König der Löwen - Kreuz & Quer vom 26.07.09; Daniel 6,17-24

Liebe Gemeinde!

Der Höhepunkt bei einer Zirkusvorstellung war die Löwendressur. Die Löwen nehmen mit ihrem
mächtigen Maul der Dompteuse, einer jungen, schönen Frau, ein Stück Zucker aus dem Mund.
Die Zuschauer sind beeindruckt und applaudieren begeistert. Da meldet sich ein älterer Herr und
meint zur Verwunderung aller, das sei doch kein Kunststück, das könne er auch. Der Direktor
wehrt kopfschüttelnd ab, worauf der Mann locker sagt: „Das kann ich auch, der schönen Frau
den Zucker aus dem Mund nehmen!“

Kommt immer drauf an, wem man im Leben begegnet, schönen Menschen, schönen Dingen.
Dann ist das Leben so süß wie ein Zuckerstückchen, kinderleicht. Aber ganz anders sieht es aus,
wenn wir den Abgründen begegnen, den bösen und bedrohlichen Mächten, die gefährlichen
Bestien gleichen. Wie werden wir dann mit dem Leben fertig?

Daniel war leibhaftigen Bestien ausgesetzt. Es waren hungrige Löwen, denen er zum Fraß
vorgeworfen wurde. Und doch überstand Daniel diese Situation.
Wieso wurde er eigentlich in die Löwengrube hineingeworfen? Ich möchte etwas weiter ausholen:
Als junger Mann erlebte Daniel Furchtbares. Sein Heimatland Israel wurde von den Babyloniern
erobert, Jerusalem zerstört. Die Oberschicht wurde nach Babylonien verschleppt. Dieses Schick-
sal widerfuhr auch Daniel und seinen Freunden Hananja, Mischael und Asarja. Gerade sie hatte
der babylonische König neben anderen jungen Leuten zu Höherem vorgesehen. Die junge Elite
Israels, und dazu gehörte auch Daniel, sollte am babylonischen Hof erzogen werden. Sie lernten
die Sprache und Schrift der Babylonier und sicher vieles andere mehr. Sie sollten „babylonisiert“
werden und später Spitzenfunktionen im Staat übernehmen. Besser als die vier Freunde konnten
sie es unter den gegebenen Umständen kaum treffen, möchte man meinen. Aber Daniel macht
nicht alles mit. Ganz konsequent steht er zu seinem Glauben.

Daniel macht in der Fremde Karriere. Er ist bei vielen Königen ein gefragter Berater und genießt
wegen seiner Weisheit hohe Anerkennung. Die Jahre gehen ins Land. Das babylonische Reich
wird von den Medern und Persern erobert. Aber auch unter den neuen Herrschern übernimmt
Daniel einen verantwortungsvollen Posten. Der persische König Darius macht ihn sogar zum
zweitmächtigsten Mann in seinem Reich. Diese hohe Stellung ruft Neider hervor, die ihm irgend-
etwas ans Zeug flicken wollen. Solche Schnüffelei im Privatleben kennt man auch in der heutigen
Politik. Doch Daniel ist ein integrer Mann. Er führt einen einwandfreien Lebenswandel, trinkt
nicht, nimmt an keinen Orgien teil, ist unbestechlich. Nur eines wissen die Schnüffler ihren Auf-
traggebern zu berichten: „Er übertreibt es zu sehr mit seinem Glauben. Auf diesem Gebiet kön-
nte man ihn packen.“

Die Neider Daniels fassen nun einen fiesen Plan. Im Buch Daniel, Kapitel 6 wird die Intrige so
geschildert:
7 Sie eilten zum König und begrüßten ihn: "Lang lebe König Darius! 8 Wir kommen von einer
gemeinsamen Beratung aller obersten Beamten, Verwalter, Statthalter und deren Stellvertreter.
Wir schlagen dir vor, dass du folgende Anordnung erlässt und alles tust, um sie durchzusetzen:
Wer in den kommenden dreißig Tagen eine Bitte an irgendeinen Gott oder Menschen richtet
außer an dich, o König, soll in die Löwengrube geworfen werden. 9 Damit das Verbot nach
dem Gesetz der Meder und Perser von keinem widerrufen werden kann, sollte es in einer Ur-
kunde festgehalten werden." 10 Da ließ Darius den Erlass niederschreiben, und das Verbot
trat in Kraft.
Daniel erfährt von diesem Gebot. Aber er denkt nicht daran, sich daran zu halten. Sondern er
betet weiterhin dreimal am Tag, lobt und dankt seinem Gott. Darauf haben die Feinde Daniels
nur gewartet. Dank ihrer Observationen war es ein Leichtes, nachzuweisen, dass Daniel ver-
botenerweise betet. Mit gespielter Empörung bringen sie ihre Beobachtungen dem König vor.
Dieser muss nun, ob er will oder nicht, Daniel bestrafen.
Daniel war ein mutiger Mann, der konsequent seinen Weg ging. Daniel, eine Persönlichkeit
von Format, kein „Weichei“, keine „Wetterfahne“, die von jedem Wind bewegt wurde. Er
ließ sich nicht verbiegen sondern hat ungeniert seinen Glauben ausgelebt, auch als es lebens-
gefährlich wurde. Er gab dem äußeren Druck, der auf ihn ausgeübt wurde, nicht nach. Auch
von seinen Ängsten, die wohl aus dem Inneren an ihn herankamen, ließ er sich in seiner Ent-
scheidung nicht beeinflussen.
Auch wir werden ja fortgesetzt von der Umgebung, in der wir leben, beeinflusst. Immer wie-
der werden wir aufgefordert, uns dem Lebensgefühl unserer Zeit anzupassen. „Mitmachen!“
heißt die Devise, sonst werden wir Außenseiter und hoffnungslos altmodisch.
Allen wirklichen Verbesserungen sollten Christen aufgeschlossen gegenüber sein. Es wäre
schlimm, wenn die Kirche zurecht das Urteil bekäme: Sie ist ein Verein, der hinter dem
Mond lebt. Christen leben ja in der Welt, - aber nicht von der Welt.
Das alte Bild der Kirche vom Schiff kann uns helfen, diese Aussage besser zu verstehen.
Ein Schiff muss ins Wasser hinein, dafür ist es schließlich gebaut. Aber das Wasser darf
nicht ins Schiff hinein. Sonst geht es unter. Auch ein Christ soll sich nicht von der Welt zu-
rückziehen sondern sich für seine Umgebung einsetzen. Das tat Daniel ja auch. Er über-
nahm sogar Spitzenfunktionen in dem Land, in dem er lebte. Auch ein Christ kann Karriere
machen. Aber wenn er sich von den schädlichen Einflüssen seiner Umwelt nicht fernhält,
dann geht er ebenfalls wie ein Schiff unter. Er verliert das, was ihm Gott gegeben hat, das
Bewusstsein, von Gott geliebt zu sein, das gute Gewissen, die Geborgenheit im Glauben.
Wir verlieren nur, wenn wir uns z. B. von der Hetze, der Hast, der Unruhe, der Geschäftig-
keit unser Lebenstempo bestimmen lassen. Wir gehen als Christen unter, wenn wir dem
Raum geben, was oft aus uns selbst herauskommt: dem falschen Ehrgeiz, Geltungssucht,
Ehre suchen bei Menschen, Stolz, das Streben nach Besitz, Macht und Einfluss.
Freilich ist es nicht leicht, sich den Einflüssen der Welt, ob sie von außen oder von innen
kommen, nicht zu öffnen. Schon von Kindesbeinen an wird uns ja eingetrichtert: Nur nicht
auffallen! Nur nicht aus der Reihe tanzen! Wer anders ist als alle anderen, der kann nicht
ganz richtig im Kopf sein, der ist verrückt oder komisch.
Bei den Jugendlichen übt die Clique eine ungeheure Macht aus. Die jeweilige Gruppe, zu
der man sich zugehörig fühlt, bestimmt die Haarlänge, die Kleidung, Musik und Freizeitge-
staltung. Doch nicht nur Jugendliche können regelrecht süchtig nach der Anerkennung
ihrer Gruppe sein. Bei den Erwachsenen ist es nicht viel anders. Der Götze „man“, m a n
geschrieben, regiert und wird angebetet. Was „man“ heute trägt, das zieht „Frau“ an. Was
„man“ fährt, das steht morgen in der Garage. Was „man“ in der Werbung sieht, das wird
auch gekauft.
Doch niemand tut sich was Gutes, so fremdgesteuert zu leben. Viel besser wäre es für uns,
wenn wir uns den guten Einflüssen Gottes öffnen.
Sicher heißt das ein Leben gegen den Strom zu führen. Und wer einmal probiert hat, in einem
Fluss oder in einem Strömungskanal in einem Freizeitbad dies zu tun, weiß, wie schwer das
ist. Um ein Leben gegen den Strom führen zu können, brauchen wir Kräfte, die wir nicht von
Natur aus haben. Wir brauchen Einflüsse, die uns von Gott her zuwachsen können.
Die bekommen wir wie Daniel durch das Gebet.
Er ließ sich durch nichts und niemand vom Beten abhalten. Auch als er wusste, sein Gebet
könnte ihm gefährlich werden, hielt er an seiner Gewohnheit sich mit Gott zu verbinden, fest.
Daniel betete dreimal am Tag, nicht nur früh am morgen hielt er wie sicher viele unter uns sei-
ne „Stille Zeit“. Sondern immer wieder zog er sich zurück, um mit Gott in Verbindung zu tre-
ten. Es ist ja schon viel gewonnen, wenn wir früh am morgen beten und in der Bibel lesen.
Aber wir werden auch schon die Erfahrung gemacht haben: Damit allein ist es nicht getan. Wir
brauchen die ständige Verbindung mit Gott, damit uns unser Glaube wirklich prägen und ver-
ändern kann. Wir können natürlich nicht immer beten, dass wir uns also hinsetzen und die Hän-
de falten und mit Gott reden. Aber wir können doch immer wieder Gott in unser Leben einbe-
ziehen, immer wieder einen kurzen Gebetsschrei tun, wie: „Herr, hilf mir da jetzt.“ Oder:
„Erbarm dich doch.“ Oder ein kurzes Dankeschön sprechen: „Danke, dass du da warst,... dass
du geholfen hast, ... dass ich jetzt keinen Unfall gebaut habe.“ Sag Gott immer wieder, was dir
auf dem Herzen liegt, lies auch sein Wort, in dem er mit dir redet. Tu dies mit Gebet und in der
Erwartung, dass er wirklich zu dir spricht.
Und schließlich: Lobe und danke deinem Gott, so wie Daniel. Das ist wohl das Wichtigste in un-
serer Beziehung zu Gott: immer wieder loben und danken. Wer viel dankt, dem geht es seelisch
besser. Man kann es ausprobieren, indem man Glaubenslieder singt. Nachher geht es einem oft
besser. Manche Sorgen und Ängste sind wie weggeflogen. Es stimmt, was der Liederdichter
Hiller in einem seiner Lieder sagt: "Man kann den Kummer sich vom Herzen singen..." Manche
Versuchung könnte durch Danken sofort besiegt werden. Probier es doch einmal aus und sprich:
"Ich danke dir, dass ich das nicht mehr tun muss!" Das Danken erhält unseren Glauben lebendig.
Ich denke an Pfarrer Busch, der wegen seines Glaubens lange Zeit in Gefängnissen des Nazi-
Regimes verbringen musste. Als seine Frau ihn einmal im Gefängnis sprechen durfte, sagte sie be-
sorgt: „Wie siehst du denn aus? Bleich, unrasiert, mager.“ Da sagte er: „Moment mal, um euch
muss man Angst haben. Wie viel Zeit habt ihr zum Beten? Wie viel Zeit hast du, um Gott zu loben?
Mein Tagesablauf ist so: von 7 bis 8 Uhr Gott loben, von 8 bis 9 Uhr Fürbitte tun für andere, von
9 bis 10 mir die Psalmen hersagen, die ich kann: Und von 10 bis 11 mache ich Turnübungen, da-
mit ich nicht einroste. Von 11 bis 12 Uhr fange ich wieder an, Gott zu loben. Dreimal am Tag Gott
loben! Ich kann euch gar nicht sagen, wie nahe mir Gott ist!“ Dann sagte er weiter: „Um euch muss
man Angst haben, die ihr mit der Wirklichkeit des lebendigen Gottes nicht mehr rechnet, nicht um
mich.“
Wer Gott dankt, dem ist der Himmel ganz nahe, auch wenn er in der Hölle ist.
Der Daniel war ja in einer Art Hölle: in einem finsteren Loch, hilflos der Willkür seiner Feinde aus-
geliefert, ganz allein, nur umgeben von hungrigen Bestien, die noch kein Abendessen bekommen
hatten. In so einer schrecklichen Lage werden wir wohl noch nicht gewesen sein. Aber ich meine:
Daniel wird auch in dieser Hölle Gott gelobt und gedankt haben. Und da verwandelte sich die Hölle
zu einem Vorhof des Himmels. Gott ließ den Daniel spüren, dass er von guten Mächten wunderbar
geborgen war. Er war nicht allein, gerade an diesem eigentlich schrecklichen Ort. Ein Engel behü-
tete ihn. Daniel war ganz geborgen.
Es gibt ja die Legende von einem Heiligen, der durch ein Versehen in die Hölle kam. Aber er war
nicht verzagt. „Das wird schon seinen Grund haben, warum ich hier bin“ sagte er sich und fing an,
Gott fröhlich mit seinen Glaubensliedern zu loben. Die ganze Hölle geriet in Aufruhr: „Da ist einer
da, der Gott lobt! Das ist ja entsetzlich! Der bringt die ganze Hölle durcheinander! Der muss wie-
der weg!“ Und so kam dieser Heilige doch dort hin, wo er hingehörte: in den Himmel.
So kannst du auch in der Hölle sein, zum Beispiel in der Hölle der Sorgen. Sie sind nicht harmlos,
sondern, je mehr wir ihnen in unserem Leben Raum lassen, belasten sie uns.
Sie sind wie Löwen, die uns anbrüllen, so wie den Daniel in der Löwengrube. Wenn wir vor Angst
keinen klaren Gedanken fassen können, wenn uns Sorgen umtreiben und uns nicht schlafen lassen,
wenn uns vor einer bösen Nachricht bange ist, dann fühlen wir uns nicht weniger bedrängt als
Daniel. Oft fehlt es uns an Geborgenheit, und wir wären dankbar, wenn dann ein Engel käme wie
bei Daniel und dem Löwen das Maul zuhielte.
Die Sorgen müssen uns nicht auffressen. Und es gibt tatsächlich eine Macht, die ihnen das Maul
zuhält. Diese Macht heißt Loben und Danken.
Oder du bist in der Hölle deiner Anfechtungen. Du stehst in Flammen. Und wenn du der Sünde
wieder nachgegeben hast, quält dich noch das Feuer des schlechten Gewissens. Was diese Höl-
lenflammen löschen kann, ist ebenso das Lob Gottes.
Gott holt dich aus deinen „Höllen“ auch wieder raus. So wie er bei Daniel tat. Übrigens auch bei
Pfarrer Busch, von dem ich oben erzählte. Man sagte ihm bei Verhören durch die Gestapo: „In
zehn Jahren wird kein junger Mensch mehr wissen, wer Ihr imaginärer Jesus ist. Hören Sie auf,
zu predigen.“ Doch dieser ließ sich nicht beirren. Er wusste: Jesus ist mächtiger als das scheinbar
allmächtige NS-Regime. Und er sollte recht behalten.
Gegen Ende des Krieges trifft er den Gestapo-Mann, der ihn damals verhört hatte, in einem Luft-
schutzbunker wieder. Dieser stammelt ganz erschrocken: „Pfarrer Busch? Sie leben noch?“ Busch
erwiderte: „Wir werden noch viele überleben!“ Mit „wir“ meinte er alle, die an Jesus glauben. Wie
war das ein paar Jahre vorher im Gefängnis? „In zehn Jahren wird kein junger Mensch mehr wis-
sen, wer Jesus ist.“ Acht Tage später nahm sich der Gestapo-Mann das Leben. Busch predigte
noch Jahrzehnte in großem Segen von Jesus.
Gott hilft denen, die ihm vertrauen, auch in aussichtslosen Lagen. Er hat es bei Daniel getan und
bei vielen anderen auch. Und wenn er nicht hilft, so kann er einen Menschen Kraft und Geduld
geben, das Schwere zu tragen. Er ist der Herr in jeder Lage.

Amen

© 2009 Dieter Opitz