"Mittendrin statt nur dabei" - Kreuz & Quer vom 24.07.11, Johannes 1,35-42

Eigentlich ist das eine ungeheuerliche Bitte, die Jesus da ausspricht: "Dein Wille geschehe." Ganz und gar nicht typisch

Von wem oder was sind Menschen fasziniert und begeistert? Das kann ganz verschieden sein. Eine ältere Oma ist
vielleicht hin und weg, wenn sie Florian Silbereisen sieht und hört, ein älterer Herr kann feuchte Hände wie ein
Teenager und große Augen wie ein Kind bekommen, wenn er Karten für ein Konzert mit den Rolling Stones in
Händen hält, jenen alten, faltigen Rockern die es immer noch auf die Bühne auf zieht. Ein junges Mädchen schmelzt
dahin, wenn es einen Videoclip von Justin Bieber sieht, und ein junger Mann schreit sich die Seele aus dem Leib,
wenn seine "Bayern" ein Tor geschossen haben.

Begeisterung gehört zum Leben dazu. Wer nie begeistert ist, dem müsste man den Puls messen, ob da noch was
pocht. Der Mensch ist ein Hingabe-Wesen, dazu geschaffen, dass er in etwas aufgeht, was größer ist als er. Die
Stars der Unterhaltungs- oder Sportbranche sind dazu sicher nicht geeignet. Sie sind ja Menschen wie du und ich.
Sie sind oft nur für kurze Zeit berühmt und nach ein paar Jahren wieder vergessen. Als Vorbilder sind sie meist nur
bedingt geeignet. Es gibt nette und bescheidene Stars aber mindestens ebenso viele eitle und geltungsbedürftige, die
sich nur allzu gerne in ihrem Ruhm sonnen.

In den Worten, die ich eben vorgelesen habe, haben wir von drei Männern gehört, die von Jesus fasziniert waren. Ihr
Leben wurde durch sie total anders. Sie wurden seine Jünger. Das was er sagte und tat, bestimmte nun ihr Leben.
Diese Veränderung fing mit einer Botschaft an, einer Botschaft, die sie über alles interessant und wichtig fanden. Es
war eine Botschaft ganz besonderer Art. Da zeigte einer auf Jesus, es war Johannes der Täufer, und sagte: "Siehe,
das ist Gottes Opfer-Lamm!"

Eine elektrisierende Botschaft ist das für viele Menschen gerade nicht. Die Allermeisten berührt sie nicht. Diese
Botschaft lässt sie stumpf und gleichgültig. Es müssten schon ganz andere Nachrichten sein, die bei uns einen Nerv
treffen und uns interessiert auffahren lassen. Etwa die Nachricht: "In der Schule ist ab 20 Grad hitzefrei und bei 0
Grad kältefrei." Alle Schüler würden vor Freude in die Luft springen. Oder: "Jedem deutschen Arbeitnehmer steht ab
sofort ein kostenloser Urlaub auf den Kanarischen Inseln zu." Ganz Deutschland würde kopfstehen. Oder: "Jede
Hausfrau bekommt das Gehalt eines Gymnasiallehrers." Alle Hausfrauen würden jubeln. Oder. "Der 1. FC Nürnberg
wird deutscher Fußballmeister." Ganz Franken wäre aus dem Häuschen.

Aber wie ganz anders ist das, was den beiden Männern in unserer Geschichte mitgeteilt wird: "Seht, das ist Gottes
Opfer-Lamm." Das ist keine Botschaft, von der die Massen berührt werden. Von einem Lamm ist die Rede. Lämmer
gehören kaum mehr zu unserem Lebensbereich. Und von Gott ist in der Botschaft die Rede. Der Mensch von heute
zuckt die Achseln und sagt: "Du liebe Zeit! Über Gott hat man sich Jahrhunderte lang den Kopf zerbrochen. Gibt es
denn kein interessanteres Thema?"

Der Mensch von heute braucht keinen Gott und braucht kein Opfer-Lamm. Er braucht Unterhaltungsstars,
Sportgrößen, Filmschauspieler, tatkräftige Politiker, Wohlstandsbeschaffer. Solchen Leuten wird nachgefolgt - aber
doch nicht einem Opfer-Lamm Gottes! Wie ganz anders sind die Jünger Johannes und Andreas. Wie ganz anders
sind auch die Menschen de letzten zweitausend Jahren, deren Gewissen wach geworden ist, die unter ihrer Schuld
leiden und Frieden mit Gott suchen. Sie haben begriffen: Dieses Opfer-Lamm ist meine Rettung. Alle anderen Opfer,
die Menschen bringen können, an Zeit, an Kraft, an Geld, können Gott nicht versöhnen. Dies kann allein Jesus tun.
Er ist das Opfer-Lamm, das Gott selber gegeben hat. Er ist das Opfer-Lamm, das mich wirklich versöhnt.

Es gibt eine aufschlussreiche Geschichte in der Bibel. Da kommen viele Menschen zu Jesus. In ihrer Mitte schleppen
sie eine junge Frau. "Jesus!" rufen sie, "diese Frau haben wir beim Ehebruch ertappt. Nach Gottes Gesetz muss sie
gesteinigt werden. Damit bist du doch auch einverstanden?!" Jesus sagt nur: "Wer ohne Sünde ist, der soll den ersten
Stein werfen." Dann bückt er sich und schreibt in den Sand. Als er wieder aufschaut, steht nur noch die Frau da. Alle
haben sich weggeschlichen, "von ihrem Gewissen überführt", wie es in der Geschichte heißt.
Und das waren doch alle anständige Leute, ehrbare Ehemänner und Familienväter! Und doch wachte bei ihnen das
Gewissen auf. Wie viel Schuld vor Gott liegt doch unter der dünnen Eisdecke der Anständigkeit und Bravheit!
Wenn diese Eisdecke bricht, dann, ja dann wird uns die Botschaft auf einmal über alles wichtig: "Jesus ist das Opfer-
Lamm Gottes, das meine Sünde wegträgt."
Und dann wird uns noch etwas Ungewöhnliches in unserem Predigtabschnitt berichtet. Zwei Männer fassen
Vertrauen zu Jesus! Es ist ein Wunder, weil unser Herz von Natur aus gegenüber Gott misstrauisch ist. Auch dem
"Bodenpersonal" Gottes gegenüber, den Pfarrern. Auch ich habe dieses Misstrauen bei Besuchen schon manches
Mal gespürt. Ich klingle, die Wohnungstür öffnet sich einen Spalt, ein misstrauisches Gesicht schaut heraus. Wenn ich
mich als Gemeindepfarrer vorstelle, wird der Spalt noch schmäler und es kommt irgendein abschätziges Wort über
den Glauben an Gott. Irgendwie kann man so ein Misstrauen auch verstehen. Wie viel Vertrauen ist nicht schon
enttäuscht worden? Wie viel Unvorsichtigkeit und Vertrauensseligkeit auf religiösem Gebiet ist nicht schon ausgenützt
worden? Wie viele Menschen sind schon mit einem besonderen Sendungsbewusstsein aufgetreten und haben doch
nur andere verführt, versklavt oder gar in den Untergang geführt.

Da folgen verblendete Menschen einem Sektenführer und nehmen sein Wort als göttliche Offenbarung auf. Sie
vertrauen ihm blind und verlieren häufig ihr Vermögen, ihre seelische Gesundheit und manchmal sogar ihr Leben,
wenn der Guru den kollektiven Selbstmord befiehlt. Da ist schon etwas Besonderes , wenn wie hier in unserem
Predigtabschnitt zwei Männer auf Anhieb Jesus vertrauen. Würden wir unsere Brieftasche oder unser
Sparkassenbuch einem Menschen anvertrauen, den wir nur ganz kurz gesehen und mit dem wir kaum gesprochen
haben? Bestimmt nicht! Und nun kommen in unserem Predigtabschnitt zwei Männer vor, die nicht nur ihre
Brieftasche und ihren Geldbeutel, sondern ihr ganzes Leben Jesus anvertrauen. Und dabei kannten sie diesen Jesus
kaum. Stellen wir uns vor, wir könnten die zwei Männer fragen: "Wie kommt ihr dazu, diesem Jesus so unerhört zu
vertrauen? Ist das nicht zuviel gewagt?" Ich kann mir vorstellen, was sie wohl antworten würden: "Dieser Jesus war
kein Mensch wie jeder anderer. Es ging von ihm etwas Besonderes, ja Göttliches aus. Und wenn er sprach, dann
hatten seine Worte Gewicht. Man konnte sich ihnen nicht entziehen."

Eine ungeheure Faszination ging von Jesus aus, so dass uns das Neue Testament fast auf jeder Seite berichtet, dass
Menschen Vertrauen zu Jesus fassten. Ein Petrus sagt zu Jesus: "Wenn du es befiehlst, dann werde ich über das
Wasser des Sees laufen!" Eine Frau, die jahrzehntelang krank war und von Arzt zu Arzt lief, ohne dass ihr einer
helfen konnte, denkt: "Wenn ich nur den Saum seines Gewandes berühre, dann werde ich gesund." Eine Frau mit
einem zweifelhaften Gewerbe wirft sich Jesus mit ihren Sünden zu Füßen und vertraut, dass er sie ihr abnimmt. Und
ein Mörder am kreuz vertraut, dass Jesus ihn in den Himmel bringt. Vielleicht denkt jetzt jemand: Die Leute damals
hatten es leichter, Jesus zu vertrauen, denn sie sahen ihn ja. Es ist schwer Vertrauen zu einem zu fassen, den man gar
nicht sieht. Aber das ist ein Irrtum. Die Männer unserer Geschichte sahen nur einen armen, einflusslosen Mann ohne
festen Wohnsitz, von dem man nicht viel wusste. Wir haben von seinen Taten, von seiner Auferstehung gehört, von
dem, was er durch die Jahrhunderte der Kirchengeschichte an Männern und Frauen getan hat. Eigentlich haben wir
es leichter oder zumindest nicht schwerer. Es war damals und ist heute ein Wunder, wenn ein Mensch Jesus ganz und
gar vertraut und ihm nachfolgt.

Es ist ein kleiner, unscheinbarer Satz. Aber er sagt etwas Ungeheures aus: "Sie folgten Jesus nach." Was bedeutet
dieser Satz? Ich versuche es, an einem Bild klarzumachen. Vorher hat man selber am Steuer seines Lebens gesessen.
Nun gibt man Jesus das Steuer in die Hand. Das heißt nun, das er die Richtung bestimmt. Und das ist gut so. Denn er
kennt die Straßen besser, die zum Ziel führen. Wir brauchen ihm keine Vorschriften machen, wie er uns zu führen hat.
Wir brauchen ihn nur fahren zu lassen und uns ihm anvertrauen. Ohne Bild gesprochen heißt das: Ich vertraue mein
Leben Jesus an und bitte ihn, dass er mich durch sein Wort der Bibel in allen Lagen meines Lebens Hilfe, Kraft und
Wegweisung gibt. Auf der Lebensreise mit Jesus braucht man auch bestimmte Gepäckstücke nicht mehr, die wir
vorher mit uns herumgeschleppt haben. Ich meine sündhafte Gewohnheiten, Süchte, Abhängigkeiten, unangenehme
Charaktereigenschaften, auch unsere Sorgen und Ängste. All dies hat im Kofferraum unseres Lebensautos, ich meine
seines Autos, keinen Platz mehr. Wir meinen vielleicht: "Wenn ich das alles aufgeben, dann habe ich gar nichts mehr."
Aber Jesus macht uns in seinem Wort klar: "Wenn du es nicht aufgibst, bleibt dein Leben arm. Es wird erst reich,
wenn du es aufgibst. Denn ich habe dir viel mehr zu bieten!" Wenn man sich seinem Willen überlässt, dann fährt man
am besten.

Jesus macht aus uns Persönlichkeiten. Er macht dies auch dem Jünger Simon klar, als er zu ihm gebracht wurde. Als
Jesus ihn sieht, spricht er zu ihm: "Du bist Simon, der Sohn des Johannes, du sollst Kephas heißen, das heißt
übersetzt; Fels." Er kriegt also von Jesus einen neuen Namen. Kephas soll er heißen. Auf griechisch klingt der Name
für uns vertrauter: Petrus. In der Bibel wir uns ein paar Mal berichtet, dass Könige ihren unterworfenen Feinden neue
Namen gegeben haben. Sie wollten damit ihre Macht ausdrücken und ihren Untergebenen zeigen: Ihr gehört jetzt mir.
Ähnlich macht es hier Jesus. Simon bekommt einen neuen Namen, weil er nun Jesus gehört. Und dieser Name soll
nun auch sein Wesen bestimmen. Petrus heißt Fels. Ein Mann wie ein Fels soll Simon werden. Dabei weiß Jesus,
dass dieser Jünger von Natur aus nicht der Felsenmann ist. Er ist genauso schwankend wie alle anderen. Jesus
wusste, wen er vor sich hatte. Er kannte sein großspuriges Wesen, seine Neigung zur Angeberei und seine Feigheit,
wenn es darauf ankam. Trotzdem wollte er ihn als seinen Jünger haben. Trotzdem gab er ihm einen neuen Namen.
Denn Jesus sah mehr als einen großmäuligen Feigling. Er sah auch, was er, der Sohn Gottes, aus ihm noch machen
wird. Simon soll nicht so bleiben, wie er ist. Jesus sah ihn jetzt schon, wie er sein sollte. Er wusste jetzt schon: "Mit
diesem Simon werde ich fertig. Ich werde ihn zu einem Felsenmann machen, auch der Weg dorthin noch lange ist."
Deshalb nannte er ihn Petrus. Dieser Name ist also ein Versprechen.

Wie Jesus hier mit seinem Jünger umgeht, ist für mich ungeheuer tröstlich. Er sieht auch bei mir und bei uns allen
unsere Fehler, Schwächen und Sünden. Aber er hat gleichzeitig ein anderes Bild von uns vor Augen. Er sieht uns so,
wie er sich uns gedacht hat, als befreite und von der Sünde erlöste Menschen. Und so behandelt er uns auch. Er
spricht jetzt schon zu, wie es beim Propheten Jesaja heißt: "Fürchte dich nicht, ich habe dich erlöst. Ich habe dich bei
deinem Namen gerufen. Du bist mein."
Gott hat mit jedem von uns einen Plan. Er hat noch Großes mit uns vor. Niemand muss so bleiben, wie er ist. Ich
muss nicht immer bis an mein Lebensende die gleichen Fehler und Sünden begehen. Befreiung ist möglich. Ja, Gott
sieht uns schon als Befreite an. Er wartet nur darauf, dass wir auch seine Sichtweise teilen, dass wir auch auf seine
Pläne eingehen, mit anderen Worten: Dass wir auch glauben, dass wir erlöste und bereite Menschen sind. Dieser
Glaube an den allmächtigen Gott bringt Wunder der Veränderung - auch bei uns. 

Amen 
 

© 2011 Dieter Opitz