Eigentlich bin ich ganz anders - Kreuz & Quer vom 16.05.10; Epheser 3,14-21

Liebe Gemeinde!

Eine Fülle von Gedanken, die wir eben gehört haben. Worum geht es Paulus hier eigentlich? Paulus betet. Er betet für die Gemeinde von Ephesus.
Der Inhalt der Fürbitte ist ungewöhnlich. Paulus bittet nicht um äußeres Wohlergehen, um Trost, um Bewahrung vor Krankheit und Leid. Im Mittelpunkt seines Gebets steht etwas anderes: stark zu werden an dem inwendigen Menschen. Es geht Paulus also nicht um Äußeres. Der äußere Mensch, so schreibt er an anderer Stelle, verfällt. Nur der innere bleibt in Ewigkeit.
Wir Menschen lassen uns oft vom Äußeren beeindrucken. Eine schöne Frau findet meist mehr Beachtung als eine, die nicht so attraktiv ist. Muskelbepackte Männer wurden schon zu allen Zeiten bewundert. Wenn einer z. B. ein paar Zentner Eisen stemmen kann, dann macht man aus ihm einen Supermann.
Aber ist ein makelloser Körper wirklich das Wichtigste? Es hat einmal jemand folgende Worte gesagt: „Goldene Zügel machen ein Pferd nicht schneller. Silberne Schüssel machen ein Essen nicht schmackhafter. Kostbarer Schmuck macht einen Menschen nicht edler. Ein gepflegter Körper macht die Seele nicht gesünder. Ein Traumhaus macht noch keine wirkliche Geborgenheit.“
Was wirklich wichtig ist, was einen Menschen zu einer Persönlichkeit macht, sind seine inneren Qualitäten, wie Einsatzbereitschaft, Fleiß, aber auch Freundlichkeit oder die Fähigkeit, mit anderen gut auszukommen. Der innere Mensch, das ist auch der Mensch, der Gott zugewandt lebt, mit ihm lebt, mit ihm redet, sich von ihm beeinflussen und prägen lässt.
Dieser innere Mensch soll stark werden und wachsen. Er kann allerdings auch dahinsiechen und kränkeln, trotz aller guten Vorsätze und Bemühungen. Woran liegt das nur? Warum scheitern denn eigentlich oft die guten Vorsätze?
Wir alle kennen das: Wann immer es darum geht, etwas zu verändern, wichtige Entscheidungen zu treffen oder schlechte Gewohnheiten abzulegen, taucht ein gemeiner kleiner Saboteur auf: unser innerer Schweinehund, auf lateinisch „canis porci interior“. Der innere Schweinehund ist immer für das Gewohnte, das Bequeme. Denn er ist faul und träge, nur auf seinen Vorteil und die Befriedigung seiner Lust bedacht. Veränderungen zum Guten hin hasst er wie die Pest.
Auch Luther kannte ihn. Nur gab er ihm einen anderen Namen. Er nannte ihn „alter Adam“ und meinte damit den selbstverliebten Menschen, der am liebsten so lebt, dass ihm niemand hereinredet, auch kein Gott. Nüchtern erkannte Luther, dass dieser „Alte Adam“ in jedem Menschen wohnt, auch in den gläubigsten.
„Eigentlich bin ich ganz anders, ich komme nur selten dazu.“ Dieser Satz von Ödön von Horvath klingt falsch beruhigend. Er heißt ja, eigentlich, wenn ich wollte, könnte ich anders sein, anders leben. Das ist ein Trugschluss. Das Leitmotiv unseres Lebens müsste ehrlicherweise heißen. „Eigentlich bin ich Sünder – und komme immer dazu.“ Denn in uns befindet sich oft quicklebendig der „Alte Adam“, unser innerer Schweinehund.
Dieser ist sehr gefräßig. Er frisst unseren Glauben, unsere Liebe zu Gott und unsere Freude an ihm. Sein Lieblingsfressen sind allerdings unsere guten Vorsätze. Diese Delikatesse verschlingt er mit besonderer Wonne.
Gute Vorsätze kann man leicht mit echten Entscheidungen verwechseln. Doch jene sind etwas ganz anderes als eine richtige Entscheidung. Einer, der gute Vorsätze macht, spricht etwa so: „Eigentlich müsste ich mich ändern.“ So klingt kein Willensentschluss sondern eine unverbindliche Absichtserklärung. „Eigentlich“, dieses Wort drückt ein Zögern aus. Hinter diesem „Eigentlich“ stecken Bedenken, wie: „Wahrscheinlich wird’s ja eh nichts mit meinem Vorhaben“. „Eigentlich müsste ich mich ändern“ ist ein Satz des Unglaubens so wie der Satz, den ich schon manchmal als Antwort auf einen seelsorgerlichen Ratschlag gehört habe: „Ich will es versuchen.“ In diesem Satz ist auch schon in der Regel das Scheitern einprogrammiert. Übersetzt heißt er: „Wahrscheinlich klappt mein Versuch doch nicht.“
Der innere Schweinhund spricht solche Sätze wie: „Eigentlich müsste ich das Rauchen aufgeben.“ „Eigentlich müsste ich mehr Sport treiben.“ „Eigentlich müsste ich mehr lernen“ „Eigentlich müsste ich mich mehr im Beruf einsetzen.“ Oder umgedreht: „Eigentlich müsste ich mehr Zeit mit der Familie verbringen.“ „Eigentlich müsste ich mich mit meinen Eltern aussöhnen.“ „Eigentlich müsste ich wieder regelmäßiger den Gottesdienst besuchen.“ Eigentlich. So spricht man. Und es ändert sich gar nichts. Denn unser innerer Schweinehund beruhigt uns mit solchen Sätzen wie: „Das hat doch Zeit. Es geht auch Morgen.“ Oder er spricht resignierend: „Es lohnt sich doch nicht.“ Oder ängstlich: „Was ist, wenn es doch nicht klappt?“
Es gibt Menschen, die mit eiserner Disziplin vieles in ihrem Leben erreichen und verändern. Sie schaffen es, die überflüssigen 10 Kilo abzuspecken oder sich Laster wie das Rauchen abzugewöhnen. Aber jede Selbstdisziplin hat ihre Grenzen. Jede eigene Kraft ist beschränkt. Und dann gibt es auch noch schwache Menschen, für die jeder Appell an den Willen eine Überforderung zu sein scheint. Und dann kann man auch noch fragen: Wozu? Wozu soll ich mir die Mühe machen, ein anderer Mensch zu werden?
Im Kampf mit dem inneren Schweinehund sind wir Gott sei Dank nicht auf unsere eigenen Kräfte angewiesen. Paulus spricht hier ein wichtiges Thema an, von dem er in seinen Briefen immer wieder redet. Es ist ein Geheimnis des Glaubens, das Geheimnis eines ausgetauschten Lebens. Christus kann durch den Glauben in unseren Herzen wohnen, schreibt er hier. Was wir nicht können, das kann Christus in uns tun.
Es ist eine immer wieder erfahrbare Tatsache, dass Menschen durch den Glauben an Jesus wie ausgewechselt sein können, manchmal von heute auf morgen, manchmal durch einen jahre- oder jahrzehntelangen Prozess der langsamen Veränderung. Wo sie vorher an eine Zigarette oder an Alkohol oder Drogen wie angekettet waren, da waren sie danach frei. Wo sie vorher nur etwas daherknurren konnten, da konnten sie auf einmal freundlich sein. Wo sie vorher planlos in den Tag hineingelebt hatten, konnten sie nun Ziele für ihr Leben ins Auge fassen. Wo sie vorher schnell beleidigt waren, konnten sie nun gelassen reagieren. Das sind Wunder Jesu, gewiss, so groß oder noch größer wie die Verwandlung von Wasser in Wein auf der Hochzeit zu Kana. Aber wirklich erfahrbare Wunder und auch notwendige Wunder. Das das will Gott: unsere Veränderung, damit wir Menschen werden, die einmal ein sein Reich der Liebe hineinpassen.
„Christus in uns“ auf diese Formel bringt Paulus dieses Wunder. Wenn Christus in uns wohnt, dann werden wir anders, dann hat der innere Schweinehund ausgespielt.
Ein Beispiel kann uns diese Veränderung plastisch vor Augen führen.
Ein Handschuh ist nicht in der Lage, einen Gegenstand zu greifen, selbst wenn er, wie ein Fingerhandschuh, die Form einer Hand hat. Er hat keine Kraft in sich. Da nützen auch Appelle nichts. Sobald aber eine Hand in den Handschuh fährt, ist er genauso stark wie sie. Alles, was die Hand tun kann, wird auch dem Handschuh möglich sein, - aber nur solange er die Hand in sich trägt. So ist es, wenn Christus in uns lebt.
Es gibt engagierte Christen, die ihren Glauben ernst nehmen. Sie bemühen sich, recht zu leben und das zu tun, was Gott von ihnen will. Und doch können sie unendlich müde, schwach und frustriert sein. Das Christsein ist ihnen eher eine Qual als Freude. Dies liegt oft daran, weil sie doch mit ihrer eigenen Kraft rechnen. Sie realisieren nicht, dass sie schon über eine ungeheure Kraft verfügen, die sie nur noch in Anspruch nehmen müssen. Sie bitten um Kraft, aber sie ist doch schon in ihnen. Sie brauchen sie nur noch zu ergreifen.
Der Chinamissionar Hudson Taylor hat diese Glaubenswahrheit für sich einmal überwältigend erfahren. Er schrieb darüber:
„Alles hängt an unserer Verbindung zu Jesus. Wenn er in uns ist, haben wir alles, seinen ganzen Reichtum. Wenn ich zur Bank gehe und von meinem Guthaben 50 Dollar fordere, kann der Beamte sie meine ausgestreckten Hand nicht verweigern mit der Begründung, das Geld gehöre Mr. Taylor. Was Taylor gehört, darf meiner Hand nehmen. Sie ist ein Glied meines Körpers. Ebenso bin ich ein Glied Christi und darf aus seiner Fülle nehmen, was ich brauche. Ich weiß das schon lange aus der Bibel, doch erst jetzt glaube ich es als lebendige Wirklichkeit.“
Mit der Kraft Jesu rechnen, dann kann das Christsein Lust und nicht Frust bedeuten.
„Leben in Schlappstadt“, so heißt eine Geschichte, die ich einmal gelesen habe. Die Einwohner dort haben alle ein modernes, leistungsstarkes Auto. Aber merkwürdig: Keiner von ihnen sitzt hinter dem Steuer. Sie trauen sich nicht, einfach einzusteigen, den Zündschlüssel umzudrehen, Gas zu geben und los zu fahren. Lieber schieben sie ihr Auto durch die Gegend und sind dann natürlich nach kurzer Zeit total erschöpft.
Auch wir können ein Leben aus eigner Kraft führen wollen, sogar ein Christsein aus eigener Kraft, uns mit unseren Lasten abmühen, unsere Sorgen, unsere Schuld, unsere Ängste mit uns herumschleppen und werden dadurch müde und erschöpft. Dabei können wir es uns doch viel leichter machen und alle unsere Lasten abladen.
Abladen heißt, vor Gott seine Ängste und Sorgen aussprechen, seine Schuld bekennen, vor Gott im Gebet oder am besten vor einem Seelsorger, es heißt, den Mut aufzubringen, und endlich den ganzen Sündenkram auszupacken, ohne Wenn und Aber, ohne Beschönigung und zu bekennen: Ich schaff es nicht, aus eigener Kraft mit dem inneren Schweinehund fertig zu werden.
Und dann darf ich an das Wunder der Vergebung glauben, an das Wunder, dass mein Leben noch einmal beginnen darf. Wer Vergebung erfährt, der darf die Wahrheit eines wunderbaren Satzes erfahren. Paulus hat ihn im 2. Korintherbrief niedergeschrieben: „Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur, siehe Neues ist geworden.“
Dieses Neue kennzeichnet Paulus mit einem Stichwort, mit dem Stichwort „Liebe“. Der innere Schweinehund arbeitet gegen die Liebe. Er ist bequem und denkt nur an den kurzfristigen Vorteil. Aber der innere Mensch ist „eingewurzelt in der Liebe“, wie Paulus sich hier ausdrückt. Sein Lebenselement ist die Liebe. Sie ist sein Nährboden, in dem er erst richtig gedeihen kann.
Liebe will sich dem anderen mitteilen und beschenken. Liebe will nicht haben sondern geben. Sie will nicht traurig sondern glücklich machen. Sie denkt zuerst an den anderen und dann an sich. Ohne diese Liebe ist alles wertlos, taugt unser Christsein nichts.
Wir können sie nicht selber aufbringen. Im Gegenteil, je mehr wir versuchen, lieben zu wollen, desto mehr werden wir auch unsere Lieblosigkeit erkennen. Aber die Liebe Gottes kann unser Lebenselement werden, in das wir „eingewurzelt“ sind. Von Gott her können wir die Kraft für unsere Liebe beziehen, einer unermesslich großen Liebe. Wenn Christus in unser Lebenshaus einzieht, dann werden wir anders. Dann wird seine Liebe uns verändern.
Die Größe dieser Liebe kann kein Mensch mit seinem Verstand begreifen. Aber man kann eine Ahnung von ihr gewinnen, wenn man sie einmal und immer wieder erfahren hat. Es ergeht einem dann wie jemanden, der in einen sternenbedeckten Nachthimmel hinaufschaut. Er sieht die Sterne, hat einen gewissen Eindruck von der Größe und Unermesslichkeit des Weltalls und weiß doch, dass man nur einen winzigen Bruchteil des Universums erfassen kann.
Etwas von der Größe der Liebe Christi kann einem aufgehen, wenn wir auf das Wort Luthers hören: "Und wenn einer an einem Tag 1000 Ehebrüche und 1000 Morde begangen hätte, und er käme zu Christus, würde seine Schuld bereuen und bekennen, so könnte sie ihm vergeben werden."
Die Liebe Christi ist immer größer, auch größer als die größte und schlimmste Schuld. Sie ist nur wie ein Tropfen im Meer seines Erbarmens.
Begreifen können wir das nicht, aber für uns persönlich glauben. Und dann werden wir auch immer wieder seine Liebe erfahren, die wir nun an den anderen weitergeben dürfen.
Um die Erfahrung dieser göttlichen Lebensfülle, von der ich gesprochen habe, dürfen wir bitten. Unser Gebet ist nicht in den Wind gesprochen. Sondern es ist bei einem gütigen Vater im Himmel aufgehoben. Und der will nicht, dass es seinen Kindern an etwas fehlt. Wir dürfen bitten und darauf warten, dass wir es bekommen. Ja noch viel mehr: Er verspricht über Bitten und Verstehen auf unser Rufen zu antworten.
Dieser Gott verdient, dass wir, wie Paulus es sagt, ihn ehren zu aller Zeit, von Ewigkeit zu Ewigkeit.

Amen

© 2010 Dieter Opitz