Mission: Possible 3 - Kreuz & Quer vom 21.01.07; Jona 3

Liebe Gemeinde!

Jona muss wohl ein komischer Kauz gewesen sein, ein seltsamer Vogel. Seine Mission war erfolgreich. Er predigte: „Gott ist zornig auf euch! Ninive wird untergehen!“ Als Folge seiner Worte kehrte eine ganze Stadt zu Gott um. Und der Untergang fand nicht statt. Gott strafte nicht sondern war gnädig.
Müsste Jona sich nicht freuen oder wenigstens ins Staunen geraten über die übergroße Barmherzigkeit Gottes? Aber nein, der Prophet ist sauer, stinksauer auf Gott. Lautstark beschwert er sich bei ihm: „Das habe ich mir schon gleich gedacht. Deshalb wollte ich ursprünglich nicht nach Ninive. Du bist viel zu gnädig! Jetzt stehe ich als der Blamierte da. Ich habe Gericht, dein Gericht angekündigt. Und jetzt kommt es nicht. Ich schäme mich so für dich. Am liebsten wäre ich tot.“
Doch dann denkt er sich: Vielleicht passiert ja doch noch was. Er baut sich einen Beobachtungsposten östlich von Ninive und wartet darauf, ob Gott nicht vielleicht doch die Stadt zerstört. Man möchte fast über das Verhalten von Jona schmunzeln oder lachen, wenn sein Warten auf den Zorn Gottes nicht so traurig wäre.
Dem Propheten selbst war bestimmt nicht zum Lachen zumute. Seine Laune bessert sich erst, als über ihm eine Schatten spendende Pflanze wächst. Doch mit der guten Laune ist es schlagartig wieder vorbei, als der Rizinus verdorrt. Wirklich, ein seltsamer Mensch: Das Schicksal einer Großstadt lässt ihn kalt. Wenn Hunderttausende von Menschen umgekommen wären, - es hätte ihn nicht berührt. Aber wenn eine Pflanze, die ihm Schatten gespendet hat, eingeht, zerfließt er vor Selbstmitleid.
Jona, ein merkwürdiger Mensch. Aber sind wir nicht oft auch so merkwürdig? Wir denken zuerst an unsere Interessen und dem, was uns gut tut. Aber ob andere Menschen leiden, vielleicht auch unter unserer Art, das berührt uns nicht. Und wie es Gott dabei geht, wie wir uns verhalten, bedenken wir auch oft nicht.
Wir haben alle die Regeln der menschlichen Grammatik gelernt. Da gibt es eine erste Person: „ich, eine zweite „du“, und eine dritte: „er, sie es“. Und danach leben wir auch normalerweise: Zuerst komme ich mit meinen persönlichen Bedürfnissen und Ansprüchen, dann das „du“, d.h. unser Mitmensch, und erst zum Schluss „Er“, Gott unser Schöpfer. Aber die göttliche Grammatik, nach der wir leben sollen, sieht genau umgedreht aus: Zuerst kommt „Er“, Gott, dann das „Du“, der Mitmensch und erst zum Schluss ich selbst.
Für uns ist es normal, wenn wir zunächst unsere eigenen Interessen verfolgen. Für Gott ist es normal, wenn wir zuerst ihn den Mittelpunkt unseres Lebens stellen. Denn er weiß: Egoismus tut nicht nur unseren Mitmenschen nicht gut. Wir tun nicht nur Gott damit weh. Sondern wir verletzen uns durch unseren Egoismus auch selbst.
Eine Legende aus Asien erzählt von einem seltsamen Vogel mit zwei Köpfen. Jeder pickte sein Futter, aber gemeinsam vertrieben sie jeden Angreifer. Sie gehörten zusammen, taten alles gemeinsam und waren ein Herz und eine Seele. Da kam eine große Dürre, und das Futter wurde knapp. Der obere Kopf schnappte nun in seiner Not die letzten Würmer für sich weg, und der andere kam zu kurz. In seiner Kränkung durch den Egoismus des anderen fraß der untere Kopf schließlich giftige Pilze, weil der obere das Wenige nicht mehr teilen wollte. Zu spät merkte der untere Kopf, dass das Gift auch ihn krank machen und sterben lassen würde. So starb schließlich der ganze Vogel am Gift der Ichsucht und auch der Rache.
„Du tötend` Gift der Eigenliebe“ heißt es in einem frommen Lied. Egoismus ist ein hoch wirksames Gift, tödlicher als Arsen oder der radioaktive Stoff Polonium, für den, dem man Liebe schuldig bleibt und auch für einen selbst. Auch wenn Selbstliebe uns nicht buchstäblich umbringt, so macht sie doch oft tod-unglücklich.
Das fängt schon in der Kindheit an. Da gönnt ein Kind dem anderen ein Spielzeug nicht. Es kommt zu Streit und vielleicht auch Handgreiflichkeiten. Das Spielzeug wird hin und her gezerrt. Zurück bleiben zwei schreiende Kinder und vielleicht auch ein kaputtes Spielzeug. Glück sieht anders aus.
Ein Jugendlicher flippt vielleicht deshalb aus, weil er sich vom Lehrer ungerecht behandelt fühlt. Oder er redet einen anderen dumm an, weil ihm etwas an ihm nicht passt. Der andere lässt sich die Angriffe meist auch nicht gefallen. Es kommt zu unangenehmen Wortwechseln, und vielleicht auch Beschimpfungen.
Erst recht bei Erwachsenen richtet der Egoismus einen unermesslichen Schaden an. Wenn Ehepartner nur an sich, an ihre Interessen, ihr Glück denken, dann geht eine Ehe kaputt, dann leidet nicht nur der andere Partner sondern auch die gesamte Familie. Ein rücksichtsloser Karrieretyp steigt vielleicht die Erfolgsleiter immer höher. Er geht über Leichen und wird selbst dabei immer einsamer.
Typisch für einen Egoisten ist das verzerrte Denken. Wenn etwas nicht so geht, wie er es erwartet, und wenn es nur eine Kleinigkeit wie ein verdorrter Rizinus ist, dann leidet er wie ein Hund, dann ist er ungenießbar, dann will er am liebsten sterben. Denn die Welt ist für ihn untergegangen. Dabei ist nur sein kleiner Mikrokosmos, in dem er der Mittelpunkt ist, untergegangen.
Jona ist ein Egoist, so wie es viele andere auch gibt und dabei sehr fromm. Egoismus ist immer schlimm, aber der fromme Egoismus ist dreimal schlimmer. Denn er gönnt dem anderen die Barmherzigkeit Gottes nicht, die er selber erfahren hat.
Jona hat erlebt, wie gnädig Gott ihm gegenüber handelte. Er war ein ungehorsamer, dickköpfiger Prophet, der seinen Auftrag nicht erfüllen wollte. Lieber haut er ab, flieht auf ein Schiff. Doch Gott vernichtet ihn nicht, sondern geht ihm nach. Im brausenden Sturm werfen ihn die Matrosen des Schiffes, auf das er sich geflüchtet hat, über Bord. Doch der Fisch, der ihn verschluckt, verdaut ihn nicht sondern bringt ihn an Land und spuckt ihn dort aus. Eine unglaubliche, wunderbare Gnade, die Jona in diesem Erlebnis erfährt. Gott verwirft ihn nicht sondern fängt mit ihn neu an. Jona bleibt sein Prophet, den er gebrauchen will. Wie barmherzig ist doch Gott – Jona gegenüber. Und wie unbarmherzig ist Jona – den Bewohnern von Ninive gegenüber.
Aber vielleicht kennen wir so ein Verhalten ja auch bei uns: Wir haben die Liebe Gottes erfahren und können doch so lieblos anderen gegenüber sein. Da hat uns Gott in irgendeiner Not geholfen, aber der andere, der Hilfe braucht, kann schauen, wo er bleibt. Gott hat uns vergeben, aber wir selber hegen gegenüber jemanden Groll und Bitterkeit. Gott hat uns aus unserer Verlorenheit herausgeholt. Aber wenn andere verloren gehen, juckt uns das nicht.
Jona rührt nicht, wenn hunderttausende Bewohner einer Großstadt in die Hölle fahren. Diese Einstellung ist wohl viel schlimmer als sein Ungehorsam, von dem das erste Kapitel des Jonabuches erzählt. Und doch geht Gott ihm wieder nach. Wieder erteilt er ihm eine Lektion, durch einen Rizinus. Gott zuckt nicht gewissermaßen mit den Achseln und denkt: Bei dem Jona ist Hopfen und Malz verloren. Nein, er will ihn verändern, will ihn seine Liebe noch größer machen.
Gott gibt nicht so schnell auf, bei Ninive nicht, bei Jona nicht und bei dir und mir auch nicht. Das Böse, das er auch bei uns sieht, irritiert ihn nicht, sondern spornt ihn zu noch größerer Liebe an. Sicher, Gottes Blick bleibt unsere Sünde nicht verborgen. Er ist kein Opa-Gott, der schlecht hört und schlecht sieht, der nicht so mehr so recht mitbekommt, was seine Geschöpfe Schlimmes treiben. Gott nimmt die Sünde ernst, so ernst, dass er sogar seinen Sohn am Kreuz sterben ließ. Er ist gerecht und straft. Aber lieber straft er seinen Sohn als uns. Lieber lässt er ihn die Hölle am Kreuz durchmachen als uns.
Gottes Gerichte kommen ganz gewiss über die, die durch nichts, weder durch seine Liebe noch durch seinen Zorn zur Besinnung kommen sondern ungeniert ihr egoistisches Leben weiterführen. Aber wenn Gott nur einen Funken Glauben und Bereitschaft zur Umkehr sieht, dann ist er so barmherzig, dass er nicht straft.
Sodom und Gomorra ging unter, weil keine zehn Gerechten dort gefunden wurden. Jerusalem brannte, weil seine Bewohner Jesus verfolgt hatten. Doch Ninive blieb stehen, weil seine Bewohner Buße taten. Und Jona blieb der Prophet Gottes, wohl deshalb, weil er bei all seiner Dickköpfigkeit doch ehrlich war und insgeheim wusste, wie falsch er lag.
Es ist Beides wichtig: Dass ich zum einen meine ganze Erbärmlichkeit und Sünde erkenne und zum anderen doch nicht darüber verzweifle und glaube, dass Gott mich trotzdem nicht verwirft.
Ein Rabbi sagte einmal zu seinen Schülern: „Jeder muss zwei Taschen haben und in jeder der beiden Taschen einen wichtigen Spruch, um je nach Situation danach zu greifen. In der einen Tasche befindet sich der Spruch: Auch ich bin Erde und Asche! Und in der anderen der Spruch: Auch für mich hat Gott Himmel und Erde gemacht!“ Bevor wir abheben, erinnern wir uns daran, dass wir kleine Erdenkinder sind. Und wenn wir verzweifelt am Boden liegen, lassen wir uns sagen, dass wir Gottes geliebte Kinder sind.
Vielleicht sollten wir noch in unsere Taschen zwei neue Sprüche tun. In die eine Tasche das Wort: „Auch mich hat Jesus gemeint, als er sagte: Wer unter euch ohne Sünde ist, der nehme den ersten Stein!“ und in die andere Tasche das Wort: „Auch mich hat Jesus gemeint, als er sagte: Ich verdamme dich nicht, gehe hin und sündige hinfort nicht mehr!“
Keiner, der den Herrn Jesus um Erbarmen angerufen hat, ist je enttäuscht worden. Er hat allen geholfen, die zu ihm gekommen sind. Er hat niemanden hinausgestoßen. Sondern alle haben die Erfahrung der Barmherzigkeit Gottes gemacht.
Wollen wir nicht heute neu oder zum ersten Mal zu diesem barmherzigen Herrn kommen, ihm unsere Schuld bekennen und glaubend seine Vergebung empfangen?
Friedrich von Bodelschwingh erzählt, wie er als Kind durch seine Mutter die Barmherzigkeit Gottes erfuhr:
„Als im Herbst das Obst reif an den Bäumen hing, hatte uns der Vater streng verboten, auf die Bäume zu klettern. Wir durften nur von den heruntergefallenen Früchten essen. Aber einmal hatte ich das Verbot doch übertreten und war heimlich auf einen Baum geklettert. Dabei zerriss ich mir unglücklich den Hosenboden. Heimlich schlich ich mich mit einem bösen Gewissen nach Hause. Dabei drehte ich mich immer so geschickt, dass keiner den Schaden entdecken konnte. Nach dem Abendessen ging ich in mein Zimmer, besah dort erst richtig voll Entsetzen die zerrissene Hose und legte sie zuunterst auf den Stuhl, alle anderen Kleidungsstücke geschickt darüber. Dann kniete ich am Bett nieder, um mein Abendgebet zu sprechen: ‚Lieber Gott, ich bin heute ungehorsam gewesen. Vergib es mir doch und mach, dass morgen früh meine Hose wieder heil ist!’ - In diesem Moment ging meine Mutter an der Kinderzimmertür vorbei, blieb einen Augenblick stehen und hörte mein Gebet. Dann ging sie lächelnd weiter. Dem Vater sagte sie nichts. Sie wollte eine Handlangerin Gottes sein. Als ich fest eingeschlafen war, nahm sie die zerrissene Hose und machte sie wieder heil. Dann legte sie die Hose so hin, wie sie unter dem Berg von Kleidern gelegen hatte. - Als ich am nächsten Morgen erwachte, war mein erster Griff nach der Hose. Welch ein Wunder, die Hose war wieder in Ordnung! - Ich weiß noch heute, dass dieses Erlebnis, wo Mutter ein Engel gewesen war, meinen Kinderglauben mächtig stärkte.“
So wie die Mutter Bodelschwinghs eine zerrissene Hose heil machte, so macht Gott auch zerrissene Gewissen wieder heil. Er hört unseren Ruf nach Erbarmen und vergibt uns wieder. Ja, er bringt uns sogar oft aus einer verzwickten Lage, in die wir uns aus eigener Schuld hineinmanövriert haben, wieder hinaus. So gnädig und barmherzig ist Gott!
Wenn Gott uns so barmherzig ist, sollten wir dann nicht auch anderen gegenüber barmherzig sein? Ich hoffe, dass Jona seine Lektion gelernt hat und nicht nur Mitleid mit einer verdorrten Pflanze sondern auch mit den Bewohnern von Ninive bekam. Und so hoffe ich auch, dass wir alle genauso von Gottes Barmherzigkeit lernen und so werden, wie er ist.

Amen

© 2006 Dieter Opitz