"beGEISTert" - Kreuz & Quer vom 20.05.12, Römer 12,11


Haben Sie schon einmal fliegende Fische gesehen? Ich schon und zwar auf dem Fischmarkt in Seattle. Mit einer unglaublichen Begeisterung sind dort die Angestellten eines Fischstandes am Werk. Ihre Arbeit macht ihnen sichtlich Spaß. Immer wieder hört man von ihnen einen Gesang. Ab und zu fliegt ein Fisch durch die Luft. Die Angestellten werfen sich ihn zu, bevor er dem Käufer überreicht wird. Dieser Fischstand ist natürlich eine Goldgrube - und weltberühmt geworden. Schlaue Leute haben das Betriebsgeheimnis dieses Standes unter die Lupe genommen und ein Buch daraus gemacht.
Diese Fischverkäufer waren zweifellos von ihrer Arbeit begeistert. Begeisterung war auch das Geheimnis ihres Erfolges. Begeisterung ist eine der Voraussetzungen für den Erfolg im Beruf. Begeisterung ist auch eine Voraussetzung für ein Leben als Christ. Deshalb schreibt ja auch Paulus an die Gemeinde in Rom:
"Seid nicht träge in dem, was ihr tun sollt. Seid brennend im Geist. Dient dem Herrn."
Christen sollen also brennen, sagt Paulus hier. Das klingt ungewohnt. Die Zehntausende oder gar Hunderttausende, die vor kurzem in Dortmund ihre Mannschaft als deutschen Fußballmeister gefeiert haben, die haben gebrannt. Das Herz eines frisch Verliebten brennt, wenn er seine Angebetete oder seinen Angebeteten sieht. Aber Christen, brennen die auch, - brennen wir? Oder fehlt es da an der leidenschaftlichen Liebe zu Gott und den Mitmenschen? Und hat vielmehr die Müdigkeit und Trägheit die Oberhand gewonnen? Erschöpft sich unser Christsein im pflichtgemäßen Gottesdienstbesuch und routinierten Gebeten, aber es berührt unser Herz nicht mehr, wenn wir in der Bibel lesen oder eine Predigt hören, und unser Christsein hat dann auch mit unserem Alltag nichts mehr zu tun?
Ja, wie entsteht denn überhaupt Begeisterung für den christlichen Glauben? Man kann von der besonderen Atmosphäre auf Kirchentagen oder anderen christlichen Events begeistert sein, von christlichen Vorbildern, die man kennengelernt oder von denen man gehört hat, oder auch von der Arbeit in einer Kirchengemeinde. Aber das ist nicht die Begeisterung, von der Paulus hier spricht. Sie geht tiefer. Sie bewegt und verändert das Herz. Denn sie hat mit dem zu tun, was Jesus an mir getan hat, mit seiner unendlichen Liebe zu mir.
Und wie groß ist diese Liebe! Eine kleine Geschichte aus der Mission kann uns ihre Größe verdeutlichen. Vor einer Taufe sollen die Taufbewerber geprüft werden. Der Missionar fragte die alte Afrikanerin aus dem Transvaal: "Was hast du in diesen zwei Jahren gelernt?" Die Frau sah stumm vor sich hin. "Dann sage uns doch, was Jesus für dich getan hat." Da holte die Frau vom Lagerfeuer glühende Holzstückchen und legte sie in einen engen Kreis um einen Käfer. Der sucht vergeblich einen Ausweg. Immer näher züngeln die Flammen. Im letzten Augenblick, ehe das Tierchen sich versengen muss, greift die Frau in den Kreis hinein, hebt den Käfer heraus und gibt ihm die Freiheit. Dann schaut sie auf und sagt: "Das tat Jesus für mich!"
Diese Frau konnte keine Bibelsprüche, Gesangbuchverse und Katechismustexte aufsagen. Doch sie hat das Entscheidende begriffen. Die Liebe Christi zu ihr. Sie hat verstanden und geglaubt, dass er sie aus einer aussichtslosen Lage herausgeholt hatte. Ohne Jesus wäre sie verloren gewesen wie jener Käfer. Doch er hatte sie gerettet. Diese Liebe konnte sie nicht in Worte fassen. Aber sie hat sie sicherlich erfahren. Und das war das Entscheidende.
Überleg dir einmal: Da gibt es einen, der weiß zwar, wie du bist: Ganz und gar nicht so lieb, wie du sein solltest, ganz und gar nicht ihm gehorsam sondern oft höchst eigensinnig. Aber der liebt dich trotzdem. Der vergibt dir, wenn du seine Vergebung haben willst. Der liebt dich trotzdem, auch wenn du noch so lieblos bist. Etwas von der Größe der Liebe Christi kann einem aufgehen, wenn wir auf das Wort Luthers hören: "Und wenn einer an einem Tag 1000 Ehebrüche und 1000 Morde begangen hätte, und er käme zu Christus, würde seine Schuld bereuen und bekennen, so könnte sie ihm vergeben werden."
Die Liebe Christi ist immer größer, auch größer als die größte und abscheulichste Schuld. So eine Liebe muss einen doch bewegen und begeistern. Und zwar so bewegen, dass man selber auch so lieb sein möchte wie dieser Jesus Christus. Doch dies geschieht nicht durch unsere Bemühungen, durch unsere Kraft, sondern auch nur durch seine Liebe, durch seinen Geist in uns. So schreibt es ja auch Paulus: "Seid brennend im Geist."
Der Kirchenvater Gregor von Nyssa erzählt einmal folgende Geschichte: Ein Schausteller war mit einer Gruppe von Tänzerinnen unterwegs und tingelte durch die Dörfer. Zu dieser Gruppe gehörte auch ein großer Affe, den er so dressiert hatte, dass er gemeinsam mit den Tänzerinnen hinter einer Maske verborgen auftreten konnte. Das Publikum fand großes Vergnügen darin, zu raten, wer von den Tänzerinnen der Affe sei, was ihm aber nicht gelang. Da warf einer der Zuschauer ein paar Nüsse auf die Bühne, und das Theater war zu Ende, weil die versteckte Affennatur sogleich hinter der Maske hervorbrach und die Illusion zerstörte. Das Neue war nur vordergründig einstudiert. Hinter der Maske steckte die Natur eines Tieres und keines Menschen.
Wenn nun Christen das tun, was Gott ihnen aufgetragen hat, vor allen Dingen Liebe üben, dann sollen sie das nicht als dressierte Affen tun sondern als solche, die seinem Geist in ihrem Leben Raum gegeben haben.
Dieser Geist Gottes wirkt an den Menschen und im Menschen. Man kann ihn selber nicht sehen aber seine Auswirkungen im Leben eines Menschen. Im Galaterbrief beschreibt der Apostel Paulus diese Wirkungen. Er nennt sie die "Früchte des Geistes" und zählt da zum Beispiel Liebe, Freundlichkeit, Freude, Geduld, Güte oder Treue auf. Diese Früchte spiegeln das Wesen Gottes wider. Durch den Geist Gottes kommt also Gott selber in einen Menschen hinein.
Über diesen Geist Gottes kann ich nicht verfügen. Ich kann ihn nicht wie einen Flaschengeist in den orientalischen Märchen in Flaschen abfüllen und je nach Bedarf herausholen. Aber ich kann mich an die Orte hinbegeben, wo ich den Geist Gottes erfahren kann.
So kann ich auch nicht darüber verfügen, ob die Sonne scheint oder ob es regnet. Wer die Sonne liebt, weil sie ihn fröhlicher macht als trübsinniges Regenwetter, der kann aber schon etwas dafür tun, um in den Genuss der Sonnenstrahlen zu kommen. Wenn schönes Wetter ist, kann er nach draußen gehen. Er kann seinen Urlaub dort verbringen, wo in der Regel sehr häufig die Sonne scheint und die Wahrscheinlichkeit eines verregneten Sommers relativ gering ist. Wer sich nach Sonne sehnt und sich in ein dunkles Kellerloch zurückzieht, wenn draußen schönes Wetter ist, der braucht sich nicht zu beschweren, dass es in seiner Umgebung dunkel und kalt ist.
Wer den Geist Gottes erfahren möchte, dem rate ich, dass er sich dorthin begibt, wo dies geschehen kann. Zum Beispiel auf ein Sofa oder einen Stuhl - ja, du hast richtig gehört, - mit einer Bibel in der Hand und einem Losungsbuch. Wer regelmäßig seine Bibellese hält, der wird bei dieser Tätigkeit den Geist Gottes spüren. Bestimmte Worte in der Bibel werden ihn ansprechen, ihm klar machen, wo sich in seinem Leben etwas ändern muss, ihn trösten, Mut und Kraft für seinen Alltag geben. Dies wird nicht immer geschehen, aber doch immer wieder.
Ein weiterer Ort, wo du den Geist Gottes spüren kannst, ist die Kirche, zum Beispiel hier in der Nikodemuskirche sonntags um 9.30 Uhr normalerweise. In einer Predigt kann Gott, also sein Geist dir begegnen, mir dir reden, wie in der Bibel. Das darfst du dir erwarten. Und dies geschieht auch immer wieder.
Vor kurzem hat mich jemand angesprochen, der an einem Sonntag von einem Gottesdienst einer Kirche in Bayreuth heimfuhr. Und in der Höhe der Königsallee fiel ihm eine größere Gruppe Leute auf. Für ihn offensichtlich waren es Gottesdienstbesucher, die von der Nikodemuskirche nach hause gingen oder zu ihren geparkten Autos. Für ihn besonders auffällig war die Fröhlichkeit der Leute. Ich gehe jetzt einmal davon aus, dass diese Fröhlichkeit etwas mit dem Gottesdienst zu tun hatte. Wer sich Gottes Wort aussetzt, es hört und glaubt, der hat gute Chancen danach fröhlicher zu sein vorher. Und das ist eine Freude, die nicht nur daher rührt, weil man da vielleicht einen guten Witz gehört hat, sondern die vom Geist Gottes gewirkt ist.
Wie schon gesagt: Wer die Sonne liebt, wird wohl auch gerne in Urlaub dorthin fahren, wo sie voraussichtlich lange scheint. Wer gerne Gottes Wort hört, der kann das auch einmal etwas intensiver tun als nur einmal die Woche. Er kann auf eine christliche Freizeit fahren.
Die "Gruppe Luther" lädt ja jedes Jahr zu großen Sommerfreizeiten ein. Und manchem Freizeitteilnehmer sieht man nach diesen Freizeiten ganz deutlich an, dass sie anders geworden sind, zum Beispiel umgänglicher, freundlicher, fröhlicher. Wie ist das zu erklären? Auf den Freizeiten haben sie jeden Tag etwas vom lebendigen Gott gehört, von seiner Liebe zu ihnen. Diese Liebe haben sie nun auch in ihr Leben hineingelassen, man kann auch sagen, sie haben sich dem Heiligen Geist geöffnet. Natürlich sind sie nicht von heute auf morgen ganz andre Menschen geworden. Aber es hat doch etwas Neues angefangen, etwas Neues, dass noch wachsen muss. Da ist sicher bei vielen vor allen Dingen jüngeren Christen aber auch bei älteren noch so mancher Zweifel da, noch so manche Unsicherheit, ob man sich nun wirklich auf Gottes Wort verlassen kann, ob das wirklich stimmt, was in der Bibel steht. Aber wer jeden Tag neu der Liebe Gottes vertraut, bei dem verändert sich etwas, Stück für Stück, Unsicherheit weicht der Gewissheit, Zweifel dem Glauben. Und so verschwindet auch Trägheit im Einsatz für die Sache Jesu. Ich engagiere mich gerne für meine Kirchengemeinde oder christliche Gruppe. Mit meinen Gaben und Fähigkeiten möchte ich etwas Gutes tun, für andere Menschen und für Jesus.
Natürlich kann dieser Eifer auch wieder verschwinden. Dies geschieht in der Regel dann, wenn man sich die Zeit für Gott und sein Wort nicht mehr nimmt und sich von ihm nichts mehr erwartet.
Christsein bedeutet ein brennendes Herz für Jesus zu haben. Doch diese Glut der Liebe zu Jesus kann sehr schnell herabgebrannt sein. Und dann gehört man zu den Ausgebrannten. Burn Out. Von einer feurigen Glut ist nichts mehr zu sehen und zu spüren. Sie ist zur Asche geworden. In der Offenbarung Johannis spricht Jesus von der ersten Liebe, die man verlassen kann. In der Regel geschieht solches Verlassen unmerklich. Jesus ist einem nicht mehr so wichtig wie früher. Andere Dinge schieben sich in den Vordergrund. Das Bibellesen fällt schon einmal aus. Man ist ja nicht gesetzlich. Und am Einsatz für andere hapert's auch.
Wer sich in dieser Zustandsbeschreibung wiederfindet, dessen Gedächtnis möchte ich auf die Sprünge helfen. Überleg dir mal: Wie war denn das, als dein Herz für Jesus gebrannt hat? Da hast du doch gemerkt, wie groß deine Schuld war und wie übergroß die Liebe Jesu.
Haben wir das schon vergessen, wie sehr Jesus uns liebt, immer noch, auch wenn wir vielleicht ausgebrannte Christen geworden sind? Seine Liebe ist immer noch heiß und leidenschaftlich. Seine Liebe kann dir wieder das geben, was du vielleicht verloren hast.
Vielleicht klingt das Manchem zu fromm, wenn er von der Liebe Jesu hört, die ein Herz bewegt. Aber Jesu Liebe erfahren und ihn dann auch lieb haben, ist nicht das Steckenpferd von ein paar besonders Frommen. Allein die Liebe zu Jesus kann die Voraussetzung zum rechten christlichen Handeln und Mitarbeiten für ihn und seine Gemeinde sein.
Ich möchte dies an einem kleinen Beispiel klarmachen. Da beobachtet ein Mann auf einer Baustelle drei Maurer. Er fragt sie: „Was macht ihr da eigentlich?“ Der erste antwortet: „Ich verdiene hier Geld.“ Der zweite: „Ich setze Steine aufeinander, das sehen Sie doch.“ Der dritte antwortet mit leuchtenden Augen: „Ich baue ein Krankenhaus.“ Drei verschiedene Einstellungen, wie man seine Aufgaben verrichten kann. Drei Einstellungen auch von Leuten, die in der Gemeinde Jesu mitarbeiten. Der eine tut es als seine Pflicht, der andere, weil er ein wenig Ehre und Anerkennung sucht, und der dritte aus Liebe zu Jesus. Sie kann allein die rechte Motivation für alle Arbeit und auch Mitarbeit im Reich Gottes sein.
Die Liebe Jesu ist kein berauschendes Gefühl, das mich nun erfüllt und in dem ich selig schwelgen kann. Sie macht zwar frei und froh, aber sie drängt mich nun auch zu handeln und Verantwortung zu übernehmen. Ein Christ ist bestimmt kein Drückeberger, der seinen Aufgaben ausweicht, und der zufrieden ist, wenn es nur ihm gut geht. Sondern er bekommt eine Verantwortung übertragen. Jeder kann mit seinen Gaben, die Gott ihm anvertraut hat, etwas tun.
Jeder kann an dem Platz, wo Gott ihn hingestellt hat, Verantwortung übernehmen: für die Welt, in der er lebt und für das Reich Gottes. Wo ich kann und gefragt werde, soll ein Christ seinen guten Einfluss geltend machen und nie denken: Ach, die böse Welt lässt sich doch nicht ändern. Verantwortungsvolles Handeln ist auch das treue Gebet für das Reich Gottes. Gerade das Gebet ist ein Dienst für Gott, der nicht zu unterschätzen ist. Deshalb bete für dich, deine Familie, deine Arbeit, deine Kirchengemeinde, für den Ort, in dem du lebst, für unser Land, für verfolgte Christen. Und du wirst dich wundern, was so ein Gebet, das im Glauben gesprochen wird, bewirken kann.

Amen 
 

© 2012 Dieter Opitz