Bayreuth, den 24.1.99 Matthäus 14,23-33 ("Holt mich raus!")

 

 

"We don't need no other heroes" hieß einmal ein Song von Tina Turner. D.h. wir brauchen keine Helden mehr. Wir brauchen nicht die großen Helden zu spielen, die keine Hilfe brauchen. Es ist dumm, zu meinen, immer alles im Griff zu haben.

Es gibt Situationen im Leben, in denen ich ganz unten bin, in denen ich in einem tiefen Loch stecke. Ich kann so tief im Schlamassel drin stecken, daß ich alleine nicht mehr klarkomme. Dann brauche ich keine Vorwürfe, keine dummen Sprüche, kein falsches Mitleid, keine Drogen, keinen Alkohol, keine Vertröstung auf ein Nirwana. Dann brauche ich einen, der mich wieder raus holt.

Der arme Typ, dessen Stimme wir nur gehört hatten, blieb im Loch. Ihn holte keiner raus. Ich lese euch mal eine Geschichte vor von einem Mann, der nahe am Ertrinken war - und den einer raus holte.

 

Matthäus 14, Vers 23 bis 33.

 

Ich weiß, was das für Gefühle sind, wenn man am Ertrinken ist. Ich weiß, wie das ist, wenn die Todesangst einen packt. Als kleiner Junge wäre ich nämlich beinahe selbst ertrunken. Mir stand das Wasser wie dem Petrus nicht nur bis zum Hals. Nein, ich war schon unter Wasser und konnte nicht einmal mehr um Hilfe rufen. Innerlich hatte ich schon mit meinem Leben abgeschlossen. Ich ließ mich im Wasser des Roten Mains treiben und hatte auf einmal wieder Boden unter den Füßen.

Vielleicht wißt ihr nicht, was Todesangst ist. Aber jedem wurde doch einmal der Boden unter den Füßen weggezogen: Probleme in der Schule oder im Beruf, Streß mit den Eltern, Streit mit Freunden. In welche dummen Geschichten kann man schon als junger Mensch hineingeraten: Ladendiebstahl, blödsinnige Mutproben, Mädchen- oder Jungengeschichten, Lügengeschichten, Alkoholgeschichten, Drogengeschichten, Geschichten mit dem Pendel, dem Tischerücken oder Kartenlegen.

Da sitzt ein junger Mann Nacht für Nacht vor dem Computer und sucht im Internet pornographische Bilder. Er kommt nicht davon los. Ein anderer raucht 10, 20 Zigaretten am Tag, trotz mehrerer Versuche schafft er es nicht aufzuhören.

Und da gibt es den ganzen Sumpf menschlicher Leidenschaften, der nicht trockenzulegen ist: Wut, Jähzorn, Gleichgültigkeit und Gefühlskälte.

Im zwischenmenschlichen Bereich kann man in verfahrene Situationen hineingeraten, wo man nicht mehr ein noch aus weiß.

Schlimm ist es, wenn man meint, in solchen Nöten anderen etwas vormachen zu müssen, weil man ja keine Schwäche zugeben darf oder weil man Angst hat, nicht verstanden oder abgelehnt zu werden.

Noch schlimmer ist es, wenn man sich selber etwas vormacht und meint: "Ich kann doch tun und lassen, was ich will. Ich bin doch ein freier Mensch. Ich brauche keine Hilfe." Tatsächlich kann ein Mensch sich in seinem Dreck wohl und in seiner Unfreiheit frei fühlen.

Denken wir an einen Fallschirmspringer. Der kann ganz ähnlich empfinden. Er hat in einigen Kilometern Höhe das Flugzeug verlassen und fühlt sich zunächst frei und ungebunden. Sogar die Schwerkraft scheint überwunden. Aber wenn der Fallschirm sich nicht öffnet und er die Richtung ändern und zum Flugzeug zurückkehren will, dann merkt er, daß er nicht frei ist, sondern starke, unüberwindliche Kräfte ihn zu Boden ziehen.

Genauso halten sich Menschen für absolut frei, bis sie einmal versuchen, etwas an ihrem Leben zu ändern, z.B. ohne Zigaretten oder ohne Lüge, ohne Neid auszukommen. Erst wer versucht, seinem Leben eine andere Richtung zu geben, etwa die Gebote Gottes zu halten, merkt, daß er bisher nicht frei war, sondern daß unaufhaltsame Kräfte ihn in eine bestimmte Richtung drängen und sein Leben bestimmen.

In solchen Lagen, wo ich mit mir selber, mit meinen Mitmenschen oder mit Gott nicht mehr klar komme, wo ich merke, ich selber steuere mein Leben nicht, sondern ich werde gesteuert, da kann ich mir nicht selber helfen. Da brauche ich jemand, der mich raus holt. Und das kann allein Jesus Christus. Er allein kann Hilfe in Schuld, Not oder Tod geben, niemand anders. Alle anderen Religionsstifter, Psychologen, Lebensberater können nur gute Ratschläge geben, aber für einen Menschen, dem die Wellen des Lebens über den Kopf zusammenschlagen, haben sie keine Hilfe.

Man kann natürlich daran zweifeln, daß Jesus die Macht hat, auch in menschlich gesehen aussichtslosen Lagen zu helfen. Man kann auch diese Geschichte anzweifeln, daß Jesus über den See gelaufen ist.

Und es gibt ja genügend Menschen, die so denken, auch Theologen. Der kritische Theologe Rudolf Bultmann sagte schon vor Jahrzehnten: "Man kann nicht in Krankheitsfällen moderne medizinische und klinische Mittel in Anspruch nehmen und gleichzeitig an die Geister- und Wunderwelt des Neuen Testaments glauben."

Und wenn diese Geschichte vom sinkenden Petrus einen Sinn hat, dann nur den: "Der Mensch siegt durch Glauben und frischen Mut in den schwierigsten Lagen. Beim geringsten Zweifel ist er sofort verloren." So hat der alte Goethe gemeint.

Und es klingt ganz ähnlich, was 150 Jahre später der bekannte Eugen Drewermann sagt: "Der Sinn des Seewandels - über seine eigene Angst hinweggehen."

Verschiedene psychologische Ratgeber sagen das Gleiche: Vertraue dir selbst! Denke positiv!

Nun gibt es bestimmt Lagen, in denen solche Ratschläge durchaus hilfreich sein können. Aber es gibt Nöte, da wirken solche Sätze wie : "Denke positiv! Vertraue dir selbst!" wie der blanke Hohn. Das ist die Erfahrung der persönlichen Schuld und die Begegnung mit dem Tod. Wenn ich in Todesgefahr oder sterbenskrank bin, dann nützt mir all mein Selbstvertrauen und positives Denken nichts mehr. Und wenn ich Schuld auf mich geladen habe oder mich in Süchten verstrickt habe, dann kann ich mir zwar vormachen: "Ist alles halb so schlimm", aber mir wird dadurch nicht geholfen. In solchen Lagen ist es entscheidend wichtig, ob es wirklich jemanden gibt, der in allen Nöten, in Schuld, ja sogar im Tod hilft.

Legenden und Mythen helfen uns, wenn's drauf ankommt, nicht. Und wenn die Geschichte vom Seewandel nicht stimmt, wieso sollte mich Jesus aus meinen aktuellen Schwierigkeiten herausziehen können?

Am Ende der Geschichte vom sinkenden Petrus kamen die Jünger zu der Erkenntnis: Dieser Jesus ist ein ganz Besonderer. Er ist mehr als ein normaler Mensch. Er ist der Sohn Gottes. Jesus ist die einzigartigste Persönlichkeit, die jemals unseren Erdboden betreten hat.

Und sage bitte keiner: "Ja, die Jünger hatten leicht glauben! Sie haben ja so große Wunder erlebt!" Nein, Jesus war auch für sie oft der Rätselhafte, schwer Verständliche, vor allen Dingen als es für ihn aufs Leiden und Sterben zuging.

Wir haben es nicht schwerer zu glauben als die Jünger, vielleicht sogar leichter. Denn wir wissen viel mehr über Jesus als sie. Wir wissen, daß auf sein Sterben die Auferstehung folgte. Wir haben davon gehört, wie er bis auf den heutigen Tag in Menschenleben eingegriffen hat, geholfen, Sünden vergeben, Wunder getan hat!

Solche phantastischen Geschichten wie die vom sinkenden Petrus sind bis auf den heutigen Tag passiert. Ich möchte kein Christ sein, und könnte es auch nicht, wenn es nicht auch Wunder Gottes gäbe. Ein Christentum ohne Wunder, d.h. ohne das Eingreifen eines lebendigen Gottes, wäre einfach langweilig. Dann blieben nur noch ein paar Gebote und moralische Aufforderungen übrig. Und dazu bräuchte ich keinen Gott und keine Bibel.

Jeder, der es mit dem lebendigen Gott und seinem Sohn Jesus Christus zu tun hat, macht Erfahrungen mit ihm. Er darf Abenteuer mit Gott erleben.

Ein Freund von mir führt eine Art Tagebuch. Darin schriebt er alle seine Erlebnisse mit Gott hinein. "Eigentlich", so sagte er, "müßte jeder Christ ein solches Buch schreiben können." Nicht nur die Männer und Frauen der Bibel können von ihren Begegnungen mit Gott berichten, sondern jeder, der sich auf ihn und seinen Sohn Jesus Christus eingelassen hat.

Ich habe einmal ein abenteuerliche Geschichte gelesen. Das Buch hieß: "Es war, als sängen die Engel", ein Tatsachenbericht eines amerikanischen Fliegerleutnants. Im Zeiten Weltkrieg mußte er mit seiner Fliegerbesatzung im Stillen Ozean notwassern. Acht Mann retten sich in drei kleine Schlauchboote und verbringen drei qualvolle Wochen ohne Nahrung unter der heißen Äquatorsonne. In ihrer hoffnungslosen Lage werden diese Schiffbrüchigen durch ihr Gebet und was sie damit alles von Gott her erfahren, durch die Verzweiflung hindurchgeführt. Sie erleben, wie Regenwolken in der ersten Gefahr des Verdurstens kommen und ihnen das rettende Wasser bringen, einmal sogar gegen den Wind. In höchster Hungersnot geschieht es, daß während der Nacht eine von ihnen abgeschossene Leuchtrakete Fische anzieht, so daß sie sie fangen können und Nahrung haben. Nach drei Wochen wurden sie gerettet. Ist das nicht ein mächtiger Gott, an den wir glauben dürfen?

Unzählige Menschen haben bis auf den heutigen Tag die Macht Jesu Christi erfahren. Sie erlebten, wie ihnen Schuld vergeben wurde, wie sie frei wurden von Süchten, wie auch zerbrochene Beziehungen wieder geheilt wurden. Auch wenn sie sterben mußten, erlebten sie, daß Jesus sie nicht im Stich ließ. Sie hatten auch keine Angst mehr vor dem Sterben. Jesus war ja bei ihnen mit seinem Frieden.

Gerhard Bauer, alias "Rocky", ein ehemals gewalttätiger Rocker, bekehrt sich in seinen letzten Lebensjahren zu Christus. Auf dem Sterbebett fragt ihn Günther Klempnauer: "Würdest du verzweifeln, wenn du nicht wieder gesund wirst?"

Gerhard antwortet ihm ruhig und konzentriert: "Nein, ich bete nur, Herr, dein Wille geschehe! So war ich an Stufen angelangt, wo ich mein Leben völlig aufgegeben habe. Ich hab natürlich gesagt: Wenn ich noch irgend etwas für dich tun kann, würde ich mich freuen, wenn du mir noch eine Zeit schenkst. Aber ich wäre genauso gern eingeschlafen und zu ihm gegangen, weil ich weiß, daß dort Licht ist."

Solches und noch viel mehr kann jeder erfahren, der mit der Macht Jesu Christi rechnet. Gott erwartet nur von uns, daß wir in jeder Lage den Mut aufbringen, zu glauben. Und dieser Glaube darf auch einmal wie bei Petrus waghalsig sein. Natürlich gibt es auch einen verrückten Glauben, wie ihn z.B. ein Mann hatte, der auf der Autobahn das Lenkrad seines Autos losließ, um Gott fahren zu lassen. Er landete an der Leitplanke.

Aber wenn Gott mir durch sein Wort etwas zusagt, dann darf ich diesem Wort auch absolut vertrauen. Dann brauche ich nicht zu zweifeln, sondern nur das tun, was es mir sagt.

Glauben heißt, eine bestimmte Blickrichtung zu haben, nämlich auf Jesus und sein Wort. Der falsche Blick ist der Blick auf die Möglichkeiten: Was ist, wenn ich doch nicht gesund werde, wenn ich meine Prüfung doch nicht bestehen würde, wenn ich von meinen Süchten und meinen Gebundenheiten doch nicht frei werden würde?

Wenn ich so denke, dann gehe ich unter wie Petrus. Doch selbst dann brauche ich nicht zu verzweifeln. Jesus hat den Petrus wieder rausgezogen. Er läßt auch uns nicht im Stich, wenn wir im Glauben versagen. Sondern er gibt uns immer neue Chancen zum Glauben. Seine Hand läßt uns nicht los, auch wenn wir sie einmal loslassen sollten. Selbst wenn wir nur noch einen kümmerlichen Restglauben haben, der nur noch sagen kann: "Herr, hilf mir!" dann zieht er uns wieder hoch. Auch ein kleiner Glaube hat einen großen Herrn.

Amen

(c) Dieter Opitz, Bayreuth