"Zurecht gerächt" - Kreuz & Quer vom 20.7.2014, Römer 12,17-21

Normalerweise leben wir nach dem "Echogesetz". "Wie man in den Wald hineinruft, so schallt es heraus." heißt es im Sprichwort. Und so sieht dieses "Echogesetz" aus: Ist jemand nett und hilfsbereit, so schauen wir, dass wir ihm auch einmal einen Gefallen tun können. Er bekommt von mir das entsprechende Echo. Ist er dagegen grob, unfreundlich und ungerecht zu uns, trachten wir danach, ihm sein Verhalten irgendwie heimzuzahlen. Ich werde angebrüllt, - ich brülle zurück oder versuche mich auf eine andere Weise zu rächen. Der Nachbar mäht in der Mittagszeit seinen Rasen, bei nächster Gelegenheit beschwere ich mich wegen der geringsten Kleinigkeit des anderen. Das Böse in der Welt wird dadurch immer mehr und mehr. Die Eskalation des Bösen.
Geht das auch umgedreht? Das heißt, dass das Gute immer mehr und mehr wird? Die Eskalation des Guten? Ein moderner Film versucht darzustellen, wie das gehen könnte. Er heißt "Das Glücksprinzip", gedreht vor ein einigen Jahren. Der Sozialkundelehrer Eugene Simonet stellt seiner neuen Klasse gleich in der ersten Stunde eine schwere Aufgabe: "Denkt euch etwas aus, womit ihr die Welt verbessern könnt." Den 11jährigen Trevor lässt diese Aufforderung nicht los. Er überlegt: Wenn alle in der Klasse drei anderen etwas Gutes tun würden und wenn diese dann auch wieder drei anderen in irgendeiner schwierigen Lage helfen würden, dann würde sich im Laufe der Zeit das Gute ausbreiten. Das wäre wie ein Schneeball, den man den Berg hinunterkullern lässt. Am Anfang ist er noch ganz klein und dann wird er immer größer.
Trevor belässt es nicht bei seiner Idee. Er will sie auch verwirklichen. Er schaut sich in seiner Umgebung um und entdeckt Menschen, die dringend Hilfe nötig haben: einen Drogensüchtigen, einen Mitschüler, der dauernd drangsaliert wird und seine eigene alkoholkranke Mutter. Und er versucht ihnen zu helfen.
Eine faszinierende Idee, die hier geschildert wird. Es gibt ja so viele Menschen mit Problemen, die irgendwie Hilfe brauchen. Es müssen nicht gleich Drogen- oder Alkoholprobleme sein wie in dem Film. Wir kennen aus unserem eigenen Leben Streitereien und Sticheleien, Rechthabereien und Reibereien, Misstrauen und Missverständnisse. Vergleichsweise kleine Probleme, die uns aber das Leben schwer und zu schaffen machen können.
Aber das wäre es doch, wenn wir all dem Negativen etwas Positives entgegenstellen könnten! Wenn da Gutes statt Böses getan würde! Und wenn da möglichst Viele mitmachen würden! Dann würde doch eine Lawine von guten Taten entstehen!
An dieser Stelle treffen sich die Gedanken von Paulus mit dem Gedanken dieses Films. Auch Paulus leidet unter dem Bösen, das es in dieser Welt gibt. Er leidet unter dem Teufelskreis: Böses bringt immer nur Böses hervor. "Wie du mit, so ich dir!" so handeln wir. Wer mir Böses tut, dem füge ich auch Böses zu. Wer mir zu nahe tritt, dem zahle ich es heim! Man kann sich doch nicht alles gefallen lassen.
Aber das ist ja keine Lösung, wenn man auf Rache sinnt. Wer auf Rache sinnt, wird selber Teil des Bösen. Und tut sich selber auch nichts Gutes.
Eine Frau unterhält sich mit ihrem Pfarrer. In diesem Gespräch sagt sie: "Mein Herzleiden habe ich einem bestimmten Menschen zu verdanken. Seine Art und Handlungsweise war so gemein, dass ich darüber krank geworden bin." Dieser Mann war noch nicht einmal ein Verwandter von ihr. Sie hatte lediglich mit ihm zusammengearbeitet. Das hatte ihrer Meinung ausgereicht, sie krank werden zu lassen.
Wie immer man über diese Geschichte denken mag, eines stimmt auf jeden Fall: Erfahrenes Böses ist wie ein Gift in unserer Seele. Es kann verbittern, Groll und viele dunkle Gedanken in uns bewirken.
Das erlebte Böse belastet und zerstört unser Leben. Jedes böse Wort - "Du kannst nichts, du warst nicht gewollt, du bringst es zu nichts" -, jede Gemeinheit, aber auch jede Schuld drücken uns immer mehr nieder. Wir tragen unsichtbare Lasten der Verletzungen aber auch der Schuld mit uns herum.
Groll und Bitterkeit machen unser Leben ganz gewiss nicht glücklicher. Viel besser für unser seelisches Gleichgewicht ist es, so zu reagieren, wie es uns Paulus hier in unserem Predigtabschnitt nahe legt: "Vergeltet niemand Böses mit Bösem." Und: "Überwinde das Böse mit Gutem."
Er sagt dies von seinem Glauben an Jesus her. Jesus hat nur Gutes in die Welt hingebracht. Er hat alle geliebt. Auch den Unsympathischen. Sogar seine Feinde. Er hat nicht Böses mit Bösem vergolten. Sondern er setzte dem Bösem Gutes entgegen. Nicht das Böse sollte in dieser Welt immer mehr Macht bekommen sondern das Gute. Mit Jesus kam ein neues Gebot in diese Welt, das Gebot der Feindesliebe. Paulus greift es in unserem Predigtabschnitt auf. Wir sollen nicht nur den lieben, der uns angenehm ist sondern auch den Unsympathischen und Widerwärtigen. Statt Unrecht vergelten, sollen wir segnen, statt hassen und uns rächen, sollen wir lieben und wohltun.
Um von vornherein ein Missverständnis zu klären: Weder Paulus noch Jesus wollen mit dem Gebot der Feindesliebe die menschlichen Ordnungen aufheben. Es ist nicht gemeint, daß z. B. ein Richter einen Mörder freilässt oder Eltern ihren Kindern alles durchgehen lassen. Ich brauche auch nicht alles Unrecht, das mir zugefügt wird, schweigend erdulden. Ich darf Unrecht beim Namen nennen, ich darf es strafen, wenn ich den Auftrag und das Recht dazu habe, - aber, und jetzt kommt das Entscheidende: Es muss alles in Liebe geschehen und nicht aus Zorn und Hass. Es wird von uns eine neue Haltung verlangt. Wir sollen unseren Mitmenschen mit neuen Augen des Erbarmens sehen, und auch einmal auf unser Recht verzichten und nachgeben. Diese Liebe ist das einzige Gegengift, das das Gift des erfahrenen Bösen im Keim erstickt und uns vor Groll und Bitterkeit bewahrt.
Schön und gut, mag einer sagen. Aber wie sieht das im praktischen Leben aus? Und klappt das wirklich: Das Böse mit Gutem überwinden?

Predigt 2. Teil
Es kann funktionieren und aus Gegnern womöglich Freunde werden. Ein Beispiel dazu:
In einem Dorf lebte ein Christ, mit dem man allerhand Schabernack trieb. Man wollte den "Frommen" ärgern und ihn auf die Probe stellen. Eines Tages trieben es die Dorfjungen besonders arg. Jemand kam auf die Idee: "Decken wir dem Sepp das Dach ab. Mal sehen, wie fröhlich er bleibt, wenn er morgens aufwacht und sein Dach ist fort!" - Gesagt, getan. In aller Vorsicht deckten sie über Nacht das Dach ab, blieben aber doch nicht unbemerkt. Der Sepp überlegte: "Schimpfen, die Polizei rufen, alle verhaften lassen?" Nein, der Christ entschied anders. Als das Unternehmen beendet war und die jungen Leute sich verziehen wollten, stand plötzlich der Sepp in der Tür und sagte zu ihnen: "Ihr habt die ganze Nacht so schwer gearbeitet, jetzt braucht ihr erst einmal ein ordentliches Frühstück. Kommt herein, ich habe alles vorbereitet!"
Selbstverständlich haben die Burschen nach dem ausgiebigen Frühstück die Dachziegel wieder eingedeckt. So war das Dach wieder heil. Die Beziehung war nicht durch Hass oder Rache vergiftet. Und mancher der jungen Leute kam durch das Verhalten des Sepp zum Glauben an Jesus Christus. Das ist die Macht der Liebe!
Die Macht der Liebe kann sogar gesellschaftliche Veränderungen bewirken. Ich denke an die Bürgerrechtsbewegung von Martin Luther King. Die schwarzen Bürger verzichteten auf jede Gewaltanwendung. Sie ließen sich anspucken und niederknüppeln. Und sie erreichten schließlich das Ziel der Gleichberechtigung. Der Feind sollte nicht bezwungen oder ausgeschaltet sondern gewonnen werden.
Die entscheidende Frage lautet nun: Wie kommen wir zu so einer Liebe gegenüber Gegnern und Feinden? Uns liegt ja von Natur aus im Blut, verbal zurückzuschlagen, wenn uns jemand dumm anredet, uns zu empören, wenn wir ungerecht behandelt werden. Ich kenne das auch, dass ich mich schlaflos im Bett wälze, nur weil mir jemand zu nahe getreten war. Und wenn wir ehrlich sind: Wenn unserem Gegner etwas Schlimmes widerfahren ist, liegt uns Schadenfreude näher als Mitleid.
Also, wie können wir so handeln, wie Jesus es von uns verlangt? Aus unserer eigenen Kraft können wir es unmöglich tun. Bei diesem Versuch käme nur ein frommer Krampf heraus. Es muss uns klar werden, dass das Christentum mehr ist, als eine neue Moral, als eine Summe von Ver- und Geboten. Bei der Feindesliebe müssen wir es uns eingestehen, dass wir es einfach nicht können, was Gott von uns haben will.
Es müssen andere, göttliche Kräfte in uns wirken. Gott muss in uns das tun, was wir nicht können. Wir bekommen sie durch die Erfahrung der Vergebung. Vergebung ist möglich durch die Tatsache der Versöhnung zwischen Mensch und Gott. Diese Versöhnung hat Jesus am Kreuz geschaffen, für uns alle, schon vor 2000 Jahren. Wir können es auch so ausdrücken: Als wir noch seine Feinde waren, kam Gott uns schon mit seiner Liebe zuvor. Als wir ihn noch gar nicht kannten, wir ihm gleichgültig oder gar feindlich gegenüberstanden, als unsere Sünde uns von ihm noch trennte, da liebte er uns schon, da hat er schon die Voraussetzung für unsere Vergebung geschaffen.
Diese Vergebung schenkt Gott jedem, der ihn darum bittet. Vergebung erfahren heißt nun, eine göttliche Liebe erfahren, die ich ganz und gar nicht verdient habe. Wenn ich das begriffen habe, wieso sollte ich den nicht auch lieben, oder zumindest lieben wollen, der mir wehgetan hat?
Ich muss mir immer wieder klar machen: Auch für meine Feinde ist Jesus gestorben. Darum kann ich auch den unsympathischsten Menschen nicht mehr nur nach seinem Verhalten beurteilen, sondern darf ihn im Licht der geschehenen Versöhnung sehen.
Dem Feind vergeben können, ja sogar mit der Liebe Jesu lieben können, ist sicher nicht einfach, das geschieht in der Regel auch nicht von heute auf morgen. Aber es ist möglich, auch durch das Gebet. Wir können doch ganz ehrlich beten: "Herr, ich kann diesen unbequemen Mitmenschen nicht lieben. Denn er hat mir viel Böses zugefügt. Aber du hast ihn lieb. Ich danke dir, dass ich ihn mit deiner Liebe lieben kann."
Vor Jahren gab es in meinem Leben Menschen, die mir das Leben schwer machten. Da suchte meine Frau in der Bibel aus der Bergpredigt das Wort „Selig seid ihr, wenn euch die Menschen um meinetwillen schmähen und verfolgen und reden allerlei Übles gegen euch, wenn sie damit lügen,“ Sie suchte einen Trost. Aber es fiel ihr ein anderes Wort in die Augen, ein paar Verse weiter: „Liebt eure Feinde und bittet für die, die euch verfolgen.“ Da hatten wir es nun. Statt eines Trostes fanden wir eine Aufforderung. Wenn Gott Menschen zur Rechenschaft für ihre Taten ziehen will, dann ist das seine Sache. Unsere Sache ist es, für sie zu beten, ja sie zu lieben.
Wir müssen uns entscheiden: Für einen Blick des Hasses, der Vergeltung, des Nachtragens oder der Bitterkeit - oder für einen Blick der vergebenden Liebe.
Sollten wir nicht alle um diesen zweiten, neuen Blick bitten? Wenn du ihn hast, dann siehst du auf einmal deinen Feind anders. Dann kannst du über den denken, der dir wehgetan hat: Das ist doch eigentlich ein armer Kerl! Ich möchte ihm nichts Böses wünschen.
Diese Liebe ist oft stärker als die Vergeltung.
Diese Erfahrung machte auch ein Mann, von dem Pfarrer Busch erzählt. Dieser hatte eine schöne Wohnung, aber einen schwierigen Hausbesitzer, der sehr aufs Geld aus war. Und da schreibt ihm der Hausbesitzer einen unverschämten Brief. Das haben Sie zu machen! Und das haben Sie zu tun! Und das haben Sie noch zu bezahlen!
Als er den Brief las, kochte er vor Wut. Der Mann ging an den Schreibtisch, um ihm wiederzuschreiben. Es sollte ein gesalzener Brief werden! Doch auf einmal muss er an Jesus denken, der für ihn gestorben war, - und auch für den Hausbesitzer gestorben war. Und da konnte er den Brief nicht schreiben.
Er ging zu dem Hausbesitzer hin und sagte: "Hören Sie, wollen wir wirklich so miteinander umgehen? Wir sind doch beide verständige Leute! Wollen wir nicht einmal vernünftig miteinander sprechen? Ich habe Sie wirklich gern! Es ist nicht nötig, dass Sie so mit mir reden!" Da wurde der Hausbesitzer so überwunden, dass der Krach nicht stattfand, Sie wurden eigentlich ganz gute Freunde.
Insgeheim, meine ich, wartet jeder Mensch, der gemeinste wie der liebste, auf diesen Blick der vergebenden Liebe, dass jemand sie nicht aburteilt und wegen ihrer Fehler verächtlich anschaut. Sie warten auch auf deine Liebe.

Sicher kann auch diese Liebe mit Gleichgültigkeit, Verächtlichkeit oder gar Hass beantwortet werden. Auch Paulus sagt hier nüchtern: "Ist's möglich, soviel an euch liegt, so habt mit allen Menschen Frieden." Dann wollen wir Gott darum bitten: "Lass mich nicht müde werden so zu lieben wie du. Du wirst ja auch nicht müde, mich zu lieben. Du gibst mir ja auch immer neue Chancen."
Diese Liebe gibt uns ja auch nicht auf. Sie wird uns noch verändern. Und Jesus, der in uns angefangen hat das gute Werk, der wird es auch vollenden. Das dürfen wir ihm zutrauen, auch wenn wir es uns nicht vorstellen können, wie er es tun wird. Glauben wir es doch: Wir werden uns noch einmal wundern, was seine Liebe in uns alles verändert hat.
Gott gibt uns nicht auf, auch wenn wir immer wieder versagen. So wollen wir auch nicht aufgeben, immer wieder Gott um diese Liebe zu bitten, für unsere Freunde und für unsere Feinde.

© 2014 Dieter Opitz