"Durch's Meer gewundert" - Kreuz & Quer vom 12.05.13, 2. Mose 14 i. A.

So sieht das chinesische Wort für Krise aus. Es verwendet Schriftzeichen, die aus den Worten Gefahr und Chance stammen. Krisen sind immer beides: Chance und Gefahr.
Wir haben soeben von einer Krise gehört, einer Krise, die die Existenz des Volkes Israel zu vernichten drohte.
Noch vor kurzer Zeit sah alles ganz anders aus. Die Nachkommen Jakobs lebten in Ägypten. Sie wurden dort ein großes Volk. Und sie wurden zu Sklaven der Ägypter. Doch diese Zeit war nun vorbei. Der Pharao ließ sie ziehen. Und so zogen sie los. Ein Volk herrenloser Sklaven, mit ihren Frauen und Kindern. Endlich frei!
Doch nun die unerwartete Wende. Pharao bereute seine Entscheidung. Elitesoldaten auf Streitwägen jagten den Israeliten nach. Und sie hatten das langsam dahinzottelnde Volk bald eingeholt. Die Israeliten waren zwischen einem Gebirgszug und einem Meeresarm eingekeilt. Und hinter ihnen die heranpreschenden Streitwagen der Ägypter. Aussichtsloser geht's nicht mehr.
Ich weiß nicht, ob alle unter uns schon mal in aussichtslosen Lagen gewesen waren. Der eine oder andere wahrscheinlich schon. Das kann schon in der Schule gewesen sein: Vielleicht vor einer Schulaufgabe, wo nur eine sehr schlechte Note zu erwarten ist. Oder wenn einer im höheren Alter arbeitslos geworden ist und nun eine Arbeit sucht. Oder eine brenzlige Situation im Straßenverkehr. Oder eine schwere Erkrankung. Es hängt auch von einem selbst ab, wie er die Lage einschätzt. Was für den einen eine aussichtslose Lage ist, ist für den anderen gar nicht so dramatisch - und umgekehrt auch.
Was tun in solchen Situationen? Es gibt mehrere Möglichkeiten. Erste Möglichkeit: Man gerät in Panik. Panische Angst hatten auch die Israeliten. Jetzt ist alles aus, so dachten sie. Sie sahen nur noch den Tod vor sich. Zynisch sagen sie zu Mose, ihrem Anführer: "Wieso hast du uns bis hierher in die Wüste gebracht? Gräber gibt es auch in Ägypten!" Ich kenne das auch, und viele unter uns wohl ebenso: Die Neigung, schwarz zu sehen, die Neigung zum Zweifeln, die innere Stimme, die einem einreden will: "Gib auf. Das wird nichts. Da kann dir niemand helfen."
Rabenschwarze Gedanken, die uns alle nicht weiterhelfen, die uns runterziehen, uns depressiv machen und einen vielleicht zu dem verzweifelten Entschluss führen wollen: "Mach doch Schluss. Es hat alles keinen Sinn mehr." Das sind alles keine hilfreichen Gedanken, im Gegenteil, sie machen uns kaputt, wenn wir ihnen nachgeben.
Zweite Möglichkeit: Man gerät in Hektik. Man fordert sich auf: "Tu was! Raff dich auf! Bleib nicht stehen, weiterkämpfen, weitereilen!" Übereilte Handlungen helfen uns auch nicht weiter. Wir kennen das vielleicht: Wenn unserem Handeln die Ruhe und Besonnenheit fehlt, dann machen wir garantiert das Falsche.
Dritte Möglichkeit: Man ist hochmütig und vermessen. Man denkt: "Mir kann doch nichts passieren. Gott wird mir schon helfen!" Das ist ein falsches, überhebliches Gottvertrauen. Ich hab mal mit jemanden gesprochen, der meinte, wer Gott vertraut, der wird nicht krank. Ich habe zu ihm gesagt: "Ja meinst du, du bleibst dann dein Leben lang gesund und wirst hundert Jahre alt?" Er antwortete: "Ja." Was will man darauf sagen? Ich konnte nur erwidern: "Wir werden sehen." Das ist kein rechter Glaube, der meint: Gott muss für mich selbstverständlich ein Wunder tun.
Unser Bibeltext weist uns einen anderen Weg, in scheinbar aussichtslosen Lagen zu bestehen. Mose sagt dem Volk: "Fürchtet euch nicht, stehet fest und seht auf das, was Gott für euch tut, wenn ihr still haltet." Das ist sicher ein schwerer aber doch ein guter Rat. Sei still, tu erst einmal gar nichts sondern versuche dich zu beruhigen. Bei mir klappt das zum Beispiel in der Regel recht gut, wenn ich mich gerade im größten Stress mal fünf Minuten hinlege und die Augen schließe, - wenn es natürlich möglich ist. Zur Ruhe kommen, da gibt es sicher viele Möglichkeiten, wie ein kurzer oder längerer Spaziergang, Sport, Gartenarbeit oder beruhigende Musik hören.
Zur Ruhe kommen, das kann einem sogar das Leben retten. So habe ich es erlebt. Ich weiß, wie das ist, wenn die Todesangst einen packt. Als kleiner Junge wäre ich nämlich im Roten Main beinahe ertrunken. Ich konnte nicht schwimmen und war schon unter Wasser. Ich merkte: Alle deine Anstrengungen bringen dich nicht nach oben. Ich schloss innerlich mit meinem Leben ab und wurde auf einmal ganz ruhig. Ich ließ mich im Wasser des Roten Mains treiben - und hatte dann nach einer gefühlten Ewigkeit auf einmal wieder Boden unter den Füßen und war gerettet. Wenn ich in Hektik geraten wäre, - ich weiß nicht, ob ich heute hier stehen würde.
"Fürchtet euch nicht!" So lautet der nächste Ratschlag, den Mose dem Volk Israel gibt. Angst ist eine normale menschliche Reaktion, wenn wir in bedrohlichen Situationen sind. Angst mahnt uns zur Vorsicht und bewahrt uns oft davor riskante Entscheidungen zu treffen. Dafür gibt es viele Beispiele wie beim Verhalten im Straßenverkehr, beim Umgang mit Geld oder beim Ausprobieren von Alkohol und Drogen. Aber Angst kann auch blockieren. Angst kann uns zu unsinnigem Verhalten veranlassen, das uns nicht weiterhilft.
Eine Fabel erzählt: Ein Vogel lag auf dem Rücken und hielt seine Beine starr gegen den Himmel ausgestreckt. Ein anderer Vogel flog vorüber und fragte ihn verwundert. "Warum liegst du so da? Und warum hältst du deine Beine so steif nach oben?" Da antwortete der Vogel: "Ich trage den Himmel mit meinen Beinen. Und wenn ich losließe und meine Beine anzöge, so würde der Himmel über uns einstürzen!"
Und als er das gesagt hatte, löste sich vom nahen Baum ein winziges Blatt und fiel raschelnd zur Erde nieder. Der Vogel erschrak darüber so sehr, dass er sich geschwind aufrichtete und eilig davonflog. Der Himmel aber blieb an seinem Ort und stürzte nicht ein.
Wer Angst hat und in schwierigen Situationen zur Furcht neigt, sollte sich vor Augen halten: Ich bin nicht Gott. Ich muss und kann auch nicht alles in meinem Leben regeln und alle Probleme lösen. Nicht wir halten den Himmel und die Erde, das Leben und uns selbst. Von guten starken Händen werden wir mitsamt der Welt gehalten. Gott steckt den Rahmen meines Lebens ab und sorgt auch dafür, dass innerhalb dieses Rahmens nur das geschieht, was er will.
Das ist keine bloße Behauptung sondern erlebbar und erzählbar. Drei Personen wollen uns nun erzählen, wie Gott ihnen in für sie schwierigen Situationen geholfen hat.

- 2. Teil -

Gott hilft in kleinen Dingen unseres Lebens. Gott erhört Gebet und er belohnt Vertrauen. So können es viele Christen erlebt. Doch so eine Geschichte wie der Durchzug der Israeliten durchs Schilfmeer ist natürlich ein anderes Kaliber. Kann man diese Geschichte wirklich glauben oder gehört sie in den Bereich der Sagen und Märchen? Nun gibt es viele Menschen, für die ist die Bibel nur eine Sammlung von Märchen. Diese Behauptung wird nicht dadurch wahrer, je öfter man sie wiederholt. Ob ich diese Geschichte vom Durchzug durchs Schilfmeer glauben kann, hängt davon ab, welches Bild von Gott ich habe. Glaube ich, dass Gott auch in die Geschichte von Menschen und Völkern eingreift oder glaube ich es nicht? Durch die ganze Bibel zieht sich die Überzeugung, dass Gott auch der Herr der Weltgeschichte ist. Und diese Überzeugung teile ich. In einem Lied heißt es: "Wie groß ist mein Gott, kein andrer wie er, kein Name so groß, nur er ist der Herr. Er teilte die Fluten vom Roten Meer, hat auch heute noch dieselbe Kraft, nichts ist ihm zu schwer."
Gott greift ein, nicht nur im Leben einzelner Menschen sondern auch in der Weltgeschichte. Haben wir Deutsche dies nicht handgreiflich in unserer jüngsten Vergangenheit erlebt? Ich denke an die Öffnung der Berliner Mauer im Jahr 1989. Wenn jemand noch kurze Zeit vorher gesagt hätte: Die Mauer wird bald offen sein, die DDR-Bürger werden ohne Behinderung in den Westen reisen können, der wäre wohl als Träumer und Märchenerzähler verlacht worden. Aber, wie wir alle wissen, war die Grenzöffnung kein Märchen sondern Wirklichkeit. Am 9. November 1989 strömten die Ostberliner in den Westen ihrer Stadt. Viele brachen in Tränen aus, als sie ungehindert die Berliner Mauer passieren konnten. Wildfremde Menschen lagen sich in den Armen und feierten das Wunder: Die Mauer ist offen! Die Grenzöffnung kam ihnen wie ein Märchen vor aber trotzdem war sie Wirklichkeit. Und Gott schenkte sogar eine unblutige Wende, mit ausgelöst durch die Gebete und das mutige Handeln von Christen.
Und Gott stürzte nicht nur die Macht der Diktatoren vor über 20 Jahren sondern auch die der braunen vor fast 70 Jahren. Damals ging es leider nicht unblutig zu, überhaupt nicht. Sondern Millionen von Menschen mussten für den Größenwahnsinn eines Menschen bezahlen. War es am Schilfmeer dreitausend Jahre vorher nicht ähnlich? Der unbeugsame Stolz eines Diktators, des Pharao, kostete seinen Soldaten das Leben. Das war nicht die Schuld Gottes sondern die des ägyptischen Königs. Gott ist kein Rassist. Er liebt die Juden wie die Ägypter. Wir können für viele schreckliche Ereignisse nicht Gott die Schuld in die Schuhe schieben, wo die Menschen dran schuld sind und sich selber ins Unglück stürzen. Das ist schrecklich und entsetzlich, und wäre nicht zum Aushalten, wenn wir nicht die biblisch begründete Hoffnung hätten, dass das grausame Sterben und Morden einmal ein Ende haben wird. Wir dürfen darauf hoffen, dass Jesus Christus wiederkommt und sein ewiges Friedensreich auf dieser Erde aufrichtet.
Also, Gott greift ein, auch in der Weltgeschichte. Wieso sollte ihm damals am Schilfmeer nicht auch die Rettung der Israeliten möglich gewesen sein? Sogar der sonst sehr kritische "Spiegel" berichtete vor einiger Zeit: Klimatologen und Archäologen haben Hinweise dafür gefunden, dass die in der Bibel erzählte Geschichte sich tatsächlich zugetragen haben kann, und zwar im Nildelta, in der Nähe der heutigen Stadt Port Said.
Den Berechnungen der Forscher zufolge konnten in der Biegung eines Nilarmes Ostwinde mit einer Stärke von etwa 100 Stundenkilometern binnen zwölf Stunden eine trockene Passage freilegen. Diese etwa vier Kilometer lange und fünf Kilometer breite Furt war der Studie zufolge für rund vier Stunden begehbar. Beim Nachlassen des Sturms konnten die Wassermassen demnach recht abrupt zurückkehren.
Ob es so war, kann natürlich niemand beweisen. Aber wissenschaftlich gesehen, wäre es möglich - und trotzdem ein Wunder. Denn ein Wunder ist nicht nur das, was für uns unerklärlich ist. Ein Wunder ist ein Eingreifen Gottes, auch wenn es nicht übernatürlich zugeht. Der Unglaube deutet so ein Ereignis als Zufall. Aber der Glaubende weiß: Da hat Gott eingegriffen.
In aussichtslosen Lagen hat Gott immer wieder eingegriffen. Er ist der Herr der Weltgeschichte, über die Mächte und auch in unserem Leben. Weil dies so ist, erwartet er von uns, dass wir ihm dies auch zutrauen, ihn um Hilfe bitten und damit rechnen, dass sie kommt.
Persönliche Frage: Wohin wenden wir uns, wenn wir uns in einer Angst einflössenden Situation befinden? Wo schauen wir hin, wenn wir nicht mehr weiterwissen? Ich möchte auf Gott schauen und als Christ auf seinen Sohn Jesus Christus und ihm vertrauen. Ich habe es auch schon oft getan und seine Hilfe erfahren.
Vielleicht sind es auch unsere eigene vermeintliche Stärke, unsere eigenen Bemühungen, der Not Herr zu werden, die Jesus im Weg stehen. Mit unseren Bemühungen bewirken wir oft nichts. Viel besser ist es zu sagen: "Jesus, ich kapituliere. Ich vermag nichts! Jetzt kannst nur noch du helfen." Dann zeigt er auch seine Treue und seine Zuverlässigkeit. Manchmal lässt er uns in die tiefste Tiefe fallen, damit wir hilflos werden und uns nach seiner Hilfe ausstrecken und ihm vertrauen.
Und wenn dieser Glaube so klein wie ein Senfkorn ist, wird Gott trotzdem helfen. Er sieht nicht die Größe unseres Glaubens an. Es reicht ihm schon aus, ob wir vertrauen wollen, ob wir wie jener Mann in der Bibel sprechen: "Herr, ich glaube, hilf meinem Unglauben!" So glauben kann jeder. Einfach zu Jesus kommen mit all seiner Not, auch mit seiner Not, nicht glauben zu können. Er lässt dich dann nicht im Stich. Sondern er steht dir bei und hilft dir.
Wer sich mit Jesus einlässt, erlebt immer wieder Überraschungen mit ihm. Ein Leben mit ihm ist nicht langweilig sondern aufregend. Jesus ist kein Langweiler. Es kommt nicht immer alles so, wie wir es uns vorstellen. Wir dürfen Jesus nicht vorschreiben, wann und wie er einzugreifen hat. Aber ich darf bei allem Aufregendem immer gespannt sein, wie er es wohl zu einem guten Ende hinausführt.


Amen 
 

© 2013 Dieter Opitz