Die Macht der Mächte - Kreuz & Quer vom 27.01.08; 1. Petrus 5, 8-9

Liebe Gemeinde!

Warum hast du so große Ohren? Warum hast du so große Augen? Warum hast du so große Hände? Warum hast du so ein großes Maul? Jedes Kind kennt diese Fragen. Sie stammen von Rotkäppchen. Immer ängstlicher fragt das Mädchen die vermeintliche Großmutter. Immer bedrohlicher klingen die Antworten, bis dann schließlich Rotkäppchen mit Haut und Haaren verschlungen wird. Denn die alte Dame war keine Großmutter sondern der verkleidete böse Wolf. Rotkäppchen ist ein Märchen, mit dem man kleine Kinder beeindrucken und erschrecken kann. Erwachsene wissen, dass wir in Deutschland vor Wölfen keine Angst zu haben brauchen, weil es sie so gut wie nicht mehr gibt.
Wenn nun Petrus hier in den Worten, die ich eben vorgelesen habe, von dem Teufel als einem brüllenden Löwen spricht, der einen zu verschlingen droht, so sind wir zu einer ähnlichen Reaktion versucht. Der Teufel ist in Deutschland so gut wie ausgestorben. Im Mittelalter gab’s ihn noch, als gehörnte Gestalt mit Pferdefuß und Mistgabel. In Märchenbüchern lesen wir von ihm. Aber seit den Zeiten der Aufklärung wird der Teufel als eine Märchenfigur erklärt. Es gäbe ihn nicht, so wird behauptet. Im Internetlexikon „Wikipedia“ lesen wir: „Aus moderner Sicht handelt es sich um ein Fabelwesen aus der christlichen und islamischen Mythologie.“
Und doch spricht die Bibel an den verschiedensten Stellen vom Teufel, im Alten wie im Neuen Testament. Jesus und die Apostel Paulus, Johannes, Judas und eben auch Petrus reden von ihm. Sollten sie alle nur in den Vorstellungen ihrer Zeit gefangen sein? Die biblischen Zeugen klingen anders. Sie reden vom Teufel so, als ob sie ihn erfahren hätten – in ihrem eigenen Leben.
Und es ist wirklich so. Vieles in unserem Leben und auch in der Weltgeschichte können wir nur verstehen, wenn wir an die Realität des Teufels glauben. Er ist sicher nicht das, was man aus ihm gemacht hat, eine Spukgestalt mit Hörnern und Pferdefuß, oder eine Märchenfigur, die man mit ein bisschen Bauernschläue aufs Kreuz legen kann. Er ist vielmehr ein hoch intelligenter Geist, seit Urzeiten ein mächtiger Gegenspieler Gottes. Der Teufel ist auch ein genialer Psychologe, der die Fehler und Schwächen der Menschen gnadenlos ausnutzt, um sie auf seine Seite zu ziehen, auf die dunkle Seite.
Es gibt den Satan, auf deutsch „den Widersacher“, den großen Gegner Gottes. Er ist das Böse in Person, der alle guten Pläne Gottes durchkreuzen und kaputt machen will. Im Lutherlied ein „Ein feste Burg ist unser Gott“ heißt es von ihm: „Groß Macht und viel List sein grausam Rüstung ist.“
Es gibt eben nicht nur eine sichtbare sondern auch eine unsichtbare Welt, die uns umgibt. Es gibt unsichtbare Kräfte und Mächte, die uns beeinflussen, gute und eben auch böse. Alle Grausamkeiten und bestialische Taten, zu denen Menschen fähig sind, kann ich nicht nur psychologisch erklären. Um das Böse im Menschen zu verstehen, muss ich auch den Bösen, den Teufel, in Betracht ziehen.
Die deutsche Sprache redet auch davon, dass es Mächte gibt, die unser Tun und Lassen beeinflussen. So sagen wir zum Beispiel: „Wut packt uns“, oder: „Angst überkommt mich“ oder: „Er war nicht mehr Herr seiner Sinne.“
Psychologen und Mediziner bemühen sich redlich, solche Phänomene wie Süchte oder übermäßige Aggressivität durch organische Ursachen oder äußere Ereignisse zu erklären. Und das ist auch gut so. Der Mensch besteht ja aus Körper und Seele und wird auch beeinflusst durch Erziehung oder andere Menschen und prägende Ereignisse in seinem Leben. Aber er ist eben auch Geist, durch den die unsichtbare Wirklichkeit Gottes und des Teufels Zugang zu einem hat. Deswegen hat Luther recht, wenn er sagt, dass der Mensch einem Reittier zu vergleichen ist. Entweder reitet mich Gott oder der Teufel. Eine dritte Möglichkeit gibt es nicht.
In einem Lied heißt es: „Alle Leute sagen, es gäbe keinen Teufel. Kannst du mir sagen, wo die Angst herkommt in der Nacht, wenn es klingelt an der Tür? ... Kannst du mir sagen, wo die Sucht herkommt nach dem Rausch, dem Vergessen, nach dem Geld?... Kannst du mir sagen, wo die Hast herkommt, die jeden Tag mein Leben bestimmt?“
Der Sänger nennt hier drei Beispiele, die mit dem Teufel zu tun haben: die Angst, die Sucht und die Hast.
Die Angst gehört zum Menschen dazu. Sie schützt uns vor unüberlegten Taten. Ein Mensch ohne Angst würde wohl nicht lange leben, weil er eine Gefahr nicht richtig einschätzen kann. Aber Angst hat auch eine dunkle Seite. Sie kann einen nicht mehr schlafen lassen, kann einen Menschen körperlich wie seelisch zu einem Wrack machen. Bezeichnenderweise taucht die Angst in ihrer unheimlichsten Form dort auf, wo jemand sich mit Okkultismus und Spiritismus einlässt. Gerade junge Leute halten es für einen coolen Zeitvertreib, für ein Spiel, wenn sie sich mit dem Okkulten einlassen. Doch aus dem Spiel kann sehr schnell Ernst werden.
Ich denke an ehemalige Konfirmandinnen. Auf der Konfirmandenfreizeit probierten sie das Spiel mit dem Okkulten aus: Pendeln. Das Ergebnis: Angsterfüllt saßen sie in ihrem Zimmer. Das Spiel wurde zum Ernst.
In einer neunten Klasse erzählten mir die Schüler von ihren Erlebnissen mit dem Gläserrücken. Das Ergebnis: Es kam zu unerklärlichen, unheimlichen Begebenheiten, so dass die Jugendlichen verstört ihr Experiment mit dem Okkulten abbrachen. Wenigstens haben sie es gemerkt, auf was sie sich eingelassen hatten.
In Horrorfilmen, so genannten Jugendzeitschriften und okkulter Rockmusik begegnen heute junge Leute einer Dimension, von der frühere Generationen nur vom Hörensagen wussten. Ich meine: Viele Angststörungen hängen mit der Beschäftigung mit Gläserrücken, Pendeln, Wahrsagerei, Astrologie und anderen Formen des Aberglaubens zusammen.
Eine zweite unheimliche Zeiterscheinung ist die Sucht. Es scheint so, als ob die Zahl der Süchtigen immer mehr zunimmt. Die Sucht hat viele Gesichter. Von Alkohol, Zigaretten und Drogen sind unzählige Menschen abhängig. Andere verspüren in sich einen unbezwingbaren Drang zum Einkaufen, zum Glücksspiel oder immer mehr und mehr zu arbeiten. Die modernen Medien haben ein Millionenheer von Süchtigen geschaffen. Fernsehen und Computer und Internet sind keine Erfindungen des Teufels. Aber es sind sicherlich Viele durch diese Medien in die Fänge das Satans geraten.
Das ist zum Beispiel dann der Fall, wenn man vergisst, dass all diese Geräte einen Ausschalteknopf besitzen. Stundenlanges Fernsehschauen, Computerspielen oder Surfen im Internet stiehlt mir nicht nur Zeit sondern macht mich auch hohl und leer. Die Zahl der Pornosüchtigen ist durch das Internet sprunghaft gestiegen. Die Anonymität, die durch dieses Medium möglich ist, hat diese Sucht gefördert. Nicht nur Männer ohne Partnerin sind von Pornos abhängig, auch Verheiratete und auch schon Kinder.
Jugendliche und immer mehr auch junge Erwachsene tauchen in die Scheinwelt der „Cyberworld“ ein. Stunden- manchmal sogar tagelang bis zur Erschöpfung spielen sie im Internet Rollenspiele, ob es das „Second Life“ ist, wo man sich eine virtuelle zweite Existenz schaffen kann, mit einem anderen Beruf, anderen Freunden, aber nur im Internet, oder ob es das Fantasyspiel „World of Warcraft“ ist. Es gibt Menschen, die verbringen ihre Freizeit nur noch mit diesem Spiel. Alle sozialen Kontakte haben sie abgebrochen. Nach der Arbeit, von 5 Uhr Nachmittag bis 2 Uhr Nacht wird „World of Warcraft“ gespielt. Manche haben auch ihr Studium abgebrochen, weil sie diesem Spiel verfallen sind. Jemand, der ein Fan dieses Spieles ist, bekennt freimütig: „Wir begrüßen uns im Internet häufig scherzhaft: ‚Hallo Süchtige!’ Und darin steckt definitiv mehr als ein Körnchen Wahrheit.“
Und schließlich die dritte unheimliche Zeiterscheinung: die Hast. Es gibt ja so viel zu tun und der Tag hat nur 24 Stunden. Die Arbeit fordert einen voll und ganz. Viele Berufstätige müssen in immer kürzerer Zeit immer mehr leisten. Spätestens seit es das G 8 gibt, haben auch Schüler einen strammen Arbeitstag. Zu hause geht der Stress weiter. Der Haushalt und das Privatleben muss ja auch organisiert werden. Und die kostbare Freizeit will man ja auch mal für schöne Dinge ausnutzen. Da ein neuer Kinofilm, dort ein tolles Event, mal Essen gehen, und am Wochenende schnell ein Kurztrip irgendwohin. Freizeit kann auch ganz schön anstrengend sein.
Und das Dämonische bei der Hast ist: Man kommt gar nicht mehr zur Ruhe, zu sich selbst, zum anderen und vor allen Dingen nicht mehr zu Gott. Dann hat der Teufel sein Ziel erreicht, wenn er uns von Gott weggebracht hat, wenn wir nicht mehr an unseren Schöpfer denken, ihn einfach vergessen haben, ganz und gar in unserer Scheinwelt aufgehen.
Aber was können wir denn tun, wenn wir gemerkt haben, dass uns eine unheimliche Angst, eine Sucht oder die Hast in ihren Bann geschlagen hat? Oftmals starren wir auf das, was uns fesselt und nicht gut tut, wie das Karnickel auf die Schlange und können uns ihrem hypnotisierenden Blick nicht entwinden. Wir alle kennen wohl diese Erfahrung. Der Apostel Paulus hat sie in die Worte gefasst: „Das Gute, das ich will, das tue ich nicht; sondern das Böse, das ich nicht will, das tue ich.“ Aber Paulus kennt auch den, der die Macht des Bösen in unserem Leben brechen kann: Jesus Christus. An ihn dürfen wir uns wenden, im Gebet, und wenn es nur der kurze Satz ist: „Jesus, hilf mir!“ Das ist das Beste, was wir tun können. Denn er hat von Gott alle Macht im Himmel und auf Erden übertragen bekommen. Er ist auch stärker als alle dunklen Mächte, die uns gefangen nehmen wollen oder es schon getan haben. Er, nicht wir, wird mit ihnen fertig.
Sein ganzes Leben war von dem Kampf gegen die Macht des Bösen geprägt. Einmal schleicht sich Satan in der Wüste in die Gedanken von Jesus und will ihn auf die dunkle Seite ziehen. Doch er schafft es nicht. Der Sohn Gottes ist stärker und widersteht den verlockenden Angeboten des Teufels. Als Jesus am Kreuz hängt und stirbt, da scheint es Satan geschafft zu haben, Jesus aus dem Weg zu räumen. An Karfreitag jubelt der Teufel. Jesus ist tot und begraben. Der Teufel ist schon in Partystimmung. Aber er hat nur für kurze Zeit die Oberhand. An Ostern tritt das Unfassbare und Fantastische ein: Jesus besiegt den Tod und wird wieder lebendig. Sein Tod am Kreuz war nur scheinbar ein großer Sieg Satans. Stattdessen war das Geschehen auf dem Hügel Golgatha seine größte Niederlage. Dort wurde der Teufel endgültig besiegt.
Genauer gesagt: Er wurde tödlich verwundet. Aber er kann noch handeln. Er hat noch nicht ganz ausgespielt. Doch wer mit ihm zu tun hat, darf wissen: Er kämpft mit einem Feind, der schon verloren hat. Ein „Zauberwort“ kann ihn besiegen: Es ist das Wort „Jesus“.
Nur wenn wir ihn im Kampf mit finsteren Mächten ins Spiel bringen, haben wir eine Chance. „Mit unserer Macht ist nichts getan. Wir sind gar bald verloren. Es streit für uns der rechte Mann, den Gott selbst hat erkoren.“ Heißt es in dem Lutherlied. Dieser Jesus Christus kann den Bann brechen, in dem wir oft – unfähig zum Widerstand – unseren Ängsten, Süchten und der Hektik unsres Lebens ausgeliefert sind.
Manche kennen ja diese Geschichte: Ein Kind entdeckte auf einem belebten Platz einen finster aussehenden Mann. Der Mann blickte das Kind an. Da blieb es wie von der Angst gefesselt stehen und konnte sich nicht lösen. Das entdeckte ein Dritter. Er trat zwischen den Mann und das Kind. Jetzt konnte das Kind wieder frei atmen.
Für uns ist Jesus Christus der Mann, der zwischen uns und allen Mächten der Finsternis tritt, uns aus ihrem faszinierenden oder erschreckenden Bann lösen und uns befreien kann.
So hat es auch ein Pfarrer Blumhardt erlebt, der vor 150 Jahren in einem Dorf im Schwarzwald wirkte. Er besuchte oft eine junge Frau, die körperlich und seelisch krank war. Es ging ihm auf: Bei dieser Frau ging es nicht mit rechten Dingen zu. Es waren noch andere, dunkle Mächte im Spiel. Da betete er: „Jetzt haben wir lange genug gesehen, was der Teufel kann, jetzt wollen wir endlich einmal sehen, was Jesus kann.“ Nach diesem Gebet ging es der jungen Frau besser. Da wusste Blumhardt, dass er auf der richtigen Spur und auf dem richtigen Weg war. Immer wieder, jahrelang, betete er für diese Frau, bis sie schließlich wieder vollständig gesund wurde. Er durfte erleben: Jesus ist Sieger, mächtiger als alle anderen Mächte.
So dürfen wir es heute noch erleben. Vielleicht haben wir auch schon lange Zeit erleben müssen, was der Teufel in unserem Leben fertig bringen kann. Dann dürfen wir auch wie dieser Blumhardt beten: „Jetzt möchte ich endlich einmal sehen, was Jesus kann.“ Wenn du dieses Gebet im Glauben sprichst, wird es sicherlich in deinem Leben zu Veränderungen kommen und zur Freiheit von dunklen Mächten.
Ein Student der Theologie hatte als Prüfungsarbeit über das Thema zu schreiben: „Der Gedanke der Allmacht Gottes und die Wirklichkeit des Teufels.“ Vier Stunden standen ihm zur Verfügung. Der Student schrieb und schrieb. Er schrieb von der Allmacht Gottes, von seiner Größe, von seiner Liebe, von seiner Barmherzigkeit, ohne rechtzeitig ans Ende zu kommen. Die Zeit war um, und er hatte noch kein Wort über den Teufel geschrieben. So schloss er seinen Aufsatz einfach mit den Worten: „Keine Zeit für den Teufel.“
Was die Professoren davon gehalten haben, weiß ich nicht. Mir aber hat dieser Schluss viel zu sagen. Wer sich in seinem Leben mit dem beschäftigt, was Gott getan hat, mit seiner Liebe und seiner Allmacht, wer immer wieder über das nachdenkt und dafür dankt, was Jesus für ihn getan hat, wie er am Kreuz alle teuflischen Mächte besiegt hat, wie er doch alle Macht im Himmel und auf der Erde hat, wer an ihn glauben und das tun, will, was ihm gefällt, der hat für das Böse keine Zeit mehr. Es verliert immer mehr an Einfluss, es verhungert.
Auch du kannst erfahren: Jesus ist stärker als alles, was dein Leben zerstören und kaputt machen will.

Amen

© 2008 Dieter Opitz