Mission: Possible 2 - Kreuz & Quer vom 22.11.06; Jona 3

Liebe Gemeinde!

Ein kleiner Junge aus einem Dorf verirrte sich abends im Wald und wurde von seinen Eltern vermisst. Das ganze Dorf nahm teil an der Sorge der Eltern und machte sich auf die Suche. Landwirte rannten aus ihren Ställen, Kaufleute verließen ihre Geschäfte, Handwerker machten ihre Werkstätten dicht, Hausfrauen ließen das Abendessen kalt werden, eine Kirchenversammlung wurde abgebrochen, und alle kamen zusammen, um den Jungen zu suchen. Nach stundenlanger Suche und unter Einsatz aller Kräfte und Mittel wurde das vollkommen verängstigte Kind schließlich gefunden. Wie freuten sich alle mit den Eltern über den glücklichen Ausgang.

Zwanzig Jahre später ist der Junge erwachsen. Er ist erneut in die Irre gegangen und hat sich im Gestrüpp des Lebens verfangen. Aber niemand sucht nach ihm. Vater und Mutter sind eifrig dabei, Geld zu verdienen. Die Kirchenversammlung berät den neuen Haushaltsplan. Nachbarn und Freunde haben mit ihren eigenen Sorgen und Problemen zu tun. Es wird kein Notruf ausgesandt. Keine Suche beginnt. Alle lassen den Jungen im viel größeren Unglück allein. Wenn ein Mensch in seiner Sünde verloren geht, ist das viel schlimmer. Aber niemand macht sich auf, um ihn zu suchen.

Der Stadt Ninive wäre es beinahe genauso ergangen. Viele tausende wären in ihr Verderben gerannt, wenn nicht Jona sich aufgemacht hätte, um diese Stadt zu warnen. Und der wollte zunächst auch nicht. Er hatte keine Lust, sich bei der Suchaktion Gottes zu beteiligen. Gott muss sich schon ungewöhnlicher Mittel bedienen, um seinen widerspenstigen Boten gehorsam zu machen. Er schickt einen großen Sturm und einen großen Fisch, der ihn verschlucken musste, ohne ihn zu verdauen. Wie geht es nun weiter mit Jona?

Wir hören Jona 3.

Die harten Umerziehungsmethoden Gottes haben offensichtlich gefruchtet. Er redet Jona noch einmal an. Er erneuert seinen Auftrag: "Mach dich auf nach Ninive und predige ihr, was ich dir sage." Jona gehorcht diesmal und geht in die Großstadt Ninive. Auch für heutige Verhältnisse war Ninive eine riesige Stadt. Drei Tagesreisen brauchte man, um von einem Ende der Stadt bis zum anderen zu kommen. Das ist keineswegs übertrieben. Tatsächlich gab es zur Zeit der Assyrer eine nahezu ununterbrochene Kette von Siedlungen, die 40 Kilometer lang war. Es handelte sich um einen riesigen bewohnten Großraum, in dessen Mitte die eigentliche Stadt Ninive war. In diesen Großstadtdschungel wagt sich nun Jona endlich hinein. Wir alle wissen ja, was Großstadt bedeutet. Zunächst faszinierendes, pulsierendes Leben. Da ist immer etwas los, da wird einem was geboten. Aber zum anderen ist sie auch ein gottloses Pflaster. Zwischen seinen Ritzen wuchert das Unkraut Laster und Verdorbenheit. Kriminalität, Drogensucht, Prostitution, Ausschweifung blühen am besten in der Großstadt. In dieser Umgebung hält Jona seine Straßenpredigten. Sie waren alles andere als schmeichelnd und einfühlsam. Sie waren ein Hammer. Es spielte keine Band. Es gab kein witziges Anspiel. Es kamen keine einfühlsamen Worte. Sondern es kamen hammerharte Kurzpredigten. Als Kernsatz seiner Ansprachen wird uns überliefert: "Es sind noch 40 Tage, so wird Ninive untergehen." Das heißt mit anderen Worten ausgedrückt: Ihr sitzt auf einem Pulverfass, bei dem die Lunte schon angezündet ist. In kurzer Zeit werdet ihr in die Luft gejagt werden und zum Teufel gehen.

Nach 40 Tagen soll Ninive untergehen. So hart diese Ankündigung ist, es steckt in ihr ein Funken der Gnade und Liebe Gottes. Denn das Unglück soll ja nicht sofort sondern erst nach einer gewissen Zeit kommen. Gott gibt noch eine Frist, eine Gnadenfrist. Es ist noch Zeit zur Umkehr gegeben. Doch nach Ablauf dieser Frist macht Gott ernst.

Sind wir nicht auch in der Lage der Leute von Ninive? Und auch die ganze Welt? Ein gigantischer Fuß zertrampelt unseren schönen Globus - das als Titelbild eines wissenschaftlichen Taschenbuches! Da rechnen Naturwissenschaftler schon vor Jahren die gegenwärtigen Trends wie Bevölkerungsexplosion, Welthunger, Energieknappheit, Umweltverschmutzung hoch und prophezeien einen Zusammenbruch unseres ganzen Weltsystems bis zum Jahr 2100. Was fordern die Wissenschaftler? Umkehr, Buße und das schleunigst. Umkehr noch in dieser Generation, sonst ist es zu spät.

Nicht nur weltweit, auch für uns ganz persönlich ist die Lage ernst. Auch unserem Leben ist eine bestimmte Frist gesetzt. Auch dir ist nur eine bestimmte Frist gesetzt, Gottes Ruf zu hören, ob es nun 40 Tage sind wie bei Ninive oder 40 Stunden oder 40 Jahre. Irgendwann läuft diese Frist ab. Irgendwann haben wir das letzte mal Gottes Angebot gehört, dass wir zu ihm umkehren dürfen, dass wir unsere Schuld bekennen und Vergebung empfangen dürfen. Dies ist dann der Fall, wenn wir sterben müssen.

Und danach müssen wir vor Gott unser Leben verantworten. Sind wir dafür bereit?

Gott fragt uns einmal nach unserem Leben, nicht nach unseren Absichten, auch nicht nach unseren frommen Meinungen. Was zählt, sind einmal Tatsachen. Sind wir falschen Göttern gefolgt wie Geld, Sex, Familie, Beruf? War uns alles andere wichtiger wie Gott? Haben wir Gott und unseren Nächsten geliebt wie uns selbst oder sind wir Liebe schuldig geblieben? Wir können uns noch viel mehr solcher Fragen vorlegen und anhand von ihnen unser Leben überprüfen.

Die Bürger von Ninive taten Buße. Das heißt, sie haben mit Schrecken eingesehen: Der Jona hat ja recht. Unser gottloses Leben hat das Gericht Gottes heraufbeschworen. Wir müssen zu ihm umkehren. Vielleicht ist Gott noch einmal gnädig. Die Predigt Jonas hatte eine ungeahnte Wirkung. Die Bewohner von Ninive lachten ihn nicht aus. Sondern sie glaubten den Worten des Propheten. Eine ganze Stadt tat Buße.

Das kam immer wieder einmal vor. Martin Luther predigte einmal in Leipzig. Durch diese eine Predigt bekehrte sich die ganze Stadt und glaubte an das Evangelium.

Pfarrer Kemner durfte bei seinen Evangelisationen an manchen Orten Ähnliches erfahren. Einmal hielt er Vorträge in einer Schweizer Kirchengemeinde. Die Menschen wurden vom Wort Gottes so getroffen, dass sie nach der Verkündigung die Kirche nicht verließen. Nach dem Gebet bleiben sie wie gelähmt stehen. Der Pfarrer sprach den Segen und wünschte eine gute Nacht. Aber niemand rührte sich in der vollen Kirche. Dann erst kamen Menschen und sprachen ihn an. Einzelgespräche wurden geführt, Beichten abgelegt. Einer nach dem anderen kam und bekannte seine Sünden. Erst am anderen Morgen kam er in sein nahe gelegenes Quartier.

Und wie ist das bei uns in Bayreuth? Und wie bei dir? Welche Wirkung hatte bei uns der Ruf zur Umkehr, den wir alle schon gehört haben, vielleicht jahre- oder jahrzehntelang? Als Pfarrer hört man ab und zu nach einem Gottesdienst die Bemerkung: "Das war eine gute Predigt!" Oder: "Sie hat mir etwas gegeben!" Ich hoffe, mit diesen Worten ist auch gemeint: Diese Predigt hat mich zur Buße und zum Glauben geführt. Nur dann hat sie die rechte Wirkung erzielt. Das Entscheidende nach einem Gottesdienst ist nicht, dass wir begeistert sind. Nicht einmal, dass wir uns danach wohl fühlen. Das Entscheidende ist, dass wir glauben und Buße tun, so wie die Bewohner von Ninive es getan haben. Gott verlangt von uns nicht, dass wir ein fehlerloses Leben führen. Das schaffen wir ja nicht. Aber er möchte von uns, dass wir immer wieder Buße tun.

Da kam ein hinduistischer Brahmane zu einem Missionar und sagte: "Ich will Christ werden." "Warum willst du das?" "Nun, ich habe das Leben der Christen beobachtet und festgestellt, dass Christus die Menschen verändern kann." "Das wundert mich sehr", erwiderte der Missionar, "denn gerade von den Christen aus der Umgebung, wo du herkommst, habe ich gehört, dass sie überhaupt nicht vorbildlich leben." Da antwortete der Brahmane: "Die Fehler der Christen kenne ich ganz genau. Und trotzdem sind die Christen anders. Sie sind selbst im Sündigen noch anders. Denn sie können Buße tun."

Das können wir auch, wenn wir über unsere Sünde und Schuld erschrocken sind, Wir können Buße tun. Wir brauchen es nicht so tun wie die Bewohner von Ninive. Es wäre wohl ein lächerlicher Anblick, wenn wir in Säcken herumlaufen und uns in Aschehaufen setzen würden. Und Aschehaufen hat ja auch kaum einer in seinem Haus. Dann müssten wir uns alle in unseren Komposthaufen oder auf unseren Mülleimer setzen.

Buße tun, heißt zu Gott umkehren, so wie der verlorene Sohn es getan hat, als er sich auf dem Heimweg zu seinem Vater begab. Buße tun, heißt erkennen, dass ich auf einem falschen Weg weg von Gott gegangen bin, es heißt erkennen, dass ich falsch gehandelt habe. Wer Buße tut, der bittet Gott um Erbarmen, der bekennt ihm seine Schuld und bittet: "Gott sei mir Sünder gnädig. Mehr will Gott nicht von uns, als dass wir Gott um Vergebung bitten und darum, dass nun er und nicht mehr die Sünde mein Leben bestimmt. Buße tun, heißt einen Herrschaftswechsel vollziehen. Ich möchte nun nicht mehr sündigen, sondern ich möchte das tun, was Gott von mir will.

Wenn einer ehrlichen Herzens seine Schuld bereut und bekennt, dann ist ihm Gott auch sofort gnädig und barmherzig. Sein Leben steht von nun an unter dem Erbarmen Gottes. So ein Mensch sehnt sich danach, immer mehr von der Gnade Gottes zu hören und zu erfahren. Es zieht ihn zu Gottesdiensten und anderen Veranstaltungen, in denen Gottes Wort im Mittelpunkt steht. Es ist ihm ein Bedürfnis, von der Liebe Gottes etwas zu hören. Er wird auch merken, dass Buße tun nichts Einmaliges sein kann, sondern jeden Tag neu geschehen muss, weil ich immer wieder sündige.

Wenn ich das tue, werde ich nicht traurig sondern im Gegenteil froh. Denn Gott freut sich auch über einen Sünder, der Buße tut. Und diese Freude kommt auch in das Leben des Betreffenden. Gott will uns ja nie unglücklich machen sondern immer glücklich sehen. Er knüpft unser Glück allerdings an die Voraussetzung der Buße. Wenn einer um Erbarmen und Gnade bittet, da kann er helfen und eingreifen und segnen. Da schenkt Gott einen Neuanfang. Wenn einer unter uns sagt, ich muss in meinem Christsein wieder ganz neu anfangen, dann tut er Buße, dann fängt Gott auch wieder ganz neu an mit seiner Hilfe. Selbst wenn Gott seinen Untergang geplant hätte, kann er noch seine Pläne ändern. Auch Ninive musste nicht untergehen, weil seine Bewohner sich Gott hingewendet haben. Der Untergang musste nicht stattfinden.

Gott kann aussichtslose Lagen ändern. Unbußfertigkeit, Auflehnung gegen Gottes Führung fordern seinen Zorn heraus. Aber wenn einer sich schuldig gibt, wenn einer um Gnade bittet, dann können auch große Wunder geschehen.

Gott ist kein sturer Bürokrat, sondern in seiner Gnade ungeheuer großzügig. Auch wenn es nicht danach aussieht: Gott kann über Nacht wunderbar helfen. In der Bibel steht: "Einen Abend währt das Weinen und des Morgens die Freude." Über Nacht kann es geschehen, dass am Morgen auf einmal in dir ein wunderbarer Friede und Trost da ist, wie durch ein Lied, das dir einfällt oder durch ein Wort Gottes. Über Nacht kannst du auf einmal wieder glauben. Über Nacht können die Zeichen seiner rettenden Macht geschehen.

Gott will deinen Untergang nicht. Er will dich vielmehr retten. Wenn er merkt, dass ein Mensch sich schuldig gibt, da rettet er, hilft er und schenkt einen Neuanfang. Das dürfen wir glauben und ihm dafür danken.

Amen

© 2006 Dieter Opitz