"Keine halben Sachen" - Kreuz & Quer vom 21.11.12, Offenbarung 3,14-21

Liebe Gemeinde!
Ihr kennt sicher die Witze, die so anfangen: "Was ist der Unterschied zwischen…?" Zum Beispiel den: Was ist der Unterschied zwischen einem Bäcker und einem Teppich? Antwort: Der Bäcker muss jeden Tag um zwei Uhr aufstehen. Der Teppich darf liegen bleiben. Oder: Was ist der Unterschied zwischen einem Fußgänger und einem Fußballprofi? Antwort: Der Fußgänger darf bei "Grün" gehen und der Fußballprofi bei "Rot".
Noch so eine Frage, und das ist nun kein Witz: Was ist der Unterschied zwischen einem Christen und einem Nichtchristen? Ich nehme an, dazu fallen euch eine ganze Menge Antworten ein wie: Christen glauben an Jesus, sie lesen in der Bibel, beten, besuchen den Gottesdienst, richten sich nach den 10 Geboten oder ähnliches.
Konkreter wird die Frage, wenn man sie so formuliert: Was ist der Unterschied zwischen dir und einem Nichtchristen? Was würdest du da sagen? (Was würden andere, die dich kennen, auf diese Frage antworten? Was würde Jesus zu dir auf diese Frage sagen? )
Vielleicht würde ja jemand antworten: Ein Superchrist bin ich zwar nicht gerade. Da gibt es schon Punkte, die für einen Christen nicht gerade vorbildhaft sind. Aber so wie ein Nichtchrist denke, rede und handle ich auch nicht. Natürlich glaube ich an Gott und an Jesus, ich lese auch in der Bibel, besuche den Gottesdienst und auch die 10 Gebote bedeuten mir schon mehr als einem Nichtchristen. Ich bin kein sehr guter, aber auch kein sehr schlechter sondern irgendwie ein mittelmäßiger Christ.
Mittelmaß ist nun nicht gerade das, wonach ein Mensch strebt. Es wäre doch schön, wenn man irgendwo in seinem Leben etwas Besonderes leisten würde, etwas, bei dem ich anderen voraus bin, wie in der Schule, im Beruf oder bei einem Hobby. Ob man dafür auch etwas tut, ist eine andere Frage.
Aber was das Christsein anbelangt, so scheint das Mittelmaß das Ideal von Vielen zu sein. Ja nicht zu eifrig sein, - das wäre ja Fanatismus. Wer will schon in einen Topf mit irgendwelchen religiösen Eiferern gesteckt werden? Aber absolut ohne Gott leben, das wollen Viele auch nicht, und hier in diesem Gottesdienst wohl keiner.
Auf die richtige Temperatur kommt es an. Wenn ich ein Baby bade, darf es nicht zu heiß und nicht zu kalt sein. Das Kleine soll ja keinen Hitze- bzw. Kälteschock bekommen. So schön lauwarm ist am besten. Was ist die richtige Temperatur für den Glauben an Jesus? Gut temperiert, wie ein Babywannenbad? Wenn wir ehrlich sind, mögen wir das wohl temperierte Christentum, nicht zu heiß, nicht zu kalt, nicht zu viel, nicht zu wenig. Christsein soll gut tun, Wellness für die Seele sein. Aber es soll nicht weh tun, soll nicht zu anstrengend sein, es soll bequem sein. Mit einem Wort: Ich suche mir nur das Angenehme im Christentum heraus. Ich möchte nur etwas von der Liebe Gottes hören und sie genießen, aber mein Leben ändern möchte ich nicht.
So ein Christsein ist total daneben. Es ist eine halbe Sache. Und halbe Sachen funktionieren nicht. Das ist wie wenn ich beim Autofahren gleichzeitig bremse und Gas gebe. Du kommst nicht vorwärts. Das ist wie wenn ein Mann verheiratet ist und doch so lebt, als ob er es nicht wäre, sich um alles andere kümmert, um seinen Beruf, seine Hobbys, seine Freunde, aber nicht um seine Frau. Da hätte er genauso gut ledig sein können. Das ist wie wenn einer ein anspruchsvolles Studium anfängt, aber er tut nur einmal die Woche was dafür. So ein Studium wird in der Regel scheitern.
In den Worten, die ich eben vorgelesen habe, nennt Jesus so ein Christsein "lau" und spricht eine deutliche Warnung aus: "Weil du aber lau bist und weder warm noch kalt, werde ich dich ausspeien aus meinem Munde." Empfänger dieser Worte waren die Christen in Laodicea, einem Ort in Kleinasien, also der heutigen Türkei. Für sie sicher ein sehr eindrückliches Bild. Oberhalb der Stadt gab es eine Heilquelle. Heißes Wasser sprudelte dort heraus. Kranke konnten sich in dem Heilwasser baden. Das heiße Quellwasser floss über Felsterrassen herab und verlor an Heilkraft und Wärme. Das unten im Tal ankommende Wasser war lauwarm und ohne heilende Wirkung. Es hatte seine Kraft verloren und schmeckte fade und abgestanden. An diese Erfahrung knüpfte Jesus an, wenn er die Christen von Laodicea mit lauwarmem Wasser vergleicht.
Sie hatten ein Christsein, von dem ging nichts mehr aus, nichts Gutes, nichts Wohltuendes, Heilendes. Christsein zum Abgewöhnen, zum Ausspucken. Ein Spottvers über eine misslungene Feier beginnt mit den Worten: "Wenn die Suppe so warm gewesen wäre wie der Sekt…" Jeder Feinschmecker weiß: Suppe wird heiß serviert und Sekt eiskalt. Eine lauwarme Suppe schmeckt nicht ebenso wie lauwarmer Sekt.
Ein laues Christentum ist nichts Halbes und nichts Ganzes, eben halbherzig. Ich möchte ein paar Punkte nennen, wie so ein Christsein aussehen kann. Laues Christentum ist bequem. Man weiß schon, was richtig wäre und was einem gut tun würde, aber man tut es nicht, weil man zu faul ist. Das Bett ist so schön warm, da fällt halt die morgendliche Bibellese und das Gebet aus. Das Wetter ist so schlecht, da trinke ich lieber gemütlich eine Tasse Tee als in den Gottesdienst zu gehen. Das Fernsehprogramm ist so spannend, da setze ich mich lieber vor die Glotze als andern Menschen Gutes zu tun wie etwa kranken Menschen im Krankenhaus Lieder zu singen oder seiner kleinen Schwester die Hausaufgaben zu erklären.
Ich musste ja noch so eine richtige Konfirmandenprüfung machen. Hinter einem saß die versammelte Gemeinde und vor uns Konfirmanden der Pfarrer, der uns seine Fragen stellte. Einmal fragte er uns: "Was ist Sünde? Nennt Beispiele!" Ich meldete mich und antwortete: "Faulheit." Die Gemeinde lachte. Auch mein Konfirmationspfarrer schmunzelte. Aber er war mit dieser Antwort vollkommen einig. Denn er selber sagte einmal: "Die Faulheit ist die primitivste aber gewaltigste - also effektivste - Sünde."
Zweiter Punkt: Laues Christsein ist feige. Man traut sich nicht, seinen Glauben zu bekennen, wenn es darauf ankommt, etwa wenn er vor meinen Ohren lächerlich gemacht wird oder wenn es darum geht, andere zu einem Gottesdienst einzuladen.
Dritter Punkt: Laues Christsein ist leichtsinnig. Man flirtet mit Dingen, die eindeutig schlecht sind. Man weiß schon, wenn ich mich mit den Leuten treffe, dann wird nur hohles Zeug geredet oder da wird sicher wieder zuviel Alkohol getrunken, aber man macht es trotzdem, weil man denkt, ich kann doch wieder gehen, wenn es mir nicht mehr gefällt. Oder man denkt beim Umgang mit Medien: Ich weiß schon selber, was ich anschauen oder anhören kann, und hat sich dann doch nicht mehr im Griff und sieht und hört Dinge an, von denen man weiß, sie sind nicht in Ordnung. Oder man ist zu leichtsinnig im Umgang mit dem anderen Geschlecht. Man denkt: "Ich weiß doch, wie weit ich gehen kann," und geht dann doch zu weit.
Bestimmt haben wir schon von diesem makabren wissenschaftlichen Experiment gehört: Wenn man einen Frosch ins heißes Wasser wirft, springt er sofort heraus. Wenn man ihn aber ins Wasser setzt, solange es noch kalt ist, und dann das Wasser langsam erwärmt, kann man den Frosch zu Tode kochen, ehe er merkt, was los ist.
So kann man mit der Sünde am Anfang nur ein bisschen spielen, vielleicht nur in Gedanken, aber ehe man sich versieht, hat man sie dann doch getan, sitzt du im heißen Wasser.
Vierter Punkt: Laues Christsein ist lustlos. Keine Freude am Gottesdienst, keine Freude am Bibellesen und Beten, keine Freude, Gutes zu tun, sondern nur Abarbeiten einer Pflicht. Da passiert nichts mehr bei so einem Christsein, man bekommt keine neuen Impulse mehr von Gott und erlebt nichts mehr mit ihm.
Und der letzte Punkt: Laues Christsein macht sich selber etwas vor. Jesus sagt der Gemeinde von Laodicea: Du sprichst: Ich in reich und habe genug und brauche nichts! und weißt nicht, dass du elend und bedürftig bist, arm, blind und nackt." Die Christen in Laodiea lügen sich in die eigene Tasche. Laues Christsein hält sich für vorzeigbar, in Ordnung und denkt: Ich bin schon so recht, wie ich bin. Dabei hat man nur den falschen Maßstab: Man will selber entscheiden, wie weit man sich auf Gott einlässt. Jesus sagt aber klar und deutlich: Ihr irrt euch. Bei euch stimmt es hinten und vorn nicht.
Dieser schonungslosen Diagnose folgt die Empfehlung zur Therapie: "Ich rate dir…" So unaufdringlich, behutsam, bittend und werbend spricht er uns an. Er meint es ganz ernst mit uns und will nicht, dass wir so bleiben wie wir sind. Wer seine Ratschläge befolgt, dessen Christsein wird sich ändern, von einem lauen zu einem heißen.
Laodiceas Christen waren stolz auf ihren Wohlstand. Gold, Wollstoffe und Augensalben begründeten ihren Reichtum. Aber all das ist vergänglich. Jesus aber bietet Unvergängliches an, das auch in Krisenzeiten überdauert: "Gold" - echte Jesusnachfolge, die täglich auf Jesu Wort hört und bei ihm bleibt, auch wenn es im Leben schwierig wird. "Gold" - die Gemeinschaft mit ihm, die wertvoller ist alles andere auf der Welt. "Weiße Kleider" - die Vergebung unserer Schuld. Durch sein stellvertretendes Leiden und Sterben am Kreuz können wir sie geschenkt bekommen! Wenn ich mich bei Jesus neu einkleiden lasse, dann verliert die Sünde ihre Macht über mich. Da werde ich frei von ihr, frei von den vielen Dingen, die mich gefangen nehmen. Da kommt Freude auf, deshalb die Farbe weiß. Oder habt ihr schon mal eine traurige Braut gesehen? "Augensalbe" - der Geist Gottes, der uns die Augen über uns selbst öffnet und uns zeigt, wer wir sind - in unserer lauwarmen Halbherzigkeit und lustlosen Frömmigkeit. Der uns unsere Sünde aufdeckt und uns auch klarmacht, wer Jesus ist: derjenige, der uns allein unsere Sünde vergeben kann. Das alles schenkt er dir, auch heute in diesem Gottesdienst. Wir brauchen nur aufpassen, hinhören, zum Abendmahl gehen und das nehmen und glauben, was Gott uns anbietet.
Ich denke an einen Christen, der glaubte schon an Jesus. Er war jung und fromm, betete und las in der Bibel. Trotzdem war sein Christsein lau. Er lebte unter den Möglichkeiten, die Gott für sein Leben bereit hielt. Sein Name war Zinzendorf.
Sein Vater macht ihm ein großzügiges Geschenk: eine Bildungsreise durch Europa. Er kam auch nach Düsseldorf, um eine Kunstgalerie zu besuchen. Vor einem Bild blieb er stehen, fasziniert und betroffen zugleich. Es stellte den Gekreuzigten dar. Am unteren Bildrand stand: "Das tat ich für dich, was tust du für mich?"
Dieses Erlebnis vor dem Bild in Düsseldorf weckte in ihm die Leidenschaft für Jesus. Dieser Gekreuzigte und seine Liebe prägte nun sein Leben. Er sagte: Ich habe nur eine Leidenschaft und das ist Jesus!
Diese Leidenschaft brachte ihn nicht dazu, dass er sich still in eine Ecke setzte und fromme Gefühle für Jesus entwickelte. Die hatte er zwar auch. Aber diese neue Leidenschaft veränderte sein ganzes Leben. Sie brachte ihn dazu, auf seinem Gut in Herrenhut Flüchtlinge aufzunehmen, egal welcher Konfession sie angehörten. Diese neue Gemeinschaft, die dadurch entstand, nannte er "Brüdergemeine".
Diese Leidenschaft brachte ihn und seine Freunde dazu, bis an die Enden der Erde zu fahren, um den Ärmsten der Armen Hilfe und das Evangelium zu bringen. Sie nahmen ihre selbstgezimmerten Särge als Überseekisten gleich mit, da sie nicht erwarteten, lebend nach Hause zurückzukehren. Sie ließen sich auf den karibischen Inseln als Sklaven verkaufen, weil sie nur so die aus Afrika verschleppten Sklaven erreichen konnten. Ihr ganzes Leben war geprägt von dieser Leidenschaft für Jesus.
Und nun steht Jesus vor der Tür deines Lebens und klopft an. Denn er ist nicht aufdringlich sondern höflich. Er kommt nur zu uns, wenn wir es wollen, wenn wir ihm die Tür unseres Lebens öffnen. In unserem Predigttext sagt Jesus: "Siehe, ich stehe vor der Tür und klopfe an. Wenn jemand meine Stimme hören wird und die Tür auftun, zu dem werde ich hineingehen und das Abendmahl mit ihm halten."
Ein Kunstmaler hatte ein Gemälde beendet, auf dem er den Türe klopfenden Christus darstellt. Der kleine Sohn des Malers sagt zu seinem Vater: „Aber du hast eines falsch gemacht. Es fehlt draußen an die Tür die Klinke. Der Herr Jesus kann ja gar nicht herein.“ „Er kann es nur“, erklärte der Vater, „wenn man ihm von innen öffnet und wenn man ihn haben will. Darum habe ich die Außenklinke weggelassen.“
Und so darf ich dich nun im Namen Jesu bitten: Lass ihn doch heute in dein Leben ein! Dieser Gottesdienst am Buß- und Bettag will ein Klopfzeichen sein. Ein Klopfen an der Tür unterbricht meine Alltagsgeschäfte. Ich kann aufstehen und aufmachen. Jesus will eintreten und Gemeinschaft mit mir haben.
Du brauchst nur wie in dem Adventslied sprechen: "Komm o mein Heiland Jesus Christ, mein's Herzens Tür dir offen ist." Dann kommt er, auch jetzt in diesem Abendmahl. Unsichtbar ist er da, um dich mit seinen Gaben zu beschenken. Du darfst dir wie bei jedem Abendmahl etwas wünschen wie neue Liebe zu ihm, neuen Glauben, neue Einsatzbereitschaft für seine Sache, neue Freude. Er nimmt dafür das Alte und Verbrauchte deines Christseins und du darfst neu anfangen.

Amen 
 

© 2012 Dieter Opitz