Ich war's nicht - Kreuz & Quer vom 17.11.10, Psalm 51, 1-14

Liebe Gemeinde!

Schuld zugeben ist eine seltene Angelegenheit. Viel häufiger ist schweigen, abwiegeln, verharmlosen, Schuld auf andere oder die Umstände abschieben oder ganz einfach leugnen.
„Ich war’s nicht!“ Das ist ein Satz, der einem im Umgang mit Schuld häufig begegnet. Ein Lehrer kann ihn aus dem Munde von Schülern hören, wenn es darum geht, in der Klasse irgendeine „dumme Sache“ aufzuklären. „Ich war’s nicht!“ sagen Kinder zu ihren Eltern, die hören wollen, wer denn nun mit dem Streit angefangen hat.
Doch die Erwachsenen sind auch nicht besser, im Gegenteil. Verantwortungsträgern fällt es schwer, Schuld zuzugeben. Denken wir an die Katastrophe auf der Love-Parade vor wenigen Monaten. 21 Menschen kamen ums Leben. Und niemand war bereit, Schuld und Verantwortung zu übernehmen, weder der Oberbürgermeister, noch die Polizei oder der Veranstalter: „Ich war’s nicht!“
Ganz anders hier David, der den Psalm 51 geschrieben hat. Er war der höchste Verantwortungsträger seines Landes, der König von Israel. Mit Bathseba, der Frau eines seiner Offiziere, brach er die Ehe. Sie wird schwanger. Um die Sache zu vertuschen, befiehlt er, ihren Mann an einen gefährlichen Posten zu stellen, damit er dort stirbt. Der Plan geht auf. Der Offizier fällt in einer Schlacht gegen seine Feinde. David heiratet Bathseba. Ein krasser Fall von Machtmissbrauch.
Der Prophet Nathan geht zum König und hält ihm sein Unrecht vor. Ein mutiger Mann, dieser Prophet. Denn David hätte ihn wegen Majestätsbeleidigung verhaften lassen können. Doch dies tut der König nicht. Er gibt seine Schuld zu und leugnet sie nicht. Er tut Buße, das heißt er gibt sich schuldig und bittet Gott um Vergebung.
David erkennt: Seine Schuld hat nicht nur etwas mit einem Fehlverhalten gegenüber seinem Mitmenschen zu tun sondern auch mit Gott. Schuld muss vor Gott ausgesprochen werden, oder vor von ihm beauftragte Menschen. Das nennt man Beichte. Nur Gott kann Schuld vergeben, das heißt wegnehmen, als ob sie nie geschehen wäre.
David weiß das. Deshalb wendet er sich in dem Psalm 51 an Gott. Deshalb spricht er auch in diesem Psalm den erstaunlichen Satz: „An dir alleine habe ich gesündigt.“
Meine Schuld geht Gott etwas an, und zwar entscheidend. Viele denken anders: Meine Schuld geht niemand etwas an.
Die bekannte Zeile aus dem Nachtgebet „Hab ich Unrecht heut getan, sieh es lieber Gott nicht an“ verdrehte einmal ein kleiner Junge gewollt oder ungewollt: „Hab ich Unrecht heut getan, geht’s dich lieber Gott nichts an!“
So denken viele Menschen. Wen gehen meine kleinen oder großen Verfehlungen etwas an? Vor Menschen und vor Gott verbergen wir unsere Schwächen und Sünden. Aus den Augen – aus dem Sinn. Was kümmern mich meine Fehler von gestern? Wir machen doch alle Fehler! Wieso so viel Aufsehen deshalb machen? Keiner ist vollkommen. Nobody is perfect. Deshalb redet man am besten nicht mehr darüber. Ein schlechtes Gewissen belastet doch nur und macht schwermütig und vielleicht sogar krank.
Eben! Deshalb hilft es ja nicht, Schuld zu verschweigen Sünde zu verdrängen und Unrecht zu verbergen. Verschwiegene Schuld ist wie ein Ball, den ich versuche, unter Wasser zu drücken. Das strengt an und irgendwann kommt er doch hoch. Verschwiegene Schuld vergiftet unsere Seele, belastet uns und kann einen sogar krank machen, an Leib und Seele. Verschwiegene Schuld macht uns unwahrhaftig.
Viel besser ist es, viel befreiender, viel ehrlicher, wenn wir Schuld einfach zugeben, vor Gott bekennen, ans Licht bringen. Nur so wird Schuld vergeben und wirklich verarbeitet. Gott wartet darauf, auch bei dir, vielleicht schon lange, dass du deine Schuld bekennst und wie in dem Abendgebet sprichst: „Hab ich Unrecht heut getan, sieh es, lieber Gott nicht an. Deine Gnad’ und Christi Blut machen allen Schaden gut.“
Ja, darauf können wir uns verlassen: Jesus ist am Kreuz für uns gestorben, für deine und meine Schuld. Deshalb will Gott nicht mehr strafen, weil sein Sohn schon längst die Strafe für uns getragen hat. Dieses Sterben am Kreuz macht wirklich „allen Schaden gut“. Wer seine Schuld bekennt, dem wird sie vergeben. Garantiert. Und Vergebung heißt: Die Sünde ist ausgelöscht, nicht mehr existent. Wer diesen Satz gehört und geglaubt hat: „Im Namen Gottes sind dir deine Sünden vergeben.“ der darf auch wissen, dass diese Sünden vor Gott nicht mehr zählen. Sie werden von ihm auch beim Jüngsten Gericht nicht mehr erwähnt.
Eine Frau meint, sie habe Gotteserscheinungen, und geht zu ihrem Pfarrer, um seinen Rat einzuholen. „Ist es wirklich Gott, der mir erscheint?“ Der Pfarrer möchte mit ihr eine Probe machen. Die Frau ist einverstanden, und nun verabreden sie, wenn Gott der Frau wieder erscheint, soll sie ihn nach den persönlichen Sünden des Pfarrers fragen und davon dem Pfarrer berichten. Denn nur Gott und der Pfarrer können ja um die bestimmten Sünden wissen.
Nach einem Monat kommt die Frau zum Pfarrer und berichtet, dass ihr Gott wieder erschienen sei. „Und, was hat er Ihnen auf Ihre Frage hin gesagt?“ erkundigt sich der Pfarrer. „Er hat zu mir gesagt: Die persönlichen Sünden deines Pfarrers sind alle vergeben!“ – „Dann ist es wirklich Gott!“
Ich weiß jetzt nicht, ob diese Geschichte wirklich so passiert ist. Aber ich weiß, dass sie eine befreiende Wahrheit wiedergibt. Wenn meine Schuld vergeben ist, dann macht mir Gott deshalb keine Vorwürfe. Umgekehrt gilt auch: Wenn Gott dir deine Schuld vergeben hat, dann sind alle Gedanken, die mir wegen ihr noch Vorwürfe machen wollen, gewiss nicht von Gott. (1. Teil)
Gott vergibt. David vergleicht hier diesen Vorgang mit einer Reinigung, die den Schmutz der Sünde abwäscht. Doch er weiß, dies alleine reicht nicht aus. Es kann und muss an ihm noch mehr geschehen.
Schon David im Alten Testament ist klar: Es muss an mir eine Veränderung geschehen. Mein ganzes Wesen ist von Natur aus so gepolt, dass es die Sünde mehr liebt als das Gute. Deswegen zieht es mich zu bestimmten Sünden immer wieder hin, deshalb tue ich das, weswegen ich mich nachher so schäme und mich frage: „Wie konnte ich nur so handeln, reden, denken?“
Vergebung alleine verändert mich nicht. Ich werde trotzdem immer wieder sündigen. Da muss noch etwas anderes geschehen. Und darum bittet David hier im Psalm 51: „Schaffe in mir, Gott, ein reines Herz, und gib mir einen neuen beständigen Geist.“ Das Herz bedeutet das Zentrum einer Person, das Wesen einer Persönlichkeit. Dieses Zentrum, dieses Wesen soll anders werden. Das wünscht sich David von Gott. Wünschst du es dir auch?
Ja, geht das überhaupt? Ein Kind wollte einmal Kohle waschen, weil ihm die schwarze Farbe nicht gefiel. Sie sollte weiß werden. Natürlich funktionierte diese Waschaktion nicht. Denn die schwarze Farbe gehört eben zum Wesen der Kohle dazu. Wer Kohle wäscht, wird nur selber schmutzig.
So kann auch kein Mensch all das Dunkle seines Wesens selber verändern. Es geht einfach nicht. Er wird eher durch seine Veränderungsversuche alles nur noch schlimmer machen.
Zurück zur Kohle. Und doch kann Kohle hell und durchsichtig und auch ungeheuer wertvoll gemacht werden. Nicht durch Waschen sondern durch einen Umwandlungsprozess. Aus Kohle können Diamanten werden. Tief unter der Erde, unter hohem Druck und hohen Temperaturen kann dies geschehen.
Auch ein menschliches Herz kann verändert werden. Es ist sicher ein Wunder, wenn dies geschieht. Aber Gott kann dieses Wunder tun. Es ist ein kleines Wunder, im Vergleich zu dem Wunder der Weltschöpfung. Gott hat vor Urzeiten die Welt geschaffen – aus dem Nichts. So kann Gott auch einen neuen Menschen schaffen, indem er ihm er einen anderen Geist gibt, eine neue Gesinnung, den Geist Gottes. Es ist der gleiche Vorgang wie bei der Weltschöpfung. Wenn hier David bittet: „Schaffe in mir, Gott, ein reines Herz.“, dann steht hier das gleiche Wort wie bei Mose, wo es heißt: „Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde.“
Es ist für Gott also ein vergleichbar kleines Wunder, einen Menschen zu verändern. Und doch geschieht es wohl nicht sehr oft. Das liegt nicht an Gott sondern am Menschen. Denn Gott zwingt keinen Menschen. Er wartet darauf, dass wir in das einwilligen, was er schon lange will: uns so zu verändern, dass wir einmal in sein ewiges Reich hineinpassen. Und das ist ein Reich der Liebe. Gott will deine Veränderung. Willst du sie auch? Wenn ja, dann bitte ihn doch darum. Wenn du gemerkt hast, so wie du bist, passt du einmal nicht in den Himmel hinein, dann bitte ihn doch darum, dass er nicht nur deine Sünden vergibt, sondern dich auch zu einem anderen Menschen macht.
Diese Bitte erhört Gott. Ich denke da ein kleines Mädchen. Ihre Tante nahm sie zu sich, weil deren Eltern gestorben waren. Die Frau führte zusammen mit ihrem Mann einen Betrieb. Die Kleine wurde in ein großes Zimmer untergebracht, in dem auch zwei andere Mädchen schliefen, die in dem Betrieb beschäftigt waren. Und nun geschah etwas Seltsames. Das Kind war geistig schwach begabt. Es ging am ersten Abend mit den Mädchen zu Bett und betete den einzigen Vers, den es behalten konnte: „Schaffe in mir, Gott, ein reines Herz und gib mir einen neuen, beständigen Geist.“ Die Mädchen fingen an zu kichern und zu spotten. Aber die Kleine kümmerte sich nicht darum. Sie schlief ein. Am nächsten Morgen betete sie ihr Sprüchlein aufs Neue. Wieder großes Hallo der beiden. Als aber die Kleine am Abend wieder betete und eines von den Mädchen anfing zu lachen, sagte das andere ernst: „Du, das Kind hat recht. Das ist, was mir fehlt: ein reines Herz. Ich bete mit.“ Und tatsächlich, das Mädchen betete auch: „Schaffe in mir, Gott, ein reines Herz und gib mir einen neuen, beständigen Geist.“ Nach drei Tagen betete auch die andere um den neuen Geist. Und wenn man um den Heiligen Geist bittet, dann kommt er auch. Die Mädchen wurden ganz anders. Die Frau fragte sie: „Wieso seid ihr so anders geworden?“ Da erzählten sie alles. Und sie sagten: „Wenn der Geist hier im Haus nicht anders wird, dann gehen wir.“ Die Frau erschrak. Denn sie hatten recht. Es herrschte in dem Betrieb wirklich eine üble Atmosphäre. Da begann sie auch heimlich zu beten. Das ganze Haus wurde schließlich umgewandelt. Neben der Frau begann auch ihr Mann um den Geist Gottes zu beten.
Wir alle müssen ohne Ausnahme anders werden. Wir brauchen Geduld mit unseren Mitmenschen, Mut, immer das Richtige zu tun und zu sagen, Weisheit, um überhaupt das Richtige zu erkennen, Dankbarkeit auch in schwierigen Situationen, Liebe zu Gott, die mehr ist als ein Lippenbekenntnis, sondern die seine Nähe sucht in seinem Wort und im Gebet.
Wir brauchen eine Gesinnung, die nicht menschlich sondern göttlich ist. Wir brauchen mit anderen Worten den Heiligen Geist. Um den dürfen wir bitten, so wie jenes kleine Mädchen in der Geschichte. Und dann bekommen wir ihn auch und damit auch das „reine Herz“, von dem David spricht.
Ein „reines Herz“ will nur noch eines: Das tun, was Gott will. Es ist nicht mehr hin und her gerissen von allem Möglichen, was ein Mensch haben will und somit auch viel zufriedener. Denn diese Zerrissenheit macht mich unglücklich: einerseits Gott gehorchen wollen und wissen, dass das mir gut tut und andererseits doch das tun wollen, was mich von Gott weiter wegbringt. Wer als Christ leben will, kennt diesen Zwiespalt sehr genau.
Es gibt ein Gegenmittel gegen diese Zerrissenheit, die Bitte um den Heiligen Geist, um das „reine Herz“. Der Heilige Geist ist ein heilender Geist. Er tut unserem Wesen gut. Er heilt die Verbogenheiten unseres Charakters, heilt die innersten Schäden unseres Wesens, macht uns zu integren Persönlichkeiten, zu authentischen Menschen, die das leben, was sie sagen.
Solche authentischen Christen sind wohl selten geworden. Aber wir können solche werden. Wir können darum bitten: „Schaffe in mir, Gott, ein reines Herz und gib mir einen neuen, beständigen Geist.“ Gott erhört diese Bitte, ganz gewiss.

Amen

© 2010 Dieter Opitz