"Wer bin ich?" Kreuz und quer Gottesdienst am 21.2.99


Wer bin ich? Unsere Fassade mag glatt poliert sein. Wir können den anderen zeigen, wie attraktiv wir sind, wie gut wir Gitarre oder Fußball spielen können, wie gut wir in der Schule sind. Aber wie sieht es in Wirklichkeit aus? Wir sind nicht immer so toll wie Claudia Schiffer, Eric Clapton, Franz Beckenbauer oder Albert Einstein. Wir haben auch unsere Fehler und Schwächen, die wir gerne verstecken. Denn damit kann man ja keinen beeindrucken.

Die Frage bleibt: Wer bin ich eigentlich? -Wieviel bin ich wert, - auch nach Abzug meiner Stärken? Wer liebt mich denn, auch wenn ich nicht oder nicht mehr attraktiv, sportlich oder leistungsfähig bin? Danach sehnen wir uns ja alle, nach Anerkennung und Liebe.

"Alles was du brauchst ist Liebe", haben seinerzeit die Beatles gesungen. Marilyn Monroe (1926-1962), die, viermal verheiratet, nach diesem Rezept lebte, schreibt auf einen Zettel, bevor sie stirbt: "Ich sehnte mich nach grenzenloser Liebe."

Nicht nur sie. Von Wolfgang Amadeus Mozart (1756-1791), dem musikalischen Wunderknaben, wird erzählt, daß er die seltsame Angewohnheit hatte, als Kind auch in vornehmster Gesellschaft einen nach dem anderen zu fragen:" Hast du mich wirklich lieb?" Wenn diese Frage bejaht wurde, wiederholte er sie:" Hast du mich wirklich lieb?" Und jedesmal strahlte das Büblein, wenn ihm wirkliche Liebe zugesichert wurde. Nur einmal sei es geschehen, daß irgendein Grobian auf diese kindliche Frage nicht geantwortet habe. Daraufhin habe sich der kleine Mozart plötzlich abgewandt und heftig zu weinen begonnen.

Wie viele mögen wohl insgeheim weinen, weil man sie nicht liebt! Und darum werden die einen zu viel strapazierten Managern, weil sie in der Anerkennung ihrer Leistung letztlich Liebe suchen; darum setzen sich unbewußt andere in die Krankheit ab, weil sie sich für kurze oder längere Zeit liebevolle Betreuung erhoffen. Deshalb werden Schüler verhaltensauffällig, weil sie nach Zuwendung - gleich welcher Art - hungern. Ist übrigens das viele Gerede vom Sex nicht letztlich ein verzweifelter Schrei nach selbstloser Liebe?

Diese Liebe kann ein Mensch so, wie er ist, nicht geben, weil ihn das Gefängnis der Ich - isolierung versklavt. Er ist buchstäblich der geborene Egoist. Er macht sich zum Maß aller Dinge, will die Mitte seines Lebens sein. Damit gleicht er aber einem Kreisel, der schließlich vor lauter "Ichdrehungen" am Boden liegen bleibt. Wenn einer Anerkennung und selbstlose Liebe bei Menschen sucht, wird er letztlich immer enttäuscht werden. Wieviel Zeit und Kraft verwenden wir darauf, anderen zu imponieren und sie für uns einzunehmen. Es mag uns gelingen, solange wir das bringen, was andere brauchen oder ihnen gefällt: Leistung, Können, attraktives Aussehen. Aber was ist, wenn wir das alles nicht mehr haben? Dann erst zeigt sich erst, was wahre Liebe und Freundschaft ist. Wer liebt uns denn, ohne daß wir ihm erst unsere Qualitäten unter Beweis stellen müssen? Wer nimmt uns auch nach Abzug unserer Stärken an?

Und ehrlicherweise müssen wir diese Frage auch umdrehen: Wen lieben wir bedingungslos und vorbehaltlos? Wo sind wir zu echter Annahme und Liebe fähig? Wir sehnen uns nach grenzenloser Liebe, aber wo sind wir bereit, anderen diese Liebe zu geben?

Wir selbst, aber auch die anderen um uns herum brauchen das Gefühl, wertvoll zu sein. Aber durch unser Verhalten vermitteln wir uns gegenseitig, wie gering wir unseren Wert einschätzen, wie wenig fähig wir zu echter Liebe sind.

Das Leben wäre eine armselige und wertlose Sache , wenn es nicht einen gäbe, der höchst interessiert ist an uns. Das ist Jesus Christus. Für ihn sind wir ungeheuer wertvoll. Unser Wert liegt nicht darin, wie hoch die Leute uns einstufen, sondern wie hoch Gott uns einstuft. Lesen wir einmal die Bibel, und wir werden erleben: So hoch kann uns kein Mensch einstufen.

Gott liebt jeden von uns, egal wer er ist. Seine Liebe ist unabhängig von Vorleistungen und Vorbedingungen. Diese Liebe ist mehr als ein Gedanke oder eine bloße Behauptung . Gott hat ungeheuer viel dafür eingesetzt, um dir zu beweisen, wie wertvoll du ihm bist. Wenn ich mir was kaufen will, einen Cassettenrecorder / einen neuen Mantel, dann überlege ich vorher, wieviel ich dafür anlegen möchte, sagen wir mal 200,-Mark. Bis zu dem Preis bin ich bereit das Gerät / das Kleidungsstück zu kaufen. Was darüber hinausgeht, das ist mir zu teuer. Noch einmal: Was ich für eine Sache einsetze, macht deutlich, was sie mir wert ist.

Was hat Gott eigentlich für dich eingesetzt? Ein paar fromme Gedanken? Ein paar rührselige Tränen? Ein paar christliche Sprüche? Nein! Seinen Sohn hat er eingesetzt. Im Johannesevangelium lesen wir: "Also hat Gott die Welt geliebt, daß er seinen eingeborenen Sohn gab, auf daß alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben" Einer, den die Liebe Gottes buchstäblich umgeworfen hat, hat gesagt: "Ihr seid teuer erkauft." (1. Korinther 6,20) Das war der Apostel Paulus. Und ein anderer, Petrus, hat geschrieben: "Wißt, daß ihr nicht mit vergänglichem Silber oder Gold erkauft seid, sondern mit dem teuerem Blut von Jesus Christus." (1. Petrus 1,18f) "Wieso muß Gott sich erkaufen, was ihm doch eigentlich gehört?" Mag jetzt einer fragen. Ich will es mit einer Geschichte, die ich einmal las, erklären.

Ein Junge bastelte einmal ein Segelschiff. Viele Tage verbrachte er damit. Als das Schiff fertig war, ging er damit an den Fluß. An einer langen Schnur ließ er den Segler auf das Wasser hinaus. Irgendwie jedoch riß sich das Schiff los. In wenigen Augenblicken wurde das Schiff auf die Mitte des Flusses getragen. Zum Entsetzen des Jungen war es bald verschwunden. Völlig geknickt kam der Junge am Abend nach Hause.

Wochen später entdeckte er ein Segelschiff im Schaufenster eines Pfandhauses – eben das Boot, das er mit soviel Sorgfalt gebaut, aufgetakelt und angemalt hatte. Er fragte den Inhaber des Pfandhauses, ob er das Boot haben könne. Sein Herz sank ihm fast in den Magen, als er den Mann sagen hörte: "Nur, wenn du den Preis zahlst, der auf diesem kleinen Schild steht."

Der Junge arbeitete mehrere Wochen, um sich die Summe für das Boot zusammenzusparen. Endlich kehrte er mit dem Geld in der Hand in das Pfandhaus zurück, legte die Summe auf den Ladentisch und sagte: "Bitte sehr, ich hätte gern mein Boot."

Als er den Laden mit dem Boot in der Hand verließ, sah er es mit einem Gefühl von Freude, Stolz und Liebe an, so, als wollte er sagen: "Du gehörst mir, kleines Schiff! Du gehörst mir zweimal! Einmal, weil ich dich gemacht habe, und dann noch einmal, weil ich dich gekauft habe!"

Ähnlich ist es auch mit Gott und den Menschen. Wir haben uns irgendwie von Gott losgerissen und sind seiner Herrschaft entglitten. Aber Gott ist unser Elend nicht einfach egal. Er ist innerlich in Aufruhr um unseretwillen. Er hat uns lieb wie ein Stück von sich selbst. Er will uns wieder in Besitz nehmen. Aber die gottfeindliche Macht, der wir nun gehören, pocht darauf, daß wir alle Rechte vor Gott verloren haben. Nun mußte Gott einen ungeheuer hohen Preis zahlen, um uns wieder zu besitzen. Das war sein Sohn. Gott hat diesen Preis bezahlt! Das ist die gewaltigste Nachricht, die die Menschen je gehört haben. Gott hat uns teuer erkauft. Er ließ seinen Sohn für uns sterben, stellvertretend für unsere Sünde und Schuld. Das ist der Preis.

Ein Unterschied besteht nun zwischen dem Schiff und uns. Der Segler war ein totes Stück Holz und mußte den Wechsel vom Händler zu den Jungen automatisch mitmachen. Wir aber sind lebendig und Gott zwingt es uns nicht auf, wieder sein Eigentum zu werden. Wir können es ablehnen, Gottes Eigentum zu sein. Jesus wäre dann für uns umsonst gestorben. Er hätte umsonst gezahlt. Aber wir können es auch akzeptieren, Gottes Eigentum zu sein. Wir brauchen nur das Geschenk der Liebe Gottes annehmen. Wir brauchen uns nur von ihm liebhaben zu lassen. Jesu Zuneigung können und brauchen wir nicht zu erkaufen. Sie ist uns schon zugesichert. Diese Tatsache brauchen wir nur noch zu glauben.

In einem Schaukasten sieht jemand einen Spiegel. Er schaut hinein. Ein Spruch ist unten auf den Spiegel geklebt. Er liest ihn: "So sieht der Mensch aus, den Gott liebt." Wie sieht der Mensch aus? Er schaut in den Spiegel und sieht sich. Da rastet es bei ihm innerlich ein: Er ist mit dieser Aussage gemeint. Da geht ihm auf - und hoffentlich uns allen auch: Ein Mensch, den Gott liebt, muß keine besonderen Vorzüge haben. Er muß nicht fromm, fröhlich und fehlerlos sein. Wir müssen auch keine fromme Maske aufsetzen. Wir dürfen sein, wie wir sind. Wir sind grundlos geliebt, obwohl Gott unsere Macken und Unvollkommenheiten kennt. Diese Tatsache dürfen wir ohne Wenn und Aber glauben.

Gott liebt uns so, wie wir sind. Aber er läßt uns nicht so. Gott liebt den Sünder, aber nicht die Sünde. Er solidarisiert sich mit dem Menschen, aber Gott sagt nicht zu allem Ja und Amen, was er tut. Gott nimmt an, aber er verweichlicht uns nicht. Gottes Liebe will "erziehen", verändern. Wir können uns nicht von Gott annehmen lassen und gleichzeitig unseren Nächsten links liegen lassen. Wir müssen es auch nicht mehr tun. Wer die Liebe Gottes erfahren hat, der bleibt nicht so, wie er ist. Er wird zu einem liebesfähigen Menschen umgewandelt. "Wo Gottes große Liebe in einen Menschen fällt, da wirkt sie fort in Tat und Wort hinaus in unsre Welt." heißt es in dem Lied von Manfred Siebald.

Allerdings geschieht diese Umwandlung nicht von heute auf morgen. Sie dauert ihre Zeit. Im Reich Gottes beginnt in der Regel alles ganz klein und unscheinbar, wie ein Same, der in den Boden gelegt wird. Und doch kann im Laufe der Zeit eine große Pflanze daraus entstehen, etwa ein Baum, der viele Früchte trägt. So ist es auch mit unserem Christsein. Wer angefangen hat, an Jesus zu glauben, ist damit nicht automatisch ein perfekter Christ. Aber es hat etwas Neues, Lebendiges angefangen, das nur noch wachsen und ausreifen muß. Wir brauchen uns keine Sorgen darüber zu machen, ob und wie dies Wachstum sich vollzieht. Diese Sorge dürfen wir getrost Gott überlassen. Aber wir haben sehr wohl Einfluß auf die Bedingungen, unter denen das Wachstum sich vollzieht. Wir müssen einen Blick dafür haben, welchen Menschen, Gewohnheiten, Gedanken oder Medien wir uns öffnen und aussetzen, und müssen uns fragen, was uns daran gut tut oder nicht.

Aber sonst gilt: Wir dürfen Geduld mit uns haben. Wir brauchen nicht durchzudrehen, wenn wir unsere Grenzen und unsere Sünde immer neu spüren. Sicher sollen wir nie gleichgültig über unsere Sünde hinweggehen, sondern immer neu Gott um Vergebung und Veränderung bitten. Aber wir brauchen uns nicht zu verachten. Gott wird uns langsam wachsen lassen. Geistliches Wachstum im Zeitraffertempo gibt es nicht.

Unsere Schwachheiten hindern Gott nicht, uns zu lieben und uns zu verändern. Das ist wunderbar. Freuen wir uns doch darüber! Wenn wir feststellen, daß so viel an uns ist, was Gott nicht gefallen kann, brauchen wir nicht zu denken: Gott liebt mich nicht mehr! Aus dem Nichts erschuf Gott diese Welt. Je weniger wir sind, desto mehr kann Gott aus uns machen!

Amen

(c) Dieter Opitz, Bayreuth