Gemeinsam einsam - Kreuz & Quer vom 13.4.06; 1. Korinther 10,16-17

Liebe Gemeinde!

Ein Wort aus diesen beiden Bibelversen ist mir hängengeblieben, das Wort „Gemeinschaft“. Es geht beim Abendmahl um Gemeinschaft, um Gemeinschaft mit Jesus, aber auch um Gemeinschaft untereinander. Nach Gemeinschaft sehnt sich jeder Mensch. Eigentlich müsste es das Leichteste von der Welt sein, Gemeinschaft zu haben, in der heutigen Zeit mehr denn je. Denn noch nie lebten so viele Menschen auf der Erde wie heute, über sechs Milliarden. Und die Kommunikationsmittel sind so gut wie nie zuvor. Noch nie waren Menschen so leicht erreichbar wie heute, über Handy, SMS und Email. Aber ich glaube, die Flut von Worten, die dabei gewechselt werden, erzeugen nicht mehr Nähe wie in früheren Zeiten. Die Sehnsucht nach Gemeinschaft bleibt, auch bei solchen, von denen man es nicht vermutet.
Ein Pfarrer erhält einen Brief von einem jungen Menschen. Die Art und Weise, wie sich der Schreiber ausdrückt, weist eindeutig auf einen kontaktfreudigen Menschen hin. Trotzdem ist der Brief eine einzige Klage über die Einsamkeit:
„Ich bin schrecklich einsam. Nirgendwo ist jemand, der mich wirklich versteht. In unserer Familie ist immer viel los, aber ich glaube, sie leben alle aneinander vorbei. Manchmal denke ich, dass wir darum alle so laut und fröhlich tun, weil wir überdecken wollen, wie allein jeder ist. Zu einem richtigen Gespräch kommt es gar nicht. Und in unserer Jugendgruppe wird auch nur geblödelt. Ich weiß gar nicht, was ich machen soll...“
Ja, was soll man denn machen? Grundschulkinder wurden einmal gefragt, was sie vorschlagen, damit niemand mehr auf der Welt einsam sein muss. Ein achtjähriges Mädchen schlug vor: „Man sollte einsame Menschen finden und sie nach ihrem Namen und ihrer Adresse fragen. Dann sollte man Menschen, die nicht einsam sind, nach ihrem Namen und ihrer Adresse fragen. Wenn man die gleiche Anzahl von beiden hat, sollte man einsame und nicht einsame Menschen über die Zeitung zusammenbringen.“ Dieses Mädchen wird wohl einmal in seinem Leben gut organisieren können. Aber ob mit ihrem Vorschlag das Problem der Einsamkeit gelöst werden kann, ist mehr als fraglich.
Der neunjährige Max antwortete auf diese Frage: „Man sollte Lebensmittel erfinden, die mit einem sprechen, während man sie isst. Beispielsweise sagen sie: ‚Wie geht es dir?’ und ‚Was hast du heute erlebt?’“
Gemeinschaft durch Lebensmittel. Das klingt abenteuerlich, naiv und absurd. Und doch ist die Antwort des kleinen Max gar nicht so weit von dem entfernt, was Gott zur Lösung des Problems „Einsamkeit“ zu sagen hat. Das Abendmahl ist eine Möglichkeit, die Gott geschaffen hat, um die Einsamkeit des Menschen zu überwinden. Um dies verstehen zu können und hoffentlich auch in diesem Gottesdienst erfahren zu können, müssen wir uns zunächst mit der tiefsten Ursache der Einsamkeit beschäftigen.
Was letzten Endes Gemeinschaft zerstört und verhindert, das ist der Uregoismus des Menschen, der in jedem drinsteckt. Wir sind so gepolt, dass wir zunächst an uns denken, an unsere Probleme, Ängste, Wünsche und Sehnsüchte. Wir denken zunächst von uns her und nicht vom anderen, was er braucht und nötig hat. Wir sehnen uns nach Gemeinschaft, aber wir kommen aus dem Gefängnis unserer Ich-isolierung nicht heraus. Wir wollen, dass andere sich uns zuwenden, aber tun doch keinen Schritt auf den anderen zu. Dann muss man sich nicht wundern, wenn man unter Einsamkeit zu leiden hat. Der Egoismus des Menschen stößt uns voneinander ab. Wer möchte schon mit einem zu tun haben, der letzten Endes nur an sich selber denkt?
Gerade Männer leiden sehr unter ihrer Einsamkeit. Natürlich geben sie das nicht zu. Aber ich finde es erschütternd, wenn in einer repräsentativen Umfrage unter amerikanischen Männern 90 Prozent der Befragten erklärten, sie hätten keinen Freund. Ich meine, von meinen eigenen Beobachtungen und Erfahrungen sagen zu können: In Deutschland wäre ein ähnliches Ergebnis herausgekommen. Denn gerade Männer definieren sich über ihren Erfolg im Beruf und neigen dazu, Freundschaften und auch ihre Partner und Familien zu vernachlässigen.
Selbstverständlich leiden auch Frauen unter Einsamkeit, auch wenn sie eine beste Freundin haben. Aber sie reden wenigstens darüber und geben zu, dass sie sich nach einem Menschen sehnen, der sie akzeptiert, versteht, annimmt, mit einem Wort eben liebt.
Natürlich gibt es auch herzliche, ja selbstlose Liebe unter Menschen. Es gibt gute Freundschaften, in denen man sich offen austauschen kann, gute Ehen, die solange dauern, bis der Tod sie voneinander scheidet und nicht nur, solange es gut geht. Aber irgendwann kommt auch in der besten Beziehung es zu einem Punkt, wo ich merke: Ich bin doch letzten Endes allein. Auch der beste Freund und die beste Freundin können meine Wünsche nach Nähe und Gemeinschaft doch nicht erfüllen.
Natürlich gibt es auch eine unverschuldete Einsamkeit. Da können sich Menschen von einem abwenden, nur weil ich eine andere Meinung wie die anderen vertrete, oder eine andere Sprache spreche, oder weil ich schwer krank geworden bin.
Aber es besteht auf jeden Fall ein tiefer Zusammenhang zwischen meiner Sünde und meiner Einsamkeit. Es gibt folgende Faustregel: Je egoistischer einer ist, d. h. je ausgeprägter die Sünde im Leben eines Menschen ist, desto einsamer ist er auch. Wie gesagt: Wer möchte schon gerne mit einem Menschen zu tun haben, der nur an sich denkt?
Eigentlich müsste die christliche Gemeinde ein Ort sein, in der keiner einsam sein sollte. Ich weiß, es ist oftmals nicht so. In den Gottesdiensten geht es oft entsetzlich steif zu. Auch in christlichen Kreisen klagen so manche: „Ich bin trotzdem allein. Keiner interessiert sich für mich, auch wenn ich auf andere zugehe.“ Oder: „In meiner Gruppe gibt es uralte Cliquen. In die kommt man einfach nicht rein.“ Oder: „Auch mit meinen christlichen Freunden kann ich nur oberflächliches Zeug bereden. Über unseren Glauben reden wir so gut wie nie.“ Soviel Egoismus und so viel oberflächliche Gemeinschaft auch in christlichen Kreisen, wohl auch unter uns.
Doch einer denkt nicht bloß an sich. Einer sehnt sich nach uns. Einer möchte mit uns Gemeinschaft haben, möchte uns seine Liebe mitteilen. Das ist Jesus. Dies geschieht, wenn er mit uns redet, in der Bibel oder im Gottesdienst. Dies geschieht auch, wenn wir das Abendmahl feiern. Wenn wir Brot und Wein zu uns nehmen, dann haben wir Gemeinschaft mit dem Leib und dem Blut Jesu Christi. Beim Abendmahl schenkt uns Gott die Vergebung unserer Sünden, die Vergebung und Versöhnung, die Jesus am Kreuz für uns erworben hat.
Am Kreuz war Jesus der einsamste Mensch, den man sich vorstellen kann. Niemand stand mehr auf seiner Seite und ließ ihn seine Nähe spüren. Seine Feinde quälten, verhöhnten und verspotteten ihn. Seine Freunde hatten ihn verlassen. Nicht nur sie. Das Schlimmste war, dass sich auch Gott am Kreuz von ihm zurückgezogen hatte. Einer der letzten Sätze Jesu lautete: "Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?" Schuld macht einsam. Schuld trennt von Gott, so haben wir eben gehört. Jesus trug nun stellvertretend am Kreuz unsere Sünde. Er musste es am eigenen Leib erfahren, wie einsam einer ist, der ohne Gott lebt. Warum? Damit wir unsere Schuld nicht mehr herumschleppen müssen. Und damit auch wir nicht mehr einsam sein müssen. Damit wir heute beim Abendmahl die Nähe Gottes spüren können. Wir brauchen nur mit dem Bekenntnis unserer Schuld zu kommen, dann beschenkt er uns mit seiner Nähe.
In einem Beichtgebet, das vor dem Abendmahl gesprochen wird, heißt es. „Du hast mir meine Nächsten gegeben, sie zu lieben wie mich selbst, aber ich erkenne, wie sehr ich versagt habe in Selbstsucht und Trägheit des Herzens. Darum komme ich zu dir und bekenne meine Schuld. Richte mich, mein Gott, aber verwirf mich nicht. Ich weiß keine andere Zuflucht als dein unergründliches Erbarmen.“
Wer so betet, der darf wissen, dass Gott im Abendmahl zu ihm kommt, ja in ihn hineinkommt, durch Brot und Wein, dass alles, was ihn von Gott trennt, beseitigt ist. Das kann eine befreiende und beglückende Erfahrung sein, die viele unter uns sicher schon gemacht haben und auch heute machen dürfen. Es ist wie ein Fest, zu dem Gott uns einlädt. Er bittet uns zu Tisch. Der Tisch ist nicht besonders festlich gedeckt. Wir sehen nur ein paar Oblaten und einen Kelch mit Wein. Aber was uns Gott im Abendmahl anbietet, ist viel mehr als Essen und Trinken, als ein paar unbeschwerte Stunden mit unseren Freunden. Das alles geht ja wieder vorbei. Gott bietet uns seine Gemeinschaft an. Und die hört nicht mehr auf. Er will sich an uns „festmachen“. Er hält uns ewig „fest“, damit wir nicht mehr von ihm loskommen. Im Abendmahl bricht Gott unsere Einsamkeit auf und teilt sich uns mit, teilt seinen Leib aus. Im Römerbrief heißt es: „Die Liebe Gottes ist ausgegossen in unser Herz.“ Keine vergängliche und unvollkommene oder gar falsche Liebe von Menschen, sondern ewige, vollkommene, echte Liebe Gottes.
Auf diese Art und Weise, wenn wir der Liebe Gottes begegnen, kommen wir aus unserer Einsamkeit heraus. Gott schenkt uns etwas, was uns kein Mensch geben kann.
Wer diese Liebe Gottes erfahren hat, der bekommt auch ein anderes Verhältnis zu seinen Mitmenschen. Es wird nüchterner. Denn er muss nicht mehr von ihnen erwarten, dass sie das Problem seiner Einsamkeit lösen. Das können sie nicht, und das brauchen sie auch nicht. Denn Gott hat ihm ja schon die Liebe gegeben, nach der er sich im Grunde seines Herzens immer gesehnt hat, die er vielleicht bei Menschen gesucht und nie gefunden hat.
Diese erfahrene Liebe Gottes lässt ihn seinen Mitmenschen unter einem anderen Blickwinkel sehen. Es geht ihm nicht mehr darum, ob er von dem anderen etwas bekommt, sondern ob er ihm etwas geben kann, ein gutes Wort, ein Lächeln, ganz konkrete Hilfe und auch Vergebung.
Gerade beim Abendmahl ist es immer wieder vorgekommen, dass die, die daran teilgenommen haben, ihren Mitmenschen unter diesem Blickwinkel der Liebe Jesu gesehen haben. Eigentlich geht das gar nicht anders. Wie sollte der, der im Abendmahl Vergebung erfahren hat, einem anderen diese Vergebung verweigern? Und wie kann der einen anderen ablehnen, den Jesus nicht abgelehnt hat?
Gerade die sollen zum Abendmahl kommen, die so schlecht vergeben und sich aussöhnen können, damit sie es lernen. Ich denke an einen Mann wie dem Elsässer Etienne Bach, dem Begründer des „Christlichen Friedensdienstes“. Nach dem 1. Weltkrieg war er Offizier der französischen Besatzungstruppe im Ruhrgebiet. Man kann sich vorstellen, dass das Verhältnis zwischen Besatzern und Besetzten nicht zum Besten war. Am Karfreitag des Jahres 1923 nahm Bach an einem deutschen Gottesdienst teil. Beim Abendmahl stand er, natürlich ungeplant, aber doch von Gott sicher so gefügt, neben dem Bürgermeister von Datteln, mit dem die Besatzer große Schwierigkeiten hatten. „Die Hand des Geistlichen zitterte, als wir aus demselben Kelch tranken und dasselbe Brot brachen", sagte Bach später über diesen Moment, aber auch: „Die Herzen waren verändert."
Nach diesem Erlebnis haben die beiden gemeinsam versucht, einerseits die Lebensumstände der Menschen am Ort zu verbessern und andererseits das Bild des französischen Besatzers in den Köpfen der Menschen zu verändern. Christen aus Holland, Belgien, England und der Schweiz schlossen sich dieser Versöhnungsidee an und gründeten 1924 den „Kreuzritterorden", der später in „Christlicher Friedensdienst" umbenannt wurde.
Was da im Großen geschah, kann doch in unserem kleinen Leben wirksam werden. Nur so, nur durch die gemeinsam erfahrene Vergebung, kann auch Gemeinschaft entstehen. Denn dann suche ich bei dem anderen nicht den tollen Typen, der meine Bedürfnisse befriedigen kann. Dann suche ich nicht den besonders Angesehenen, um mich in seinem Glanz mit sonnen zu können. Dann suche ich in dem anderen den Sünder, der ich auch bin, der wie ich auch Liebe braucht und Vergebung. Christliche Gemeinschaft funktioniert nicht, wenn man sich als die ach so tollen Frommen begegnet, sondern nur, wenn man sich als Sünder begegnet.
Wir haben heute abend eine super Gelegenheit, mit Gott und unseren Mitmenschen neu anzufangen. Wir dürfen Gottes Liebe erfahren und weitergeben.

Amen

© 2006 Dieter Opitz