"World of Wortkraf" - Kreuz & Quer vom 16.11.11, Matthäus 12,33-37

Liebe Gemeinde!
Jesus gebraucht hier ein einprägsames Bild: An den Früchten entscheidet es sich, ob ein Baum gut oder schlecht ist. Jesus meint damit: An den Worten erkennt man das Wesen eines Menschen. Sie sind entscheidende Früchte eines Lebens. Worte sind nicht harmlos, sind nicht "Schall und Rauch". Sie haben eine ungeheure Macht.
Worte können aufbauen, gut tun, voranbringen. Worte prägen, Worte beeinflussen. Worte zerstören, wie zum Beispiel den guten Ruf.
An einem Ort gibt es zwei Lebensmittelgeschäfte. Der eine Inhaber ist neidisch auf den anderen, weil dessen Geschäft besser läuft. Da setzt er ein Gerücht in Umlauf: Bei dem Konkurrenten hat man bei einer Lebensmittelkontrolle Mäuse im Lager gefunden! Schnell verbreiten sich an dem Ort diese unwahren Worte. Die Folge: Der Umsatz des Rufmordgeschädigten bricht ein. Er muss Insolvenz anmelden.
Wir kennen Ähnliches auch aus anderen Bereichen. In den Medien werden Menschen fertiggemacht, Politiker, Wirtschaftsbosse oder andere Promis. Worte werden als Deckschleudern benutzt. Auch wenn sich später herausstellen sollte, dass die Vorwürfe gar nicht oder nur zum Teil stimmen: In der Regel ist es schon zu spät. Etwas Dreck bleibt immer hängen. Und die Karriere oder gar die Existenz dessen, der mit Dreck beworfen wurde, ist ruiniert.
In einem Dorf lebte eine Frau. Sie war für ihr loses Mundwerk berüchtigt. Alles, was ihr zu Ohren kam, trug sie weiter. Ob es wahr, halbwahr, ein Gerücht war, oder gelogen, das spielte für sie keine Rolle.
Der Pfarrer bekam das Treiben mit und bestellte sie eines Tages auf den Kirchturm. Sie solle ein Federkissen mitbringen. So trafen sich die beiden über den Dächern des Dorfes. Der Pfarrer gab ihr ein Messer mit dem Auftrag: "Schneide das Kissen auf und schüttle es durch das Fenster aus." Die Frau gehorchte. Die Federn wurden durch den Wind überall hin getragen und sanken dann nach unten. Dann sagte der Pfarrer. "So, jetzt sammle die Federn alle wieder auf." "Das geht nicht. Unmöglich." "So ist es auch mit deinen Worten. Was du an bösen, unwahren oder halbwahren Worten gesagt hast, das verbreitet sich schnell, wer weiß wohin und zu wem. Einmal ausgesprochen, kannst du sie nicht wieder zurücknehmen. Sei in Zukunft vorsichtig mit dem, was du in deinen Worten verbreitest."
Worte prägen sich ein. Worte, vielleicht achtlos ausgesprochen, können einen ein ganzes Leben lang begleiten, prägen, lähmen, in bestimmten Verhaltensweisen einzementieren.
Da schnappt z.B. ein Mädchen den unachtsam dahingeworfenen Satz des Vaters auf: „Eigentlich hatten wir uns ja einen Jungen gewünscht.“ Der Satz ist gar nicht böse gemeint - aber er sitzt wie ein Stachel. Das erste Mal steigt in dem Mädchen die Ahnung auf: „Vielleicht bin ich gar nicht gewollt“. Und so läuft es verletzt in seinem Selbstwertgefühl das ganze Leben mit der heimlichen Frage herum: „Wer will mich eigentlich wirklich?“
Ich denke an Sätze, die sich in Kinderseelen eingraben, Sätze wie: „Aus dir wird sowieso nichts!“, oder: „Du machst immer alles falsch!“. Wie auf einem inneren Tonband werden solche Sätze gespeichert. Und wenn der dreißigjährige dann einen Nagel krumm schlägt, setzt sich das Tonband wieder in Bewegung: „Du machst immer alles falsch!“.
Dann gibt es Sätze, mit denen wir uns selber fertig machen. Wir reden ja andauernd, den ganzen Tag mit uns selbst.
„Ich tauge aber auch zu gar nichts“, sagt jemand nach einer Pleite." "Ich bin so uninteressant“, beschimpft sich einer innerlich nach einer Party, auf der er nicht so richtig zum Zug kam. Solche Sätze gewinnen eine ungeheure Macht über uns. Wo wir sie uns einreden, beleidigen wir uns selbst. Manche Menschen beherrschen das bis zur Perfektion: sich selbst fertig und runter zu machen. Es gibt Leute, die nörgeln und quengeln und mäkeln den ganzen Tag an sich selber herum, und fragen abends überrascht, warum sie eigentlich so kaputt sind, obwohl sie gar nicht viel getan haben.
Worte haben aber auch die Macht, zum Guten zu verändern. Worte können viel wertvoller als Geburtstags- oder Weihnachtsgeschenke sein. Ein Lob im richtigen Moment kann ein Leben verändern. Es steckt so viel Macht in Worten, die Liebe, Wertschätzung, Anerkennung, Trost und Lob zum Ausdruck bringen. Sparen wir mit solchen Worten nicht!
Und so müssen wir uns fragen: Sind unsere Worte hilfreich, nutzen sie? Tun sie gut? Bringen sie weiter? Fördern sie einen Menschen? Dienen sie dem besseren Verständnis? Bauen sie auf? Sind sie ehrlich?
Oder schaden sie? Machen sie jemand schlecht, zum Gespött oder zur Karikatur? Sind sie hinter vorgehaltener Hand gesprochen? Pflanzen unsere Worte etwas Negatives in das Herz eines anderen Menschen? Oder habe ich es an Worten fehlen lassen, wo sie nötig gewesen wären?
Es ist wie bei einem Baum, sagt Jesus. Ein guter Baum bringt gute Früchte hervor, ein schlechter Baum schlechte. Unser Wesen schlägt sich in unseren Worten nieder. Unsere Worte offenbaren ein Stück weit, wer wir sind. Natürlich gibt es auch heuchlerische Worte, Worte, die gar nicht so gemeint sind. Kinder beherrschen dieses Versteckspiel in der Regel noch nicht, dafür aber manche Erwachsene bis zur Perfektion. Worte können auch unser Wesen verstecken, sie sind gar nicht so gemeint. So gibt es leere Versprechen von Männern verliebten Frauen gegenüber, leere Versprechen von Politikern ihren Wählern gegenüber. Doch selbst dann kommt in solchen Worten etwas vom Wesen zum Vorschein, wie maßloser Ehrgeiz oder Gier nach Macht und Lust.
Jesus spricht hier von einem "Schatz des Herzens", ein Nährboden. Dort kann sich alles Mögliche angesammelt haben, Stolz, Neid, Gier, Ehrgeiz, Ängste, Minderwertigkeitsgefühle, vielleicht sogar Hass. Was hat sich da für ein "Schatz" angesammelt? Vielleicht ist "Schatz" das falsche Wort. Vielleicht muss man eher sagen "Schrott" oder "´Giftmüll", also etwas Wertloses, Kaputtes, Zerstörerisches. Was steckt in mir? Oder was habe ich in mich hingelassen oder haben vielleicht auch andere in mich hineingelegt?
Auf dieses Innere kommt es an, sagt Jesus, auf unser Wesen, unser Herz. Es kann nicht nur darum gehen, dass wir auf unsere Worte achtgeben, erst überlegen, bevor wir etwas von uns geben, oder uns auf die Lippen beißen, bevor wir etwas Unüberlegtes sagen. Es geht darum, dass wir verändert werden müssen. Unser Innerstes muss verwandelt und gefüllt werden mit der Liebe Jesu. Paul Gerhardt hat es in seinem Lied "Geh aus, mein Herz" so gedichtet: "Mach in mir deinem Geiste Raum, dass ich dir werd' ein guter Baum, und lass mich Wurzeln treiben."
Ich kann mir tausendmal vornehmen: Ab jetzt will ich freundlich und liebevoll sein und andere mit meinen Worten ermutigen. Aber wenn mein Innerstes nicht gefüllt ist mit Liebe, nicht verwurzelt ist in Gottes Liebe, dann wird es nicht gelingen. Jesus sagt an anderer Stelle: "Wes das Herz voll ist, des geht der Mund über."
Das Herz muss anders werden. Dann werden sich auch unsere Worte verändern. Um Veränderung kann man Jesus bitten, auch heute hier in diesem Gottesdienst während der Beichte. Da kann ich ihm alles sagen, was mir leid tut, auch was aus meinem Mund an schlimmen Worten gekommen ist und ich kann ihn bitten: Verändere mich! Füll mich mit deiner Liebe! Schaffe in mir Gott ein reines Herz!
Heute am Buß- und Bettag ist diese Bitte noch mehr angebracht wie sonst. Das griechische Wort für Buße heißt "metanoia" und bedeutet eigentlich "Umkehr" "Richtungswechsel". Buße heißt also aufzuhören, weiter in die falsche Richtung zu gehen, aufzuhören mit seinem Eigensinn, auch aufzuhören mit den Versuchen, sich selber ändern zu wollen. Es heißt, sein Leben neu auszurichten, sich der Liebe Jesu zuzuwenden. Dies dürfen wir heute tun. Uns in Beichte und Abendmahl der Liebe Jesu zuwenden. Sie ist für uns ja da, in Brot und Wein. Wir dürfen sie uns nehmen, schenken lassen, ja hinunterschlucken. Und wir dürfen glauben, dass diese Liebe dann in unserem Leben ist und wirksam wird. So einfach ist das. Unsere Veränderung hängt nur am Glauben an die Liebe Jesu zu uns.
Durch diese Veränderung bekommt unser Leben ein besonderes Gewicht. Es bekommt Ewigkeitswert. Auch unsere Gedanken und Worte bekommen Ewigkeitswert. Sie zählen einmal in der Ewigkeit bei Gott.
Unser Leben besteht ja meist nicht aus großartigen Taten, sondern aus Kleinigkeiten. All diese Kleinigkeiten zählen einmal bei Gott: Vor Hass funkelnde Augen oder liebevolle Blicke, ein hartes Urteil über andere oder ein warmherziges Wort. All das, alle Blicke, Gedanken, Worte und Taten werden bei Gott sorgfältig aufbewahrt und zählen in Ewigkeit.
Wir können uns und werden uns verewigen. Das ist ja der Wunsch vieler Menschen. Sie versuchen sich durch ein Buch, ein Bauwerk oder irgendeine andere besondere Tat zu verewigen, sich gewissermaßen unsterblich zu machen.
Es mag tatsächlich manchen Menschen gelingen, in die Geschichtsbücher hineinzukommen. Ihre Taten und Worte haben sich damit scheinbar verewigt.
Aber ob das Gesagte und Getane auch in den Geschichtsbüchern Gottes einmal zählt, also echten Ewigkeitswert besitzt, das ist eine ganz andere Frage. Vor ihm haben Taten und Worte Bestand, die aus der Beziehung zu ihm, die aus dem Glauben kommen. Bestand haben Worte, die Gott loben und Christus bekennen. Bestand haben Worte, die das Reich Gottes fördern, die Leben ermöglichen, die Hoffnung schenken, die Trost geben, die von der Liebe Jesu getragen sind.
Sammelt euch nicht Schätze auf Erden, die keinen Bestand haben, sagt Jesus einmal, sondern sammelt euch Schätze im Himmel, die ewig bleiben. Das gilt auch für unsere Worte.
Gute Worte sammeln, dazu haben wir immer wieder Gelegenheit, wenn wir die Worte Jesu hören und glauben. Es sind gute Worte, die wir hören dürfen, wie "Sei getrost, deine Sünden sind dir vergeben." Oder "Siehe, ich mache alles neu!" Oder "Der in euch angefangen hat das gute Werk, de wird es auch vollenden." Gute Worte, die uns befreien, unser böses Gewissen nehmen, uns Mut machen, dass er, Jesus, unser Herz verändert und damit auch unser ganzes Leben.
Nimm diese guten Worte Jesu in dein Leben auf. Sie werden dich verwandeln, werden deinen Gedanken, Worten und Taten ein ganz besonderes Gütesiegel verleihen, das Prädikat: tauglich für die Ewigkeit. Er wird es machen, nicht wir. Vielleicht merken wir es an uns gar nicht, aber andere merken es und Jesus merkt es. Und er schaut freundlich, ja voller Freude auf das, was er in uns geschaffen hat, auf die guten Früchte eines von ihm gut gemachten Baumes.

Amen 
 

© 2011 Dieter Opitz