Predigt: Man gönnt sich ja sonst nichts! Bayreuth, den 16.05.99

 

"Wer Durst hat, soll zu mir kommen und trinken!" sagt Jesus hier auf einem Fest. Höchst unpassend, dieser Satz, könnte man meinen. Die Leute hatten ja gerade etwas gegen ihren Durst getan. Auf dem Laubhüttenfest der Juden ließ man sich's gut gehen. Da fehlte es an nichts. Man hatte zu essen und zu trinken. Außerdem hatte man gerade einen Gottesdienst gefeiert. Die religiösen Bedürfnisse waren also auch befriedigt. Die Leute, die Jesus ansprach, hatten doch keinen Durst mehr!

Heute scheint die Aufforderung von Jesus noch unpassender zu sein als vor 2000 Jahren. Uns geht's ja noch besser wie den Menschen damals. Der Werbespruch "Man gönnt sich ja sonst nichts!" ist zu einem geflügelten Wort geworden. Gemeint ist eigentlich das Gegenteil: Wir können uns sehr viel gönnen. Wir müssen auf nichts mehr verzichten.

Otto Normalverbraucher, das Sinnbild für den deutschen Nachkriegskonsumenten ist längst von Markus Möglich abgelöst worden. Was vor 20 Jahren noch Luxus war, gehört heute zur Grundausstattung. Nur zwei Zahlen: Das verfügbare Einkommen der Westdeutschen hat sich zwischen 1960 und 1992 verneunfacht. Und die Zahl der PKW auf den Straßen hat sich im gleichen Zeitraum versiebenfacht. "Ich habe einen einfachen Geschmack, ich nehme immer nur das Beste." Nach diesem Motto Oscar Wildes lebt eine wachsende Gruppe wohlhabender Deutscher. Jedes Jahr gönnen sich die Deutschen 14 Millionen Flaschen Champagner. Kaum eine Flasche ist für weniger als 40 Mark zu haben. Allein in Köln lassen die Narren beim Karneval in den Kneipen Getränke für 500 Millionen Mark durch die Kehlen rinnen. Fast 20 Milliarden Mark opfern die Deutschen der Glücksgöttin Fortuna. Sie hoffen für ein paar Mark Einsatz bei Toto. Lotto und anderem Glücksspiel Millionär zu werden. (Daß das nicht immer klappt wie bei der Familie in unserem Anspiel ist uns wohl klar.) 1500 Mark ist der Betrag, den eine deutsche Durchschnittsfamilie jedes Jahr für die Feier unterm Tannenbaum ausgibt. Wir gönnen uns in der Regel sehr, sehr viel. Die allermeisten von uns leben in Wohlstand oder sogar in Luxus.

Und auch dieser satten Welt macht Jesus das Angebot: "Wer Durst hat, der komme zu mir!" Denn er weiß: Das Leben ist mehr als Konsum bis zum letzten, mehr als Farbfernseher, ein eigenes Haus und ein Urlaub in die Ferienparadiese unserer Welt. Vielen ist diese Wahrheit gar nicht bewußt. Aber in einem Moment der Ruhe und Besinnung kann einem die Frage nach dem, was unser Leben eigentlich ausmacht, schon hochkommen.

Da sitzen zwei Arbeitskollegen nach Feierabend in einem Lokal zusammen und trinken Bier. Und wie es bei Männern ist, beim gemeinsamen Bier kommen Dinge zur Sprache, die sonst tabu sind. "Du", sagt der eine zum andern, "du, was sollen wir hier?" "Was sollen wir in dieser Wirtschaft? Dumme Frage!" "Du verstehst mich nicht! Was sollen wir hier auf dieser Welt?" "Arbeiten", sagt der andere. "Und dann?" "Für die Familie sorgen", erwidert der andere. "Ja, und dann?" "Was heißt hier: ja und dann? Du fragst heute abend viel." "Ja", kommt es jetzt aus tiefster Seele: "Ich frag mich, was wir hier auf dieser Welt sollen? Was ist der Sinn des Lebens?"

Da fragt einer nach Feierabend nach dem Sinn des Lebens. Da ist einer von der Frage bewegt, was das ganze Treiben denn so soll. Was ist der Sinn meines Lebens? Hinter dieser Frage steckt eine ungeheure Sehnsucht. Es steckt ein riesiger Durst nach Leben dahinter. Ein Durst, der nicht nach zwei oder drei Bier gelöscht ist.

Was für ein Durst nach Leben herrscht in unserer Welt! Gerade junge Menschen suchen diesen Durst in der Fülle der Angebote zu löschen. Aber wie oft gelingt das nicht! Es entsteht nur noch größerer Durst nach noch mehr.

Der Jugendpfarrer Theo Lehmann sagte einmal: "Du kannst mit allen Wassern der Philosophie gewaschen sein. Du kannst dich mit Bier oder Schnaps vollaufen lassen und deine Adern mit Drogen vollpumpen. Du kannst aus dem Ozean der Weltreligionen Weisheit schlürfen. Du kannst aus den trüben Tümpeln der Horoskope und Wahrsager saufen. Du kannst das eiskalte Wasser des Atheismus, der Gottesleugnung schlucken - aber deine Seele wird dabei verdursten."

Ich kann nur satt werden bei dem, der mir diesen Durst hineingelegt hat, bei der Quelle des Lebens, bei Gott, und nicht bei irgendwelchen trüben Pfützen oder vergifteten Brunnen.

Deshalb steht Jesus im Tempel von Jerusalem und ruft den Leuten zu: "Wer Durst hat, der komme zu mir und trinke!" Menschen haben dies erfahren, wie er den Durst nach Leben stillte. Nur wenige Kapitel zuvor berichtet Johannes von der Frau aus Sychar, die am Jakobsbrunnen Wasser schöpfte und doch vor Lebensdurst schier umkam. Sie hatte Durst nach wirklicher Liebe, nach Geborgenheit. Jesus bot ihr sein Wasser an: "Wenn du von mir trinkst, wirst du nie mehr Durst haben", sagte er zu ihr. Er bot ihr ein neues Leben an. Ein Leben aus seiner Vergebung heraus. Ein Leben in der Gemeinschaft mit Gott.

Auch heute in diesem Gottesdienst begegnet uns Jesus - genauso wie den Menschen damals beim Laubhüttenfest - und sagt: "In meinem Wort kommt Gott zu euch! Bei mir ist alles zu finden, was ihr braucht. Bei mir bekommt euer Leben Sinn und Tiefgang." Jesus kann diesen Durst nach selbstloser Liebe und nach Geborgenheit stillen. Er gibt dir ein neues Leben. Er gibt dir sogar das ewige Leben. Wenn du zu Jesus kommst, ist die Suche vorbei, die Sucht zu Ende, die Sehnsucht erfüllt. Dann bist du am Ziel, dann bist zu hause. Geborgen. Im Frieden. Zufrieden.

Selbstverständlich ist das nicht. Es hat Jesus ungeheuer viel gekostet, damit er uns dieses wunderbare Angebot machen kann. Es hat ihn sein Leben gekostet. Dort am Kreuz hing er in der Gluthitze des Mittags. Die Zunge klebt ihm am Gaumen. Und er weiß nichts anderes zu schreien als: "Ich habe Durst!" Verstehen wir, was das bedeutet? Jesus wird zum Durstigen, damit unser Durst nach Leben gestillt wird. Er verströmt sein Leben, damit wir leben können. Paulus drückte es einmal so aus: "Obwohl er reich ist, wurde er doch arm um euretwillen, damit ihr durch seine Armut reich würdet." Er wird so arm, daß er nicht einmal seinen eigenen Durst stillen kann. Er schreit in seiner letzten Hilflosigkeit: "Durst!" , damit er unseren Durst nach Leben stillen kann, ja damit er selber zu einer Quelle des lebendigen Wassers würde.

Auch heute dürfen wir zu ihm kommen und sagen: "Jesus, ich nehme dein Angebot an. Vergib mir meine Schuld. Gib mir das ewige Leben." "Zu ihm kommen" und "an ihn glauben" haben denselben Sinn. Glauben heißt zu Jesus kommen, mehr nicht. Aber dieses "Kommen" kann mit einiger Mühe verbunden sein. Zu Jesus kommen heißt alte Standpunkte verlassen, alte Gewohnheiten, eingefleischte Sünden. Ich kann nicht bei dem bleiben wollen, was Jesus nicht gefällt und gleichzeitig zu ihm kommen. Mit dieser Einstellung tut sich bei mir gar nichts. Da trete ich auf der Stelle. Ich komme Jesus nicht nahe.

Aber wer Vergebung will, einen Neuanfang in seinem Leben sucht, wer merkt, daß so Vieles bei ihm nicht in Ordnung ist und Gott nicht gefällt, wer unter seiner Schuld leidet und unter seiner egoistischen Art, der kann kommen. Jesus schenkt ihm das, was er braucht.

Am Ende der Bibel, im allerletzten Satz, den Jesus sagt, da sagt er: "Wer Durst hat, der komme, und wer will, der nehme das Wasser des Lebens umsonst." Das ist buchstäblich der letzte Wille Jesu: deinen Lebensdurst stillen. Er will. Die Frage ist jetzt: Willst du? Willst du dich reich beschenken lassen? Dein Denken, Reden und Handeln von der Gegenwart Jesu bestimmen lassen, von einer tiefen Freude, einer wunderbaren Liebe und einer wunderbaren Geborgenheit? Willst du das? Dann komm zu ihm und nimm sein Angebot an.

Wir werden wirklich von Jesus reich beschenkt. Wir bekommen sogar mehr als das, was wir für uns selber brauchen. Als Bettler stehen wir vor Jesus, und doch können wir durch ihn andere beschenken. Wer an Jesus glaubt als die Quelle des Lebens, wird selber zu einer Quelle für andere.

Der Dichter Conrad Ferdinand Meyer beschreibt in einem seiner Gedichte einen römischen Brunnen. In der Mitte steigt das Wasser nach oben, und dann fließt es von einer Schale zur andern. Die Quelle oben versiegt nie, und deshalb geben die Schalen das Wasser weiter. So ist es bei uns. Wer an Jesus glaubt, wer ihm vertraut, empfängt täglich neu die ganze Liebe Gottes geschenkt und darf aus der Vergebung leben. Aber wichtig ist, daß die Schale offen ist und das Wasser weitergibt. Wasser will fließen, damit Leben entsteht.

Wasser, das nicht fließt, wird zu einer stinkenden Brühe. Ungeziefer wird angezogen. Es ist kein lebendiges Wasser mehr sondern totes. Das Geschenk eines neuen Lebens durch Jesus ist nicht nur für mich selber da. Man kann es nicht in Flaschen abfüllen. Was wir von Gott an Liebe, Vergebung, Freude und Friede empfangen haben, ist dazu bestimmt, weitergegeben zu werden. Es darf etwas Erfrischendes von uns ausgehen, etwas nicht Selbstgemachtes, Gekünsteltes sondern von Gott Geschenktes. Wenn unser Glaube fließt, zur Tat wird, dann bekommt auch unsere Umgebung Lust nach diesem Wasser des Lebens.

Wie kann man einen Esel, der keinen Durst hat, trotzdem zum Trinken bewegen? Mit Zwangsmaßnahmen ist da absolut nichts zu machen. Es gibt nur ein Mittel, das Erfolg verspricht. Man muß einen durstigen Esel herbeischaffen und den dann mit Genuß und Behagen aus einem Wassereimer trinken lassen. Das wird den störrischen Kollegen an seiner Seite wohl nicht unbeeindruckt lassen. Schon bald wird ihn die Lust ankommen, sich auch über den Wassereimer zu neigen und das kühle Naß in tiefen Zügen zu schlürfen.

Nun kann man sich fragen: Wie kann ich eine Menschen dazu bringen, nach Gott zu dürsten, wenn er diesen Durst nicht kennt oder verloren hat und sich mit Bier und Schnaps, mit Fernsehen und Autofahren zufrieden gibt? Nur wenn an uns sieht, daß wir Durst nach dem Leben haben, das Gott uns gibt. Wenn er merkt, wie das Wasser des Lebens uns schmeckt und uns guttut. Wie dadurch unser Leben verändert wird.

Wenn wir selber keinen Durst nach Jesus und seinem Wort haben, dann entdecken andere Leute an uns nichts. Dann geht von uns nichts aus. Dann ist unser Glaubensleben krank. Wir selber sind satt und träge geworden, daß wir meinen, wir brauchen das alles gar nicht so sehr, was Jesus uns in seinem Wort anbietet.

Gegen diesen Zustand des geistlichen Stillstandes und Todes hilft nur eines: Sich schuldig geben, Gott um Vergebung bitten und um neue Erfahrung seiner Liebe und seiner Freude. Gegen geistliche Appetitlosigkeit hilft nur die inständige Bitte um den Heiligen Geist.

Ganz gewiß hilft nicht, wenn wir nur auf unsere Fehler schauen, auf unsere Schwächen und Unzulänglichkeiten. Wenn ich immer nur denke: "Von mir geht keine Liebe, kein Frieden Jesu aus. Es ist viel mehr Abstoßendes als Anziehendes an mir zu sehen!" Dadurch werde ich nur entmutigt und depressiv.

Wir sollen nicht an uns selbst glauben. Darum geht es im Christsein nicht. Sondern wir dürfen an Jesus glauben. Er hat es versprochen. Wer an ihn glaubt, von dem geht etwas aus, der wird ein Mensch, den Gott segnet, der wird auch anders. Gott will, daß wir jeden Tag neu glauben, daß er uns segnen will und wir ein Segen sein sollen.

Wer an Jesus glaubt, der braucht kein unbedeutendes, belangloses Leben führen. Gott wird ihn für seine Zwecke gebrauchen. Wir dürfen es glauben, daß uns in seine Pläne mit einbezieht. Dadurch erhält unser Leben Sinn und Tiefgang und seinen eigentlichen Reichtum.

Amen

(c) Dieter Opitz, Bayreuth