Gefährlich ehrlich - Kreuz & Quer vom 25.07.10; Epheser 4,25

Liebe Gemeinde!

Der Dichter Taddäus Troll schrieb einmal folgende Geschichte: Ein Mann namens Tobias hatte eine überaus selbstlose Tat vollbracht. Deshalb durfte er einen Wunsch äußern, der ganz gewiss in Erfüllung gehen sollte. Tobias besann sich nicht lange und sagte: ,,Ich möchte, dass morgen für alle Menschen, die in meiner Stadt wohnen und die eine Lüge sagen oder schreiben, die Schwerkraft aufgehoben ist."
Am anderen Tag ereigneten sich in der Stadt merkwürdige Dinge. Es begann damit, dass Tobias‘ Wirtin ihm den Morgentrunk ins Zimmer brachte und sagte: ,,Heute habe ich ein paar Bohnen mehr in den Kaffee getan." Da flog sie wie ein Luftballon gegen die Decke, wo sie schweben blieb, bis es nachts zwölf Uhr schlug. Der dickbäuchige Herr Knotzke, der Tobias Geld schuldete und ihm auf der Straße begegnete, beide Hände schüttelte und sagte: ,,Wie freue ich mich, Sie wieder einmal zu sehen", freute sich nicht lange, denn kaum hatte er den Satz ausgesprochen, so flog er in die Luft, und der Wind trug ihn von dannen.
Es ging in der Stadt turbulent zu. Bei den Zeitungen löste sich ein Maschinensetzer nach dem anderen von seinem Arbeitsplatz und flog davon, den in aller Frühe verschwundenen Redakteuren nach. Um die Mittagszeit stand fast niemand mehr auf dem Boden der Tatsachen. Im Parlament flog ein Redner nach dem anderen gegen die Kuppel, in der die Abgeordneten in dicken Trauben hingen.
Lehrer und Schüler hatten einen Tag wie noch nie. Ein Schüler kam zu spät und entschuldigte sich damit, dass der Bus nicht gefahren sei. Da flog er wie ein Luftballon zur Decke empor. Der Lehrer beteuerte, er habe noch nie eine so schlechte Klasse gehabt wie diese. Da löste er sich plötzlich vom Boden und flog an die Decke hinauf. Die Menschen entschwebten wie Vogelschwärme, oder sie hingen, wenn sie das Glück hatten, sich in geschlossenen Räumen zu befinden, an deren oberen Grenzflächen.
Einzig ein paar Nonnen, uralte Beamte und zwei alte Unternehmer waren noch der Schwerkraft unterworfen, wäre der eine davon nicht so unvorsichtig gewesen, an diesem Tag seine Steuererklärung abzugeben.
Am Abend war die Stadt wie ausgestorben. Der Tag hatte selbst in die Reihen der Geistlichkeit schwere Lücken gerissen. Nur ein paar Kinder, die noch nicht sprechen konnten, alle Tiere, die Insassen des Nervenkrankenhauses außer dem Pflegepersonal, und die Betrunkenen blieben der Schwerkraft unterworfen, die letzteren teilweise sogar recht heftig.
Tobias selbst hielt sich recht und schlecht bis kurz vor Mitternacht, als er zu sich selbst sagte. er hätte diesen Wunsch nicht geäußert, um seine Mitmenschen zu bestrafen, sondern um sie zu bessern. Da flog er sanft gegen den leise klirrenden Kronleuchter.
Schlag zwölf Uhr kamen sie dann alle wieder herunter. Wer aber glaubt, dass seither in der Stadt weniger gelogen wird, der irrt sich.
„Ein modernes Märchen“ steht unter dieser Geschichte von Taddäus Troll. Leider ist sie mehr als ein Märchen. Diese lustige Geschichte enthält eine bittere Wahrheit. Nämlich dass die Lüge in unserem Leben allgegenwärtig ist. In jedem Leben!
Seriöse Forscher haben festgestellt, dass der durchschnittliche Mensch jeden Tag mindestens 100 Mal bewusst oder unbewusst die Unwahrheit sagt. Natürlich gibt es dabei große Unterschiede. Einige lügen, dass sich die Balken biegen. Andere bevorzugen die „kleinen Lügen“ wie die Übertreibung. Wieder andere bauen ihre ganze Existenz auf einer „Lebenslüge“ auf.
Männer sollen übrigens 20 Prozent mehr lügen als Frauen – ungelogen! Frauen lügen bei Gewicht und Alter, Männer gerne bei PS-Angaben und Erfolgszahlen.
Lügen ist gang und gäbe. Schüler lügen ihre Lehrer an, wenn es um vergessene Hausaufgaben geht, Firmen ihre Kunden, wenn es um Termine oder Produktmängel geht. Die Presse verbreitet Klatsch und Tratsch über Promis, um Auflage zu machen. Ein Journalist schreibt einen Artikel über erlaubte Lügen beim Bewerbungsgespräch. Im persönlichen Gespräch wird gern „geflunkert“, übertrieben oder die Wahrheit verdreht. Andere Leute werden schlecht gemacht, damit man selber in einem besseren Licht dasteht, Erlebnisse maßlos übertrieben, manche Steuererklärung grenzt an Betrug oder geht darüber hinaus. Die Hälfte der Angaben bei Haftpflichtversicherungsschäden soll gelogen sein. Auch in christlichen Kreisen ist die Lüge zu hause, und zwar in der Form von Heuchelei. Fromm reden und fromm handeln sind bekanntlich zwei paar Stiefel. Auch unter Christen gilt leider häufig: Nur keine Schwächen zugeben!
Wenn so oft gelogen wird, müsste man meinen, dass es in unserer Gesellschaft nicht mehr so als schlimm empfunden wird, wenn die Unwahrheit gesagt wird. Doch dem ist nicht so. Jemanden anzulügen gilt als ein schlimmes Vergehen. Lügnern wird – zurecht – misstraut. Politiker, denen eine Lüge nachgewiesen wird, müssen meist zurücktreten. Dasselbe gilt für Dopingsünder. Es ist in unserer Zeit immer noch das Bewusstsein da: Lügen ist nicht harmlos sondern ein Vergehen, dass geahndet werden muss.
Lüge ist keine Kleinigkeit, sondern jede Lüge belastet die Gemeinschaft, zerstört Vertrauen. Ein Vater hat das seinem Sohn einmal ganz drastisch klar gemacht. Der Teenager hatte ihn belogen, und der Vater war sehr traurig darüber. Er sagte: "Geh mal mit mir in die Küche.“ In der Küche angekommen, nahm der Vater eine Tasse aus dem Schrank und warf sie auf den Boden. Sie zerbrach in viele Scherben. Der Junge erschrak. Da sagte der Vater: "Du kannst diese Tasse nicht wieder ganz machen. Du kannst es versuchen. Aber sie wird nie wieder so sein wie vorher. Genauso wie diese Tasse zersprungen ist, ist auch mein Vertrauen zu dir zerbrochen. Ich werde dich jetzt eine Zeitlang besser kontrollieren, bis ich merke, dass ich mich auf dich verlassen kann." Jede Lüge ist ein Vertrauensbruch und zerstört das Vertrauen zwischen den Menschen, und damit letztlich auch die Gemeinschaft untereinander.
Bewusste Lügen haben auch für den Lügner selber fatale Folgen. Lügen ist auf die Dauer anstrengend. Ein Lügner steht immer in der Gefahr, überführt zu werden. Wer viel lügt, braucht ein gutes Gedächtnis. Er muss sich gut merken, was er an Unwahrheiten verbreitet hat, damit er sich nicht in seinen späteren Äußerungen widerspricht und seine Lügen auffliegen. Deshalb haben Lügen tatsächlich „kurze Beine“.
Die Wahrheit zu sagen, ist dagegen befreiend, für einen selbst und auch für andere. Wer als grundehrlicher Mensch bekannt ist, wird zwar oft belächelt aber doch auch respektiert. Man vertraut sich ihnen gerne an. Sie stehen für Geradlinigkeit und Verlässlichkeit. Wäre es nicht schön und lohnenswert – für jeden – so ein Mensch zu sein?
(Ende 1. Teil)
Und doch tun wir Menschen uns oft unendlich schwer, ehrlich zu sein, auch Menschen des Glaubens. Die Bibel erzählt von Abraham, der seine Frau zweimal als Schwester ausgab. Jakob betrog seinen Vater und seinen Bruder. Petrus verleugnete Jesus. Bei all diesen Lügen spielte die Angst die entscheidende Rolle, die Angst im Leben zu kurz zu kommen, die Angst sein Gesicht zu verlieren, die Angst, Schaden zu erleiden. Zur Wahrheit gehört Mut. Und zu diesem Mut verhilft entscheidend das Vertrauen Gott gegenüber. Und zwar einem Gott gegenüber, der es gut mit einem meint, der mich lieb hat, auch dich und mich lieb hat. So können wir/kannst du es immer wieder in der Bibel lesen. Dieser Gott hat uns/dir das Leben geschenkt, hat uns/dir Gebote gegeben, die uns/dir das Leben erleichtern sollen und Richtlinien für ein gelingendes Leben sind.
Dieser Gott hat zu uns/dir eine zuverlässige, unbeirrbare, treue und starke Liebe. Sie ist so stark, dass sie in Jesus Mensch wurde. Auf diese Liebe können wir uns verlassen. Sie ging sogar für uns in den Tod. So sehr hat Jesus uns geliebt.
Von Jesus wird keine Lüge berichtet. Vielmehr sagt er von sich selbst: „Ich sage die Wahrheit.“ Sein ganzes Wesen ist Wahrheit, ja er ist die Wahrheit, wie er einmal von sich sagt. Wer sich auf ihn und seine Wahrheit einlässt, der wird nicht bloß gestellt werden, der wird nicht zu kurz kommen sondern der wird frei werden.
Jesus sagte einmal zu seinen Jüngern: "Ihr werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen." Gott zeigt uns die Wahrheit unseres Lebens nicht, um uns fertig zu machen, sondern um uns zu helfen. Wie bei einem Arzt kommt die Diagnose vor der Therapie. Das tut sicher weh. Niemand gefällt es, wenn er merkt, wo es in seinem Leben nicht stimmt, wo er bisher sich, anderen Menschen und auch Gott etwas vorgemacht hat. Aber sie tut nicht nur weh sondern auch wohl. Die Wahrheit Jesu ist immer beides: sie deckt schonungslos auf und bringt ans Licht, aber sie deckt auch liebevoll zu, tut unendlich wohl. Wer seine Fehler, Sünden, Süchte ehrlich zugibt, dem kann ja auch geholfen werden. Dem kann Gott vergeben, das heißt alles Belastende wegnehmen, ihn verändern, ihn zu einem Menschen von Format machen, von dem selber seine Wahrheit ausgeht.
Gott brauchen wir nichts vorzumachen. Er kennt uns durch und durch, besser als wir selbst. Ihm dürfen wir das Kaputte, das Böse unseres Lebens im Gebet bringen und bei ihm durch die Bitte um Vergebung abladen. Wir dürfen mit allen Fehlern und Unzulänglichkeiten unseres Lebens zu Jesus kommen und ihn bitten: "Vergib es mir und mach mein Leben anders." Und er wird es tun!
In einer christlichen Zeitschrift berichtet ein Mann aus seinem Leben. Er hatte eine schwere Jugend, die geprägt war von Gewalt und Ablehnung. Er wurde Drogenabhängiger, Krimineller. Aber er fühlte sich immer als Opfer, das sich für das erlittene Unrecht rächen wollte. Doch dann wurde er mit Jesus konfrontiert - im Innersten, wo seine Verletzungen waren, wo der wunde Punkt in seinem Leben war. Gott legte den Finger auf seine Schuld, damit er erkennen konnte: Hier liege ich falsch, ich brauche Vergebung, ich brauche Veränderung! "Da stand ich nun auf einmal", so berichtet er, "ohne mich herausreden zu können. Die Lüge, dass ich nur Opfer war, wurde aufgedeckt. Ich war schuld. Ich hatte gelogen, gestohlen, ich lebte in Schuld und Sünde ...Auch die Lügen meines Lebens wurden aufgedeckt, selbst die Lüge, dass keiner mich liebte! Jesus liebte mich! Und er liebt mich. Er hat sich für mich gegeben." Dieser Mann nahm die Vergebung und die Liebe Gottes an, nachdem er sich selbst ehrlich gegenüber geworden war. Heute ist er Leiter einer Drogentherapiestätte.
Das ist also die wunderbare Wahrheit der Bibel und keine fromme Erfindung oder Lüge: Jesus ist wirklich der, der alles wieder heil und gut machen kann, der die Macht hat, ein kaputtes Leben wieder ganz zu machen.
Der berühmteste Lügner der Weltliteratur ist Pinocchio. Der kleine Junge aus Holz durchlebt viele Abenteuer und ist hin- und hergerissen zwischen Gut und Böse. Immer, wenn er lügt, was nicht gerade selten vorkommt, wächst seine Nase. Sie wird immer länger und länger. Das wird ihm schließlich so peinlich, dass er das Lügen einstellt.
Eigentlich schade, dass es solche Nasen nur im Märchen gibt. Aber Gott hat uns ein anderes Mittel gegeben, dass wir uns das Lügen abgewöhnen. Wer mit Jesus, seinen Worten und vor allen Dingen mit seiner Vergebung lebt, der bekommt ein waches und sensibles Gewissen. Er merkt – im Gegensatz zu einem Menschen mit einem stumpfen Gewissen – oft sofort, wo er es mit der Wahrheit nicht so genau genommen hat, wo er sich selber etwas vorgemacht oder andere Menschen niedergemacht hat, wo er gelogen und betrogen hat.
Menschen mit so einem wachen Gewissen wollen es mit der Wahrheit genau nehmen, und wo sie es nicht getan haben, bitten sie Gott um Vergebung, um einen Neuanfang und Veränderung ihres Wesens. Das ist sicher ein langer Weg. Alle Menschen sind Lügner, heißt es knallhart bei Paulus im Römerbrief. Das Wesen des Menschen ist die Lüge. Aber das Wesen Jesu ist die Wahrheit. Wer mit ihm im Glauben verbunden ist und ein Leben lang verbunden bleibt, dem wird diese Wahrheit auch wesenhaft. Es kann gar nicht anders sein.
Solche wahrheftigen Menschen braucht es in der heutigen Zeit mehr denn je, Menschen, die Integrität verkörpern, denen man vertrauen kann. Das sind Menschen mit Rückgrat, mutige Leute, die gegen den Strom schwimmen. Wer so ist und immer für die Wahrheit einsteht, der wird nicht immer Applaus ernten, aber er wird auffallen. Er wird ein Licht in der Welt sein, wie Jesus einmal in der Bergpredigt sagt. Das Leben eines solchen Menschen lohnt sich – immer.

Amen

© 2010 Dieter Opitz