"Sturmstunden" - Kreuz & Quer vom 26.01.14, Markus 4, 35-41

Stürmische Stunden waren das für die Jünger auf dem See Genezareth. Wohl nicht das erste Mal. Viele von ihnen waren ja Fischer. Immer wieder werden sie die Erfahrung gemacht haben: Das Wetter schlägt um. Von den Golanhöhen sausen Fallwinde herunter. Und der ruhige See Genezareth verwandelt sich innerhalb kurzer Zeit in ein sturmgepeitschtes Gewässer mit meterhohen Wellen.
Stürmische Stunden kennen wir wohl alle. Ich kann mir kein Leben vorstellen, in dem es immer ruhig und friedlich zugeht. Irgendwann kommen sie, die stürmischen Zeiten. Wir leben zwar in ruhigen Breitengraden. Wir sind von Erdbeben, Vulkanausbrüchen, Tsunamis, Tornados und Hurrikanen verschont. Und selbst so heftige Stürme wie "Xaver" vor ein paar Wochen richten in der Regel verhältnismäßig geringe Schäden an.
Aber da gibt es ja noch Anderes, was ein Leben durcheinanderwirbeln kann: Schwierige Zeiten in der Schule, vielleicht ausgelöst durch Mobbing in der Klasse oder im Internet, schlechte Noten, verhauene Klausuren, die Gefahr durchzufallen, - die Zwischenzeugnisse stehen ja bald wieder an. Es gibt stürmische Zeiten im Beruf oder in der Berufsausbildung: Abbruch des Studiums, Arbeitslosigkeit oder ein schlechtes Betriebsklima. Und schließlich gibt es noch stürmische Zeiten bei den zwischenmenschlichen Beziehungen: Liebeskummer, Ärger mit den Eltern, Kindern, Ehepartner oder Enttäuschung durch einen Freund, den man vertraut hat.
Was tun in solchen turbulenten Situationen? Die Jünger meinen sich selbst helfen zu können. Schließlich sind sie sturmerprobte Fischer, die schon so manches Unwetter durchgestanden haben. Sie versuchen, die schwierige Lage zu meistern. Doch alle Anstrengungen helfen nicht. Ihr Boot droht unterzugehen. Und der Sturm macht keine Anstalten mit dem Toben aufzuhören.
Da fällt ihr Blick auf Jesus, der hinten im Boot schläft. Er hatte einen anstrengenden Tag hinter sich. Unermüdlich hatte er gepredigt und anderen Menschen geholfen. Jetzt war er erschöpft, schlief hinten auf dem Boot ein und wachte sogar in dem Toben der Wellen nicht auf.
Die Jünger wecken ihn auf. Auffallend ist das, was sie ihm sagen. Eigentlich, so müsste man meinen, müsste doch jetzt ein Hilferuf kommen: "Herr, hilf uns, wir gehen unter!" oder ein ähnliche Hilfeschrei. Doch wir hören nichts dergleichen. Stattdessen kommt der Satz: "Meister, fragst du nicht danach, dass wir umkommen?" Diese Worte kann man nur als Vorwurf verstehen. "Interessiert es dich gar nicht, dass unser Boot untergeht und wir sterben müssen?" Echte Hoffnung auf Hilfe hört sich anders an. Die Jünger rechnen gar nicht damit, dass Jesus ihnen in dem Sturm helfen könnte. Sie erwarten nur, dass er ihre scheinbar hoffnungslose Lage versteht. Glaube spricht nicht aus ihren Worten sondern im Gegenteil die pure Verzweiflung.
So ein Verhalten ist typisch menschlich. Zweifel und Unglaube liegen uns näher als Vertrauen auf Hilfe. So war es auch bei den Jüngern. Immer wieder lesen wir in den Evangelien: Jesus musste seinen Jüngern Vorwürfe wegen ihres Klein- und Unglaubens machen. Sind wir besser? Ich meine nicht. Was erwarten wir von Jesus, wenn wir in Not sind? Wie stark ist dann unser Glaube an den, der von sich gesagt hat: "Mir ist gegeben alle Macht im Himmel und auf Erden."? Viel näher liegt uns wohl, zunächst mit seinen eigenen Kräften sich aus einer misslichen Lage zu befreien, dann sich Sorgen zu machen, wenn es nicht so klappt, wie wir es uns vorstellen und zum Schluss noch Gott vorzuwerfen, dass er uns nicht hilft.
So ein Verhalten verändert unsere Lage nicht, ganz im Gegenteil. Sorgen ziehen oftmals geradezu das Unheil an, das wir zu vermeiden versuchen.
Martin Luther hatte eine Frau, die sich gerne Sorgen wegen ihres Mannes machte. Einmal war er wieder einmal weg, unterwegs auf einer Reise. "Was könnte ihm da alles passieren?" so dachte sie. Luther antwortete ihr in einem Brief:
"Allerheiligste Frau Doktorin. Wir bedanken uns gar freundlich für eure große Sorge, derentwillen ihr nicht schlafen konntet. Denn seit ihr euch um uns Sorgen macht, hätte uns fast das Feuer verzehrt in unserer Herberge... Und gestern, ohne Zweifel aus Kraft eurer Sorge, ist uns schier ein Stein auf den Kopf gefallen...Ich sorge, wenn du nicht aufhörst zu sorgen, es könnte uns die Erde verschlingen... Lernst du so den Katechismus und den Glauben? Bete du und lass Gott sorgen. Wirf dein Anliegen auf den Herrn, der sorgt für dich."
Sicher soll jeder das tun, was er kann, um sein Leben zu bestehen. Der Schüler und die Studentin sollen lernen, um ihre Prüfungen zu bestehen, der Arbeitslose sich bewerben oder bei Problemen mit anderen Menschen sich überlegen, was man denn tun kann, um die Lage zu ändern. Aber das Vorrangigste ist, Jesus zu vertrauen, dass er in jeder Lage, und ist sie noch so verzwickt, eingreifen kann.
Vielleicht denkst du: Gerade das kann ich nicht, oder da habe ich meine Schwierigkeiten. Wie sollte ich vertrauen können, und ich sehe keine Hilfe sondern eher das Gegenteil, nur meine schwierige Situation?
Aber wieso sollte ich Gott nicht vertrauen, der diese Welt geschaffen hat und seinem Sohn Jesus Christus, der sogar stärker als der Tod war? Es ist ihm, glaube mir, eine Kleinigkeit, deine Lage zu ändern, und sei sie noch so aussichtslos.
Es gibt Menschen, die kopfüber 100 Meter in die Tiefe springen im Vertrauen auf ein Gummiseil, obwohl es nicht immer gehalten hat. Es gibt Menschen, die sich Tausende von Kilometern hoch in den Weltraum schießen lassen im Vertrauen auf die Technik, obwohl sie nicht immer funktioniert hat. Es gibt sogar welche, die sich darum reißen, mit einem Raumschiff auf den Mars zu fliegen, obwohl sie nicht wissen, ob sie jemals wieder auf die Erde kommen können. Und dann gibt es auch Menschen, die das Abenteuer des Glaubens wagen. Sie vertrauen ihm, weil er bisher immer sein Wort gehalten hat. Willst du nicht auch zu diesen Menschen gehören? Also ich möchte es. Ich möchte Jesus vertrauen, immer mutiger, immer radikaler. Denn ich habe es erfahren, dass er eingegriffen hat, wenn ich nur ein bisschen ihm vertraut habe.
Am Ende von der Geschichte der Sturmstillung haben die Jünger etwas gelernt, oder besser gesagt, sie hätten etwas lernen sollen. Jesus machte ihnen Vorwürfe wegen ihres Unglaubens. Matthäus überliefert auch diese Geschichte von der Sturmstillung. Bei ihm lesen wir sogar, dass Jesus diesen Vorwurf machte, als der Sturm noch tobte. Das will Jesus also von seinen Anhängern, auch von uns: Wir sollen ihm vertrauen, auch wenn die Not noch da ist, ja gerade dann zeigt es sich, ob jemand an Jesus glaubt oder nicht. Noch im Toben eines Sturmes vertrauen, - ist das nicht zuviel verlangt? Wenn wir wüssten, dass wir alleine sind, ja. Aber wer an Jesus glaubt, der ist ja nie allein. Sondern er, der Sohn Gottes, der Wunder über Wunder tun kann, ist immer bei uns. Auch in dunklen Zeiten.
Die neunjährige Bärbel verbrachte das Wochenende bei Onkel und Tante. Die Tante hatte sie ins Bett gebracht. Doch das Kind konnte nicht schlafen und fing an, herzzerbrechend zu weinen. Die Tante ging noch einmal ins Zimmer und fragte: „Nanu, was ist denn, Bärbel?“ „Ich fürchte mich vor dem Dunkel“, erklärte das Kind. – „Aber Bärbel, du schläfst zu Hause doch auch im Dunkeln“, versuchte die Tante sie zu beruhigen. – „Ja, aber das ist mein Dunkel, das ich kenne“, schluchzte das Kind.
„Ihr“ Dunkel war anders! Die Dunkelheit in ihrem eigenen Zimmer hatte für sie nichts Furchterregendes, weil sie wusste, was bei Licht in ihrem Zimmer war: ihre Puppe, ihr Teddybär, ihre Schaukel, ihre Spielzeugkiste. Das alles war auch in der Dunkelheit noch da und umgab sie bei Nacht ebenso wie am Tag. Dies hier war eine „fremde“ Dunkelheit.
Keinem Christen bleibt Dunkelheit auf seinem Lebensweg erspart. Aber dieses Dunkle muss nicht Angst erregend sein. Es ist keine "fremde Dunkelheit". Sondern es ist eine Dunkelheit, in der Jesus da ist, auch wenn ich ihn nicht sehe. Es bleibt doch die Gewissheit: „Und ob ich schon wanderte im finsteren Tal, du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich.“ Du bist bei mir. Er, Jesus Christus, stiehlt sich dann nicht aus unserem Leben heraus. Er bleibt bei uns, auch wenn wir ihn im Dunkel unseres Lebens nicht mehr sehen.
Es gibt christliche Lieder, die sind "Evergreens". Die mögen uralt sein. Aber diese singt man heute noch und sprechen Menschen über die Jahrhunderte hinweg an. Das Lied von Paul Gerhardt "Befiehl du deine Wege" gehört dazu. Paul Gerhardt war Pfarrer in Berlin. Aber er verlor seine Arbeitsstelle und musste Berlin verlassen. Er reiste durchs Land, ohne zu wissen, wohin er sich wenden konnte. Seine Frau war untröstlich und völlig aufgelöst. Paul Gerhardt versuchte sie mit guten Worten aufzumuntern - vergeblich. Schließlich las er ihr sein berühmtes Lied "Befiehl du deine Wege" vor. "Befiehl du deine Wege und was dein Herze kränkt / der allertreusten Pflege des, der den Himmel lenkt. / Der Wolken, Luft und Winden gibt Wege, Lauf und Bahn, der wird auch Wege finden, da dein Fuß gehen kann."
Aber seine Frau war von Kummer und Sorge ganz krank. Da trafen sie in einem Gasthaus zwei Gesandte des Herzogs von Merseburg. Sie kamen ins Gespräch. Es stellte sich heraus, dass diese beiden nach Berlin unterwegs waren. Sie wollten einem entlassenen Pfarrer Paul Gerhardt nach Merseburg einladen. Denn der Herzog von Merseburg hätte eine Stelle für ihn. So bekam Paul Gerhardt ohne sein Zutun eine neue Arbeitsstelle.
So kann Gott das bis auf den heutigen Tag machen: Er beschämt den Unglauben, unsere Sorgen und Ängste und er beschenkt den, der ihm nur ein bisschen vertraut, und zwar nicht zu knapp sondern reich, manchmal sogar überreich.
Gott kann Wunder tun, überwältigend große Wunder. So durften es die Jünger in unserer Geschichte erleben. Jesus steht auf und sagt zu dem Sturm nur zwei Worte: "Sei still!" Da legte sich der Wind und es wurde wirklich still. Einem naturwissenschaftlich gebildeten Menschen mag so ein Verhalten merkwürdig vorkommen. Jesus redet mit dem Sturm wie mit einem aufmüpfigen Schüler. Das geht doch nicht! Meteorologen wissen, wie Stürme entstehen. Sie können sogar ihre Richtung und ihre Stärke vorherberechnen. Vor allen Dingen: Mit Stürmen kann man nicht reden. Die verstehen nicht unsere Sprache.
Das ist richtig. Aber sie hören auf den, der der Herr über alle Naturereignisse ist, der auch der Herr über das Wetter ist. Das ist Gott. Wer die Welt nur rein naturwissenschaftlich betrachtet, der ist gewissermaßen auf einem Auge blind. Er sieht nur das Gesetz von Ursache und Wirkung. Aber er rechnet nicht mit der Wirklichkeit, die dahinter steht, die die ganzen Naturgesetze ins Dasein gerufen hat. Und sieht von dieser Wirklichkeit deshalb auch nichts. In einem Lied heißt es: "Er - also Gott - hat das ganze Weltall erschaffen. Alles ist ihm untertan." Diesem Gott ist nichts unmöglich. Ich möchte es überspitzt so formulieren: Nur der hat den rechten Glauben, der Gott wirklich alles zutraut, auch das, was menschlich gesehen unmöglich ist. Es gibt für den, der Gott und seinem Sohn Jesus Christus vertraut, keine aussichtslosen Lagen. Er kann sogar das Wetter beeinflussen, Stürme zum Schweigen bringen, Regen schenken, wo keiner zu erwarten ist und Sonnenschein, wo der Wetterbericht etwas anderes vorhergesagt hat.
Wir haben das mehrfach auf den Familienfreizeiten erlebt. Gott hat gutes Wetter geschenkt, obwohl schlechtes Wetter gemeldet war. Nur wenige Kilometer weiter hatte es geregnet. Wir hatten Sonnenschein. Gott hatte Gebete erhört. Natürlich kann ich das nicht naturwissenschaftlich beweisen. Aber jeder, der wie ein Kind Gott vertraut, wird ähnliches erleben.
Viele unter uns kennen ja die Geschichte "Es war, als sängen die Engel". Es ist ein Tatsachenbericht eines amerikanischen Fliegerleutnants. Im Zweiten Weltkrieg musste er mit seiner Fliegerbesatzung im Stillen Ozean notwassern. Acht Mann retten sich in drei kleine Schlauchboote und verbringen drei qualvolle Wochen ohne Nahrung unter der heißen Äquatorsonne. Eine hoffnungslose Lage. Abends treiben sie ihre Boote zusammen. Einer hat ein Neues Testament dabei und liest daraus vor. Dann beten sie das Vaterunser. Eine Bitte wird ihnen natürlich am wichtigsten: Unser tägliches Brot gib uns heute. Und Gott greift ein. Sie erleben, wie Regenwolken in der ersten Gefahr des Verdurstens kommen und ihnen das rettende Wasser bringen, einmal sogar gegen den Wind. In höchster Hungersnot geschieht es, dass während der Nacht eine von ihnen abgeschossene Leuchtrakete Fische anzieht, so dass sie sie fangen können und Nahrung haben. Nach drei Wochen wurden sie gerettet. Der Erzähler glaubte vor der Notwasserung nicht an Gott. Doch in dieser Wasserwüste fand er seinen Gott.
Wenn du nun in einer Not bist, dann traue ihm nicht nur ein bisschen zu, erwarte Großes von ihm. Sicher, hüte dich davor, Gott vorzuschreiben, wie er dir helfen soll und wann er dies tun soll. Aber traue ihm das zu, dass er es tut, oft auf wunderbare Weise, oft wunderbarer, als du es selbst erwartest hast.
Vor allen Dingen: Wenn Gott uns etwas versprochen hat, dann dürfen wir es glauben. Und es wird dann auch so kommen, auch wenn es noch nie Dagewesenes ist. „Glaube sprengt die Ketten der Unmöglichkeit“ heißt es in einem Glaubenslied. Er durchbricht auch die Ketten des Kausalitäts- und des fatalistischen Denkens, wo man spricht: „Da ist halt nichts zu machen.“
Der Unglaube spricht: „Jetzt bin ich in einer so schwierigen Lage. Da kann selbst Gott nichts machen.“ Doch der Glaube spricht: „Der Wolken, Luft und Winden gibt Wege, Lauf und Bahn, der wird auch Weg finden, da dein Fuß gehen kann.“ Der Unglaube spricht: „Ich bin halt so, wie ich bin. Niemand kann aus seiner Haut fahren.“ Doch der Glaube spricht: „Bei Gott gibt es keine hoffnungslosen Fälle. Er kann auch mein Leben total verändern.“ So dürfen auch wir glauben und dabei erfahren, dass so ein Glaube uns nicht enttäuscht.

© 2014 Dieter Opitz