld nicht mehr weiter mit sich herumschleppen. Diese Beichte wollen wir jetzt gleich halten. Ihr dürft das, was euch an Sünde und Schuld aufgegangen ist, an Versäumnissen, falschen Kompromissen, an Frömmigkeit ohne Folgen im Alltag, was es auch sein mag, Gott im gebet sagen. Dann werde ich ein Beichtgebet sprechen und euch im Namen Gottes die Vergebung zusprechen. Natürlich kann nur Gott Sünden vergeben, aber ein Mitchrist kann im Auftrag Gottes mir diesen Dienst leisten. Gott beschenkt meist durch Menschen. Auch seine Vergebung hat er in die Hände von Menschen gelegt. Jesus hat seinen Jüngern aufgetragen: „Welchen ihr die Sünden erlasst, denen sind sie erlassen.“ Wir wollen stille werden zum persönlichen Gebet Stille Beichtgebet Beichtfragen Zusage der Vergebung: "Gott freut sich über einen Sünder, der Bußt tut, mehr als über 99, die die Bußt nicht nötig haben." Und zum Schluss soll noch gesagt werden: Die Freude und der Dank über Gottes Vergebung drängen zum Einsatz für Menschen in Not. Jesaja spricht von Witwen und Waisen, für die man sich einsetzen soll. Es können auch ganz andere Menschen sein. Vielleicht wohnen sie mit uns unter dem gleichen Dach, in der gleichen Wohnung, und warten nur darauf, dass wir ihnen irgendwie helfen, ein gutes Wort zu ihnen sagen und ihnen auch vergeben, so wie Gott uns vergeben hat. Es ist undenkbar, die Liebe Jesu nur für sich genießen zu wollen und die Hände in den Schoß zu legen. Gott wäscht uns die Hände, damit wir sie für andere schmutzig machen können.

Amen

© 2014 Dieter Opitz