Do it! - Kreuz & Quer vom 23.9.07; Matthäus 25,14-30

Liebe Gemeinde!

Jeder ist von Gott begabt. Jeder hat von ihm seine Gaben und Talente bekommen. Darum geht es in dem Gleichnis, das Jesus einmal erzählt.

Wirklich jeder? Ja jeder, auch einer, der in der Rangordnung unserer Gesellschaft nicht hoch oben steht, wie zum Beispiel ein Müllmann.

Ein einfacher Müllmann erhält das Bundesverdienstkreuz dafür, dass er Jahrzehnte lang zerbrochene und in den Müll geworfene Spielsachen aussortiert und abends liebevoll instand gesetzt hat, um sie dann an bedürftige Kinder zu verschenken.

Statt seinen dreckigen Berufsalltag zu beklagen und an einsamen Abenden bei Bier und Fernsehen zu verblöden, tut er das Schönste, wozu Menschen überhaupt auf der Welt sind: Er macht kaputte Dinge heil und Not leidenden Menschen eine Freude.

Seine Gaben als Aufgaben zu begreifen und sie mit Freude erfüllen, darum geht's im Leben. 6 Müllmänner aus Köln scheinen diese Wahrheit begriffen zu haben. Zumindest sangen sie einmal vor Jahren in der "Sendung mit der Maus" voller Begeisterung von ihrem Beruf. Wir hören und sehen diesen "Müllmännersong".

Was wäre unser Land ohne Müllmänner! Dann hätten wir solche Zustände wie vor wenigen Monaten in Neapel, wo sich Müllberge in den Straßen türmten, weil dort die Deponien überfüllt sind und es an Verbrennungsanlagen fehlt.

Also, jeder hat seine Gaben, auch die drei Verwalter, denen ein reicher Mann während seiner Abwesenheit sein Vermögen anvertraut. So erzählt es Jesus. Dem einen gab er – wörtlich übersetzt – fünf Talente, dem zweiten zwei und dem dritten einen. Warum so große Unterschiede? Diese Frage ist nur für Menschen wichtig, für Gott nicht. Wir Menschen bewundern diejenigen, die anscheinend mit vielen Gaben ausgestattet sind, begabte Sänger, geniale Fußballer, einflussreiche Politiker, reiche Männer und schöne Frauen. Wir vergleichen uns auch gerne mit ihnen und empfinden dabei ein typisch menschliches Gefühl: Neid.

Für Gott spielt die Größe seiner Gaben keine Rolle. Ob jetzt einer Müllmann oder Manager, Putzfrau oder Flugbegleiterin ist, das ist für Gott nicht entscheidend. Für ihn zählt die Treue, wie ich mit meinen Gaben umgehe. Der reiche Mann in unserem Gleichnis lobt sowohl den, der zum Schluss 10 Talente besaß wie den, der zu seinen zweien noch zwei erworben hatte.

Aber da ist nun der, der anscheinend doch zu kurz gekommen war. Er hatte nur ein Talent anvertraut bekommen. War das wirklich wenig? Nein! Ein Talent war eine damals wie heute eine riesige Geldsumme. Ein Talent, das war so viel Geld, wie ein Arbeiter in 15 bis zwanzig Jahren verdiente, also vielleicht etwa eine halbe Million Euro! Dieser Verwalter hatte also mehr als genug von seinem Herrn anvertraut bekommen.

Jeder Mensch hat von Gott mehr als genug bekommen. Jeder ist überaus beschenkt und begabt. Keiner – auch unter uns – hat Grund zu Minderwertigkeitsgefühlen oder Minderwertigkeitskomplexen. Die hat man nur, wenn man den falschen Maßstab hat und sich mit den anderen vergleicht. "Ja, die anderen," so denkt man vielleicht, "die haben es besser. Die sehen besser aus, die haben einen Freund oder einen Mann, die sind reicher, die stehen im Mittelpunkt, die haben einen schönen Beruf oder bessere Noten. Die haben es zu etwas gebracht. Aber ich..."

Dabei sind alle von Gott gleich geliebt, gleich gewollt, gleich akzeptiert. Es ist erstaunlich, dass er niemanden ablehnt. Denn Gott kennt uns genau. Er weiß um unsere Schwachheit. Er kennt unsere Sünde und Schuld. Er weiß, was wir getan haben und was wir auch nicht getan haben. Er kennt auch unser Herz, was in uns steckt, auch wenn wir es ganz gut verstecken können: unsere überheblichkeit, unsere Bitterkeit, unsere Zweifel und unseren Unglauben, unsere gemeinen und begehrlichen Gedanken. Und trotzdem verachtet er uns nicht. Trotzdem liebt er uns. Deshalb hat keiner das Recht, sich selbst zu verachten.

Sicher soll niemand stolz und gleichgültig über seine Sünde hinweggehen. Er soll sich nicht entschuldigen sondern sich total schuldig geben. Aber dann darf er doch glauben, dass er von Gott angenommen und anerkannt wird. Er stößt keinen wegen seiner Sünde und Schuld von sich. Sondern er nimmt ihn an als sein Kind, so wie auch der verlorene Sohn, der nur mit dem Bekenntnis seiner Schuld kam, vom Vater wieder in die Arme geschlossen wurde.

Jedem Menschen will unser göttlicher Vater die gleiche Würde schenken. Jeder darf ein Kind Gottes sein. Dieses Angebot gilt für jeden. Da kann keiner sagen: Dem anderen bietet Gott mehr an. Es gibt keine Kinder Gottes 1., 2. oder gar 3. Klasse. Was sie unterscheidet ist nicht ihre Bedeutung sondern ihre Aufgabe.

Jeder hat von Gott Begabungen, Talente mitbekommen. Der eine kann reden, der andere gut zuhören, der eine kann andere zum Lachen bringen, der andere kann trösten, der eine hat ein Händchen für die Technik, wieder ein anderer für Formulare, der eine kann logisch analysieren, der andere ist sehr kreativ, der eine hat schnelle Beine, der andere ein kluges Köpfchen.

Alle diese Gaben sind dazu da, dass man sie einsetzt, nicht zur eigenen Ehre übrigens, sondern zur Ehre Gottes, nicht um groß da zu stehen sondern um anderen zu helfen.

Wenn man kleine Kinder fragt: "Wie groß bist du?" dann stellen sie sich auf die Zehenspitzen. Strecken die Arme und sagen: "Sooo groß!" Aber nicht nur Kinder sind so. Ein kleines Auto hatte einen Aufkleber: "Wenn ich einmal groß bin, überhole ich euch alle." Wenn ich einmal groß bin! Das liegt uns allen im Blut. Der Größte ist der, der andere bezwungen hat: Großmächte sind die mit den größten Armeen und meisten Raketen. Im Großmarkt blüht das Geschäft auf Kosten der kleinen Läden. In der Großindustrie schluckt der größte Konzern die kleineren.

Wer möchte nicht gerne groß herauskommen? Echte Größe aber zeigt sich im Dienst am anderen, in der Verantwortung für andere.

Vor diesem Dienst kann sich niemand drücken. Keiner kann sagen: "Ich bin zu ungeschickt, andere können das besser. Ich bin zu jung, zu alt, zu beschäftigt, habe meine eigenen Probleme. Das soll am besten jemand anders machen."

Jemand anders. Kennen Ihr Jemand Anders? Das war ein toller Bursche. Seitdem er nicht mehr kann, hinterlässt er eine Lücke, die sich nur schwer füllen lassen kann. Er hat weit mehr geleistet, als man normalerweise von einem Menschen erwarten kann. Wenn etwas erledigt werden musste, wenn Hilfe nötig war oder man einen Zuhörer brauchte, hieß es oft einstimmig: "Das soll Jemand Anders machen." Gerade wenn Freiwillige gesucht wurden, so war es selbstverständlich, dass er sich zur Verfügung stellte. Jemand Anders war ein wunderbarer Mensch, manchmal fast ein übermensch. Aber um die Wahrheit zu sagen: Man erwartete zu viel von Jemand Anders.

Wir sind dazu auf der Welt, um uns mit unseren Fähigkeiten und Möglichkeiten für Gott und unseren Mitmenschen einzusetzen. Es soll nicht jeder alles tun, aber jeder kann ein kleines Stück mithelfen, dass auf dieser Erde ein Stück Himmel, ein Stück Reich Gottes gebaut wird. Das muss nichts Großartiges sein. Oft sind es kleine, unscheinbare, alltägliche Dinge, die Gott von uns will.

Dazu gehört Einsatzbereitschaft und Ehrlichkeit im Beruf und in der Schule, geduldige Arbeit im Haushalt, seinen Platz im Familienleben ausfüllen, sei es als gute Eltern, Geschwister, Kinder oder Großeltern. Jeder von uns kann treu für andere Menschen beten. Er kann auch andere merken lassen, dass er Christ ist. Niemand muss anderen Menschen lange Predigten halten. Dafür gibt's Pfarrer. Aber ich kann doch einmal vielleicht nur durch ein kurzes Wort mich zu meinem Glauben bekennen, oder andere zu einem Gottesdienst oder einem Kreis einladen.

Du kannst auch in unserer Gemeinde mitarbeiten. Du hast eine gute Stimme? Dann sing halt in einem Chor mit, vielleicht auch im Krankenhaus! Du magst Kinder? Dann kannst du im Kindergottesdienst oder in einer Kindergruppe wie bei uns im "Kids_Treff" mitarbeiten. Du hast Geld übrig? Dann kannst du für eine Sache, die dir am Herzen liegt, etwas spenden. Du kannst gut zuhören? Dann bist du gerade geeignet, andere Menschen zu besuchen, etwa Kranke und Alte. Du hast zwei kräftige Schultern? Dann kannst du ab und zu mal Stühle schleppen, wenn dazu aufgefordert wird.

Jeder hat von Gott viel anvertraut bekommen. Wir sind von Gott begabte Leute. Bevor wir anfangen, zu jammern, was wir alles nicht können, sollten wir einmal ernst nehmen, dass uns vieles anvertraut ist. Unsere Begabungen, das Wort Gottes und unsere Erfahrungen mit dem Glauben.

Eigentlich gibt es nur einen Grund, der uns daran hindert, dass wir das, was Gott uns anvertraut hat, einsetzen. Das ist unsere Faulheit und Bequemlichkeit. In unserem Predigttext wird das Verhalten des dritten Verwalters so bezeichnet. Hinter so einem Verhalten steckt oft mehr. Er hat, so wie der faule Verwalter in unserem Gleichnis, Angst, seine Gaben einzusetzen. Es könnte ja etwas schief gehen. Man könnte sich ja blamieren. Es könnte ja einem Zeit und Mühe kosten. Oder anders ausgedrückt: Man misstraut Gott, rechnet nicht damit, dass er einem hilft, beisteht und segnet. Man ist nicht bereit, das Wagnis des Glaubens einzugehen. Und dadurch tut sich gar nichts im Glauben. Man ist nicht gegen den Glauben, aber auch nicht zuviel dafür. Man führt ein mittelmäßiges Christsein, nicht kalt, nicht heiß, eben lau. Und von diesen lauen Christen sagt Jesus in der Offenbarung das erschreckende Wort: Solche Christen möchte ich am liebsten ausspucken.

Es ist ein Irrtum, wenn einer denkt: "Hauptsache, ich glaube an Jesus. Hauptsache ich habe die Gnade Gottes erfahren. Wenn ich mir dann nichts Schlimmes zu schulden kommen lasse, ist doch alles in Ordnung."

Schon in den ersten Jahrhunderten der Christenheit gab es fromme Menschen, die so dachten. Der Kirchengeschichtler Eusebius berichtet von einem uns verloren gegangenen Evangelium. Da wird das Gleichnis von den anvertrauten Pfunden etwas anders erzählt: "Der Herr hatte drei Knechte: einen, der das Vermögen des Herrn mit Huren und Flötenspielerinnen durchbrachte, einen, der den Gewinn vervielfältigte, und einen, der das Talent verbarg; daraufhin sei der zweite mit Freuden angenommen, der dritte nur getadelt und der erste ins Gefängnis geworfen worden."

Aber Jesus hat diese Geschichte eben anders erzählt. Nicht erst ein unmoralischer Lebenswandel führt zum Verlust unserer Christusbeziehung sondern schon die Verweigerung des Dienstes. Wer nichts für Jesus tut, für den hat er einmal auch nichts übrig. Hoppla, das klingt nun stark nach Werkgerechtigkeit! Nein, ich kann mir nicht durch meine guten Taten den Himmel verdienen. Ich werde nur deshalb in den Himmel kommen, wenn ich an Jesus glaube und ihm vertraue. Doch wer Jesus vertraut, der riskiert auch etwas für ihn. Und dann wird Christsein erst so richtig aufregend, das kann ich jedem garantieren.

Ich habe kürzlich ein Gebet entdeckt, das ich weiterempfehlen möchte. Es ist für die gedacht, die Jesus bereits gefunden und das Geschenk seiner Vergebung empfangen haben. Es ist ein Gebet, das dich einlädt, ein bequemes Leben zu verlassen und deinem Glauben neue Horizonte eröffnet und ein Leben voller Abenteuer verspricht, Abenteuer und Nervenkitzel mit Jesus. Es lautet: "Gott, hier bin ich. Ich stehe ganz zu deiner Verfügung. Gebrauche mich, wie du mich noch nie zuvor gebraucht hast."

Ich bin noch nie in meinem Leben im Schwimmbad vom Fünfmeterbrett gesprungen. Ich habe mich einfach nicht getraut, - bis auf einmal im Leben. Ein Kollege von mir und ich waren mit einer Gruppe von Mädchen unterwegs, auf einer Freizeit in österreich. Wir gingen ins Schwimmbad. Und da wurde ich aufgefordert, vom Fünfmeter zu springen. Ich hätte mich tödlich blamiert, wenn ich es nicht getan hätte. Ich musste also ran. Auch wenn ich wusste, eigentlich kann nicht viel passieren, so schlug mir doch das Herz bis zum Halse, als ich sprang. Fragt nicht nicht, wie ich mich fühlte! Aber hinterher war es natürlich ein tolles Erlebnis, auch einmal im Leben von einem Fünfmeterbrett gesprungen zu sein.

Wenn du nun das Gebet von vorhin sprichst, ich wiederhole es noch mal: "Gott, hier bin ich. Ich stehe ganz zu deiner Verfügung. Gebrauche mich, wie du mich noch nie zuvor gebraucht hast." Dann betest du nichts anderes als: "Ich habe keine Lust mehr, nur im seichten Teil des Lebens herumzuplanschen. Ich möchte ins tiefe Wasser springen, vom Fünfmeterbrett! Ich möchte das Risiko eingehen, dir zu vertrauen und Abenteuer mit dir erleben. Ich möchte, dass du mich gebrauchst, damit ich deine Augen, Ohren und Hände und Füße in einer Welt sein kann, die dich Tag für Tag mehr braucht."

Wenn du so ein Mensch bist wie ich, wirst du dieses Gebet vielleicht mit einem Hauch von Zweifel sprechen und denken: "Wieso soll denn Gott so eine mickrige Person wie mich gebrauchen?" Dann schau dir einmal das Leben derer an, die Grund gehabt haben, so ähnlich zu denken, und die Gott wunderbar gebraucht hat. Ich denke an eine Frau wie Gladys Ailward. Man nannte sie in dem Film, den man über ihr Leben drehte, "Eine unbegabte Frau." Und doch benutzte Gott gerade diese unbedeutende Hausangestellte aus England, in China eine überaus bemerkenswerte Missionsarbeit aufzubauen. Sie kümmerte sich um Waisenkinder und rettete durch einen beherzten Marsch während eines Krieges fast 100 solcher Kinder das Leben.

Ich erinnere an einen Mann wie Christian Spittler. Als Verlegenheitslösung, weil man keinen besseren fand, wurde er in Basel in einem christlichen Werk angestellt. Gerade dieser Spittler hat Basel geprägt wie kaum ein anderer Christ. Bei seiner Beerdigung sagte man von ihm: "Ein Leben, das soviel Gutes wirkte, soviel Segen verbreitet, ... kann nichts anderes als einen göttlichen und ewigen Grund haben."

Ich habe keine Zweifel daran: Wenn du dich Gott und seinem Wirken in deinem Leben ganz zur Verfügung stellen, - wenn du ihn bittest, dich so zu gebrauchen, wie er dich nie zuvor gebraucht hat, - dann steht dir das Abenteuer deines Lebens bevor!

Amen

© 2007 Dieter Opitz