ohrtat am tatort - Kreuz & Quer vom 05.04.12, Lukas 22,47-52

Liebe Gemeinde!

Ein blutiger Beginn dieser Geschichte. Ein Jünger haut einem Soldaten ein Ohr ab. Der Evangelist Johannes nennt uns seinen Namen. Es war Petrus. Wer sonst, möchte man sagen, als dieser temperamentvolle Haudrauf. Man kann froh sein, dass er nicht besser gezielt hat. Dann wäre noch mehr passiert, als dass "nur" ein Ohr abgeschlagen wurde.
Sicher, es passieren tagtäglich viel blutigere und schlimmere Ereignisse. In Syrien sterben bei Demonstrationen seit Monaten jeden Tag Menschen. Es lassen bei Verkehrsunfällen jedes Jahr Tausende ihr Leben. Vor einiger Zeit ist eine junge Frau, die ich als Mädchen in der Schule hatte, durch unzählige Messerstiche umgebracht worden. Solche Bluttaten sind natürlich schrecklich.
Aber der Soldat, der gerade durch das Schwert des Petrus sein Ohr verloren hatte, hat sicherlich nicht gedacht: Ist ja nur ein Ohr! Das ist ja nicht so schlimm! Kaum einer denkt so, wenn er verletzt wird, ob schwer oder leicht, ob körperlich oder seelisch. Sondern er fühlt zunächst den Schmerz, vielleicht betäubt durch den Schock, dazu kommt häufig Empörung oder Panik. So ein Erlebnis wie eine Verletzung gräbt sich tief ins Gedächtnis ein. Wahrscheinlich wird man so eine Erfahrung sein Leben lang nicht vergessen. Ich kann mich immer noch an eine ungerechtfertigte Ohrfeige erinnern oder an einen Nasenbeinbruch, den mir jemand unabsichtlich mit einem Skistecken zugefügt hat. Auch wenn diese Geschichten schon vor über 40 Jahren passiert sind. Auch wenn es Verletzungen sind, die verhältnismäßig geringfügig erscheinen. Wahrscheinlich kann jeder von uns von solchen äußeren oder den meist schlimmeren inneren, also seelischen, Verletzungen erzählen.
Wir alle sind verletzt worden und haben auch umgekehrt andere verletzt, so wie Petrus. Er hat es gut gemeint. Er wollte nicht feige sein und Jesus verteidigen. Doch er hat nur einen anderen Menschen verletzt.
In dem Lied von Jörg Swoboda heißt es: "Gut gemeint und schlecht gemacht, oberflächlich ausgedacht, ist so vieles, es verdorrt, ohne dein Wort." Kann man das nicht auch von uns sagen? Wir meinten es gut, aber es kam doch nur Böses dabei heraus. Wir haben andere verletzt, nicht gerade am Kopf aber im Herzen. Verletzt mit Worten, mit Schweigen, mit abfälligen Gesten. Verletzt, vielleicht ohne dass wir es gemerkt haben, weil der andere seine Verletzung hinuntergeschluckt hat. Wie viele Menschen mag es wohl geben, die mit seelischen Narben herumlaufen, die von uns stammen.
Wir Menschen verletzen, aber Jesus heilt. Er heilt, nicht die Zeit, wie manchmal behauptet wird. Es gibt ein Gedicht von Wilhelm Busch: "Scheint Dir auch mal das Leben rau,/ Sei still und zage nicht;/ Die Zeit, die alte Bügelfrau,/ Macht alles wieder schlicht." Aber das stimmt nicht. Im Rückblick erscheinen zwar manche schlimme Ereignisse nicht mehr so schrecklich. Aber die Wunden, die bleiben.
Kein Arzt sagt zu einem Patienten, wenn der mit einer schlimmen Verletzung zu ihm kommt: Die Zeit wird das schon heilen. Sondern da werden Knochen operiert oder eingerenkt, da wird eingegipst, da werden Krankengymnastik oder Rehamaßnahmen verschrieben. Das alles braucht seine Zeit. Aber nicht die Zeit heilt, sondern die sorgfältigen Maßnahmen, die zur Heilung führen.
So ist es auch mit unseren seelischen Verletzungen. Sie gehören in die Hand eines guten Arztes. Und der beste Arzt, den ich kenne, ist Jesus Christus. Er heilt gerne und er heilt gut. Die Evangelien sind voll von solchen Heilungsgeschichten. Überall, wo Jesus in der Öffentlichkeit auftrat, da geschahen diese Heilungswunder. Unzählige Menschen kamen mit ihren Krankheiten zu ihm, und er machte sie wieder gesund. Ob es Lahme, Blinde oder Leprakranke waren, die Macht der Krankheit musste in seiner Nähe weichen. Und das letzte Heilungswunder, das er vor seinem Tod am Kreuz tat, geschah eben in der Geschichte, die wir eben gehört haben. Jesus heilte das Ohr des Soldaten, der auszog, um ihn zu verhaften.
Bei all diesen Heilungen geht um mehr als nur um körperliche Instandsetzung. Jeder, den Jesus heilt, der erfährt mehr. Der spürt etwas von der heilenden Kraft Jesu, die den ganzen Menschen verändert, nicht nur den Leib sondern auch die Seele.
Er heilt sogar das Unheilbarste, das auch nicht der beste Arzt oder Psychiater heilen kann. Das ist das verwundete Gewissen. Er kann Sünden vergeben. Das kann niemand außer er. Und wenn dies geschieht, dann ist die größte Verletzung geheilt, die Verletzung, die wir uns selber durch unsere Sünde zugefügt haben. Dann ist der Schmerz weg, den jeder kennt, wenn er unter seiner Sünde und Schuld leidet. Diese innere Heilung ist mehr wert als die äußere. Denn damit ist ja das Verhältnis zu Gott geheilt, wieder gut. Es trennt mich meine Schuld nicht mehr von ihm. Vergebung tut gut, unglaublich gut. Das ist wie ein Aufstehen aus dem Krankenbett, wie ein Wegwerfen von Krücken und du kannst wieder laufen. Jesus heilt an Körper und Seele. Nur geh zu ihm hin und lass dich von ihm heilen!
Axel Kühner erzählt einmal in einem seiner Bücher von seinem Bruder. Als er sechs Jahre alt war, verbrühte er sich mit einem Topf kochenden Wassers den ganzen Rücken. Nach einem langen Krankenhausaufenthalt war der Rücken noch eine große eitrige Wunde, die täglich neu verbunden werden musste. Jeden Morgen ganz früh wurden die Schmerzen für ihn unerträglich und er weinte und schrie: "Ich will zum Verbinden, ich will zum Verbinden!"
Das, so Kühner, ist der Schrei des verletzten, zerrissenen, gekränkten Menschen: "Ich will zum Verbinden!" Und Gott verbindet gern. Er selber sagte im Alten Testament: "Ich bin der Herr, dein Arzt." Und im Neuen Testament hören wir von Jesus dem Heiland, der die Wunden unseres Lebens verbinden und heilen will. Er heißt ja auch Heiland, der alles in unserem Leben wieder heil machen will. Waren wir schon bei Jesus mit unseren Verletzungen? Hast Du ihn an das, was in deinem Leben kaputt ist, aus eigener Schuld oder der Schuld anderer, herangelassen?
Jesus will heilen. Das ist das Grundlegende und Entscheidende für eine Veränderung in einem Leben. Aber diese Tatsache macht uns nicht an Leib und Seele gesund, wenn wir ihn nicht darum bitten und es auch glauben, dass seine heilenden Kräfte nicht auch in unserem Leben wirksam werden.
Jesus hat in neutestamtlichen Zeiten unzählige Wunder getan. In Nazareth, seiner Heimatstadt, konnte er keines tun. Die Bewohner dieses Ortes glaubten nicht an ihn. So waren Jesus die Hände gebunden. Glauben wir, dass Jesus heute noch, als der Lebendige und Auferstandene, auch in unserem Leben Wunder tun kann oder glauben wir es nicht? Wenn ja, dann können auch in unserem Leben ungeahnte göttliche Kräfte wirksam werden. Wenn nein, dann wird nur das geschehen, wozu wir mit menschlichen Kräften in der Lage sind.
Jesus begegnete einmal einem Menschen, der schon 38 Jahre gelähmt war. Er stellte diesem Kranken die auf den ersten Blick erstaunliche Frage: "Was willst du von mir?" Man könnte es auch so formulieren: "Willst du, dass ich dich gesund mache?" "Ist doch klar! Was für eine Frage?" könnte man sagen. Aber Jesus war es eben nicht klar. Denn er weiß wie so mancher Arzt, Psychiater oder Therapeut: Es gibt viele Menschen, die wollen eigentlich nicht gesund werden oder genauer gesagt, den Weg beschreiten, der sie gesund machen würde.
Nehmen wir einmal an, jemand geht wegen bestimmter Beschwerden zum Arzt. Der untersucht ihn gründlich und sagt dann zu ihm: Sie müssen Ihr Leben umstellen, das Rauchen aufgeben, nicht mehr so viel Alkohol trinken, nicht mehr so viel essen. Sie bekommen sonst einen Herzinfarkt. Das will der Patient natürlich nicht. Aber sein Leben umstellen will er auch nicht. So bleibt alles beim Alten.
Wohl jeder Therapeut und Seelsorger kennt Folgendes: Da schüttet jemand in Not sein Herz aus, oft sehr ausführlich und mit beredten Worten. Dann erklärt man ihm vorsichtig, wie sich seine Situation bessern könnte, vor allen Dingen, wo er selber dazu beitragen könnte, dass sich etwas ändern könnte. Aber davon will der Betreffende gar nichts hören. Sondern er erzählt lieber weiter, wie schlecht es ihm doch geht. Und so langsam, vielleicht bei einem zweiten oder dritten Gespräch dämmert dem Therapeuten oder Seelsorger: Dieser Mensch hat zwar wirklich große Probleme, aber er möchte nichts dazu tun, dass sich seine Lage ändert. Er möchte nur jammern und klagen und bemitleidet werden.
Und so frage ich nun einen jeden von uns: Willst du, dass Jesus dir hilft? Willst du das wirklich? Und zwar so, wie er es will? Jesus möchte nicht nur an den Symptomen unserer Not herumdoktern. Sondern er will die Ursachen angehen. Viele wollen sich gerne von Gott helfen lassen. Dazu ist er ja da, meinen sie. Aber ansonsten soll er sie und ihre Lebensführung schön in Ruhe lassen.
Bei dieser Art von Hilfe spielt Jesus nicht mit. Er ist nicht nur an unserer Oberfläche interessiert, Nicht nur sie soll intakt werden. Sondern vor allen Dingen will er, was darunter liegt heilen. In unserem Inneren, in unserem Herzen, liegen unsere eigentlichen Probleme verborgen. Tief in uns steckt die Sünde, tiefer als wir sie wahrhaben wollen. Sie bestimmt letzten Endes unser Denken, unser Handeln. Sie führt uns auch ins Verderben. Ein Leben in der Sünde macht sich nie bezahlt. Es lässt mich leer und befriedigt mich nicht.
Wenn ich nun frage: "Willst du, dass Jesus dir hilft?" so meine ich: Willst du nicht nur, dass er dich glücklich macht, dass er dich gesund macht, dass er dir auf der Arbeit oder in der Schule hilft, dass er dir einen Partner oder einen Freund oder eine Freundin gibt? Sondern willst du auch, dass er dir auch deine Schuld vergibt und dass er als dein Herr dein Leben bestimmt? Nur an einer so umfassenden Hilfe für dich ist Jesus interessiert. Alles andere sind für ihn nur halbe Sachen.
Jesus heilte dem Malchus sein Ohr. Ihm liegt sehr viel an Ohren. Wie oft hat er gesagt: "Wer Ohren hat zu hören, der höre." Gemeint ist Folgendes: Hör gut zu, wenn Gott mit dir redet, in der Bibel oder in einer Predigt. Spitz die Ohren. Denn ohne Hören, ohne Zuhören kann kein Glaube entstehen.
Wir alle haben Ohren, mit denen wir mehr oder weniger gut hören. Doch es kommt nicht nur auf das akustische Hören an sondern auch auf ein anderes Hören. Wir brauchen auch gute Ohren, die auf Gott hören. So ein Hören ist nicht selbstverständlich. Wir hören auf alles mögliche, aber die Ohren für Gott sind oft verschlossen. Da braucht es auch einen Heilungsvorgang, noch größer wie der beim Malchus. Das will Jesus tun. Willst du das auch? Dann bitte ihn auch darum: "Gib mir Ohren, die auf dich hören, und gib, dass aus diesem Hören auch ein Gehorsam entsteht, dass ich das tue, was du von mir willst."
Jesus will heilen, mehr als nur ein Ohr, sondern alles, was in deinem Leben krank und nicht in Ordnung ist. Manchmal sieht dieses Heilen anders aus, als wir es uns denken. Wir meinen oft: Das Schlimmste, was uns passieren kann, ist, wenn wir leiden müssen. Aber Jesus will uns von dem Leiden, nicht leiden zu können, heilen. Wir fürchten uns davor, arm zu werden. Aber er will uns von dem Reichtum heilen, der uns arm macht, wenn wir nämlich zu sehr am Reichtum hängen. Wir wollen nicht schwach sein. Aber Jesus will uns von der Kraft heilen, die unsere Schwäche ist, wenn wir nämlich unsere Kraft missbrauchen.
Lass dich doch heilen, auch von allen falschen, eigensinnigen Wünschen, die uns nur unglücklich machen. Er tut es, wenn du ihn darum bittest. Und so eine Heilung tut dir dann auch gut.

Amen

 

© 2012 Dieter Opitz