Wunsch los und Glücklich - Kreuz & Quer vom 24.05.09; Römer 8,28

Liebe Gemeinde!

Es gibt einen nachdenkenswertes Satz des griechischen Philosophen Epikur. Er lautet: „Wenn du
einen Menschen glücklich machen willst, dann füge nichts seinem Reichtum hinzu, sondern nimm
ihm einige von seinen Wünschen.“ Das ist eine Aussage, die zum Widerspruch reizt. Ist es nicht
genau umgedreht? Wir denken: Je mehr von unseren Wünschen erfüllt werden, desto glücklicher
werden wir. Und je mehr nicht erfüllt werden, desto frustrierter sind wir.

Da wünschen wir uns zum Beispiel gute Noten und sind enttäuscht, wenn wir sie nicht bekom-
men, obwohl wir gelernt haben. Oder wir sehnen uns nach einem Partner und sind unglücklich,
weil wir immer noch oder wieder einmal allein sind. Da bemüht sich jemand um eine gute Ar-
beitsstelle, aber er erhält nur lauter Absagen. Klar, dass er sich nicht darüber freut. Oder es
wünscht sich jemand ein harmonisches Familienleben, aber zu hause gibt es nur Streit oder man
 lebt aneinander vorbei. Jeder kümmert sich nur um seine eigenen Dinge. Dann ist er natürlich
auch unglücklich, weil sich seine Sehnsucht nach Liebe und Zuneigung nicht erfüllt hat.

Aber wären wir wirklich glücklicher, wenn alle unsere Wünsche sich erfüllen würden? Gibt es
nicht auch viele törichte Wünsche?
 
In vielen Kulturen kehrt ein Märchen wieder, in dem ein Mensch von einer guten Fee drei Wün-
sche frei bekommt. Und allen Märchen ist die Botschaft gleich, dass es gar nicht einfach ist,
Wünsche zu äußern, die wirklich weiterhelfen oder wesentliche Veränderungen bewirken. In
einem solchen Märchen zum Beispiel wünscht sich ein Mann besseres Wetter, dass es gar nicht
mehr regnen soll. Doch bald darauf bemerkt er, wie töricht sein Wunsch war, da nun nichts mehr
wachsen und reifen kann. Nun wünscht er, dass es nur noch Nachts regnen soll. Aber da be-
schwert sich der Nachtwächter und alle, die auch nachts zur Arbeit müssen. Schließlich wünscht
sich der Mann, dass wieder alles bleibt wie bisher. Alle drei Wünsche sind vertan und haben
nichts bewirkt. Was wünschen wir uns? Was brauchen wir wirklich? Was sollte sich verändern?

Wir sind Menschen mit Fehlern und Schwächen. Und sie schlagen sich auch in unseren Wün-
schen nieder. Wie viel Wünsche hat das menschliche Herz, doch es ist noch lange nicht alles gut,
wenn alle diese Wünsche in Erfüllung gehen.

Da wünscht sich jemand Gesundheit, nur zu verständlich. Aber, - wie wird der Betreffende mit
einem gesunden Leib umgehen? Was wäre denn, wenn er ihn nur dazu benutzen würde, um
weiterhin ein Leben zu führen, in dem Gott und sein Wort keine Rolle spielt? Oder da wünscht
sich ein Ehepaar ein Kind. Was aber, wenn es zu einem verwöhnten Egoisten erzogen wird?
Oder ein Mann wünscht sich eine gute Arbeitsstelle, möglichst in führender Position. Was aber,
wenn er seine Arbeitskollegen und Untergebenen nur schikaniert und unterdrückt? Oder da
wünscht sich ein junger Mensch einen Partner. Was aber, wenn er den anderen nur dazu braucht,
um selber glücklich zu werden und nicht um ihn glücklich zu machen?

Mit der Erfüllung unserer Wünsche, so gut gemeint sie auch sind, ist noch lange nicht das große
Glück da, und erst recht nicht das Paradies auf Erden. Um wahrhaft und auf Dauer glücklich zu
werden, müssen wir andre Menschen werden, die nicht mehr in erster Linie an ihr eigenes Wohl-
ergehen denken, sondern bei denen Gott und sein Wort im Mittelpunkt ihres Lebens steht, und
die in selbstloser Liebe mit ihren Mitmenschen umgehen. Doch wer wünscht sich das?

Wir sollten Gott nicht anklagen, wenn er uns manche Wünsche nicht erfüllt, sondern eher darauf
vertrauen, dass er schon weiß, warum er manches nicht gibt oder wegnimmt. Er meint es nicht
böse mit uns. Er ist kein Sadist, der seine Freude daran hat, uns zu quälen. Sondern er meint es
gut mit uns. Denen, die Gott lieben, muss es sogar zum Besten dienen, schreibt hier Paulus. Wer
Gott liebt, der darf glauben: Auch das, was mir nicht passt, ist nicht schlecht. Es ist nicht einmal
das Zweitbeste, was uns passieren kann, sondern wirklich das Allerbeste.

Denen, die Gott lieben, schreibt Paulus. Von welchen Menschen spricht er hier? Es hat einmal
jemand auf diese Frage geantwortet: Es sind diejenigen, die Gott brauchen, man kann auch
sagen, die von ihm abhängig sind. Sie beten um Schutz, um Hilfe, um Kraft und Segen für ihren
tägliche Aufgaben. Sie danken für alles Gelungene in ihrem Leben, für alle Freude, für alle er-
fahrene Liebe. Und vor allen Dingen beten sie immer wieder um die Vergebung ihrer Sünden und
um die Erfahrung seiner Liebe, die sie an andere weitergeben können. Die Gott lieben, haben zu-
erst seine Liebe erfahren, die sie ihm in dankbarer Gegenliebe zurückgeben können. Die Gott
lieben, sind keine perfekten Frommen sondern oft sehr unperfekte Sünder, die aber drauf ver-
trauen, dass der Heiland Jesus Christus sie trotzdem lieb hat. Die Bibel nennt sie Kinder Gottes,
manchmal auch unfolgsame Kinder, aber doch geliebte Kinder.

Alle Dinge müssen ihnen zum Besten dienen, auch Dinge, die einen normalerweise von Gott
wegbringen wollen. Auch an Kinder Gottes kann Vieles herankommen, was ihnen schaden will
und soll, an Schmerzen, Krankheit, Schwierigkeiten, an böswilligen Menschen. Sie leben wie alle
anderen Menschen noch nicht im Paradies, noch nicht im Reich Gottes, sondern in einer Welt, in
der das Böse und der Böse, der Teufel, viel Macht hat. Und der kann auch den Christen stark
zusetzen. Aber wahren Schaden kann er ihnen nicht zufügen.

Gott lässt manches in ihrem Leben zu, aber es muss vorher erst an Jesus vorbei, ja durch ihn hin-
durch. Was sie trifft, das trifft zuerst ihn.Was ihnen weh tut, das tut zuerst ihm weh. Was sie be-
drückt, das belastet zuerst ihn. Was sie auch erdulden, das legt sich zuerst auf ihn. Was ihnen
auch an Leiden begegnet, Jesus wird in seiner Liebe zuerst darunter leiden. Er wird nie zulassen,
dass dieses Leid uns zu schwer wird, dass es uns kaputt macht. Denn er trägt es mit.

Das Leid, das sie von Gott wegführen sollte, bewirkt nun auf wunderbare Weise, durch das
herrliche Eingreifen Gottes genau das Gegenteil: Es bringt sie nur noch näher zu ihm.

Eine Familie machte einen Sonntagsspaziergang. Drei muntere Kinder liefen ihren Eltern auf
einem Schotterweg voraus. Das älteste der Kinder sprang vorneweg und schaute sich immer
wieder um nach den beiden Geschwistern. Die Kinder liefen auf einen unbeschrankten Bahn-
übergang zu. In ihrer Freude am Spiel hatten sie alles um sich vergessen, hatten nur noch Augen
und Ohren für ihr Fangen. So hörten sie nicht den herannahenden Zug. Direkt vor dem Bahn-
übergang stolperte das Mädchen und schlug der Länge nach hin. Im selben Moment brauste der
Zug vorüber. Das Mädchen weinte über das schmutzige Kleid und die blutigen Knie. Der ganze
Sonntag, alle Freude und Lust am Spiel schien ihr verdorben, sie fühlte nur den brennenden
Schmerz und wollte sich kaum trösten lassen. Die Eltern aber sahen hinter dem kleinen Unglück
die große Bewahrung vor der viel größeren Gefahr.

Wie oft hat Leid das Leben eigentlich geschont und bewahrt. Wie viele Menschen sind ange-
sichts des Todes zum Leben gekommen, in schwerer Krankheit eigentlich heil geworden, in
Erschütterungen aufgewacht, durch Verluste zum tieferen Reichtum gelangt und haben an den
Grenzen zur Mitte des Lebens gefunden.

Und wie steht es mit unseren eigenen Fehlern und Schwächen? Können die einem Kind Gottes
schaden? Letzten Endes muss einem sogar die eigene Sünde und Schuld zum Besten dienen.
Dietrich Bonhoeffer schriebe einmal: „Ich glaube, dass auch unsere Fehler und Irrtümer nicht
vergeblich sind, und dass es Gott nicht schwerer ist, mit ihnen fertig zu werden, als mit unseren
vermeintlichen Guttaten.“

Unsere Sünden und Fehler, die wir begehen, sollen uns zur Demütigung dienen. Und damit tun
sie einen hervorragenden Dienst. Einen stolzen Heiligen kann Gott nicht in sein Himmelreich
bringen, sondern nur einen armen Sünder, der weiß, dass er Vergebung und Gnade nötig hat.

Denken wir an den Apostel Petrus. Jesus hätte ihn nicht gebrauchen können, wenn er nicht von
seiner Überheblichkeit und Selbstüberschätzung heruntergeholt worden wäre. In der Nacht zum
Karfreitag verleugnete er Jesus dreimal. So schmerzlich dieses Versagen für ihn war, so heilsam
war es auch für ihn. Er lernte durch dieses Geschehen im Hof des Hohenpriesters Kaiphas
enorm viel. Er lernte sich selbst besser kennen und vertraute nicht mehr auf seine Kraft sondern
auf Jesus. Und er lernte auch Jesu Liebe besser kennen, die den Versager nun nicht fallen ließ
wie eine heiße Kartoffel, sondern die ihm vergab und einen Neuanfang schenkte. Welcher Segen
kam letztlich durch das Versagen von Petrus in sein Leben! Was natürlich nicht heißt, dass wir
möglichst viele Fehler machen sollen, damit Gott uns segnen kann. Nein, das sicher nicht. Aber
wir brauchen keine Angst zu haben, dass Gott uns nicht mehr gebrauchen könne, wenn wir Sün-
den begehen. Wir dürfen vertrauen, dass Gott sogar aus unseren eigenen bösen Taten Gutes
hervorbringen kann. Deshalb konnte der Kirchenvater Augustin von der „felix culpa“, der
„glücklichen Schuld“ sprechen. Auch unsere Schuld benutzt Gott dazu, um uns letztlich wahres
Glück zu bringen.

Das tiefste Glück eines Christen besteht darin, wenn er einmal frei ist von den Fesseln der Sünde,
und wenn sein Leben nichts anderes widerspiegelt als das Wesen Jesu. Dazu sind wir ja auf
dieser Welt, damit dieser Prozess bei uns in Gang kommt und sich vollzieht. Jeder wahre Christ
kennt das Leiden unter seiner Schuld und die Sehnsucht davon frei zu werden.

Die Sünde ist das wahre Unglück des Menschen, und erst, wenn er sie los ist, kann er tiefes,
unvergängliches Glück erfahren. Erst wenn ich so wie Jesus eingestellt bin, ist das Ziel meines
Lebens erreicht. Kein zorniges Wort, kein gieriger Blick und Gedanke, kein Nachtragen, kein
sich über andere Erheben und schlecht Reden, keine Sorge und kein Zweifel passen zu dem Bild
Jesu, so wie die Evangelien es uns zeigen. Wer muss da nicht sagen: Da muss sich bei mir noch
viel ändern, damit ich dem Bild Jesu entspreche?

Diese Veränderung will Gott in uns bewirken. Und manchmal benutzt er dazu auch Dinge, die
uns nicht gefallen, Schmerzen, Krankheit, Einsamkeit, unliebsame Menschen, das Fallen in Sünde
und Schuld. All das soll bewirken, dass wir umso mehr Jesus vertrauen, ihm immer näher kom-
men und seine Liebe kennenlernen. Denn nur so werden wir anders: Wenn wir zwar auf der
einen Seite uns selber erkennen, wie wir sind, Menschen, deren Leben sich letztlich um sich
selber dreht, aber auf der anderen Seite die unbegreifliche Liebe Jesu verstehen und in unser
Leben aufnehmen.

Vielleicht erscheint uns die Veränderung unmöglich. Das mag menschlich gesehen, richtig sein.
Aber bei Gott ist nichts unmöglich. Niemand muss denken: Ich bin ein hoffnungsloser Fall! Ich
werde nie ein anderer Mensch. Diese oder jene Sünde werde ich bis an mein Lebensende im-
mer wieder tun!“

Nein, vielmehr dürfen wir an das Wort des Apostels Paulus denken und es glauben: „Der in euch
angefangen hat das gute Werk, der wird’s auch vollenden bis an den Tag Christi Jesu.“ Wer
einen guten Beginn im Glauben getan hat, der darf und soll auch glauben, dass er ans Ziel kommt.
Gott lässt sein Werk nicht unvollendet. Er hat die Welt aus dem Nichts geschaffen. Deshalb kann
er doch dein und mein Leben verändern, bis es so ist, dass es ihm gefällt.

Amen

© 2009 Dieter Opitz