"(K)einer von uns" - Kreuz & Quer vom 17.4.14 Philipper 2,5-11

Ich geb's ja zu: Was wir da gesehen haben, ist ein nettes Märchen, Wahrscheinlich endet so eine Geschichte nicht mit einem Happy End.
Aber das gab's wahrscheinlich schon häufig: Da wird jemand übersehen. Er sehnt sich nach Liebe und Zuwendung und kriegt sie nicht. Und denkt: Er muss anderen eine Rolle vorspielen, damit sie ihn mögen. Das kann im wirklichen Leben geschehen und wahrscheinlich noch häufiger im virtuellen Leben, im Internet, auf Facebook, beim Chatten. Und ist alles nur Schau, Fake, um akzeptiert zu werden. Man ist gar kein Romeo oder eine Julia sondern ein ganz gewöhnlicher schüchternen Sven oder eine unsichere Julia. Und das alles nur, weil man erfahren hat oder zumindest meint: Wir Menschen lieben nur die Tollen, die im Licht stehen, die was vorweisen können, die Großen.
Wir alle sind gerne groß: Großes Geld, großes Auto, große Macht, großes Einkommen, oder zumindest großes Taschengeld, großer Sportler, großer Sänger, großes Ansehen, großer Erfolg im Beruf, in der Schule oder im Studium, große Karriere. Machen wir uns nichts vor: Auch in einer christlichen Gemeinde kann das so sein. Man will groß sein, ein großer Mitarbeiter, ein großer Pfarrer.
Und wenn man selbst nicht groß ist, so sonnt man sich wenigstens im Ruhm der Großen, etwa als Fan einer großen Fußballmannschaft oder eines Sport- oder Musikstars. Oder man gibt damit an, ein guter Bekannter oder gar Freund eines "großen" Menschen zu sein.
Umgedreht gilt natürlich auch: Kaum einer gibt gerne zu, auf einem bestimmten Gebiet keine "große Leuchte" zu sein - bis auf die schlechte Mathematiknote in der Schule vielleicht, es gehört ja fast zum guten Ton, zu sagen, dass man natürlich kein guter Mathematiker war. Seine Defizite verschweigt man lieber.
Auch kaum einer würde damit prahlen: Ich mag den Kollegen, den sonst keiner mag. Oder: Hey, ich bin ein Freund von dem pickeligen Kerl, der im Sport nie einen Ball trifft und der bei Einladungen immer allein in der Ecke sitzt. Dass Groß-Sein-Wollen sitzt irgendwie ganz tief in uns Menschen drin.
Wie ist das bei Jesus? Größer wie er war keiner. Er war ja mehr als ein Mensch. Er war und ist der Sohn Gottes. "Er war Gott in allem gleich und hatte Anteil an Gottes Herrschaft", so drückt sich Paulus aus. Und doch machte er sich kleiner als jeder andere vor und nach ihm.
Jesus ist keiner von uns. Er gehört nicht zu uns. Er gehört zu Gott. Er war keiner von uns, aber er wurde einer von uns. Er wurde Mensch.
Stellen wir uns einmal folgendes Gespräch zwischen Jesus und seinem Vater im Himmel vor: Gott sagt zu seinem Sohn: "Siehst du die Menschen dort auf der Erde? Sie meinen, sie wären glücklich, wenn sie das tun, was ihnen selber gefällt und nicht mehr das, was ich von ihnen will. Doch sie sind nicht glücklich. Im Gegenteil. Vor allen Dingen machen sie einander unglücklich. Einer haut den anderen übers Ohr und ist nur auf seinen Vorteil aus. Sie machen nur das, was ihnen passt. sie fallen über andere her und verletzen sich gegenseitig. Siehst du diese kalten, gemeinen, egoistischen Menschen? Willst du zu ihnen gehen? Einer von ihnen werden? Es ist die einzige Chance, um ihnen zu helfen." Jeder "normale" Mensch hätte wohl geantwortet: "Das tue ich nicht. Ich bin doch nicht verrückt. Ich gehe doch nicht freiwillig - in die Hölle." Doch Jesus sagt: "Ja, ich will es tun!"
Er ging freiwillig auf diese Erde, das heißt von Licht ins Dunkel. Er war bereit, verachtet, übersehen, in die Ecke gedrängt, verspottet und angespuckt zu werden. Ein unvergleichlicher Abstieg! Freiwillig! Wie wäre das, wenn ein Chef freiwillig den Platz eines Hilfsarbeiters einnimmt, wenn ein Millionär seine Millionen verschenken und als Bettler leben würde, wenn einer auf all seine Titel verzichten und als einfacher Mensch leben würde? Das wäre doch ganz und gar ungewöhnlich und sensationell.
Und nun wird Gott ein Mensch und steigt so tief herab, dass es tiefer nicht mehr geht. Unfassbar und unbegreiflich! Aber nun ist ihm nichts Menschliches mehr fremd. Nun gibt es keinen Hunger, den er nicht kennt, keinen Durst, den er nicht erlitten hätte, keinen Schmerz, der ihm nicht wehgetan hätte, keine Einsamkeit, die ihm fremd wäre, keine Versuchung, die er nicht gekannt hätte, - allerdings ohne selbst zu sündigen.
Er hat das Dunkel kennengelernt. Er weiß auch, wie dir und mir zumute ist, wenn wir im Dunkeln stehen. Und er übersieht uns nicht, keinen einzigen, auch wenn er noch so unscheinbar ist oder noch so schuldig und verkehrt. Vielmehr nimmt er uns ganz genau in unserer Not wahr und will uns helfen.
Jesus grenzt keinen aus, keinen einzigen. Er sagt nie wie wir oftmals: "Mit dem will ich nichts zu tun haben. Von dem will ich nichts wissen." Es ist genau das Gegenteil der Fall. Den Schuldig Gewordenen, den Versagern, den Außenseitern, den Verachteten, wendet er sich besonders gern zu.
Und nun sagt Paulus hier im Philipperbrief: "Seid untereinander gesinnt, wie es der Gemeinschaft in Christus Jesus entspricht." Was meint er damit? Man könnte es auch so ausdrücken: Ihr Christen wollt doch Jesus nachfolgen. Dann tut das doch auch. Es kann doch nicht sein, dass ihr behauptet, Christen zu sein, und ihr grenzt andere aus, deren Nase euch nicht passt. Das geht nicht, dass ihr einen ausschließt, der von seiner Art schwierig ist. Dass der keine Chance hat in eurer Gemeinschaft, dass der nie eingeladen wird. Das ist nicht in Ordnung, wenn ihr euch nur in eurem kleinen Kreis wohlfühlt und andere passen da nicht rein. Die Christlichkeit einer Gemeinschaft zeigt sich auch darin, wie offen sie ist für die, die noch nicht zu ihr gehören.
Es stimmt mich jedes Mal traurig, wenn davon höre: Da waren welche das erste Mal in einem Kreuz und Quer Gottesdienst, gingen auch runter in den Gemeindesaal und keiner hat sie angesprochen. Hätte Jesus so gehandelt?
In einem Kreuz und Quer Gottesdienst war einmal ein junger Student, der offensichtlich niemanden in der Nikodemuskirche kannte. Nach dem Gottesdienst stand er dort etwas verloren da. Ich entdeckte ihn und ging auf ihn zu. Der junge Mann studiert Soziologie und meinte: „Der Gottesdienst hat mir gut gefallen, - aber mit der Kommunikation haben die Leute hier wohl noch Probleme. Hier geht keiner auf einen zu.“
Vielleicht ist das zu pauschal und zu hart formuliert. Aber jeder kann sich doch mal selber prüfen: Wie ist das bei mir? Denke ich nach so einem Gottesdienst wie heute: Hauptsache ich habe jemand zum plaudern und ob jemand anders allein rumsteht, ist mir egal? Ist dir damit bewusst, dass durch so ein Verhalten du vielleicht mit verantwortlich bist, wenn jemand nicht zu Jesus findet?
Auch Christen sind oft viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt, mit ihren eigenen großen Problemen und ihren kleinen Wehwehchen. Wir kreisen um uns selbst, sehen nur auf uns. Wir sollen und können etwas anderes tun, was in dem Lied von Peter Strauch so ausgedrückt ist: "Jesus, wir sehen auf dich, deine Liebe, die will uns verändern." Und nur so, wenn wir das tun, kann auch unser Verhalten anders werden. Lieben wie Jesus heißt immer Lieben durch Jesus. Ohne ihn, ohne die Verbindung mit ihm, können wir das nicht tun, was er von uns haben will.
Wir können uns Jesus nicht als Vorbild nehmen. Das würde uns überfordern. Aber wir können uns mit ihm, mit seiner Liebe beschäftigen, die uns auf jeder Seite im Neuen Testament entgegenkommt. Diese Liebe wird dich verändern, dich aus deiner Bequemlichkeit und dem Kreisen um dich selbst herausholen.
Diese Liebe möchte ich nun auch uns heute Abend so klar ich es kann, vor Augen stellen. Jesu Weg in dieser Welt war ein Weg der Liebe, bis hin zur Bereitschaft für uns zu sterben. Was für ein König, was für ein Herr!

Vielleicht haben wir diese Worte schon oft gehört. Sie sind mehr als fromme Floskeln. Sie sind Wahrheit und können ein Leben verändern. Jesus hat nicht so gehandelt wie so viele Mächtige dieser Welt. Diese forderten Opfer von anderen, letztlich um ihre eigene Macht zu sichern. Jesus war anders. Er hat nicht andere geopfert, um selbst zu überleben. Er hat sich in seiner Liebe selbst geopfert, damit wir überleben. Das ist der Sinn seines Todes am Kreuz. Es ist nicht das sinnlose Sterben eines Menschen, der für seine Überzeugung umgebracht wird. Jesus ist keine Gescheiterter, der zu schwach war, um seine Ideen durchzusetzen. Nein, Jesus stirbt, weil er stark war, weil seine Liebe zu uns so stark war, dass sie sich sogar durch einen Tod nicht abschrecken ließ.
Jesus hätte nicht sterben müssen. Er hätte Gelegenheiten gehabt, zu fliehen oder seinen Kopf aus der Schlinge zu ziehen. Er starb freiwillig, weil sein Vater es wollte, aus Gehorsam.
Ein grausamer, blutrünstiger Gott, der das von seinem Sohn verlangt? O nein! Vielmehr können wir von dem Sterben Jesu Rückschlüsse auf uns ziehen, auf unsere Gemeinheit, unseren Egoismus, unsere Lieblosigkeit und Gottlosigkeit. Unsere Sünde ist so groß, so schlimm, dass Gott keine anderen Weg mehr wählen konnte, um uns zu helfen. Sein Sohn musste am Kreuz die Hölle durchmachen, damit wir sie nicht in der Ewigkeit erleben müssen. Er ließ sich quälen, damit unsere Sünde uns nicht in Ewigkeit quält.
Freilich: Verstehen kann das Geschehen am Kreuz nur, wer gemerkt hat, dass er ein Sünder ist, jemand, der nur eines verdient hat: die Hölle. Der kann begreifen und glauben, was der Kreuzestod bedeutet: Seine ewige Errettung, das wunderbarste Geschehen - für ihn. Am Kreuz ist das Unmögliche geschehen: Gott macht aus Sündern seine lieben Kinder. Wenn wir die Geschichte vom Sterben Jesu am Kreuz lesen, dann lesen wir sie unter der Perspektive: Das geschah alles für mich! Für mich ging Jesus ans Kreuz. Jeder, der seine Schuld loswerden will, darf dies glauben, was in einem Liedvers so ausgedrückt ist: "Einen solchen Armen, welchem alles fehlt, den hat er zum sel'gen Eigentum erwählt." Ist das nicht wunderbar und befreiend, so glauben zu dürfen. Du, gerade du, bist von Jesus trotz deiner Sünde und Schuld geliebt? Und muss dies nicht auch dein eigenes Leben und dein Verhalten deinem Mitmenschen gegenüber verändern?
Überleg dir einmal: Da gibt es einen, der weiß zwar, wie du bist: Ganz und gar nicht so lieb, wie du sein solltest, ganz und gar nicht ihm gehorsam sondern oft höchst eigensinnig. Aber der liebt dich trotzdem. Der vergibt dir, wenn du seine Vergebung haben willst. Der liebt dich trotzdem, auch wenn du noch so lieblos bist. So eine Liebe muss einen doch bewegen und verändern.
Dann kannst du auch dich für andere einsetzen und wenn nötig sogar aufopfern. Er, Jesus, hat sich ja auch für dich eingesetzt und sich für dich aufgeopfert. Dann kannst du auch auf den anderen zugehen, so wie er auf dich zugegangen ist und dies immer wieder tut. Dann kannst du auch denen vergeben, die dich verletzt haben. Er, Jesus hat ja auch dir vergeben. Wie kannst du dann dem anderen nicht vergeben?
Es konnte einmal jemand einen anderen nicht leiden. Das soll es ja sogar unter Christen geben. Was tun? Seinen beleidigten und verletzten und ärgerlichen Gefühlen Raum geben? Keine gute Idee! Dadurch füttere ich ja nur diese unguten Gefühle und verstärke sie. Diese Person hat etwas anderes gemacht. Sie hat für den Betreffenden gebetet. "Und", so erzählte sie, "nachdem ich dies getan hatte, nachdem ich für sie gebetet habe, hat sich bei mir etwas verändert. Auf einmal konnte ich diese Person, die ich gar nicht leiden konnte, so richtig lieb haben." Wie ist das zu erklären? Wer Jesus mit ins Spiel bringt, und das tut er ja im Gebet, der bringt auch seine Liebe mit ins Spiel. "Jesus, wir sehen auf dich, deine Liebe, die will uns verändern." So hat sie es ganz praktisch erlebt.
Zum Schluss möchte ich von einem weiteren Gesichtspunkt der Liebe Jesu erzählen. Sie ist nicht schwächlich sondern sehr stark. So stark, das sie sogar mächtiger als der Tod ist. Jesus ist von den Toten auferstanden. Als der strahlende Sieger über den Tod erhebt er sich aus dem Grab. Unglaublich, aber wahr! Seine Jünger sahen ihn, betasteten ihn und begriffen: Er ist wirklich auferstanden! Wo sie nur konnten, verbreiteten sie diese Nachricht: Jesus ist der Herr auch über den Tod!
Für dieses Geschehen der Auferstehung hinkt jeder Vergleich. Denn das gab es vorher und nachher nie, dass einer wie Jesus von den Toten auferstand. Jesus hat zwar selber Tote auferweckt. Aber diese Personen mussten ja trotzdem noch einmal sterben. Der Tod war nur aufgeschoben. Aber über Jesus hatte der Tod gar keine Macht mehr.
Schön für Jesus, mag jetzt einer sagen. Aber was heißt das für uns? Sehr viel, entscheidend viel! Wer auf der Seite Jesu steht, wer an ihn glaubt, der steht immer auf der Seite des Stärkeren. Seitdem Jesus von den Toten auferstanden ist, dürfen wir eines wissen: Es gibt keine hoffnungslosen und aussichtslosen Lagen mehr. Denn Jesus ist immer stärker. Er ist stärker als alles Leid, alle Krankheit, alle Schuld, jede Sucht und auch stärker als der Tod. Wenn er sogar den Tod besiegt hat, gibt es keine Macht der Welt, mit er nicht fertig werden könnte. Das glaube, das halte fest, gerade in den Tagen und Wochen nach Ostern: Ich bin von Jesus geliebt. Ich bin deshalb nie allein. Ich bin auch nie irgendeinem Schicksal hilflos ausgeliefert. Es gibt immer einen Ausweg - durch Jesus.

© 2014 Dieter Opitz