Jakob am Jabbok - Erst Hiebe, dann Liebe" - Kreuz & Quer vom 29.01.12, 1. Mose 32, 23-32

Liebe Gemeinde!

Tja, es dauert schon, bis das Programm "Liebe" in unserem Leben installiert ist. Da braucht man erst die richtige Partition, eben nicht "Kopf" sondern "Herz". Und dann muss noch alles mögliche aus unserem Herzen raus, wie alte Verletzungen, Groll, Bitterkeit, Geiz, aber auch unsere Götzen wie Menschen, Geld, Anerkennung. Stattdessen brauche ich Vergebung, Wertschätzung, Güte aus einem ganz bestimmten Ordner, Der heißt "Gott".
Liebe ist "Freewaare". Sie kostet kein Geld. Aber sie hat ihren Preis.
Diese Erfahrung musste auch Jakob machen, und zwar am Fluss Jabbok. Er sehnte sich nach Liebe, sein Leben lang. Aber erst dort, auf eine merkwürdige Art und Weise bekam er sie, Merkwürdig deshalb, weil diese Liebe nicht nach Liebe aussah, sondern eher nach Hieben. Ich lese diese Geschichte vor. Sie steht in 1. Mose 32, 23-32.
Wer war überhaupt dieser Jakob? Sein Vater war Isaak, seine Mutter Rebekka, sein älterer Zwillingsbruder hieß Esau. Jakob war Mamas Liebling, Isaak zog allerdings seinen Bruder Esau vor. Anerkennung, das wünschte sich Jakob von seinem Vater, und bekam sie nicht. So gerne hätte er den Erstgeburtssegen von Isaak bekommen, doch der stand Esau zu, auch wenn der sich wenig aus diesem Segen machte. Da griff Jakob zu einer List. Er spielte seinem blinden Vater vor, er sei Esau, ein schauspielerisches Meisterstück, aber Betrug. Und Jakob bekam seinen Segen.
Man kann sich fragen: Warum tat Jakob das? Es war doch klar, dass dieser Betrug sofort aufflog! Ich meine, es spielte auch Folgendes eine Rolle: Die Sehnsucht nach diesem Erstgeburtssegen war übergroß, dass sie alle moralischen Bedenken und alle Angst vor eventuellen schlimmen Konsequenzen wegspülte. Jakob wollte unbedingt die Hand seines Vaters auf seinem Kopf spüren und seine Segensworte hören.
Auch heute noch gilt: Kinder und Jugendliche sehnen sich nach der Anerkennung ihres Vaters - und bekommen sie nicht. Sie warten darauf, dass einmal ihr Vater sagt: "Das hast du gut macht." Oder: "Ich bin so froh, dass ich dich habe." - Doch sie hören solche Sätze nicht. Und die Sehnsucht nach der väterlichen Anerkennung bleibt ungestillt.
Jakob tat es sicher so gut, den Segen seines Vaters zu empfangen. Danach hatte er sich sein Leben lang gesehnt. Aber es kam, wie es kommen musste: Schon Stunden später wurde der Betrug entdeckt. Bruder Esau schäumte vor Wut. Jakob musste um sein Leben fürchten und fliehen. Und fortan haftete ihm das Image an: Jakob, der Lügner, der Betrüger, das Schlitzohr, der Gauner.
Auf seiner Flucht findet er Zuflucht bei einem ihm ebenbürtigen Schlitzohr, seinem Onkel Laban. Dieser erkannte sehr schnell, dass Jakob ein Auge auf seine Tochter Rahel geworfen hatte. Was heißt ein Auge geworfen! Jakob war hin und weg. So ein schönes Geschöpf wie diese Rahel hatte er noch nie gesehen. Er war dieser orientalischen Schönheitskönigin absolut verfallen. Diese Schwäche Jakobs nutzte sein Onkel Laban eiskalt aus. Sieben Jahre musste sein Neffe für sie bei ihm arbeiten. Dann erst durfte er Rahel zur Frau nehmen. So ein hoher Brautpreis war für die damaligen Zeiten absolut unüblich. Doch Jakob ließ sich auf diesen Deal ein. Endlich kam die Hochzeit mit seiner heiß ersehnten Rahel, - so dachte zumindest Jakob. Laban schob ihm als tief verschleierte Braut seine ältere und wenig attraktive Tochter Lea unter. Jakob spannte nichts, selbst in der Hochzeitsnacht im dunklen Beduinenzelt nicht. Erst früh am Morgen, als er sich seine Frau näher betrachtete, merkte er den Betrug.
Laban besänftigt seinen Schwiegersohn und macht ihm einen neuen Vorschlag: Er bekommt auch noch seine geliebte Rahel und zwar sofort. Aber er muss noch einmal sieben Jahre für ihn arbeiten. Auch darauf lässt sich Jakob ein. Für seine Rahel hätte er wohl alles getan.
Und so kommt es doch noch zu der Hochzeit mit seiner geliebten Rahel. Es war keine Zweckheirat sondern eine Liebesheirat, für damalige Zeiten absolut unüblich. Aber das ersehnte Glück und den ersehnten Segen brachte seine Ehe Jakob nicht. Ganz im Gegenteil. Natürlich waren die beiden Frauen eifersüchtig aufeinander. Rahel war die attraktivere, aber Lea bekam die Kinder. Rahel sorgt im Gegenzug dafür, dass Jakob sich mit ihrer Dienerin einließ, um auf diese Art und Weise zu Kindern zu kommen. Lea machte das Gleiche. Auch mit ihrer Dienerin zeugte Jakob Kinder. Und schließlich wurde endlich Rahel schwanger. Fast schon moderne Patchworkfamilienverhältnisse: Kinder von vier verschiedenen Frauen - und welche Kinder! Auch Gauner! Jakobs Söhne hatten ihrem Vater fast das Herz gebrochen.
Er trug zu dem Familienunglück seinen Teil dazu bei. Jakob zog die beiden Söhne Rahels, Joseph und Benjamin, vor. So wiederholte sich der gleiche Fehler, den sein Vater ihm gegenüber begangen hatte.
Jakobs Liebe zu Rahel, sie brachte ihm kein Glück. Sondern sie machte ihn blind und ungerecht. Warum nur? Rahel war sein ein und alles, seine Angebetete, ja sein Götze, sein Gott. Wer andere Menschen vergöttert, dem tut dies nie gut. Da kommt kein Glück und Segen in sein Leben hinein.
Die Sehnsucht nach Liebe ist in unserer Zeit unermesslich groß. Kein Thema kommt in den Schlagern und Songs so häufig vor wie die Liebe, love, l'amour oder amore. Es ist immer die erotische Liebe gemeint, also die Liebe zwischen Mann und Frau, die gegenseitige Anziehungskraft, die Sehnsucht zueinander, die Erfüllung oder das Scheitern.
Auch bei sehr jungen Menschen ist die Sehnsucht nach Liebe schon sehr groß, vielleicht umso größer, je weniger sie Liebe in der Familie bekommen. Und so kommt es zu unreifen Beziehungen von frühreifen Jugendlichen oder Kindern, die ihnen auch nicht das gibt, wonach sie sich sehnen.
Ich denke an eine 13jährige Schülerin, die sich mit einem nicht viel älteren Jungen eingelassen hatte. Danach, als er bekommen hatte, was er wollte, wollte er nichts mehr von ihr wissen. Sie trug immer noch sein Bild in ihrem Geldbeutel.
Und dieses unreife Verhalten kann sich ein Leben lang durchziehen. Prominente Politiker heiraten vier- oder fünfmal, wohl immer auf der Suche nach der großen Liebe. Eine Filmschauspielerin wie Elizabeth Taylor brachte es sogar auf acht Ehemänner.
Gott hat uns die Sehnsucht nach Liebe ins Herz gelegt. Aber Menschen können sie nicht stillen, auch in der besten Beziehung nicht oder in der besten Ehe.
Mädchen suchen nach ihrem Traumprinzen. Vielleicht sind sie inspiriert von romantischen Hollywoodfilmen, in denen zum Schluss fast immer die Hochzeitsglocken läuten und die wunderschöne Braut ihren fantastisch aussehenden Bräutigam heiratet. So ein Traumprinz kann ein Phantom sein, dem man ein Leben lang nachjagt und es doch nie findet, weil die Erwartungen an einen Mann einfach überhöht sind. Und so bleibt man doch alleine und verträumt sein Leben. Oder man findet seinen Traumprinzen und merkt dann früher oder später, dass es sich doch um einen Menschen aus Fleisch und Blut handelt und nicht um ein Abziehbild eines Hollywoodfilmstars.
Männern sagt man zwar nach, dass sie auf dem Gebiet der Liebe nüchterner sind. Aber an dem Beispiel von Jakob haben wir inzwischen erkannt, dass die männliche Suche nach Liebe auch selbstzerstörerische Züge annehmen kann. Frauen werden oft durch ihre Sehnsucht nach Hingabe und Verbindlichkeit zu leicht manipulierbaren, verletzlichen Opfern. Männer werden Sklaven ihres Unabhängigkeitsstrebens. Sie wollen Frauen erobern aber ihr Herz nehmen sie in die Beziehung nicht mit hinein. Dinge können ihnen wichtiger werden wie Menschen, Erfolg im Beruf wichtiger als die Beziehung zu ihren Frauen und Kindern. Beides, die weibliche wie die männliche Sehnsucht nach Liebe oder Anerkennung führt in die Irre, verhindert kluge Entscheidungen und zerstört Leben, das eigene und das anderer.
Auch Jakobs Leben schien zu scheitern. Er hat es nun inzwischen zu etwas gebracht. Nach dem Aufenthalt bei Laban war er ein gemachter Mann. Aber zu welchem Preis! Verworrene Familienverhältnisse und ein schlechtes Gewissen. Er kehrt wieder zurück nach hause. Die entscheidende Begegnung mit seinem Bruder Esau stand bevor. Da zieht er sich zurück in die Stille. Allein ist er am Fluss Jabbok.
Da vollzieht sich eine Begegnung der unheimlichen Art. Ein Mann kämpft mit ihm, die ganze Nacht. Oder ist es überhaupt ein Mann sondern vielmehr ein übermenschliches Wesen? Gott selber begegnete ihm in diesem Wesen, einem Engel, einem Boten Gottes.
Merkwürdig, Gott selber hatte ihm ja den Auftrag gegeben, nach hause zu gehen und die Begegnung mit seinem Bruder Esau zu suchen. Und nun stellt sich Gott ihm entgegen. Ja blickt denn Gott nicht mehr durch, weiß er selber nicht mehr, was er gesagt hat?
Es geht bei Gott nicht immer alles so glatt, wie wir uns das vorstellen. Gott hat auch eine harte Seite, die einem auch mal widersteht. Es gibt auch einen heiligen Gott. Dieser heilige Gott ist zu Recht zornig auf uns, wenn wir nicht so leben, wie er es von uns fordert. Er könnte uns zu recht bestrafen und sagen: Weg mit dir, weg, aus meinen Augen, du kannst vor mir nicht bestehen. Das ist die Stimme des zornigen Richters, die Nein zu aller Sünde sagt, auch zu dem, wie Jakob bisher gelebt hatte, so selbstsüchtig und betrügerisch, so scheinbar clever und doch so unendlich dumm. Ich denke, das steckt hinter dieser Erzählung von dem unheimlichen Kampf mit Gott.
Und doch kämpft Jakob, er kämpft mit einem übermächtigen Gegner, gegen den er eigentlich keine Chance hat. Und dieser Gegner lässt mit sich kämpfen. Er vernichtet nicht, wie er es ja leicht hätte tun können.
So ist Gott. Er hat auch eine andere Seite. Er ist nicht nur streng und heilig. Sondern er ist auch Liebe. Ja, das ist sein eigentliches Wesen.
Das ahnt wohl auch Jakob. Er ahnt, mit wem er kämpft, mit Gott. Dieser Gott will mich demütigen, ja verletzen. Aber er will mich nicht vernichten.
Es naht der Morgen. Der Bote Gottes will gehen. Doch Jakob lässt ihn nicht. Jakob lässt Gott nicht los. Er spürt zwar die heilige Nähe Gottes, von dem man sich doch lieber abwendet. Aber Jakob weiß nun: "Dort, bei ihm, finde ich das, was ich mein Leben lang gesucht habe und doch nicht gefunden habe. Ich war ja so dumm! Ich habe mein Glück im Wohlwollen meines Vaters gesucht und in der Schönheit Rahels. Aber hier finde ich dieses Glück, hier finde ich den Segen meines Lebens. Allein in dir, nur in dir. Ich werde dich auf keinen Fall gehen lassen, bevor du mich nicht gesegnet hast. Alles andere ist jetzt zweitrangig. Es ist mir egal, wenn ich dabei sterbe. Ohne den Segen Gottes habe ich gar nichts. Ich habe keine andere Wahl."
Die Nähe Gottes suchen, um jeden Preis, das gibt unserem Leben Sinn. Das ist ein Rat, den ich jedem geben möchte: Suche Gott, suche ihn in seinem Wort, in der Bibel, im Gottesdienst, im Gebet. Suche ihn in dem Angesicht Gottes, in Jesus Christus. In einem Liedvers heißt es: "Suche Jesum und sein Licht, alles andere hilft dir nicht."
Diese Suche Gottes hat sicher seinen Preis. Du wirst gezeichnet fürs Leben, so wie Jakob. Er konnte nach dieser Begegnung mit Gott nicht mehr richtig laufen, er musste durchs Leben hinken. Einem anderen kann Gott klar machen: "Du musst dein Leben ändern. Die Ziele, die du dir bisher gesetzt hast, müssen weg. Denn sie tun dir nicht gut." Es gibt keine billige Gnade, so hat es Bonhoeffer ausgedrückt. Es gibt nur Gnade mit der Bereitschaft ein anderes Leben zu führen, mit der Bereitschaft sich von Gott führen und verändern zu lassen.
Fürs Leben gezeichnet, das ist nun Jakob, das ist ein Mensch, der mit Gott leben will. Aber es ist ein Gezeichnetsein zum Guten, zum Vorankommen, zum Gelingen, zum Segen. Gesegnet sein heißt ja wörtlich gezeichnet sein. Ein gesegneter Mensch ist handsigniert von Gott, mit einem ganz besonderen Zeichen, dem Zeichen des gekreuzigten Christus, mit seinem Kreuz.
Gott schenkt dir ein neues Leben, wenn du dich mit ihm ganz und gar einlässt, wenn du seine Nähe erfahren und spüren willst. Ein neues Leben, das bekam auch Jakob. Das Zeichen dafür war, dass er von Gott einen neuen Namen erhielt. Er soll nicht mehr Jakob, der Betrüger heißen sondern Israel, das heißt, der mit Gott gekämpft und gesiegt hat.
Der mit Gott leben will, bekommt auch einen neuen Namen. Natürlich nicht Ansgar statt Hans oder Marianne statt Gretel. Nein, er nennt dich "mein Kind", "mein Sohn", "meine Tochter". Nicht Betrüger, nicht mehr Sünder, nicht mehr Versager, auch nicht mehr Loser, Außenseiter, seltsamer Vogel, und erst recht nicht Ekel, Blödmann, unausstehlicher Kerl, sondern "mein Kind", "mein geliebtes, über alles geliebtes Kind". Wirklich über alles geliebt, so geliebt, dass er sogar für dich seinen Sohn hat sterben lassen.
Wenn du das glaubst und festhältst, dann ändert sich dein Leben, es kann nicht anders sein. Dann merkst du ja, Gott steht auf meiner Seite, er vergibt mir, er führt mich, er verändert mich, er gibt mir alles, was ich zu einem gesegneten Leben brauche.
Es können sich auch Dinge regeln, die vorher verworren und ganz unlösbar erschienen. So erlebte es Jakob. Nach dieser Nacht am Jabokk kommt es zu dem Wiedersehen mit seinem Bruder Esau. Sie versöhnen sich. Alles wird gut. So kannst du es auch erleben. Trau es ihm zu!
Ihm, ihm allein kannst du vertrauen. Und das tut dir gut, unendlich gut. Diese Güte kannst du auch an andere weitergeben. Dein Leben dreht sich nicht mehr um dich, sondern um Gott und um seine Liebe. So sieht gesegnetes Leben aus, so allein.

Amen

 

© 2011 Dieter Opitz