"Warum so bescheiden?" - Kreuz & Quer vom 05.06.11, Johannes 7, 37-39

 

Der griechische Philosoph Demokrit sagte einmal: "Ein Leben ohne Fest ist ein langer Weg ohne Einkehr." Ein Fest ist eine Unterbrechung des Alltags, ist wie eine Dusche nach einer schweißtreibenden Tätigkeit, wie eine Oase in der Wüste.
Deshalb sehnen wir uns nach Festen. Deshalb haben sie eine große magnetische Anziehungskraft. Hunderttausende haben vor drei Wochen den neuen deutschen Fußballmeister Borussia Dortmund gefeiert. Zehntausende zog zu dem Weißbierfest am letzten Wochenende. Und ab dem nächsten Wochenende werden wieder die Massen aufs Bayreuther Volksfest strömen.
Ich will das nicht schlecht machen. Jesus selbst war auf Festen zu finden. Er ließ sich einmal auf eine Hochzeit einladen und half dort dem jungen Paar aus einer großen Verlegenheit. Durch ein Wunder sorgte er für Wein, der zur Neige gegangen war. Und diese Worte, die wir eben gehört haben, sagte er auf einem großen jüdischen Fest, dem Laubhüttenfest. Eigentlich war es ein unpassender Moment, an dem er diese Worte sprach: "Wer Durst hat, der soll zu mir kommen und trinken!" Wer sollte denn jetzt noch Durst haben, am letzten Tag dieses Festes? Am Laubhüttenfest feierte man auch die Weinlese. Kirchweihstimmung war angesagt. Es gab zwar keine bayreuther Bratwürste und kein Weißbier. Aber es wurde sicher israelischer Wein getrunken. Die Kehlen waren also angefeuchtet. In dieser weinseligen Stimmung klangen die Worte von Jesus sicherlich merkwürdig: "Wer Durst hat, der soll zu mir kommen und trinken."
Jesus sieht eben tiefer. Er weiß: Die unzähligen Volksfeste, Bürgerfeste, Frühlingsfeste, Sommerfeste, Kirchweihfeste oder wie sie alle heißen, können uns bestenfalls nur ein bisschen Freude geben. Die Sehnsucht nach Leben und Freude kann nicht durch fränkisches Bier oder israelischen Wein gestillt werden. Der Alkoholpegel steigt zwar dadurch, man wird "voll", wie es heißt, aber das Herz bleibt dabei leer.
Ein Gesangbuchlied spricht diese Sehnsucht nach mehr an. Es redet von den Menschen, die nach Freude und Leben suchen und sie doch nicht finden: "Sie suchen, was sie nicht finden in Liebe und Ehre und Glück, und sie kommen belastet mit Sünden und unbefriedigt zurück."
Vielleicht klingen solche Aussagen für manche Zeitgenossen zu düster, zu pessimistisch. Es muss ja nicht unbedingt jemand unzufrieden sein, der sein Leben genießen will. Da kann einer bei seinem Gläschen Wein oder Fläschchen Bier sitzen und sagen: "Ich bin mit meinem Leben, das ich lebe, ganz zufrieden. Mir geht es gut. Mir fehlt nichts."
Wenn das so ist, dann freut mich das. Ich werde mich auch hüten, einem Menschen Probleme einzureden, die er gar nicht hat. Die Pfarrer stehen ja manchmal in dem Verdacht, dass sie Bedenkenträger und Miesmacher sind. Ich möchte das nicht sein. Ich will nicht sagen: "Heute geht es dir vielleicht gut. Aber morgen bist du vielleicht krank oder es passiert dir was anderes Schlimmes."
Nein, wenn es einem gut geht, dann wünsche ich ihm von Herzen, dass das auch so bleibt. Aber wenn nun einer daraus die Schlussfolgerung zieht: Also brauche ich Jesus nicht. Ich brauche nicht zu ihm kommen und den Durst nach Leben bei ihm stillen, dann liegt er trotzdem falsch. Er ahnt nicht, was er verpasst. Er ist viel zu bescheiden in seinen Ansprüchen an das Leben.
Ein Pfarrer hat sich einmal mit einem jungen Mann unterhalten und zu ihm gesagt: "Sag mal, wie stellst du dir eigentlich dein Leben vor - was möchtest du im Leben erreichen?'"
Der Mann erwiderte: "Wenn ich ganz ehrlich bin: Ich möchte einmal etwas tun, wovon man noch in 500 Jahren spricht."
Der Pfarrer entgegnete jetzt nicht: "Also, entschuldige mal, das ist ja wohl ein bisschen unbescheiden!" oder: "Ich glaube nicht, dass du das schaffst." Nein, der Pfarrer sagte: "In Ordnung, ich mache dir einen Vorschlag: Du kannst bei etwas dabei sein, wovon man noch eine Ewigkeit spricht."
Ein Mensch, in dessen Leben Jesus nicht vorkommt, der ist zu bescheiden, der hat zu wenig Ansprüche ans Leben. Der verzichtet auf die Dimension der Ewigkeit.
Da kann einer mit Vollgas hinter dem Leben her sein. Immer auf der Überholspur. So wie die PS-starken Schlitten, die auf der Autobahn nur links fahren. Alles kommt drauf an, besser, schneller als die anderen zu sein. So ein Leben kann Spaß machen. Das kann toll sein. Aber das ist noch nicht das richtige Leben. Da fehlt etwas. Da fehlt das Entscheidende. Das ist Jesus.
Im Grunde genommen wissen oder ahnen zumindest alle, die ein Leben nach dem Lustprinzip führen: Wir beschäftigen uns mit Nichtigkeiten. Auto, Libido, Video, Vino, Disco, Rio. Es ist doch kümmerlich, wenn sich unser Leben darauf beschränkt! So ein Leben will uns Jesus nicht zumuten. Sondern er will uns ein erfülltes Leben geben, erfüllt mit seiner Liebe. Wenn du seine Liebe kennengelernt hast, dann weißt du: Das ist es, wonach ich mich eigentlich mein ganzes Leben lang gesehnt aber doch nie gefunden habe. Jetzt ist mein Durst nach Leben gestillt.
Jesus möchte dir eine tiefe Freude schenken, die du noch gar nicht kennst. Diese Freude kommt in dein Leben durch die Vergebung. Ich kenne Menschen, die gesagt haben, sie haben erst dann befreit lachen können, als sie der vergebenden Liebe Jesu begegnet sind.
Jesu Liebe ist immer vergebende Liebe. Ich lerne sie kennen, wenn ich folgendes tue: Einmal alles aussprechen, was mein Leben hohl und leer gemacht hat, all das, was ich verkehrt gemacht habe, was mich letztlich nicht glücklich sondern kaputt gemacht hat. Und dann sich mit seiner Liebe beschenken lassen.
Komm und trink, sagt Jesus. Das heißt, nimm sein Angebot an, das bis heute gültig ist. Nimm ihm das ab, dass das wirklich stimmt und auch heute noch gültig ist: Er schenkt dir seine Vergebung, wenn du ihn darum bittest. Sie steht für dich bereit wie ein erfrischendes Getränk, das auf dem Tisch steht. Du brauchst es nur zu nehmen. Er bietet es dir an, auch heute in diesem Gottesdienst, in dieser Predigt.
Das ist ein Angebot. Es muss keiner annehmen und wird auch nicht jeder annehmen. Denn nicht jeder sehnt sich nach dieser vergebenden Liebe Jesu. Aber wer sie haben möchte, der darf sie sich nehmen. Sie gehört ihm.
Das ist ein wunderbares Angebot. Wer es annimmt, dessen Leben wird anders, in dessen Leben kommt etwas Neues hinein.
Heute kannst du heimkommen, wenn du Jesus annimmst. Sag ihm: "Jesus, ich nehme dein Angebot an. Vergib mir meine Schuld. Gib mir das ewige Leben."
Du brauchst nicht nur etwas vom Leben zu haben, du kannst das Leben selbst haben: Jesus Christus! Der Lebensdurst wird gelöscht. Ja, noch mehr. Dein Leben wird zur Quelle! Du bekommst soviel Leben, dass es für andere reicht! Du brauchst nicht Wasser zu bunkern. Nur Kamele speichern alles Wasser für sich selbst!
Wir alle haben schon vom See Genezareth und vom Toten Meer gehört. Das erste Gewässer ist sehr fischreich. Beim Toten Meer holt man vielleicht höchstens eine verrostete Sardinenbüchse heraus. Warum der Unterschied? Ganz einfach. Der See Genezareth hat einen Zu- und einen Abfluss. Der Jordan fließt durch ihn hindurch. Das Tote Meer ist ohne jeden Abfluss. Der Jordan mündet in ihm.
Dies ist ein Gleichnis für unsere Beziehung zu Jesus und unseren Mitmenschen. Wer nur nimmt, lebendiges Wasser hamstern will, der gleicht dem Toten Meer, einem abgestorbenen Gewässer. Wer aber das, was Jesus ihm gibt, weiterreicht, der gleicht dem See Genezareth. Sein Leben ist nicht unfruchtbar und steril, sondern wird zum Segen für andere und letztlich auch wieder für sich.
Natürlich hören wir alle gern von der Liebe Gottes zu uns. Wir haben sie ja auch immer wieder bitter für uns nötig. Aber die anderen um uns herum haben sie auch nötig! Jesus gibt uns soviel von ihr, dass wir sie ohne weiteres, ohne selbst zu kurz zu kommen, von ihr abgeben können.
Wie wir das machen können? Indem wir anderen von diesem Jesus weitererzählen. Indem wir im Namen Jesu Gutes tun. Nicht um uns den Himmel damit zu verdienen. Sondern weil er es von uns haben will. Weil seine Liebe uns dazu bewegt.
Das ist ein erfülltes Leben: Jesu Liebe bekommen und sie weitergeben. Ich denke an Elisabeth von Thüringen. Sie hatte als Witwe vor den Toren Marburgs ein Krankenhaus gegründet und pflegte darin Kranke und Arme. Eines Tages erhielt sie zu ihrer eigenen Versorgung 2000 Mark in Silber vom Landgrafen. Sofort beschloss sie, ein Viertel der Summe an Arme zu verteilen, und ließ bekannt machen, alle Notleidenden der Umgebung sollten sich an einem bestimmten Tag im Krankenhaus einfinden.
Als der Tag gekommen war, versammelte sich eine große Schar von Armen, kranken und bedürftigen Alten im Hof des Krankenhauses. Während des ganzen Tages verteilte Elisabeth das Geld und tröstete und ermutigte die Leute. Am Abend blieben noch viele Schwache und Alte da, denn der Heimweg am gleichen Tag war ihnen zu beschwerlich. Elisabeth ließ mitten im Hof ein großes Feuer anzünden, damit sich alle wärmen konnten. Dann wurden sie gewaschen und gespeist. Die geschundenen und verhärteten Menschen spürten, dass ihnen nicht bloß ein Almosen gegeben wurde, sondern ihnen Liebe und Herzlichkeit begegnete. Sie fühlten sich als eine große Familie und sangen und lachten. Da sagte Elisabeth zu ihren Gefährtinnen: "Seht, ich habe immer gesagt, man muss die Menschen froh machen."
Sicher, wir sind nicht diese mittelalterliche Heilige Elisabeth von Thüringen. Wir können das nicht einfach nachmachen. Aber wir alle haben ja von Gott Gaben geschenkt bekommen, wenn es nicht Geld ist, so doch vielleicht Zeit, die wir dazu benutzen können, um andere zu besuchen oder ein bezauberndes Lächeln oder ein herzerquickendes Lachen. Kleinigkeiten, sicherlich, aber mit diesen Kleinigkeiten kann man andere Menschen froh machen.
Jesus möchte, dass wir Menschen werden, die nicht nur seine Liebe für uns selber genießen wollen, sondern die auch an andere das weitergeben, was sie bekommen haben. Es ist geradezu der Sinn unseres Lebens, dass wir selber Menschen werden, die wohltuend für ihre Umgebung sind.
Wer an Jesus glaubt, der braucht kein unbedeutendes, belangloses Leben führen. Gott wird ihn für seine Zwecke gebrauchen. Wir dürfen es glauben, dass er uns in seine Pläne mit einbezieht. Dadurch erhält unser Leben Sinn und Tiefgang und seinen eigentlichen Reichtum.
Es ist ein schönes Bild, das Jesus für diesen Vorgang gebraucht: Von denen, die an ihn glauben, soll Leben schaffendes Wasser ausgehen., also etwas Erfrischendes, etwas Helfendes, etwas Tröstendes, etwas Froh Machendes, etwas Mut Machendes.
Für jeden unter uns gilt: Er darf glauben: Nichts steht mehr zwischen dir und Gott. Er gibt dir die Kraft, das zu tun, was er will, und er lässt dich dann nicht allein. Sondern er geht mit dir.
Gott hat auch für dich seine Aufgaben und den dazugehörigen Segen. Das sind die ganz alltäglichen Dinge wie für seine Mutter einmal einkaufen, kleine Kinder hüten oder mit einem alten Menschen spazieren gehen. Vielleicht sind es auch besondere Aufgaben wie eine Jungschar leiten oder in die Mission gehen. Gott will dich immer an seinen Aufgaben beteiligen. Und gerade, wenn du denkst: Was soll denn Gott gerade mit mir anfangen? Ich bin doch zu jung, oder zu alt, oder zu ungeschickt, zu schüchtern oder zu schlecht! Gerade dann will er mit er vielleicht etwas ganz Besonderes anfangen. Martin Luther hat einmal gesagt: „Niemand lasse den Glauben fahren, dass Gott gerade durch ihn eine große Tat tun will.“
Das ist für mich ein sehr Mut machendes Wort. Gott will Großes aus unserem Leben machen. Es ist eben ein Leben, von dem man nicht nur in 500 Jahren noch sprechen wird, sondern dass in Ewigkeit von Bedeutung sein wird. Das dürfen wir von unserem Leben erwarten. Genauer gesagt: Von Jesus erwarten.

Amen 
 

© 2011 Dieter Opitz