Jetzt wird's eng! - Kreuz & Quer vom 21.11.07; Lukas 13,22-30

Liebe Gemeinde!

„Wie sieht der Verteilungsschlüssel für den Himmel aus?“ Diese Frage stellt einmal ein uns unbekannter Mann Jesus. Ist es so wie in der Fußballbundesliga? Da wird nach 34 Spieltagen abgerechnet. 2 bis 3 Mannschaften kommen ins internationale Geschäft, 12 bleiben auch im nächsten Jahr in der Bundesliga und nur drei steigen ab. Wird es so auch im Himmel sein? Die besonders Frommen bekommen die besten Plätze, die große Masse darf auch rein und nur ein paar besonders Böse stehen einmal vor verschlossener Tür?
Oder ist es so wie bei den olympischen Spielen? Da treten oft hundert oder mehr bei den Wettbewerben an. Doch nur drei stehen am Ende auf dem Treppchen und bekommen eine Medaille.
Wie viele werden nun eigentlich im Reich Gottes zu finden sein? Jesus gibt dem Frager zur Antwort: „Ringet darum, dass ihr durch die enge Pforte hineingeht.“ Oder nach einer anderen Übersetzung: „Die Tür zum Himmel ist schmal! Ihr müsst schon alles dransetzen, wenn ihr durch diese Tür hineinkommen wollt.“
Jesus gibt ihm also keine direkte Antwort. Damit wäre dem Fragesteller auch nicht gedient. Was hätte es ihm genutzt, wenn Jesus ihm vielleicht gesagt hätte: „Also, etwa 90 Prozent der Erdbevölkerung bleibt einmal draußen und 10 Prozent kommen in den Himmel.“? Damit wäre seine Neugierde befriedigt, eine theoretische Frage beantwortet. Aber für sein praktisches Leben hätte eine klare Antwort nichts gebracht.
Dafür bekommt der Fragesteller von Jesus eine ganz andere, unerwartete und überraschende Antwort. Ich möchte sie sinngemäß so wiedergeben: „Was geht dich das ewige Schicksal der anderen an? Frag’ lieber danach, wie es um dein Verhältnis zu Gott steht! Trachte danach, dass einmal dein Platz im Reich Gottes besetzt sein wird!“
Auf einmal steht nun der Fragesteller selber auf dem Prüfstand. Auf einmal geht es um sein Verhältnis zu Gott. Und auf einmal sind wir alle hier ins Spiel gebracht. Es gilt ja auch uns: „Kämpft darum, dass ihr durch die enge Tür hindurchkommt.“
Ich stelle mir die Diskussion im Mannschaftsraum vor einem Fußballspiel vor. Die Spieler fragen ihren Trainer: „Sag mal, was meinst du, wie geht das Spiel aus? Werden wir gewinnen oder verlieren?“ Kaum ein Trainer wird sich auf Spekulationen einlassen, sondern er wird seine Spieler anfeuern und sagen: „Kämpft darum, dass ihr den Ball ins Tor bringt!“ Das Runde muss in das Eckige. So lautet die Devise im Fußball. Das ist das einzige Ziel, das die Spieler vor Augen haben, wenn sie gewinnen wollen.
Im Lebensspiel ist es ähnlich. Hier heißt es: Der Mensch muss durch das Eckige. Beim Fußball muss der Ball ins Tor rollen. Im Lebensspiel geht’s durchs Tor hindurch.
Kennen Sie den? Da stehen zwei vor dem Himmelstor und wollen hinein, ein Pfarrer und ein Busfahrer. Nachdem Petrus ihre Daten aufgenommen hat, geht er hinter das Himmelstor und blättert in einem dicken Buch. Er kommt zurück und sagt: „Ich habe eine gute und eine schlechte Nachricht. Welche wollt ihr zuerst hören?“ „Die Gute“, antworten die beiden. „Also gut“, sagt Petrus. „Der Busfahrer kann durch die Tür eintreten. Und die schlechte Nachricht lautet: Der Pfarrer bleibt draußen.“ Der Pfarrer fängt an, sich zu beschweren. Doch es macht keinen Sinn. Petrus bleibt hart. „Du musst leider draußen bleiben“ bestätigt er nochmals. „Wenn du gearbeitet hast, haben die Menschen geschlafen. Wenn der Busfahrer gearbeitet hat, haben sie gebetet.“
Dieser Witz ist an zwei Punkten deckungsgleich mit dem, was Jesus sagt. Allerdings verbreitet er auch zwei Irrtümer.
Es stimmt, dass am Ende nicht alle drin sein werden. Viele, sagt Jesus, wünschen sich einmal hineinzukommen und werden es nicht können. Am Ende stehen viele vor verschlossenen Türen. Wie viele, das sagt Jesus nicht. Aber es werden nicht wenige sein.
Das Zweite, was stimmt, ist: Am Ende gibt es eine große Überraschung. Der Busfahrer ist drin, der Pfarrer bleibt draußen. Kann das möglich sein? Oder gibt es so etwas nur in einem Witz?
Jesus erzählt hier von solchen, die vergeblich an der Tür zum Reich Gottes anklopfen. Sie werden sagen: „Wir haben vor dir gegessen und getrunken und auf unseren Straßen hast du gelehrt.“ Aber Jesus wird ihnen antworten: „Ich kenne euch nicht! Weicht alle von mir, ihr Übeltäter!“ Welch eine böse Überraschung!
Wir können uns eben nicht auf unsere Frömmigkeit und guten Taten verlassen, ob wir nun Pfarrer, Kirchenvorsteher, Gruppenleiter oder ein treuer Gottesdienstbesucher sind. Es reicht eben nicht aus, wenn wir sagen: „Wir waren doch bei dir. Wir waren in den Gottesdiensten, Bibelstunden, Gruppenstunden, bei den Abendmahlsfeiern. Wir haben dein Wort gehört. Ich habe es sogar anderen gesagt. Du musst uns doch kennen!“ Jesus kann dann trotzdem antworten: „Ich kenne euch nicht! Weicht alle von mir, ihr Übeltäter!“
Man kann sich mit seinen frommen Taten falsch beruhigen. Man kann nicht denken: Wenn ich den Gottesdienst besuche oder gar zum Abendmahl gehe, dann bin ich ein rechter Christ.
Doch wenn all die vielen Gottesdienste, die ich im Laufe meines Lebens besucht habe, mich nicht verändert haben, wenn ich immer der Gleiche geblieben bin, dann wird mir einmal meine ganze Frömmigkeit einmal nichts nützen, dann kennen wir Jesus trotzdem nicht. Jesus kennen, bedeutet mehr als die Geschichten über ihn nacherzählen können und seine Worte zu zitieren. Jesus kennen, das heißt enge Gemeinschaft mit ihm zu haben, ihn zu lieben und sich nach zu richten, was er sagt.
Die Pfarrer-Busfahrer-Geschichte verbreitet auch zwei große Irrtümer. Der erste Irrtum: Die beiden stehen erst an der Himmelstür, nachdem sie gestorben sind. Doch diese Tür erwartet uns nicht erst im Jenseits. Vor dieser Tür stehen wir jetzt schon. Sie steht ganz weit offen. Seit Jesus am Kreuz gestorben ist, haben wir freien Zugang zu Gottes Reich. Jetzt schon können wir durch diese Tür hindurchgehen.
Und der zweite Irrtum: Nicht Petrus steht an der Himmelstür und entscheidet, wer rein darf oder draußen bleibt. Diese Vollmacht steht allein in den Händen von Jesus. Er ist der himmlische Hausherr. Er hat die Schlüssel und schließt auf oder zu. Ja, noch mehr: Er hat nicht nur die Schlüsselgewalt, sondern ist selbst diese Tür. „Ich bin die Tür“, sagt Jesus. „Wenn jemand durch mich hineingeht, wird er selig werden.“ Niemand kommt durch eigene Kraft hindurch, sondern allein durch Jesus. Warum allein durch ihn?
Weil nur er vergeben kann. Nur er hat die Tür zum Himmelreich geöffnet, - durch sein Leiden und Sterben am Kreuz. Natürlich tun sich durch so eine Aussage eine Reihe von Fragen auf: Wie ist denn das mit den anderen Religionen? Und mit denen, die nichts von Jesus gehört haben? Schwere Fragen. Doch zum Glück sind nicht wir für die Beantwortung zuständig. Das ist allein Gott. Er wird es am Ende schon richtig machen. Das traue ich ihm zu. Es wird sich bei ihm keiner beschweren können: Ich bin von dir ungerecht behandelt worden.
Unsere Aufgabe ist eine andere. Wir sollen darum kämpfen, dass wir gerettet werden. Lassen wir das los, was uns hindert durch die enge Tür, durch Jesus, zu kommen! Und was ist das, was wir loslassen sollen?
Ich möchte es versuchen, durch eine Gleichnisgeschichte zu erklären: In der Zeit, als Westberlin noch durch eine Mauer vom Ostteil der Stadt getrennt war, versuchten trotzdem viele DDR-Bewohner vom kommunistischen Osten in den freien Westen zu fliehen. Einmal hatten Fluchthelfer aus Westberlin einen Stollen zu einem Keller in Ostberlin gebuddelt, um Menschen zur Freiheit zu helfen. Der Leiter der Fluchthelfergruppe kam nun aus dem eigenen Schacht in den Ostkellerraum gekrochen. Alle warteten nur noch auf das Handzeichen: „Los, mir nach!“ Er aber deutete auf jenen Koffer, auf jenes Bündel Wertsachen, auf die dicken Mäntel. „Das alles muss dableiben! Mit dem allen kommen Sie nicht durch!“
Jesus ist der Freiheitshelfer Gottes. Er hat durch sein Leiden und Sterben uns einen Weg von der Gefangenschaft der Sünde und Schuld in die Freiheit Gottes geschaffen. Nur, auf diesem Weg kann ich nicht alles mitnehmen: zum Beispiel meine Selbstgerechtigkeit.
Es kommt keiner durch den engen Schacht, der selbstsicher von sich eingenommen ist, der sein eigenes Ich hoch achtet und sich selbst gefällt, der aus eigener Kraft es fertig bringen will, ins Reich Gottes zu kommen. Nur der, der ganz aufrichtig und ehrlich ist, kommt durch. Nur der, der gemerkt hat: „So, wie ich bin, passe ich nicht in das Reich Gottes“, kommt in die Freiheit Gottes.
Wenn ich mich so selbst verurteile, dann brauche ich Gnade. Dann kann ich gar nicht anders rufen als der Zöllner im Tempel: „Gott, sei mir Sünder gnädig!“ Wer so ganz ehrlich rufen kann, der ist durch die enge Pforte hindurch. Wer Gnade braucht, dem schenkt Gott einen Neuanfang. Dann steht Jesus auf seiner Seite. Den kennt er.
Als die letzte habsburger Kaiserin Zita im Jahr 1989 im Alter von 97 Jahren starb, fand ein seltsames altes Hofzeremoniell statt. Sie wurde in der Kaisergruft der Habsburger begraben. Die Kaiserin hatte zwar einfach und zurückgezogen gelebt, wurde nun aber mit allem Prunk beerdigt. Der große Leichenzug gelangte zur Grabstätte. Der Zeremonienmeister klopfte an die Tür. Der Wächter fragte von innen: „Wer begehrt Einlass?“ Der Zeremonienmeister: „Zita, die Kaiserin von Österreich, Königin von Ungarn, Königin von Böhmen, Dalmatien und Kroatien, Großherzogin der Toskana, Herzogin von Lothringen, Großfürstin von Siebenbürgen, Markgräfin von Mähren, Fürstin von Trient und Brixen, Prinzessin von Portugal...“ Es werden insgesamt über 50 Titel (!) aufgezählt.
Der Wächter von innen: „Kenne ich nicht!“
Wieder klopft der Zeremonienmeister an die Tür. Der Wächter von innen: „Wer begehrt Einlass?“ Der Zeremonienmeister: „Zita, Ihre Majestät, die Kaiserin und Königin!“ Der Wächter: „Kenne ich nicht!“ Noch einmal klopft es. „Wer begehrt Einlass?“ – „Zita, ein sterblicher und sündiger Mensch!“ – „So komme sie herein!“ Und dann öffnen sich die großen Tore zur Kaisergruft in Wien. In diesem Hofzeremoniell der Habsburger wird deutlich, dass jeder Mensch, auch eine Kaiserin, mit seinen Titeln und Leistungen sich den Himmel nicht verdienen kann. Jeder ist ein Sünder und kann nur durch die Gnade Gottes in den Himmel kommen.
Christ werden hat etwas mit Enge zu tun. Jesus spricht hier von einer engen Tür, durch die man ins Reich Gottes eintreten muss. Es ist also keine gemütliche Angelegenheit, wenn man ins Reich Gottes gelangen will. Sondern es wird eng. Das passt dem Menschen von Natur aus nicht. Denn wenn’s eng wird, wird’s auch ungemütlich. Und man kann protestieren: Das muss man doch alles nicht so eng sehen! Es reicht doch aus, wenn ich getauft und konfirmiert bin, meine Kirchensteuer zahle und wieder mal zum Abendmahl gehe.
Jesus sagt hier und an vielen andern Stellen etwas anderes. Man muss loslassen können, vor allen Dingen alles sich Verlassen auf seine eigene Bravheit und Frömmigkeit. Wenn man das tut, dann wird man feststellen: Das tut mir ja gut! Ich werde gar nicht traurig und niedergedrückt sondern ganz froh und frei dabei. Jesus sagte einmal: Es wird im Himmel Freude sein über einen Sünder, der Buße tut, über einen Sünder, der zu Gott umkehrt. Und diese himmlische Freude kommt auch in das Herz des Menschen, der diesen Schritt der Umkehr wagt.
Denn er darf ja nun glauben: Meine Schuld ist mir vergeben. Sie trennt mich nicht mehr von Gott. Als ein Sünder, der Vergebung erfahren hat, darf ich es glauben: Ich kenne Jesus, und er kennt mich. Im Gebet darf ich allen Kummer, alle Sorgen und Schwierigkeiten Jesus Christus sagen, wie einem guten Freund. Alles, was mich belastet, ist bei ihm am besten aufgehoben. Ich muss mich nicht mehr selber damit herumplagen sondern darf es bei ihm abgeben und ihm sagen: Hier hast du es. Es ist nicht mehr meine Last sondern deine. Das gilt für alle Sorgen und Ängste und auch für alle Schuld.
Wenn ich das tue, werde ich erfahren, dass mir auf einmal ganz leicht ums Herz werden kann. Christsein geht eben durch die Enge in die Weite, durch die Trauer über einen selbst zur Freude über Jesus, durch das Erschrockensein über seine Gottesferne zu einer Geborgenheit in der Nähe Jesu. Gott nimmt mir meine Selbstgerechtigkeit und schenkt mir dafür eine viel bessere Gerechtigkeit, die durch den Glauben an Jesus.
Halte dich nur ganz eng an Jesus, dann wirst du nicht erdrückt sondern in die Weite geführt, in die fröhliche Geborgenheit der Kinder Gottes.

Amen

© 2007 Dieter Opitz