Wenn das Herz weint - Kreuz & Quer vom 20.05.07; Johannes 14,16-19

Liebe Gemeinde!

Im Unterricht habe ich einmal einen neuen Schüler bekommen. Grüne Haare, Irokesenschnitt, schwarz gewandet, Schnürstiefel, ein Punker eben. Ich frage ihn, wo er herkommt. „Aus Thüringen.“ „Und lebst du bei deinen Eltern?“ „Nö, bei der Schwester.“ Die ist 20 Jahre alt, erfahre ich von ihm. Früher lebte er bei seinem Vater, dann kurz bei seiner Mutter. Aber ihr neuer Freund will nichts von ihm wissen. So wohnt er eben bei der Schwester. Schulsachen nimmt er nicht mit. Er will hier nur seine Zeit absitzen. Auf meine Frage, wie er sich seine Zukunft vorstellt, zuckt er mit den Achseln. So manches von seinem provozierendem Auftreten wird mir durch diese Vorgeschichte klar.
Was mag in diesem Teenager vorgehen? Wie tief wird sich die Erfahrung des Herumgeschubstwerdens in sein Leben eindrücken, wie sehr seine Zukunft bestimmen? Wird er noch im Alter daran denken? - Nur zu oft bleiben solche Narben des Lebens, und ab und zu kommen sie wieder hoch und schmerzen. Wieviel Teenager mögen ähnliche Erfahrungen gemacht haben? Und wieviel Menschen können von enttäuschter Liebe und enttäuschten Hoffnungen erzählen? Und wieviel Seufzen und wieviel Weinen mag es wohl geben, das eine Sehnsucht nach einer heilen Welt anzeigt?
Vielleicht haben wir ja auch einmal so eine Situation durchgemacht, in der wir das Gefühl hatten, wir sind von allen verlassen, sogar von Gott. Wenn so etwas geschehen ist, dann steht die zusage Jesu an seine Jünger dagegen: „Ich will euch nicht als Waisen zurücklassen. Ich komme zu euch.“
Er lässt uns nicht im Stich. Er wendet sich nicht von uns ab, sondern er wendet sich uns zu. Er starb für uns am Kreuz und schrie in seiner Todesnot: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Seitdem braucht kein Mensch mehr in dieser Furcht zu leben, von Gott verlassen zu sein. In den durchbohrten Händen Jesu wird die Liebe Gottes sichtbar. Nein, nie wird sich Jesus von mir abwenden.
Das kann man nicht oft genug sagen. Denn in jedem menschlichen Herzen steckt der Urzweifel, das Urmisstrauen, ob Gott es wirklich gut mit einem meint, ob er immer bei mir und für mich ist.
In einer sechsten Klasse stellte man mir die kritische Frage: „Warum ist denn Jesus heute nicht mehr bei uns wie bei den Jüngern? Warum geschehen heute nicht mehr die Wunder wie zur Zeit Jesu?“ Dahinter steckt ja die Anfrage: Hat uns Gott jetzt verlassen? Oder stimmt das überhaupt nicht, was die Bibel uns berichtet?
Beide Fragen enthalten ja falsche Behauptungen. Es ist nicht richtig, dass die Wunder Jesu heute nicht mehr geschehen. Und es stimmt auch nicht, dass Jesus nicht mehr bei uns wäre. Als sichtbare Gestalt ist er seit seiner Himmelfahrt natürlich nicht mehr da. Aber unsichtbar ist er durch den Heiligen Geist anwesend. Jesus bezeichnet ihn hier als den Tröster. Man kann das griechische Wort, das hier steht, auch als Beistand oder Begleiter übersetzen.
Die Jünger standen ja nach der Himmelfahrt von Jesus vor dem gleichen Problem wie wir. Sie sahen ihn nicht mehr. Nun mussten sie darauf vertrauen, dass er unsichtbar bei ihnen blieb. Aber woher wussten sie es? Jesus versucht es ihnen hier zu erklären.
Seine Worte stammen aus den so genannten Abschiedsreden Jesu. Am letzten Abend vor seinem Tod gab Jesus den Jüngern sein Vermächtnis mit. Und vor allen Dingen will er sie auf eine neue Situation vorbereiten. Er kann nicht mehr sichtbar bei ihnen bleiben. Sondern er muss zu seinem Vater im Himmel zurück, um von dort aus jedem überall gleich nah sein zu können. In seiner irdischen Gestalt war ihm das ja nicht möglich. Aber nach seiner Himmelfahrt konnte er durch seinen Geist jedem, der an ihn glaubt, gleich nahe sein. Der Geist Gottes wird seine Stelle einnehmen. Und er wird trösten, beistehen.
Der Theologe Rudolf Bohren schreibt: „Ein Mensch braucht Trost. Der Säugling, schreiend in seiner Wiege, - der Greis, im Sterben eine liebe Hand umklammernd: der zur Welt kommt und der aus dem Leben geht, beide brauchen Trost. Anfang und Ende lassen ahnen, dass Trostbrauchen zum Menschsein überhaupt gehört.“
Diese Sätze sind wahr, auch wenn sie manche Menschen sicher nicht glauben. Ich denke da an so manchen coolen Jugendlichen oder jungen Mann, der nie und nimmer zugeben würde, dass er in seinem Leben Trost braucht. Er könnte ja dann als „Weichei“ dastehen. Und wer will das schon sein! Aber ich glaube, dass gerade solche Menschen, die vehement ablehnen, Trost zu brauchen, etliche Trostmittelchen zu sich nehmen, wie Musik, meist sehr laute und harte Musik, und auch Alkohol oder sogar Drogen. Menschen, die ihre eigene Sehnsucht nach Trost verdrängen, sind im höchsten Grad suchtgefährdet. Getröstet werden sie durch ihre Suchtmittel nicht, nur betäubt. Alkohol, Drogen, berauschende Musik machen ein Versprechen, das sie nie einlösen. Sie ver-trösten nur und trösten nicht.
Jesus dagegen vertröstet nicht nur, sondern er gibt wirklichen, gegenwärtigen Trost. Eine Vertröstung wäre es gewesen, wenn Jesus die Nachricht hinterlassen hätte: Ich bin für euch gestorben, auferstanden, in den Himmel gefahren und werde einmal wiederkommen. Wenn wir von Jesus nur diese Nachricht hätten, wäre dies eine Vertröstung: Er war da, er wird wiederkommen. Das wäre schon etwas, und doch wären wir auf diese Weise arm dran. Dann wären wir nämlich in diesem Leben ohne Christus und damit auch ohne Trost.
Viele Christen unserer Tage sind so arm dran. Sie haben nur einen geschichtlichen Jesus, der einmal gelebt hat und der einmal wiederkommen wird. Aber sie haben keinen lebendigen Jesus, der in ihr gegenwärtiges Leben eingreift, ihnen hilft, sie mahnt und tröstet. Mit anderen Worten: Es fehlt ihnen der Heilige Geist, der in ihren Herzen wohnt, der Geist der Wahrheit, wie er hier bezeichnet wird. Mit dem Heiligen Geist kommt Jesus selbst in mich hinein. Vielleicht ist es uns beim Vorlesen aufgefallen: Einmal heißt es in unserem Predigtabschnitt, dass der Tröster kommen wird und weiter unten, dass Jesus selbst zu seinen Jüngern kommen wird. Der Tröster ist der Geist Jesu Christi.
Hoffentlich begreifen wir, wie aufregend das ist: Jesus, der damals mit den Jüngern über die Erde ging, mit ihnen redete und Wunder tat, - der will auch heute noch mit uns durchs Leben gehen, mit uns reden und helfend eingreifen.
Zu Jesus kann ich nicht auf Distanz gehen. Ich kann ihn nur ablehnen oder lieben. Man kann ihn nicht begutachten wie die Großen der Welt- und Geistesgeschichte Napoleon, Goethe oder Luther. Die kann man würdigen, kritisieren, loben, aber lieben muss man sie deshalb noch lange nicht. Bei Jesus kommt alles darauf an, dass wir ihn lieben. Denn er ist nicht nur ein Großer der Weltgeschichte, er ist der Sohn Gottes, der Erlöser der Menschheit.
Jesus lieben können wir nur, wenn wir merken, das wir seine Liebe brauchen. Wenn ich begreife, da ist einer da, der mich nicht wegstößt, auch wenn ich merke, wozu ich fähig bin, wenn mir meine eigene Lieblosigkeit aufgeht. Jesus lieben kann ich, wenn ich merke, er hat mich lieb, auch wenn ich Schuld auf mich geladen habe, er vergibt mir, auch wenn meine Sünde noch so groß ist. Wenn ich von dieser Liebe Jesu zu mir überwältigt werde, dann kann ich gar nicht anders, als ihn auch wiederlieben.
Und dann schenkt uns der Geist Gottes die Gewissheit, dass Gott bei uns ist und wir nicht einsam und verlassen sind, er schenkt uns Getrostheit auch in schweren Lagen, und er gibt uns die Liebe zu Jesus Christus ins Herz hinein.
Es geht im Christentum eben nicht um unbestimmte Gefühle sondern um Gewissheiten. Nichts anderes als die Gewissheit der Nähe Gottes durch seinen Geist kann uns wahren Frieden und Trost schenken.
Um diese Gewissheit darf man bitten. Um den Geist Gottes darf man bitten. Man darf und soll sprechen: „Schenke mir deinen Geist, der mich dein Wort verstehen lässt, der mich getrost machen kann, der mir die Liebe zu deinem Sohn Jesus Christus gibt.“
Wer bittet, der empfängt, lesen wir in der Bibel. Jesus hat einmal das ermutigende Wort gesagt: „Wo bittet unter euch ein Sohn den Vater um einen Fisch, der ihm eine Schlange für den Fisch biete? ... Um wie viel mehr wird der Vater im Himmel den heiligen Geist geben denen, die ihn bitten!“
Der Heilige Geist ist Gottes beste Gabe. Denn damit gibt er sich uns selbst. Heute ist eine gute Gelegenheit, ganz neu oder zum ersten Mal ganz bewusst darum zu bitten.

Wenn wir wissen, dass Jesus durch den Heiligen Geist in unserem Leben gegenwärtig ist, dann sind wir auch getröstet, nicht nur vertröstet. Wir sehen und merken etwas, was die Menschen, die nicht glauben, nicht sehen. Sie sehen den Geist der Wahrheit nicht, heißt es in unserem Predigtabschnitt. Der Heilige Geist öffnet einem gewissermaßen die Augen für die neue Welt Gottes. Wer den Heiligen Geist nicht hat, der sieht sie gar nicht.
Ich möchte diesen Gedanken an einem Bild verdeutlichen. Die meisten unter uns haben sicher schon einmal einen Dom mit bunten Glasfenstern besichtigt. Solange wir nur von außen um die Kirche herumgehen, sehen wir von alledem nichts. Die Fenster wirken schwarz und eintönig. Sobald wir aber den Innenraum betreten, leuchten sie in der Fülle ihrer Farben auf, obwohl es dieselben Scheiben sind.
Genauso ist es mit dem Heiligen Geist. Er führt uns in einen Raum, in dem die Fenster leuchten. Dort sehen wir auf einmal das Leuchten des Gottesreiches, das man, wenn man gewissermaßen außen steht, nicht wahrnimmt.
Dann merken wir, dass wir wirklich einen lebendigen Gott haben. Dann merken wir zum Beispiel auch, dass die Bibel, Gesangbuchverse oder das Wort einer Predigt ganz persönlich zu uns sprechen und uns getrost machen können.
Da sind ein Paulus und Silas, zwei Apostel, die im Gefängnis zu Philippi sitzen, in Ketten gelegt. Andere hätten nur das Dunkle gesehen, das sie umgibt und die hoffnungslose Lage. Aber Paulus und Silas sehen mehr. Sie wissen, dass Jesus auch im Kerker anwesend ist. So fangen sie an, zu beten und Gott zu loben. Sie sind getrost.
Da ist Paul Gerhardt, der Liederdichter. In den Schrecken des Dreißigjährigen Krieges, als die Flammen sein Dorf in Schutt und Asche gelegt hatten, singt er: „Warum sollt’ ich mich den grämen? Hab ich doch Christum noch! Wer will mir den nehmen?“ Er ist getrost.
Da ist ein alter Mann, der im Krankenhaus liegt. Daheim ist seine Frau gestorben. Das Geschäft wartet auf ihn. Ein Pfarrer besucht ihn, will ihn trösten. Aber er ist schon getrost. Denn neben ihm auf dem Nachtkästchen liegt die aufgeschlagene Bibel, die Seite für Seite von der Liebe Gottes zu uns spricht.
So ähnlich wie diesen Personen ist es mir auch schon ergangen. Worte aus der Bibel haben mich direkt angesprochen. Sie waren ein Gruß aus einer anderen, unsichtbaren Welt und haben mich getröstet.
Gott kann trösten, durch die Bibel aber auch durch Menschen. Als junger Mann hatte ich einmal einen großen Kummer. Ich ging zu meinem Seelsorger. Was er mir sagte, weiß ich nicht mehr genau. Aber er betete mit mir und danach war ich getröstet.
Überhaupt ist es eine wichtige Aufgabe von Christen, dass sie andere trösten. Viele Menschen um uns herum hungern geradezu nach einem guten Wort oder auch nur nach einem freundlichen Blick oder einem Händedruck. Ich besuchte einmal eine alte Dame im Seniorenheim. Beim Verabschieden sagte sie mir: „Ach, schauen Sie doch, wenn Sie wieder im Haus sind, immer bei mir vorbei. Und wenn Sie nur zur Tür gehen und mir die Hand geben und ‚Grüß Gott’ sagen und dann wieder gehen. Sie wissen ja gar nicht, was so ein kurzer Besuch für mich bedeutet.“
Das ist doch eine schöne Aufgabe, andere Menschen in ihrer Not wahrnehmen, auf sie zugehen und sie trösten, mit dem Trost, mit dem du auch getröstet worden bist.


Amen

© 2006 Dieter Opitz