"Verboten!" - Kreuz & Quer vom 20.11.13, 2. Mose 20,1-7

6. März 1988. Ich fuhr mit meinem Auto nach Hersbruck. In Pommelsbrunn auf der Höhe des Seniorenheimes auf der B 14 sah ich schon das Ortsendeschild. Ich gab Gas. Und dann schlug die Radarfalle zu. Die Quittung kam durch ein Schreiben der Polizeiinspektion vom 29.3.: "Sie haben die zulässige Höchstgeschwindigkeit überschritten..." Ärgerliche Sache. Gerade an der Stelle, wo doch viele Autofahrer mehr als 50 Sachen fahren eine Radarfalle! Gemein! So oder ähnlich werden wohl viele Autofahrer an jenem Sonntagmorgen in Pommelsbrunn auf der Höhe des Seniorenheimes Richtung Hersbruck gedacht haben.
Manche Leute denken auch von den 10 Geboten Gottes ähnlich. Sie sprechen lieber von den 10 Verboten Gottes und empfinden den starken Druck, wenn es immer wieder heißt: "Du sollst!" Gott ist für sie wie ein Tyrann. Raffiniert mit seiner Kamera versteckt habe er es nur darauf abgesehen, uns auf frischer Tat zu erwischen und uns dann die Rechnung zu präsentieren.
Im Konfirmandenunterricht nahm ich die 10 Gebote durch. Ein Konfirmand sagte sichtlich verärgert: "Da wird einem ja alles verboten." Immer mehr Menschen meinen: Ich will so leben, wie ich will! Ich lasse mich nicht von einem Gott fremdbestimmen. Ich versuche nach ethischen Regeln zu leben. Und die haben auch irgendwie mit den 10 Geboten zu tun. Aber so genau muss es mit ihnen nicht nehmen.
Und macht nicht auch die moderne Theologie bei diesem Trend mit? So wörtlich sei das biblische Wort ja nicht zu nehmen, kann man lesen und hören. Da schreiben Menschen, die in ihren Verhältnissen so geredet haben und für ihre Zeit richtig gelegen haben. Aber wir leben doch in einer anderen Zeit. Da muss man doch die geschichtlichen Hüllen abstreifen, damit man den eigentlichen Kern entdeckt. Aber was dann übrig bleibt, ist doch nur das, was mir passt.
Der Papst Johannes Paul II. sagte einmal bei einer Reise zum Berg Sinai: "Die 10 Gebote sind zu jeder Zeit und an jedem Ort gültig." Recht hat er. Und diese Aussage gilt nicht nur für die katholische sondern auch für die evangelische Kirche. Die 10 Gebote haben ihre Verankerung in Gottes Ewigkeit. Sie haben absolute Gültigkeit. Sie sind nicht unsere Produkte. Wir können sie deshalb auch nicht willkürlich verrücken.
Die 10 Gebote sind sinnvolle Regeln für unser Leben und unsere Gemeinschaft. Sie wollen uns nicht einengen sondern Geborgenheit geben.
Eine Legende aus England erzählt, dass die Menschenkinder sich am Anfang ihrer Geschichte in einem wunderbaren Garten vorfanden. Sie waren geborgen und zufrieden. Sie spielten auf der herrlichen Wiese inmitten des Gartens ihre fröhlichen und heiteren Spiele. Niemand fühlte sich eingeengt durch die hohe Mauer, die den Garten und das Glück umgab. Eines Tages machte ein Menschenkind die anderen auf die Mauer aufmerksam: "Man traut uns nicht. Die Mauer engt uns ein. Sie verwehrt uns die weiteren Räume des Lebens. Auf, lasst uns die Mauer niederreißen!" Die Menschenkinder wollten die Freiheit und rissen die Mauer nieder. Dabei machten sie eine furchtbare Entdeckung. Hinter der Mauer gähnte ein tiefer Abgrund. Die Mauer hatte ihr Leben nur schützen, den Spielraum des Lebens nur sichern wollen. Aber nun war sie niedergerissen. Aus Bewahrung war Bedrohung geworden. Fortan saßen die Menschenkinder ängstlich in der Mitte des Gartens und wagten nicht mehr die schönen, freien Spiele des Lebens. Aus der scheinbaren Befreiung war Angst vor dem Abgrund entstanden.
Gott gab uns seine guten Gebote, seine An - Gebote zum Leben, damit sie uns schützen und schonen, bewahren und sichern. Wer diese Mauern niederreißt, bekommt einen neuen Herrn: die Angst. Wenn die Ehrfurcht vor Gott niedergetreten wird, macht sich die Heidenangst um das Leben breit.
Und wer die Angst vor dem Weniger kennt, kennt auch die Gier nach mehr. Angst und Gier, sind das nicht zwei entscheidende Grundgefühle unserer Gesellschaft?
Da haben Betriebe Angst, zu wenig zu verdienen, im Existenzkampf auf der Strecke zu bleiben. Und da reicht es auf einmal nicht aus, nur an sechs Tagen die Läden offenzuhalten. Nein, da müssen verkaufsoffene Sonntage her und der Bäcker bäckt auch am Sonntag seine Brötchen. Denn das 3. Gebot "Du sollst den Feiertag heiligen!" spielt ja kein Rolle mehr.
Andere haben Angst, in der Ehe zu kurz zu kommen. Dann wird auf einmal die Gier lebendig, die Neu - Gier nach erregenden Bildern, die man im Fernsehen, in Zeitschriften und seit neuesten auch im Internet finden kann. Auch gegen einen Flirt oder Seitensprung hat man nichts einzuwenden. Denn das 6. Gebot "Du sollst nicht ehebrechen" nimmt man nicht mehr so ernst.
So könnte ich auch auf viele andere Zeiterscheinungen hinweisen wie die Gier nach Geld und Reichtum, oder dass Lügen und Betrügen in allen Gesellschaftskreisen selbstverständlich geworden ist.
Ich möchte nur noch auf die Folgen eines Verhaltens hinweisen, bei dem die 10 Gebote keine und nur noch eine eingeschränkte Rolle spielen: Das Chaos - im gesellschaftlichen wie im persönlichen Leben. Es geht alles drunter und drüber, weil eine ordnende Kraft fehlt. Wir ernten kaputte Ehen, Kinder aus gestörten Verhältnissen, ein kälteres gesellschaftliches Klima, mehr Verbrechen.
Und Gott? Gott wird eine Zeitlang zuschauen. Aber dann wird er antworten - mit seinem Gericht. Denn Gott ist nicht nur ein liebender sondern auch ein heiliger Gott. Er lässt sich nicht spotten.
Wird es nicht Zeit, dass unsere Gesellschaft und auch wir die 10 Gebote ganz und gar ohne Abstriche ernst nehmen, dass Gott und sein Wille die Nummer Eins in unserem Leben wird, ihn, wie Luther sagt, über alle Dinge fürchten, lieben und vertrauen?
Wir wollen nicht mit dem Finger auf andere weisen. Wir wollen bei uns selber anfangen. Auch in unserem Leben muss viel in Ordnung gebracht werden. Vielleicht haben wir uns ja nach dem alttestamentlichen Wortlaut an die 10 Gebote gehalten, haben nicht gelogen, gestohlen, die Ehe nicht gebrochen. Aber wenn wir uns anschauen, wie Jesus die 10 Gebote verstanden hat, dann sieht die Sache schon anders aus. In der Bergpredigt steht ja einiges zu diesem Thema.
Der bekannte russische Schriftsteller Leo Tolstoi und ein jüdischer Geistlicher, ein Rabbiner, haben sich einmal über die Bergpredigt und die entsprechenden Aussagen Jesu zu den 10 Geboten unterhalten. Tolstoi las dem Juden vor, dass schon begehrliche Blicke für Jesus Ehebruch sind, beleidigende Worte Totschlag, ja dass er sogar zur Feindesliebe auffordert. Der Schriftsteller wartete auf eine Antwort. Nach kurzem Schweigen fragte der Rabbiner mit leisem Lächeln. "Aber tun das die Christen auch?"
Ja, tun das die Christen auch? Tun wir es? Man kann noch anders fragen: Können wir es überhaupt tun? Ist ein Leben nach den Geboten zu führen nicht eine Überforderung? Wie kann ein Mensch das schaffen, so zu leben, wie Gott es will?
Wer sein Leben anhand der 10 Gebote intensiv und ehrlich prüft, kommt an einer schmerzlichen, erschreckenden Erkenntnis nicht vorbei. Die 10 Gebote zeigen uns unbestechlich unser wahres Gesicht, wie ein Spiegel. Und wenn ich in den Spiegel hineinsehe, so erschrecke ich vor meinem wahren Gesicht.
Bislang hatte ich eine gute Meinung von mir. Aber im Anblick des Spiegels Gottes möchte ich so wie Petrus einmal zu Jesus rufen: "Herr, gehe weg von mir!" Der Spiegel Gottes bringt mein innerstes Wesen zum Ausdruck.
Bisher konnte ich mir etwas vormachen. Im Vergleich mit den anderen schnitt ich ja nicht so schlecht ab. "Sicher, ein Heiliger bin ich nicht. Aber wer ist das schon? Aber ein Verbrecher bin ich auch nicht. Ich bin irgendwo im Mittelfeld." Aber im Spiegel der Gebote Gottes sieht alles auf einmal ganz anders aus. Auf einmal merke ich, dass ich mich nicht hinter den anderen verstecken kann. Die Norm sind nicht die anderen sondern die 10 Gebote. Und die zeigen mir ganz klar: Ich bin ein Sünder!
Bislang dachte ich von Sünde viel zu harmlos. Ich dachte: Sündigen, das heißt morden, die Ehe brechen, stehlen. Das alles habe ich ja nicht getan. Also bin ich kein Sünder! Aber im Spiegel der 10 Gebote sehe ich tiefer. Da sehe ich hinter meine Fassade. Da entdecke ich, wie tief der Egoismus in mir steckt und sich in meinen Taten, meinen Worten und in meinen Gedanken bemerkbar macht. Die 10 Gebote zeigen mir: Ich bin wie ein Apfel, von außen schön anzusehen, aber wenn man ihn aufschneidet, merkt man, dass er durch und durch wurmstichig ist. Die Sünde zieht sich wie ein roter Faden durch mein ganzes Leben.
Wer die 10 Gebote auf sein Leben anwendet, der merkt: Ich schaff das nicht, so zu leben, wie Gott es will. Ich kann das gar nicht schaffen. Wie gehe ich mit dieser Erkenntnis um? Es gibt verschiedene Möglichkeiten:
Erstens: Man kann den Spiegel Gottes abhängen oder zertrümmern, weil man seinen Anblick nicht mehr aushält. D. h. man kann sich gegen den radikalen Anspruch Gottes auflehnen und auch gegen die Boten Gottes, die diesen Anspruch noch auszudrücken wagen. Aber so eine Reaktion ändert ja nichts an der Tatsache, dass ich nicht so bin, wie ich sein sollte.
Zweite Möglichkeit: Ich gewöhne mich an den Anblick. Ich bin nicht so, wie ich sein soll? Okay, das ist halt so. Andere sind auch nicht besser. Aber durch so eine Einstellung ändert sich auch nichts bei mir.
Dritte Möglichkeit: Ich mache mir Selbstvorwürfe: Wie konnte ich nur! Ich zerfleische mich selber. Ich bin enttäuscht von mir, aus verletztem Stolz. Und ändert esosich auch nichts.
Vierte Möglichkeit: Ich tue Buße. Das ist etwas Anderes wie sich Vorwürfe zu machen. Wer Buße tut, der ist ief beschämt und erschrocken über seinen Mangel an Liebe zu Gott und seinen Mitmenschen gegenüber. Der bereut seine Sünde, bittet Gott um Vergebung und darum, ein anderer Mensch zu werden.
Wer das tut, der wird ein Wunder erleben: das Wunder der Vergebung, der Erfahrung der Liebe Gottes, das Wunder, dass Gott mich annimmt, trotz meiner Sünde, ja gerade deshalb, weil ich sie erkannt und bekannt habe.
Wer ehrlich in den Spiegel der 10 Gebote sieht, der wird eine andere, wunderbare Erfahrung machen:
Dem hält Gott einen neuen Spiegel vor, den Spiegel des Kreuzes Jesu. Wer da hineinschaut, ist wiederum verwundert. Er sieht dann auf einmal eine andere Wahrheit, nicht mehr die Wahrheit, die mir die 10 Gebote zeigen. Sondern er sieht den Menschen, den Jesus am Kreuz erlöst hat, den er befreit hat von der Sünde, dem vergeben ist und der von der Liebe Gottes verändert ist. Auf einmal sehe ich mich so, wie Gott mich gemeint hat.
Welches dieser beiden Spiegelbilder ist nun das wahre, das erste oder das zweite? Sie stimmen beide. Ich bin ein Sünder, leider ist das so und ich werde es immer wieder im Laufe meines Lebens erkennen müssen. Aber das andere ist auch wahr, die Wahrheit des Glaubens: Ich darf glauben, dass meine Sünde vergeben ist, weil Jesus für mich am Kreuz gestorben ist. Ich darf glauben, sie zählt nicht mehr vor Gott. Und ich darf glauben, dass ich auch befreit bin von der Macht der Sünde, dass ich nicht mehr sündigen muss.
Unser Leben lang brauchen wir beide Spiegel. Der erste Spiegel, die 10 Gebote, bewahrt uns davor, dass wir stolz und oberflächlich werden. Er holt uns immer wieder herunter auf den Boden der Tatsachen.
Und der zweite Spiegel, der Spiegel des Kreuzes Jesu, bewahrt uns davor, dass wir verzweifeln. In diesen Spiegel dürfen wir immer wieder hineinsehen. Und wir werden dort immer wieder die Liebe Gottes entdecken. Diese Liebe wird uns verändern. Sie lässt uns nicht so, wie wir sind. Überwältigt von dieser Liebe werde ich anders, werde ich selber so lieb wie Jesus zu uns ist. Dann möchte ich nach seinen Geboten leben, möchte Gott lieben und meinem Nächsten Liebes tun.
Sicher vollzieht sich diese Veränderung bei keinem von uns von einer Stunde zur anderen. Wir haben unser ganzes Leben lang mit Rückfällen zu tun. Jeder Christ kennt die Klage: "Wird es denn nie mit mir anders?" Aber wenn wir bei Jesus bleiben, wird seine Liebe sich bei uns durchsetzen. Wenn er bei einem sein gutes Werk angefangen hat, wird er es auch vollenden. Er macht keine halben Sachen, bei mir nicht und auch bei dir nicht!

Amen 
 

© 2013 Dieter Opitz