wenn nichts mehr geht - Kreuz & Quer vom 28.09.08; Apostelgeschichte 12,1-11

Liebe Gemeinde!

Glauben Sie an Engel? Ich meine jetzt nicht die Ehefrauen unter uns, erst recht nicht die „Drei Engel für Charlie“ aus dem Fernsehen und im Kino. Sondern ich rede von Engeln, den Boten Gottes. Engel, die in seinem Auftrag handeln, Engel, durch die Gott Menschen beschützt. Gibt es wirklich Engel? Oder gehören sie in die Märchenbücher, in Fantasy-Romane oder Kinofilme wie „Stadt der Engel“ oder „Himmel über Berlin“?
Die Antwort der Bibel ist eindeutig. Es gibt keinen engellosen Gott. Unzählige Geschichten berichten von Engeln. Sie gehören zu Gottes Reich dazu, so wie auch zu einem Land Soldaten, Botschafter und Geheimdienstagenten dazugehören. Eine Geschichte aus der Bibel könnte durchaus dem Agentenmilieu entstammen. Es geht in ihr um die Befreiung aus einer hoffnungslosen Lage. Aber der Retter ist nicht ein Agent a la James Bond sondern ein Engel.
Wir hören dazu den Predigttext aus Apostelgeschichte 12, Vers 1 bis 11. (vorlesen)
Eine aussichtslose Lage, aussichtsloser geht’s gar nicht. Da ist jemand zum Tode verurteilt. Am nächsten Tag soll die Hinrichtung vollzogen werden. Er sitzt im Hochsicherheitstrakt eines Gefängnisses, mit Ketten gefesselt. 16 Soldaten bewachen ihn rund um die Uhr, zwei davon weichen nicht von seiner Seite. Und doch kam er frei, weil Gott es so wollte. Gott wollte nicht, dass Petrus, der Anführer der christlichen Gemeinde in Jerusalem, hingerichtet werden soll.
Petrus sollte sterben, weil er ein Christ war. Hier in Deutschland sind solche brutalen Methoden, mit Christen umzugehen, außer Mode gekommen. Keiner muss befürchten, zu sterben, weil er an Jesus glaubt.
Aber wir wollen nicht vergessen, dass wir hier in unserem Land in einer sehr bevorzugten Lage sind. Christenverfolgungen gab es nicht nur in der Bibel oder zu der Zeit der Römer. Sie finden auch heute noch statt, im 21. Jahrhundert. Über 100.000 Menschen sterben weltweit pro Jahr, weil sie Christen sind, im Sudan, in Indonesien oder in China, um nur einige Länder zu nennen.
Diese Tatsachen werden in den Medien oft totgeschwiegen. Vielleicht interessiert die Öffentlichkeit das Thema „Christenverfolgung“ nicht. Vielleicht interessiert es auch manche von uns nicht. Aber ich rede trotzdem davon. Denn es ist wichtig, davon zu hören, dass es Menschen gibt, die wegen ihres Glaubens an Jesus leiden müssen. Und noch wichtiger ist es, für sie beten. Vielleicht haben wir so ein Gebet in naher oder ferner Zukunft ja auch einmal nötig. Der Wind, der den Christen um die Ohren bläst, ist auch in unserem Land rauer geworden. Und es kann durchaus einmal die Situation kommen, in der es auch in Deutschland etwas kostet, sich zu Jesus zu bekennen.
Auch wenn es jetzt noch nicht so weit ist, so steht trotzdem fest: Christsein hat seinen Preis, immer. Als Christ geht es mir nicht immer gut. Sondern es kommen auch schwere Zeiten auf einen zu. Das Irritierende bei solchen Erfahrungen ist: Man kann anscheinend das Gleiche erleben, wie einer, der nicht glaubt. Da kennt man auch Prüfungsstress, schlechte Noten, das Klassenziel nicht erreichen, Arbeitslosigkeit, Liebeskummer, Einsamkeit, Probleme mit Eltern, Kindern und Geschwistern, Krankheit, immer unter Druck sein in der Arbeit, aber auch schon an der Uni und in der Schule. Da kann bei einem schon der Zweifel hochkommen: „Ja, fragt denn Gott nicht nach mir? Ist es denn egal, ob ich glaube oder nicht?
Auch in unserer Geschichte hat es den Anschein, als ob Gott wegschaut, wenn Leute, die ihm doch besonders nahe stehen, leiden. Der Apostel Jakobus, Bruder des Jüngers und Evangelisten Johannes wird verhaftet und hingerichtet. Es steht hier nicht da, warum Gott dieses schreckliche Geschehen zugelassen hat. Er ist auch niemandem Rechenschaft schuldig. Gott hat seine Pläne, die oft unseren Verstand übersteigen. Er mutet denen, die an ihn glauben, oftmals viel zu. Aber wir können sicher sein: Es ist nie zu viel, auch wenn es das Leben kostet. Und es ist nie sinnlos: Hinter allem steht Gottes guter Plan.
Christen sind auch nie einer Situation hilflos ausgeliefert. Sie können sich an den wenden, der über 1000 Möglichkeiten verfügt, eine scheinbar aussichtslose Situation doch noch zu verändern. Wenn nichts mehr geht, so kann Gott doch noch eingreifen.
Er möchte, dass wir ihm dies auch abnehmen, dass wir ihm auch in den schlimmsten Lagen vertrauen und ihn um Hilfe anrufen. So machten es auch die ersten Christen in Jerusalem. Unaufhörlich beteten sie für Petrus zu Gott. Wer betet, nicht nur für sich sondern auch für andere, wird erfahren, dass auf einmal Gottes Allmacht aktiv wird. Er wird immer wieder Erstaunliches erleben, was er nicht für möglich gehalten hat. Dem Gebet hat Gott viele Versprechen gegeben. Schon im Alten Testament lesen wir in den Psalmen: „Rufe mich an in der Not, so will ich dich erretten und du sollst mich preisen.“ Und Jesus hat seine Jünger aufgefordert: „Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird euch aufgetan. Denn wer da bittet, der empfängt; und wer da sucht, der findet; und wer da anklopft, dem wird aufgetan.“ Diesen Ratschlag hatten die Christen in Jerusalem sicher gekannt und beherzigt. Sie beteten, was das Zeug hielt, für Petrus.
Mach’s doch auch so, in deiner Not, in der du gerade drin steckst, und gib nicht so früh auf. Sei nicht zu anspruchslos für dein Leben. Denke nicht: Ach, da kann man nichts machen. Das stimmt nicht. Beten kann man. Du wirst nicht immer das bekommen, was du dir wünschst. Aber Gott wird auf ein gläubiges Gebet hin eingreifen. Er lässt dich nicht im Stich. Wenn du an Jesus glaubst, wenn du ein Kind Gottes bist, das die Vergebung seiner Sünden erfahren hat, dann liegt dein Leben in Gottes Hand. Dann bist du kein Spielball von irgendwelchen Menschen, irgendeinem Schicksals oder von deinen eigenen Süchten und Abhängigkeiten.
So durfte es auch Petrus erfahren. Gott handelt. Er greift ein mit einem doppelten Wunder. Zum einen gibt er Petrus eine „himmlische Ruhe“. Man stelle sich vor: Dieser Mann wartet auf seine Hinrichtung und kann doch tief schlafen, so tief, dass ein Engel ihm kräftig in die Seite stoßen musste, um ihn aufzuwecken. Wenn so eine innere Ruhe kein Wunder ist! Wir können ja schon durchdrehen, wenn eine Prüfung uns bevorsteht, oder wir am nächsten Tag in den Urlaub fahren oder der Computer Schwierigkeiten macht. Und hier erzählt uns die Bibel von einem Menschen, der selig schlummert, obwohl er weiß, dass er nur noch wenige Stunden zu leben hat.
Denken wir an Bonhoeffer. An Silvester 1944 muss ihm klar sein, dass sein Leben stark gefährdet ist. Als Mitglied des Widerstandes gegen das Nazi-Regime ist er inhaftiert. Das Attentat gegen Hitler ist gescheitert. Wie geht es mit ihm weiter? Wird er sterben oder doch noch frei kommen? In dieser Situation verfällt Bonhoeffer nicht in tiefe Depressionen sondern dichtet ein Glaubenslied, das heute, 64 Jahre nach seinem Entstehen, zu den Klassikern der evangelischen Kirchenlieder gehört: „Von guten Mächten wunderbar geborgen erwarten wir getrost, was kommen mag. Gott ist mit uns am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag.“ Gott schenkte ihm die Gewissheit, dass sein Leben in der Hand Gottes liegt. Gott lässt ihn nicht allein, was auch kommen mag.
Und ein weiteres Wunder vollzog am letzten Tag im Leben Bonhoeffers. Bevor die Nazis ihn hinrichteten, sagte er: „Das ist das Ende, aber für mich ist es der Anfang des Lebens.“ Zeugen erzählten, dass sie noch nie jemand so gottergeben haben sterben sehen.
Gott schenkte diesem Mann die nötige Ruhe und Gelassenheit. Genauso dürfen auch wir glauben, dass er uns ganz ruhig macht, wenn wir normalerweise durchdrehen müssten. Wir dürfen uns in seiner Hand geborgen wissen.
Das zweite Wunder, das Petrus erleben darf: Gott führt ihn in die Freiheit. Keine Wache, keine Türe darf ihn festhalten. Gott schickte seinen Engel, um seinen Boten aus einer hoffnungslosen Lage herauszuholen. Petrus hatte hier ein sehr eindrückliches Erlebnis mit einem Engel. Der Apostel hat ihn gesehen und hat mit ihm geredet. Sie können auch im Verborgenen wirken, ohne dass sie in Erscheinung treten, aber nicht minder eindrucksvoll wie in unserer Geschichte.
Ich habe noch keinen Engel gesehen, aber gespürt habe ich sie schon in meinem Leben, manchmal recht deutlich, um mich vor Unfall und Lebensgefahr zu bewahren. Ich glaube an Schutzengel.
In Hartmannshof, wo ich lange Jahre Pfarrer war, erzählt man sich heute noch folgende Geschichte: Vor Jahren war der Sohn eines meiner Vorgänger, - natürlich nicht von Pfarrer Hager, der hat ja bekanntlich nur Töchter, - mit dem Auto Richtung Hersbruck unterwegs. In der Nähe der Nachbarortschaft Pommelsbrunn gerät er ins Schleudern. Er fährt die Böschung hinunter. Das Auto überschlägt sich und kommt auf den Eisenbahnschienen zum Stehen. In dem Moment kommt ein Zug, schleift das Fahrzeug vor sich her. Übrig bleibt nur ein Blechknäuel. Nahezu unbeschadet wird aus dem Auto der junge Mann geborgen. In der Zeitung muss sinngemäß gestanden haben: „Da hat einer nicht nur einen sondern eine ganze Kompanie Schutzengel gehabt.“
Wer nicht glaubt, mag solche oder ähnliche Geschichten als Zufall deuten. Ich glaube, dass ich von Engeln umgeben bin. Glauben wir es doch auch alle und bitten wir jeden Tag um den Engelschutz!
Eine andere eindrucksvolle Geschichte möchte ich Euch auch nicht vorenthalten. Der bekannte Fernsehjournalist und Christ Peter Hahne hat einmal folgendes Erlebnis erzählt: Ein Autofahrer will gerade losfahren, da stoppt ihn ein Fußgänger, der an seine Scheibe klopft. Der Fahrer kurbelt sie herunter und der Fußgänger sagt zu ihm nur: „Wissen Sie eigentlich, dass Gott seinen Engeln befohlen hat, dass er Sie auf allen Ihren Wegen behütet?“ Kopfschüttelnd fährt der Mann los und denkt: So ein Blödsinn. Engel, die mich behüten sollen! Ich vertraue lieber auf mein fahrerisches Können.
Doch der Mann wird auf der gleichen Fahrt in einen schweren Verkehrsunfall verwickelt. Nahezu unbeschadet, wie durch ein Wunder kann er aus den Wagen steigen. Ein Polizist, der den Unfall aufnimmt, sagt: „Der da drinnen gesessen hat, muss aber einen Schutzengel gehabt haben.“ Ein LKW - Fahrer nimmt den unter Schock stehenden Mann mit seinem Fahrzeug mit. Er dreht das Radio an. Da hören sie die Motette von Mendelssohn - Bartoldy: „Er hat seinen Engeln befohlen über dir, dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen.“
Phantastische Geschichten? Sicher, aber Geschichten, die immer wieder so oder ähnlich geschehen. Und der ist kein Phantast sondern ein Realist, der mit solchen Eingreifen Gottes rechnet. Warum tun wir es so oft nicht? Wohl auch deshalb, weil wir uns dann ganz und gar auf das Eingreifen Gottes verlassen müssen und nicht auf unsere eigene Stärke und Tatkraft. Wer mit Wunder rechnet, erkennt ja damit auch an, dass er in seinem Leben nicht mehr die Hauptrolle sondern eine Nebenrolle spielt.
So erging es ja auch dem Petrus in unserer Geschichte. Er begreift nicht so recht, wie ihm geschieht. Erst ganz zum Schluss blickt er durch und erkennt: „Gott hat seinen Engel geschickt, um mich zu retten.“ Petrus ist kein strahlender Held, der Ketten zerreißt und Türen aufbricht. Sondern er trottet verschlafen hinter dem Engel her. Dem Menschen wird eine ganz bescheidene Rolle zugewiesen. Das muss ich erst einmal akzeptieren. Und dazu gehört eine gewisse Selbstbescheidung.
Aber wer Wunder erleben will, braucht diese richtige Selbsteinschätzung, dass sein Leben eben nicht in seiner Hand liegt. Wenn Gott nicht will und nicht auf seiner Seite steht, dann kann alles schief gehen, was er sich vorgenommen hat.
Und etwas anderes ist wichtig, um Wunder zu erfahren. Es ist der Glaube, dass wir keinen kleinen sondern einen großen Gott haben, der Ketten und Mauern zerbrechen kann, der auch den letzten Engel aus seinem Himmel holen würde, um gerade dir zu helfen.
Im Psalm 91 steht: „Er hat seinen Engeln befohlen, dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen.“ Vertraue diesen Worten und glaube ihnen! Gott wird so ein Vertrauen nicht enttäuschen. Er wird nicht alle unsere Wünsche erfüllen – aber alle seine Pläne. Und die sind immer am besten.

Amen

© 2008 Dieter Opitz