"Echt schlecht gerächt" - Kreuz & Quer vom 15.07.12, 1. Mose 50, 15-21

Wenn die Josephgeschichte ein Western wäre, dann müsste diese Schlussszene, die ich eben vorgelesen habe, anders erzählt werden. Dann käme jetzt der Showdown, also der entscheidende Machtkampf zwischen Joseph und seinen Brüdern. Die stahlblauen, unerbittlichen Augen von Joseph und sein Revolver würden sich auf die vergeblich um Gnade winselnden Brüder richten, er würde einem nach dem anderen ihr Lebenslicht ausblasen. So wäre das Ende des Western "Die Rache des Joseph" mit dem Untertitel "Gott vergibt - Joseph nie".
Klingt natürlich abwegig. Joseph hat wie wir eben gehört haben, seinen Brüdern vergeben. Aber die Geschichte hätte tatsächlich ganz anders ausgehen können. Joseph hätte auch Rache nehmen können, mehr oder weniger blutig. Grund dazu hätte er gehabt.
Was ist denn vorausgegangen? Joseph war der Lieblingssohn seines Vaters Jakob. "Joseph hier, Joseph da", seine älteren Brüder können es nicht mehr hören. Sie wollen ihn umbringen. Im letzten Augenblick überlegen sie es sich anders und verkaufen ihn an Sklavenhändler. Seinen Vater lassen sie glauben, dass ein wildes Tier Joseph getötet hat.
Joseph landet auf dem Sklavenmarkt in Ägypten. Ein hoher Beamter des Pharao kauft ihn. Joseph macht bei ihm Karriere. Die Frau dieses Beamten möchte ihn gern als ihren Liebhaber. Doch Joseph weigert sich standhaft. Sie rächt sich an ihm. Joseph muss ins Gefängnis. Nach Jahren kommt er wieder raus und macht über Nacht eine märchenhafte Karriere. Joseph steigt zum zweitmächtigsten Mann im Staat auf. In Kanaan, dem Heimatland Josephs, kommt es zu einer Hungersnot. Doch in Ägypten gibt es genug Brot, dank der klugen Vorsorgemaßnahmen Josephs. Sein Vater Jakob schickt die übrigen Söhne an das Reich am Nil, um dort Korn zu kaufen. Es kommt zu einem erschütternden Wiedersehen mit dem tot geglaubten Joseph und zur Versöhnung mit ihm. Die Familie Jakob siedelt nach Ägypten über. Dort stirbt das Familienoberhaupt. Dann kommt der Schluss der Josephgeschichte, den ich eben vorgelesen habe.
Die Gelegenheit zur Rache an seinen Brüdern für das erlittene Unrecht wäre nun gut. Der Vater hatte bisher die schützende Hand über seine Söhne gehalten. Doch der war nun nicht mehr da. Was hat Joseph nun vor? Seine Brüder haben Angst vor seiner Rache. Das böse Gewissen wacht wieder auf. Sie leiden unter ihrer unbewältigten Vergangenheit.
Vielleicht zog bei den Brüdern Josephs das, was sie getan hatten, in ihrem Inneren vorüber: die angstvollen Augen ihres Bruders, als er um sein Leben bangen musste, das Weinen Jakobs über den geliebten Sohn, die bitteren Jahre Josephs im Gefängnis.
Sie stellen sich ihrer Vergangenheit und machen sich nichts vor. Es gibt keinen Entschuldigungsgrund für ihr Handeln. Es war Bosheit. Hier in diesem Punkt können wir uns die Brüder Josephs zum Vorbild nehmen. Sie beschönigten ihre Schuld nicht, sie verkleinerten sie nicht, sie schoben sie nicht auf andere. Sondern sie sagten ganz klipp und klar: Wir haben wie Schufte gehandelt. Vorbildhaft zeigen sie uns, was Buße tun heißt: Es ist das Verzichten von dem geringsten Versuch sich zu entschuldigen und zu rechtfertigen.
Diese Erkenntnis kam nicht von Heute auf Morgen. Es dauerte Jahre, ja Jahrzehnte, bis sie so ehrlich wurden. Eigentlich ein Wunder: Es waren ja hartgesottene Burschen, diese Brüder Josephs. Sie waren nicht zimperlich in der Wahl ihrer Mittel, wenn es darum ging, ihre Interessen durchzusetzen. Aber nun waren sie wachsweich. Es wurde ihnen klar: Das, was sie getan hatten, verjährte nicht. Da wächst kein Gras drüber. Sondern spätestens vor dem Gericht Gottes wird ihnen ihre Schuld vorgehalten.
Und du? War bei dir alles recht und richtig? Oder gibt’s auch bei dir eine unbewältigte Vergangenheit? Die Schwächen anderer ausnützen, das liegt uns ja wohl allen im Blut: Lehrer fertigmachen, oder Untergebene und Kollegen, hinter dem Rücken anderer herziehen, Menschen ausnützen, wie Kinder ihre gutmütigen Eltern oder angebliche Freunde ihre Freundinnen und dazu vielleicht noch denken: "Die anderen sind doch selbst schuld, wenn sie so mit sich umgehen lassen!" Man hat trotzdem ein gutes Gewissen, setzt sich vielleicht seelenruhig in einen Gottesdienst und meint, alles wäre in Ordnung. Aber das ist nicht wahr. Jedes Schuldversteckspiel hört irgendwann einmal auf. Und es ist gut, wenn dies geschieht, solange wir leben. Dann kann nämlich die Vergangenheit bereinigt und Schuld vergeben werden. Nach dem Tod geht das nicht mehr. Dann bekommen wir die Endabrechnung Gottes serviert.
Nur Vergebung kann unsere Lebensgeschichte bewältigen. Nur Vergebung kann Schuld auslöschen. Nur Vergebung nimmt uns die Angst vor gestern und schenkt uns Mut für Morgen. Entschuldigen können wir uns bei dem, an dem wir schuldig geworden sind. Das sollen wir auch tun, auch wenn es uns noch so schwer fällt. Aber vergeben kann uns allein Gott. Und das tut er auch, wenn wir ihn darum bitten.
Wer nun Vergebung erfahren hat, der kann auch anderen vergeben. Wer glauben kann, dass Gott ihm gut ist, der kann das Gute auch an andere weitergeben. Wenn er dies macht, dann tut er sich selber auch Gutes.
Beim Vergeben geht es nicht um das selbstquälerische Ableisten einer christlichen Tugend. Es geht um das eigene Gesundwerden! Es geht um die Entdeckung: wenn ich dem nicht vergebe, der mich verletzt hat, tut mir das selbst nicht gut. Wir meinen ja oft irrigerweise: wenn wir dem anderen nicht vergeben, schädigen und strafen wir ihn - nach dem Motto: „Selbst dran schuld! Warum war er so gemein zu mir?!“ Dabei schädigen und strafen wir uns letztlich selbst, wenn wir nicht vergeben. Der andere hat vielleicht schon längst vergessen, dass er uns verletzt hat. Er lebt herrlich und in Freuden, während wir uns mit unserer Vergebungsunwilligkeit abschleppen. Stellen wir uns den Ausdruck "einem anderen etwas nachtragen" einmal bildlich vor. Wir tragen mit unserer Unversöhnlichkeit eine ungeheure Last, nicht der andre.
Fast könnte man sagen: Tu dir doch mal was Gutes an und vergib denen, die dich verletzt haben!, Räume den Groll und die Wut, die du gegen den anderen hegst, aus deinem Herzen aus. Gelingt dir das, wirst merken: Wenn ich einem Menschen vergebe, der mich verletzt hat, tut mir das selber gut. Und wenn du es nicht schaffst, dann bitte Gott, dass er dir die Kraft gibt, zu vergeben. Bitte ihn: "Nimm diese Last der Bitterkeit von mir. Ich möchte nicht mehr mit ihr leben."
Nochmals: Der Schlüssel zum vergeben können liegt in der Vergebung Gottes begründet. Wer selber durch Gott Vergebung erfahren hat, der kann doch gar nicht anders, als seinen Schuldigern auch zu vergeben.
Ich denke an ein Erlebnis des ehemaligen bayerischen Landesbischofs Dietzfelbinger. Mit Mitgliedern des Lutherischen Weltbundes besuchte er einmal das ehemalige Konzentrationslager Auschwitz. Sie wurden hindurchgeführt, zusammen mit anderen Besuchern aus Frankreich, den USA, aus Holland, Norwegen, Schweden und Südamerika. Als Deutscher wusste man, was sie beim Anblick der Gefangenenzellen, der Gaskammern und der menschlichen Überreste aus der Lagerzeit dachten. Ein polnischer Pfarrer führte sie. Er war selber im KZ gewesen. Da es sehr heiß war, trug er über der Hose nur ein Sommerhemd mit kurzen Ärmeln, und man sah auf dem bloßen Arm noch die Gefangenennummer eintätowiert. Dietzfelbinger fragte ihn: "Können Sie eigentlich hier durch dieses Lager einen Deutschen führen?" Er antwortete mit einem warmen Lächeln: "Wir Christen können das doch aufgrund der Vergebung." So geschieht Vergangenheitsbewältigung - im privaten wie im öffentlichen Bereich - aufgrund der Vergebung.
So wie dieser polnische Pfarrer handelte auch Joseph. Er verzieh seinen Brüdern das ihm zugefügte Unrecht. Man kann es auch so ausdrücken: Er verzichtete auf seinen kleinen privaten Jüngsten Tag. Denn er wusste: Gott hat ihn trotz aller Not, trotz allem Schweren in seinem Leben doch gnädig und barmherzig geführt. Das machte ihn selber gnädig und barmherzig seinen Brüdern gegenüber. Er sagt zu ihnen: "Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen."
Mit diesem Satz wird das nicht verharmlost, was seine Brüder ihm angetan hatten. Es war böse, zweifellos, berechnend und gemein. Es ist böse, wenn Menschen dich ungerecht behandeln, dich ärgern, benachteiligen, dir was Gutes nicht gönnen, wenn Menschen sich immer wieder was Neues einfallen lassen, um dir zu schaden. Man kann auch nicht sagen: Krankheit ist Gutes. Krebs ist böse, ein Herzinfarkt ist böse. Schlechte Noten schreiben, bei Prüfungen durchfallen oder entlassen werden ist schlimm. Aber Gott kann daraus etwas Gutes machen.
Dies gilt auch für eines der düstersten Kapitel der Menschheitsgeschichte. Vor fast 2000 Jahren taten sich falsche Fromme und ein feiger Politiker zusammen, um einem Unschuldigen einen ungerechten Prozess zu machen. Jesus wurde von den Pharisäern und Schriftgelehrten angeklagt und von Pontius Pilatus zum Tode verurteilt. Er wurde verhöhnt, gefoltert, an ein Kreuz genagelt und dort grausam umgebracht. Sadistische und satanische Mächte tobten sich an Jesus aus. Ein himmelschreiendes Unrecht, wie es größer nicht möglich ist. Sündige Menschen töteten den sündlosen Sohn Gottes. Und doch nutzte Gott die Bosheit der Menschen für seinen Plan, einen wunderbaren Plan. Jesus starb keinen sinnlosen Tod. Sondern durch sein Sterben am Kreuz wurde die Schuld aller Menschen gesühnt. Gott legte die Strafe für alle Sünden auf sich, damit er uns nicht strafen muss und wir dafür Vergebung erfahren können. Gott machte aus etwas Bösem etwas Gutes, ja Wunderbares.
Wenn auch dir Schlimmes in deinem Leben widerfahren ist, bis hin zu seelischen Qualen und körperlichen Missbrauch, dann lass dich durch dieses Schicksal Jesu trösten: Er versteht dich, und er kann auch aus all dem Bösem etwas Gutes entstehen lassen.
Martin Luther King schrieb einmal:
„Komme, was mag. Gott ist mächtig! Wenn unsere Tage verdunkelt sind und unsere Nächte finsterer als tausend Mitternächte, so wollen wir stets daran denken, dass es in der Welt eine große, segnende Kraft gibt, die Gott heißt. Gott kann Wege aus der Ausweglosigkeit weisen. Er will das dunkle Gestern in ein helles Morgen verwandeln – zuletzt in den leuchtenden Morgen der Ewigkeit.“
Diesen Glauben hatte auch Joseph. Er glaubte und erfuhr, dass Gott ihn trotz allem Schweren in seinem Leben gnädig und barmherzig geführt hatte. Diese Erfahrung machte ihn selber gnädig und barmherzig seinen Brüdern gegenüber.
Wie eine Auslegung zu unserem Predigttext liest sich Dietrich Bonhoeffers Glaubensbekenntnis:
Ich glaube, dass Gott aus allem, auch aus dem Bösesten, Gutes entstehen lassen kann und will. Dafür braucht er Menschen, die sich alle Dinge zum Besten dienen lassen.
Ich glaube, dass Gott uns in jeder Notlage soviel Widerstandskraft geben will, wie wir brauchen. Aber er gibt sie nicht im voraus, damit wir uns nicht auf uns selbst, sondern allein auf ihn verlassen. In solchem Glauben müsste alle Angst vor der Zukunft überwunden sein.
Ich glaube, dass auch unsere Fehler und Irrtümer nicht vergeblich sind, und dass es Gott nicht schwerer ist, mit ihnen fertig zu werden, als mit unseren vermeintlichen Guttaten.
Ich glaube, dass Gott kein zeitloses Fatum ist, sondern dass er auf aufrichtige Gebete und verantwortliche Taten wartet und antwortet.
So ein Glaube verändert mein Leben, gibt auch Hoffnung für meine Zukunft. So ein Glaube lässt mich auf Gutes hoffen, so wie es David im Psalm 23 ausdrückt: "Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang und ich werde bleiben im Hause des Herrn immerdar."
An einem strahlenden Sommertag betrat jemand das neue Haus eines Bekannten. Voller Stolz. zeigte der Besitzer sein gerade errichtete Domizil. „Gefällt es Dir?“ fragte er. „Ein schönes Haus!“, sagte der Besucher, „ich finde es nur ein bisschen dunkel! Ihr hättet beim Bau für mehr Lichteinfall sorgen sollen!“. Der Hausbesitzer sah seinen Bekannten verdutzt an: „Du hast ja noch die Sonnenbrille auf!“, antwortete er lachend. „Wenn Du sie abnimmst, wird es heller!“. Und tatsächlich - er trug noch von der Fahrt seine Sonnenbrille auf der Nase. Und hatte es noch nicht einmal gemerkt.
Wer viele Verletzungen erfahren hat, trägt danach meist eine Brille. Sie verdunkelt die Wirklichkeit und trübt den Blick. Starke Verletzungen lassen oft unsere positiven Erwartungen ans Leben absterben, machen uns misstrauisch gegenüber unserer eigenen Zukunft, tauchen alles, was vor uns liegt, in ein dunkles Licht. „Alles hat sich gegen mich verschworen!“, sagen wir dann, „Gutes ist sicher nicht mehr zu erwarten!“.
Nun weiß ich zwar nicht, was in Deinem Leben noch alles auf dich zukommt. Aber eins weiß ich: In allem, was auf dich zukommt, kommt einer auf dich zu, der sich nicht gegen dich verschworen hat. Einer, der es gut mit dir meint. Deine bösen Erfahrungen mögen dir einreden: „Alles ist gegen mich!“ Gott aber ist für dich! Das hat er sich und dir geschworen: „Ich bin für dich - in allem, was dir widerfährt - auch in dem, was dein Leben dunkel zu machen scheint!“ Wenn aber Gott für dich ist, was kann dann letztlich gegen dich sein? Gott ist wie das Licht am Ende des Tunnels. Auf dieses Licht gehst du zu. Weil unser guter Gott dich am Ende des Tunnels erwartet, darfst du selbst wieder Gutes erwarten. Du darfst - wie sehr man dir auch weh getan hat - Gottes heilsame Güte erwarten. Gott macht es gut.

Amen 
 

© 2012 Dieter Opitz