Back to the Roots - Kreuz & Quer vom 18.03.07; Psalm 1

Liebe Gemeinde!

Steht bei Ihnen noch der Weihnachtsbaum im Wohnzimmer? Mit Sicherheit nicht. Denn erstens ist die Weihnachtszeit längst vorbei. Es geht schon auf Ostern zu. Und zum andern wäre so ein Baum kein Schmuckstück mehr. Die Nadeln wären schon längst abgefallen. Man würde nur noch den Stamm und die nackten Äste sehen. Es sei denn, Sie haben einen Weihnachtsbaum, den Sie auch im nächsten Jahr wieder verwenden können. Nein, ich meine keinen künstlichen sondern einen mit einem Wurzelballen. Klar, es besteht ein entscheidender Unterschied zwischen einem abgesägten Baum und einen mit Wurzeln. Der eine verdorrt nach kurzer Zeit, der andere bleibt, behält seine Nadeln oder treibt seine Blätter immer wieder aus. Ganz zu schweigen von den Früchten, die er bringt. Die Wurzeln machen’s.
Pflanzen brauchen Wurzeln. Das ist eine Grundvoraussetzung für ihr Gedeihen. Und wir Menschen brauchen sie auch, ebenso die Gesellschaft, in der wir leben. Wir brauchen nicht nur Wohlstand, materielle Werte, wir brauchen auch immaterielle, geistige Werte. Um ein Wort von Jesus etwas abgewandelt zu zitieren: „Der Mensch lebt nicht nur von einem gut gefüllten Bankkonto oder Wertpapierdepot, nicht nur von Grundbesitz, Häusern und einem attraktiven Beruf, nicht nur von den neuesten Handys und Computern, nicht nur von dreimal Urlaub im Jahr und möglichst viel Spaß. Sondern er lebt auch und in erster Linie vom Wort Gottes.“
Ein Mensch braucht Wurzeln, einen an der Bibel, dem Wort Gottes orientierten Lebensstil. Doch an diesen Wurzeln fehlt es den allermeisten Menschen heute. Die in Düsseldorf erscheinende „Wirtschaftswoche“ schrieb: „Die Menschen in Deutschland waren noch nie reicher als heute. Sie waren aber auch noch nie wurzelloser.“ Sie sind, um das Bild von Psalm 1 zu gebrauchen, wie Spreu oder Blätter im Wind, die bald hierhin, bald dorthin geweht werden, je nachdem, woher gerade der Zeitgeist kommt. Der Journalist Peter Hahne formuliert in seinem Buch „Schluss mit lustig“: „Die Halbwertzeit unserer Lebensausrichtung wird immer kürzer.... Wer sich dauernd ‚verpflanzen’ lässt, bleibt letztlich ohne festen Standpunkt. Wir leben in einer Umtopfgesellschaft, die die Proklamation fester Werte unter Fundamentalismusverdacht stellt.“
Alles ist unserer Zeit relativ geworden. Der Glaube an Gott? Schön und gut für den, der damit etwas anfangen kann. Dem mag so ein Glaube noch Halt und Geborgenheit bringen. Aber es geht auch ohne Gott oder mit einem ganz anderen Gottesglauben als dem christlichen.
Ehe und Familie? Ganz nett. Aber man kann auch anders leben. Wechselnde Beziehungen? Nichts dagegen einzuwenden. Öfter mal was Neues, auch Mann mit Mann oder Frau mit Frau. Was soll schon dagegen sprechen?
Nicht lügen, aufrichtig und ehrlich sein? So lange es mir was bringt, mag so ein Verhalten ja okay sein. Aber der Ehrliche ist doch sowieso der Dumme. Ab und zu muss man doch einfach lügen, sonst kommt man zu nichts.
Die zehn Gebote gelten in unserer Zeit schon lange nicht mehr. Alles ist erlaubt, man darf sich nur nicht erwischen lassen.
Und die Folgen eines solchen Verhaltens? Es ist das Chaos, das Chaos - im gesellschaftlichen wie im persönlichen Leben. Es geht alles drunter und drüber, weil eine ordnende Kraft fehlt. Wir ernten kaputte Ehen, Kinder aus gestörten Verhältnissen, ein kälteres gesellschaftliches Klima, mehr Verbrechen, um nur einiges zu nennen.
Wir ernten ein sinnloses Leben, so wie es Samuel Beckett in einem seiner Bühnenstücke schildert. Die Welt, in der wir leben, so der Dichter, ist wie ein Stückchen versengte Wüste. Dort verbringt Winnie, in den Wüstensand eingegraben, ihr eintönigen Tage. Sie redet unentwegt vor sich hin, unwesentliches und unnötiges Geschwätz.
Während des Stücks wird Winnie immer mehr im Wüstensand verschwinden. Und zum Schluss sieht man nur noch ihren Kopf. Bald wird sie begraben sein. Aber solange sie lebt, plappert sie unentwegt von ihren angeblich so glücklichen Tagen. Wie heißt es in Psalm 1?: Die Gottlosen sind „...wie Spreu, die der Wind verstreut.“
An dieser Stelle können wir uns nun nicht bequem zurücklehnen und denken: „Ja, ja, so ist halt das Schicksal der Gottlosen. Gott sei dank sieht es in meinem Leben anders aus.“ Ist das wirklich so der Fall? Wir müssen uns hüten, mit dem Finger auf andere zu zeigen und uns selbst nicht zu prüfen, wie es denn um unsere Wurzeln steht.
Wir mögen nicht Millionen ergaunern wie so manche Wirtschaftsbosse. Aber sollte auf den paar Euros, die wir am Finanzamt vorbeischleußen, mehr Segen liegen als auf diesen Millionenbeträgen? Wir mögen noch nie die Ehe gebrochen haben und wechselnde Partnerschaften wie viele Promis unserer Zeit gehabt haben, aber wie sieht es mit unseren Gedanken aus? Oder was haben unsere Augen schon an dreckigen Bildern im Fernsehen, Zeitschriften oder Internet gesehen? Wir mögen noch keinen Meineid vor Gericht geschworen haben, aber wie sieht es mit unseren Alltagslügen aus, den Heimlichkeiten und Übertreibungen?
Nach außen hin mag ja alles in Ordnung aussehen: ein frommes Elternhaus, ein frommer Lebensstil. Aber in der Klassengemeinschaft oder im Betrieb merkt man nichts von dem Christsein. Da passt man sich wie ein Chamäleon einer Umgebung an, die von Gott und Jesus nichts wissen will.
Jeder Baum wächst in zwei Richtungen, nach oben und nach unten. Wir sehen nur den Teil, der in den Himmel wächst, der Sonne entgegen, den Stamm, die Äste, die Blätter und die Früchte. Aber genauso wichtig ist der unsichtbare Teil des Baumes, seine Wurzeln, die unter der Erdoberfläche liegen. Je größer ein Baum wird, desto größer und weit verzweigter wird auch sein Wurzelwerk sein.
Jeder Mensch, dessen Leben sich entfalten und Bestand haben will, braucht auch Wurzeln. Er braucht die Verbindung mit dem Ursprung des Lebens, mit Gott. Diese innere Verbindung sieht man auch nicht, genauso wenig wie man, wie die Wurzeln eines Baumes die nötigen Nährstoffe aus dem Boden saugen . Und doch ist dieser Vorgang lebensnotwendig.
Nährstoffe, Kraft für unser Leben bekommen wir durch das Wort Gottes. Wer das einmal in seinem Leben gemerkt hat, den zieht es immer wieder dorthin, wo er für seinen Alltag neuen Mut, Freude und Orientierung bekommt. Der Psalm 1 nennt den glücklich, der „Lust hat an dem Gesetz des Herrn und sinnt über seinem Gesetz Tag und Nacht.“ Bei Gott seine Wurzeln zu haben, bedeutet also nicht nur, sein Wort in der Bibel zu lesen oder in einem Gottesdienst zu hören. Es bedeutet vor allen Dingen darüber nachdenken, es bewegen und sein Denken, Reden und Handeln danach auszurichten.
Ein Baum hängt seine Wurzeln nicht nur für eine kurze Zeit in den fruchtbaren und wasserreichen Nährboden. Er ist darin verwurzelt, sein Leben lang. Oder um ein anderes Bild zu gebrauchen: Wer an einem frischen Brot satt werden will, dem nützt es nicht, wenn er nur ein bisschen daran schnuppert. Sondern es muss es essen und verdauen.
Damit das Wort Gottes seine Wirkung bei einem Menschen erzielen kann, braucht es vor allem Stille. Sie ist etwas, was man wie eine Wurzel nicht sieht, aber für ein fruchtbares, von Gott gesegnetes Leben unbedingt wichtig ist. Es funktioniert nicht, wenn man seine Bibel vor einem lärmenden Fernseher oder einer dröhnenden Stereoanlage oder mit einem Stöpsel im Ohr lesen will. Dann kann ich es genauso gut auch bleiben lassen. Auch bringt es nichts, wenn ich in einem Gottesdienst sitze, zwar mehr oder weniger abgeschirmt von äußerer Ablenkung, aber ich selber bin nicht still, weil es in mir lärmt, sich in mir unablässig irgendwelche Gedanken wie ein Mühlrad drehen. Meist sind es ja sehr belanglose Gedanken wie: Warum dauert das heute wieder so lange? Wieso zappelt der da vor mir sitzt, immer hin und her? Ah, da sitzt ja der Erwin oder die Sabine! Die muss ich nachher unbedingt etwas fragen!
„Unser Kraft kommt aus der Stille“, so heißt ein fantastisches Buch des Norwegers Ole Hallesby, eines der wenigen Bücher, in die ich immer wieder gerne und mit Gewinn hineinschaue und darin lese. Es stimmt: Nur wenn ich still werde, kann Gott mit mir reden, können meine Lebenswurzeln Kraft aufnehmen, die schließlich in Frucht umgewandelt wird.
Die äußere Stille kann man sich verschaffen. Um die innere kann man ringen und vor allen Dingen darum bitten: „Lass mich doch zuhören! Lass mich ruhig werden, damit ich dein Wort lesen und in mich aufnehmen kann!“
Etwas anderes ist noch wichtig, damit Gottes Wort in mir die Wirkung erzielt, die es soll. Das ist die Gemeinschaft der Glaubenden. In zwei Wochen ist hier in unserer Gemeinde Konfirmation. Einige werden wohl, wie in den letzten Jahren, weiterhin den Gottesdienst besuchen und auch eine lebendige Beziehung zu Jesus bekommen, wenn sie sie nicht schon haben. Andere werde ich wohl hier so schnell nicht mehr sehen. Und da sind oftmals solche Kinder dabei, von denen ich den Eindruck gewonnen habe: Denen bedeutet der Glaube schon etwas. Ich habe mich schon oft gefragt: Woran liegt das nur, dass die einen bleiben und die anderen gehen? Als Antwort auf diese Frage ist mir klar geworden: Es hängt sehr häufig von einem wichtigen Punkt ab: Ob sie die Gemeinschaft der Glaubenden gesucht haben und weiterhin suchen oder nicht. Wer die Gemeinschaft von Spöttern und Ungläubigen sucht, der wird sich auch früher oder später nach ihnen orientieren. Wer aber Gemeinschaft mit Glaubenden hat, wie etwa in einer Jugendgruppe oder auf einer christlichen Freizeit, oder in einer gläubigen Familie, dem bleibt in der Regel das Wort Gottes wichtig. Stille und Gemeinschaft, das sind zwei wichtige Voraussetzungen, damit jemand in Gott verwurzelt sein kann. Bei einem solchen Menschen wird das Wort Gottes früher oder später etwas bewirken. Es wird ihn verändern. Es wird in seinem Leben Frucht bringen.
Frucht ist übrigens nicht mit Erfolg zu verwechseln. Erfolg geschieht durch Leistung zur eigenen Ehre. Frucht geschieht durch Gottes Kraft zu seiner Ehre. Erfolg will Sichtbares und zwar möglichst schnell, Frucht kann warten, kann lange verborgen sein, überrascht aber mit um so größerer Fülle. Ein Baum bringt seine Frucht zu seiner Zeit, heißt es im Psalm 1.
Es kann ein Mensch sehr erfolgreich sein, ein erfolgreicher Geschäftsmann, der angesehen und wohlhabend geworden ist, eine erfolgreiche Hausfrau, die ihren Haushalt in Schuss hält und ihre Kinder gut erzieht, ein anständiger junger Mensch, der zielstrebig auf einen bestimmten Abschluss hinarbeitet, und doch kann bei aller anerkennenswerten Leistung etwas nicht stimmen. Wenn etwas nur aus eigener Kraft und zur eigenen Ehre geschafft wird, dann steckt bei dieser Frucht der Wurm drin. Nach außen hin mag menschliche Leistung imponieren, aber innen ist sie faul und dadurch ungenießbar. Sie zählt nicht bei Gott. Deshalb sagt Jesus auch einmal das anstößige Wort: „Ohne mich könnt ihr nichts tun.“ D. h. ohne die Verbindung mit mir kommt in einem Leben nichts heraus, was für die Ewigkeit taugt.
Was ist Frucht? Nicht unbedingt das, was beim andern gut ankommt, nicht die schöne Schale macht’s, sondern was sich unter ihr verbirgt. Frucht ist in erster Linie das, was dem anderen gut bekommt. Unter mancher unansehnlicher Schale hat sich ein gut schmeckender Apfel verborgen. Frucht bringe ich also, wenn ich etwas tue, was den anderen Menschen gut bekommt. Wer „sauer“ oder sogar „giftig“ ist, ist für andere „ungenießbar“. Paulus zählt im Galaterbrief neun Früchte des Geistes auf, die ein Christ bringt: Liebe - sie steht an erster Stelle -, Freude, Friede, Geduld, Freundlichkeit, Gütigkeit, Glaube, Sanftmut, Keuschheit.“ (Galater 5,22)
Frucht entsteht nicht durch eigene Anstrengung. Ich kann mir nicht vornehmen: „Ab heute bringe ich die Frucht, die Jesus von mir haben will.“ Solche Versuche enden im Selbstbetrug oder in der Resignation. Frucht ist ein Geschenk. Frucht entsteht durch die Verbindung mit dem, der allein die rechte Frucht geben kann, mit Jesus Christus. Jesus drückt diese Glaubenswahrheit einmal so aus: „Ein guter Baum bringt gute Früchte.“ (Matthäus 7,17) Er kann gar nicht anders. Zum Fruchtbringen muss er sich nicht erst anstrengen. Entscheidend für unser Leben ist also, ob wir die lebendige Verbindung mit Jesus haben, oder nicht.
Gott wird so einen Menschen segnen, der mit ihm und seinem Wort leben möchte. „Was er macht, das gerät wohl.“ heißt es hier im Psalm 1. Sicher gibt es im Leben eines solchen Menschen auch schwere Zeiten, vielleicht gerade auch dadurch, weil er seinen Weg ehrlich und korrekt und im Vertrauen auf Gott leben will. So ein Lebensstil gefällt ja nicht jedem. Und solche Leute können einem, der in Verbindung mit Jesus leben will, das Leben schwer machen. Aber einer, der seinen Lebensstil an Gott orientiert und mit ihm im Glauben verbunden ist, wird immer wieder erfahren: Gott lässt mich nie allein. Er steht mir immer zur Seite, gerade dann, wenn es dick kommt, und erst recht, wenn ich Schwierigkeiten wegen meines Glaubens bekomme.
Ich denke an einen Mann wie Martin Luther. Er stand zu dem, was er als Wahrheit erkannt hatte. Denn diese Wahrheit hatte er in der Bibel entdeckt. Auch als er mit Verhaftung und Tod rechnen musste, vor dem Reichstag in Worms, also vor dem Kaiser und den Mächtigen des Deutschen Reiches, widerrief er nicht. Seine Wurzeln war die Bibel, das Wort Gottes. Zu diesen Wurzeln bekannte er sich. Und Gott bekannte sich auch zu ihm. Unbehelligt konnte den Reichstag verlassen. Wer Gott treu bleibt, dem bleibt er auch treu.
Amen

© 2006 Dieter Opitz