"HauptsächlICH" - Kreuz & Quer vom 21.04.11, Lukas 22, 39-44

Liebe Gemeinde!

Eigentlich ist das eine ungeheuerliche Bitte, die Jesus da ausspricht: "Dein Wille geschehe." Ganz und gar nicht typisch
menschlich und auch nicht zeitgemäß. Es ist ja gerade ein Kennzeichen unserer Zeit, dass wir nicht fremdbestimmt,
sondern selbstbestimmt, autonom, leben wollen. Wir wollen frei sein, unser eigener Herr. Und es stimmt ja auch: Was
andere von uns fordern, muss nicht unbedingt das Gute sein. Es muss nicht unbedingt gut sein, den heimlichen
Aufforderungen der Werbung zu mehr Konsum Folge zu leisten. Es muss nicht unbedingt gut sein, allen Spielregeln
unserer Gesellschaft zu folgen, nur weil alle anderen es machen. Es ist ja gut, wenn wir Forderungen, die an uns
gestellt werden, auch kritisch prüfen. Nur, wir sollten noch kritischer sein, auch uns selbst gegenüber kritisch. Wir
sind nicht in der Lage, die Ansprüche, die unser eigenes Ich an uns stellt, auf ihre Berechtigung hin zu prüfen. Du
selbst bist eben nicht der Richtige, dein Leben zu lenken. Trotz aller guten Vorsätze bist du es nicht. Ein Mensch, der
sein Leben selber in die Hand nehmen will, gleicht einem sechsjährigen Kind, das von zu hause ausreißt, weil die Eltern
nicht so wollen wie es selbst. Es wird nicht sehr weit kommen. Der einzig Richtige, der unser Leben wirklich recht
lenken kann, ist Gott.
Wenn man das so hört, da sträuben sich dem modernen Menschen doch sämtliche Nackenhaare. Denn wir
modernen Menschen haben uns von Gott abgenabelt, wir brauchen keinen, der uns Vorschriften macht, keinen, der
unser „Herr“ ist. Wir sind doch selber erwachsen, wir wissen selber, was gut und richtig für uns ist. Jedenfalls wird
uns dieses Denken ständig in allen Medien eingehämmert. Aber das stimmt nicht. Wir brauchen Gott, um unser
Leben recht führen zu können. Das Gebet „Dein Wille geschehe", ist deshalb ein gutes und wichtiges Gebet. In
seinem Buch „Lügen, die wir glauben“, berichtet der amerikanische Psychiater Chris Thurman von einem
jugendlichen Klienten, der ganz besessen davon war, dass alles auf eine ganz bestimmte Weise laufen musste, damit
er einen „guten Tag“ hätte. Er bat ihn, eine Liste von allen Dingen aufzuschreiben, die an einem Tag passieren
müssten, damit es ein guter Tag wäre. Seine unglaublich detaillierte Liste begann so:

- von einem bestimmten Lied im Radiowecker geweckt werden
- eine bestimmte Zusammenstellung von Kleidungsstücken und Tennisschuhen tragen
- zum Frühstück keine Haferflocken essen müssen
- im Schulbus den vordersten Sitzplatz ergattern
- von allen Freunden den ganzen Tag nette Dinge gesagt bekommen.

Die Liste setzte sich so lange fort und war so voller Einzelheiten, dass es buchstäblich unmöglich war, dass alles genau
so lief, wie er es wollte. Infolgedessen konnte er nie einen glücklichen Tag erleben. Irgendetwas ging ihm immer gegen
den Strich. Dann schreibt der Autor weiter: „Seien Sie ehrlich: Gehören Sie zu den Leuten, die keinen Film genießen
können, wenn direkt vor Ihnen jemand sitzt? Können Sie sich an einer Mahlzeit erfreuen, wenn die Bedienung langsam
ist? Und ich wette, Sie sind noch nie wütend geworden, wenn Sie im dichten Verkehr hinter einem Sonntagsfahrer
festsitzen, oder?“ Die Wirklichkeit ist so, dass Ampeln nicht auf Grün springen, wenn wir es wollen; dass Leute reden,
wenn wir wünschen, sie täten es nicht; dass Ehepartner unfreundlich sind, wenn wir ein freundliches Wort brauchen,
und dass Schlangen lang sind, wenn wir es eilig haben. „Diejenigen unter uns, die an der „Mein-Wille-geschehe-Lüge“
leiden, glauben bis zu einem gewissen Maß, dass die Welt sich um uns dreht.“ Sie sollte es jedenfalls tun – und wenn
es dann anders läuft, dann sind wir verstimmt, wütend oder traurig und unglücklich. So ist es doch! Oder?
Dieses ich-bezogene Denken gestehen wir uns oft nicht ein. So wie der Junge im oberen Beispiel sind wir doch nicht!
Natürlich haben wir auch unsere Vorlieben, haben wir unsere Wünsche und Bedürfnisse – und die dürfen wir auch
haben und sie uns erfüllen, so weit es geht und möglich ist.
Aber wie geht es uns, wenn wir an Grenzen stoßen, die uns durch Menschen oder Umstände gesetzt werden? Ich
denke, die ganz normale erste Reaktion ist, dass wir rebellieren. Wir sind empört, beleidigt, regen uns auf und
überlegen, wie wir es doch noch schaffen könnten, unseren Willen durchzusetzen. Ein seelisch anders gestrickter
Mensch würde vielleicht leiser reagieren, sich in sich zurückziehen, würde nicht lauthals rebellieren, aber innerlich
seinen Groll und seine Bitterkeit pflegen. Jetzt ist es ganz wichtig, zu unterscheiden, wer die Grenzen in meinem Leben
setzt. Solange es im zwischenmenschlichen Bereich ist, da steht ein Ich gegen ein anderes Ich und ich denke, für eine
gute Beziehung ist es wichtig, dass jeder einmal sich durchsetzt und jeder einmal nachgibt, in einer Freundschaft und
vor allen Dingen in einer Ehe. Ganz anders ist es aber in unserem Verhältnis zu Gott. Dabei handelt es sich nicht um
eine gleichwertige Partnerschaft, sondern ich möchte es vergleichen mit dem Verhältnis von Eltern zu Kindern. D.h.
es handelt sich nicht um eine gleichwertige Partnerschaft auf gleicher Ebene, sondern da gibt es ein oben und ein
unten. Oben ist Gott, unten sind wir. Unser Wille ist eben nicht immer der beste. Natürlich hat auch nicht der andre
immer recht, mit dem wir gerade im Clinch liegen. Es gibt nur einen, der immer recht hat, dessen Wille immer der
beste ist. Das ist Gott. Deshalb ist diese Bitte für ein gelungenes Leben sehr wichtig: Dein Wille geschehe!

Diese Bitte hat Jesus selbst seine Jünger gelehrt. Und er hat sie gelebt. Er selbst hat sie in einer sehr harten Situation
seines Lebens gesprochen. Jesus ist mit seinen Jüngern im Garten Gethsemane. Er weiß, die Soldaten, die ihn
verhaften, foltern und schließlich hinrichten werden, sind bereits unterwegs. Was soll er tun? Die Gelegenheit zur Flucht
nutzen? Oder bleiben? Jesus war ja ein Mensch wie du und ich. Wahrer Gott und auch wahrer Mensch. Er wollte
leben, wollte nicht sterben. Aber da war auf der anderen Seite die Ahnung, ja die Gewissheit, dass er sterben sollte.
Auf dem Weg nach Jerusalem hat Jesus seinen Jüngern dreimal angekündigt, dass er sterben werde. Ein ungeheurer
Konflikt tobt in Jesus. Eine unglaubliche Stresssituation. Jesus schwitzt Blut, ein Phänomen, das es in seltenen Fällen ja
durchaus gibt. Was tun? Jesus betet: "Vater, willst du, so nimm diesen Kelch von mir; doch nicht mein sondern dein
Wille geschehe.“ Damit gibt er seinem Glauben Ausdruck: Mein Leben liegt in Gottes Hand. Ich habe nicht alles im
Griff. So hätten wir es zwar am liebsten. Und wir erliegen auch immer wieder dem Irrglauben: Unser Leben läuft so,
wie wir es wollen. Aber ist das wirklich so? Sind wir so souverän und stark wie wir meinen? Ich denke nicht! Wer
weiß denn schon, wenn er das Haus verlässt, dass er gesund nach Hause kommt? Er könnte ja, so wie es mir vor drei
Monaten passiert ist, nach einem Unfall ins Krankenhaus kommen. Wer hat es im Griff, ob nächste Woche ein
Terroranschlag auf Deutschland verübt wird? Oder ein Atomkraftwerk in die Luft fliegt? Wer kann dafür garantieren,
dass er nächstes Jahr noch gesund und leistungsfähig ist? Wir wähnen uns stark und sicher – sind aber letzten Endes
ungesichert ungewissen Mächten und einem ungewissen Schicksal preisgegeben. Außer – und das ist die Alternative,
die jeder Mensch hat: ich akzeptiere den lebendigen Gott als meinen Herrn und als meinen Vater, der mich führt. Dann
bin ich keinem namenlosen ungewissen Schicksal ausgeliefert, sondern dann begebe ich mich freiwillig in die Hände
des lebendigen Gottes.
Wir wissen, wie die Geschichte weitergegangen ist. Jesus ist verhaftet und am nächsten Tag gekreuzigt worden. Es war
der Wille Gottes, dass sein Sohn stirbt. Das klingt auf unsere modernen Ohren ziemlich schockierend und scheint alle
Vorurteile zu bestätigen, die Menschen gegen das christliche Gottesbild haben: Dieser Gott meint es nicht gut mit uns.
Er will uns nur unglücklich machen und das Leben vermiesen. Aber das ist nicht wahr. Sicher, in einem Leben mit Gott
geht es nicht immer so, wie man es selber am liebsten hätte. Aber es geschieht das, was am besten für uns ist.
Denn, glaube mir, Gott meint es gut mit dir. Du bist von ihm gewollt und geliebt. Er hat im Gegenteil kein größeres
Interesse daran, als dir eine Freude zu bereiten. Dazu hat er ja diese Welt geschaffen. Er will, dass du dich an all den
guten Gaben seiner Schöpfung erfreust, dass du auch deine Gaben und Fähigkeiten, die er dir gegeben hat, einsetzt.
Um dir Freude zu bereiten, hat er auch Jesus in diese Welt geschickt. Er ist für dich ans Kreuz gegangen, damit deine
Schuld dir vergeben werden kann und damit du wieder in Verbindung mit Gott und seiner Liebe treten kannst. Dieser
Gott, der so etwas für dich getan hat, kann es nur gut mit dir meinen. Aus eine ungeheuren Liebe heraus will er für dich
nur dein Bestes. Das Beste, was du tun kannst, ist ein Leben mit diesem Gott zu führen. Mit so einem Gott, der dich
mit seiner Vergebung, seiner Hilfe, seinem Trost, seiner Kraft und schließlich auch mit dem ewigen Leben beschenkt,
lohnt es sich zu leben. Der meint es gut mit dir, und dessen Wille ist der beste für dich. Das muss nicht immer das sein,
was wir wollen: Denn wir denken in der Regel kurzsichtig. Wir wünschen uns etwas und wollen es dann unbedingt,
ohne zu bedenken, was für Folgen unsere Wünsche haben. Oft wissen wir es auch nicht, weil wir nicht in die Zukunft
blicken können. Aber Gott hat den Weitblick. Er weiß, was gut für uns ist, auch wenn wir vom Gegenteil überzeugt
sind. Deshalb kann uns Gottes Wille manchmal hart und unverständlich vorkommen. Wir wissen ja nicht, welche
wunderbaren Pläne für uns Gott in der Zukunft noch hat. Auch Jesus erschien sein Schicksal hart. Er hätte sich lieber
ein anderes gewünscht. Trotzdem vertraut er. Er möchte, dass der Wille Gottes in seinem Leben geschieht. Diese
Entscheidung gab ihm wieder neue Kraft und Zuversicht.
Wir beten oft so: "Herr, gibt mir dies, gib mir das. Mach es so. Hilf mir..." Wir wünschen uns gute Noten, eine gute
Arbeitsstelle, einen Freund oder eine Frau, Gesundheit oder ein neues Auto. Und dann wundern wir uns, wenn Gott
einmal unsere Gebete nicht erhört. Sicher dürfen wir um all diese Dinge beten. Selbst Jesus betet ja: "Nimm diesen
Kelch von mir!" Er bittet seinen Vater, ihm das Kreuz zu ersparen. Jesus betet auch um die Veränderung seiner
Situation, der Verhältnisse. Aber Jesu Gebet hat einen entscheidenden Nachsatz: "Doch nicht, was ich will, sondern
was du willst!" Das ist der entscheidende Punkt: Er schreibt Gott nicht vor. Er will Gott gehorsam sein.
Häufig wollen wir, dass Gott unsere Situation verändert. Gott will aber in erster Linie, dass sich unser Herz verändert.
Machen wir es doch wie Jesus: "Doch nicht, was ich will, sondern was du willst!" Gott will das Beste für dich. Und du
kannst auch seinen Willen erkennen, wie durch sein Wort, das du in der Bibel liest oder in einer Predigt hörst.
Für viele ist hilfreich, wenn sie erfahrene Christen um Rat fragen, wenn sie selber nicht wissen, was der Wille Gottes
ist. Und manchmal kann ich einfach nur das tun, was mir vernünftig erscheint und darauf vertrauen, dass Gott falsche
Wege verhindert. In wichtigen Lebenssituationen habe ich mich von Gott leiten lassen können. Ein Beispiel nur:
Ich war ja fast 10 Jahre Pfarrer im Landkreis „Nürnberger Land“. Unser Autokennzeichen dort war: LAU LZ 65.
Ich habe mir diese Nummer so eingeprägt: LZ das heißt lange Zeit, am liebsten bis 65 Jahre, also bis zur
Pensionierung. So wohl fühlte ich mich dort. Ich wollte nicht mehr von dieser Pfarrstelle fort, so gut gefiel es mir, auch
meiner Frau und den Kindern dort. Doch Gott hatte andere Pläne. Ich wurde gebeten, mich um die Pfarrstelle
Nikodemuskirche Bayreuth zu bewerben. Aber ich wollte nicht weg. Doch Gott machte mir durch sein Wort, das ich
las, klar: Aber ich will es! So wagte ich den Wechsel nach Bayreuth. Und es war gut so, privat wie beruflich.
Ich möchte jedem unter uns Mut machen: Wer bereit ist, Gott zu gehorchen, dem wird Gott zeigen, was er zu tun und
zu lassen hat. Wer nur den Willen Gottes tun möchte, der wird nicht ohne Antwort bleiben. Vertraue ihm, dass er dich
durch dieses Leben gut führt. Und habe keine Angst, dass er dir etwas zumutet, was du nicht aushältst. Er kennt dich
doch. Und er weiß ganz genau, viel besser als du, was du ertragen kannst und was nicht. Er wird dich wunderbar
führen und du wirst ihm einmal dafür danken, dass sein Wille in deinem Leben geschehen ist.
Es tut uns innerlich gut, wenn wir unseren Eigensinn loslassen können. Wenn wir es akzeptieren können, dass Gott uns
Grenzen setzt, dass er etwas anders macht, als wir es gerne hätten. Da kommt letzten Endes immer ein Segen dabei
heraus – auch wenn wir es am Anfang überhaupt nicht begreifen konnten.
Ich möchte uns allen heute ganz neu Mut machen, den Weg der Nachfolge Jesu wirklich zu gehen. Es ist kein leichter
Weg, es geht einem nicht immer gut, man ist oft traurig und angefochten – aber am Ende, zuletzt, merkt man: es ist ein
guter Weg, den Gott mich führt. Und vor allem: Er bringt mich an ein gutes Ziel, nämlich in sein Reich.

Amen 
 

© 2011 Dieter Opitz