Nobody's perfect? - Kreuz & Quer vom 19.2.06; 2. Korinther 12,1-10

Liebe Gemeinde!

"Deutschland sucht den Superstar" heißt eine Show, die im Fernsehen auch in der dritten Staffel für gute Einschaltquoten sorgt. Verschiedene Sänger und Sängerinnen wollen mit ihren Künsten bekannte Juroren und das Publikum überzeugen. Die Show funktioniert nach dem Prinzip des Liedes "10 kleine Negerlein". Einer fliegt immer raus, natürlich der Schlechteste in den Augen der Jury und des Publikums, bis zum Schluss nur noch einer oder eine übrig bleibt, eben der Superstar. Und der Gewinner kann sich -zumindest für eine gewisse Zeit - in Ruhm und Ehre sonnen und versuchen seinen Erfolg zu Geld zu machen.

Vor 2000 Jahren lief in einer griechischen Stadt ein Wettbewerb ab, der hieß: "Korinth sucht den Superchristen". In dieser Hafenstadt gab es viele begabte Christen. Einige von ihnen wollten gerne den Titel "Superchrist von Korinth". Gefragt waren keine Gesangs- oder Tanzkünste. Gefragt waren andere Eigenschaften wie eine besondere Frömmigkeit, die Fähigkeit große Wunder zu tun oder die Begabung, mitreißende und bewegende Predigten zu halten.

Paulus hatte die christliche Gemeinde in Korinth gegründet. Aber er war bei dem Wettbewerb "Korinth sucht den Superchristen" schon in der Vorrunde ausgeschieden. Paulus machte nicht viel her. Er konnte nicht gut predigen, er war wohl eher ein Mann mit unscheinbarem Äußeren, von seinen Wundern hörte man von ihm auch nicht viel. Die Christen in Korinth fuhren auf ganz andere Leute ab. "Superapostel" nennt sie Paulus. Sie hatten anscheinend Beeindruckendes zu erzählen, tiefe geistliche Einsichten, erstaunliche Erlebnisse mit Gott. Zumindest konnten sie sich den Korinthern gut präsentieren.

Paulus hat dieses ganze Geschehen von der Ferne mitbekommen, und es hat ihn sicher auch mitgenommen. Er schreibt den Korinthern einen Brief. In den Zeilen, die wir eben gehört haben, kommt er zur Sache. "Mit euren "Superchristen" kann ich ganz gut mithalten," sagt er. "Wunder? Visionen? All das habe ich auch zu bieten. Ich bin sogar einmal in den dritten Himmel entrückt worden. Aber mit all dem will ich nicht glänzen oder gar angeben. Aber wenn ihr wollt, das ich mit etwas angebe, so kann ich das auch tun. Ich will nur mit einem angeben: Das ist mit meiner Schwäche."

Kaum zu glauben, was Paulus hier sagt. Wer gibt denn schon mit seinen Schwächen an? Die verbergen wir doch in der Regel. Ist Paulus noch normal? "Nein, normal ist das nicht", antwortet er selber. "Es ist verrückt. Aber ihr wollt ja, dass ich euch etwas besonders Rühmenswertes sage. Das ist meine Schwäche."

Paulus spricht von einem "Pfahl im Fleisch", der ihn quält, und nennt ihn einen "Engel des Satans", der ihn mit Fäusten schlägt. Die Ausleger der Bibel haben sich den Kopf darüber zerbrochen, was Paulus wohl gemeint hat, vielleicht eine chronische Krankheit, ein Augenleiden, Malaria, oder eine Depression. Wir wissen es nicht. Auf jeden Fall muss es ein Leiden sein, was ihn sehr, sehr belastet.

Auch ein von Gott überaus gesegneter Mann wie Paulus kennt seine Grenzen und leidet unter ihnen. Kennen wir auch unsere Grenzen? Es kann eine körperliche Krankheit oder Behinderung sein, die mich in meiner Tätigkeit einschränkt. Andere leiden unter ihrer zarten seelischen Konstitution. Alles geht ihnen nahe. Hätten sie nur ein dickeres Fell! Andere neigen zur Schwermut. Hätten sie doch nur ein fröhlicheres Gemüt! Manche haben es in ihrer Familie schwer: Eltern, die zu viel verlangen oder Kinder, die missraten sind. Manche fühlen sich in der Schule oder im Beruf überfordert. Jeden Tag muss man zu einem ungeliebten Arbeitsplatz. Jede Woche hat man Angst in einer bestimmten Schulstunde.

Manche leiden unter ihrer Ängstlichkeit und Schüchternheit. Anderen fällt es leicht, in der Öffentlichkeit aufzutreten, aber einem selber kostet es ungeheuer viel Überwindung, den Mund aufzutun.

Ich kenne diese Gefühle nur zu gut. Auch ich habe sehr unter meiner Schüchternheit gelitten. Ich weiß, wie das ist, übersehen oder vergessen zu werden, weil andere einem nichts zutrauen und ich mir selbst auch nicht. Als ich das erste mal als junger Student auf einer Kanzel stand, dachte ich, ich muss sterben. So aufgeregt war ich. Und als der Gottesdienst vorbei war, war ich den ganzen Tag total erledigt.

Wenn einer solche Erlebnisse nicht oder kaum kennt, so soll er Gott für seine robuste Natur dankbar sein. Aber ich vermute: So mancher unter uns, wohl viele, vielleicht alle, könnten ihre Geschichte von ihren Grenzen erzählen, von ihren Schmerzen berichten und ihren inneren Verletzungen, unter denen sie gelitten haben oder vielleicht heute noch leiden.

Und auf diese Grenzen sollen wir auch noch stolz sein? Wir müssen schon genau hinschauen, um das, was Paulus sagt, richtig verstehen zu können. Man spricht ja oft im frommen Kreisen vom Segen des Leidens. Aber Vorsicht! So ein Reden kann leicht einen falschen Beigeschmack bekommen. Fromme Sprüche wie "Wen der Herr lieb hat, den züchtigt er" helfen oft nicht, weil sie nicht ehrlich sind.

Wer leidet schon gern? Wer freut sich über Krankheit, Behinderung, seelische Belastungen oder Kummer mit anderen Menschen? Das Normale ist doch, dass ein Mensch sein Leid gerne wieder los wird. Das gleiche wollte ja auch Paulus. Er hielt es einfach nicht mehr aus, was er durchmachen musste. Deshalb flehte er Gott an, ihm doch sein Leiden wegzunehmen. Er tat es nicht nur einmal oder zweimal, sondern dreimal.

So dürfen wir es auch machen. All das, was uns auf dem Herzen liegt, nicht hinunterschlucken, nicht so tun, als ob wir mit all dem, was uns belastet, ganz gut alleine fertig werden. Du wirst nicht alleine mit dem Leid fertig, sondern es wird dich vielmehr fertig machen.

"Mach aus Sorgen ein Gebet", heißt es in einem Lied. Sag alles, was dich bekümmert, Gott und bitte ihn, dass er dir hilft, dass er auch deine Last dir abnimmt. Und noch ein Ratschlag: Such dir einen Menschen deines Vertrauens, von dem du weißt, dass er treu für andere betet. Sag ihm deinen Kummer und bitte ihn, dass er auch für dich betet. Wenn du das getan hast, wird es dir oft schon besser gehen, auch wenn sich an deiner Lage noch gar nichts geändert hat. Denn dann trägst du ja deine Last nicht mehr alleine. Sondern da sind Menschen da, die für dich beten und glauben. Und dann ist vor allen Dingen Jesus da, der ganz gewiss bereit ist, dir das Beste zu gönnen und zu geben. Das Beste, nicht das Zweitbeste, so viel bist du ihm wert.

Das Beste muss nicht immer das sein, was wir für uns wünschen. Das musste auch ein Paulus lernen. Gott hörte seine Bitte, aber er erhörte sie nicht. Paulus bekam keine Kraft sondern blieb schwach. Aber er bekam Gnade. Das war das das Beste für ihn.

Ein erfahrener Christ sagte einmal: "Ich bat um Kraft, um durchhalten zu können - ich wurde schwach, um demütig gehorchen zu können. Ich bat um Gesundheit, um größere Dinge tun zu können - ich wurde krank, um bessere Dinge tun zu können. Ich bat um Reichtum, um glücklich zu werden - ich wurde arm, um weise zu werden. Ich bat um Macht, um von Menschen geachtet zu werden - ich wurde kraftlos, damit ich fühlte, dass ich Gott brauchte. Ich bat um alles, um das Leben zu genießen - ich empfing das Leben, um alles genießen zu können. Ich erhielt nichts von all dem, um was ich bat -aber alles, worauf ich gehofft hatte. Meine unausgesprochenen Gebete wurden alle erhört. Ich bin der gesegnetste unter allen Menschen."

Gott erfüllt manchmal unsere Wünsche nicht, damit wir um so abhängiger von ihm werden. Dann wissen wir, dass wir ihn brauchen. Und dann kann er uns seine Gnade geben.

Wie gesagt, als junger Mensch litt ich sehr unter meiner Schüchternheit. Aber Gott hat mich gewollt, um sein Wort als Pfarrer weiterzusagen. So studierte ich Theologie. Aber ich konnte mir gar nicht so recht vorstellen, wie ich denn mit meiner Art den Beruf eines Pfarrers recht ausüben konnte. Eines abends, ich lag schon im Bett, sagte ich Gott meinen Kummer. Da hörte ich eine Antwort, es war wie eine leise Stimme in meinem Inneren: " Deine Schwächen will ich zu Herrlichkeiten umwandeln." Seine Gnade kann das, was uns fehlt, mehr als ausgleichen. Wenn Gott uns für seine Pläne gebrauchen will, dann sind unsere Schwächen kein Hindernis dafür, sein Ziel zu erreichen. Er gibt uns schon das, was wir brauchen. Und das kann mehr sein, als er durch unsere natürlichen Stärken erreichen kann.

Ein Organist mühte sich mehr schlecht als recht an einer schon altersschwachen Orgel in einer Dorfkirche. Da trat ein Zuhörer herein, angelockt durch die Klänge. Er trat zu dem Organisten und fragte ihn: "Was spielen Sie denn da?" "Ein Stück von Mendelssohn-Bartholdy, dem berühmten Komponisten. Aber es klingt nicht so recht auf unserer Orgel." "Darf ich einmal das Stück spielen?" "Nein, an meine Orgel lasse ich niemand ran." Doch der Zuhörer bat so lange, bis der Organist widerwillig seine Orgelbank räumte. Der Zuhörer nahm Platz, begann zu spielen und eine wunderbare Musik erfüllte den Raum. Er schien dem Instrument ungeahnte Klänge zu entlocken, die wohl noch nie in dieser Dorfkirche zu hören waren. Ergriffen hörte der Organist zu. Als der letzte Akkord verklungen war, stammelte der Dorfkantor: "Wie ist das möglich? Wie können Sie das Stück von Mendelssohn-Bartholdy so spielen, noch dazu auf diesem Instrument?" Der Fremde erklärte bescheiden: "Ich bin Mendelssohn-Bartholdy."

Du magst einer altersschwachen Orgel gleichen, die aus dem letzten Loch pfeift. Aber trotzdem kann man von dir die Melodie deines Lebens hören, das Stück, das Gott gerade dir zugedacht hat. Dies geschieht, wenn du den Meister heranlässt, wenn Gott selber seine Melodie spielt. Wenn du dich ihm zur Verfügung stellst, kann er aus deinen Gaben und Fähigkeiten etwas machen, was du selber gar nicht für möglich gehalten hast.

Wer wir selber sind, ist gar nicht so entscheidend dafür, ob Gott uns segnen kann oder nicht. Es ist für ihn gar nicht so wichtig, wie viel wir gesündigt haben, wie viel in unserem Leben nicht in Ordnung ist, welche Fehler und Schwächen wir haben. Die Gnade ist mächtiger als das alles, was uns fehlt. Sie ist mehr als genug.

Wem Gott seine Schuld vergeben hat, der hat nun Jesus als Freund, der ihm alles schenkt, was er braucht. Er kann ein verkorkstes Leben wieder in Ordnung bringen. Er kann mich trotz meiner Schwächen gebrauchen. Und manchmal kann er mit ihnen mehr anfangen wie mit meinen Stärken. Allen Schaden unseres Lebens kann er heilen. In einem Kindergebet heißt es: "Seine GnadŐ und Jesu Blut machen allen Schaden gut." Wenn wir unter etwas besonders leiden, sei es eine Schuld, ein Leiden, eine Not, dann dürfen wir es glauben: Gerade durch dieses Schwere will Gott uns segnen - durch seine Gnade.

In jeder Lage ist immer genug Gnade da. Wo wir schwach sind, da ist seine Stärke auch da. Wo wir schuldig geworden sind, seine Vergebung. Wo wir nicht mehr ein und aus wissen, seine Weisheit und Umsicht, wo wir in einer Sackgasse stecken, seine Hilfe. Es kommt nur darauf an, dass wir uns dieser Hilfsquellen auch bewusst sind und auf sie zurückgreifen.

Der Missionar Stanley Jones sah in Indien einen Stier, der den Abfall aus dem Eimer fraß, während ihm ganz in der Nähe ein Feld mit grünem Gras winkte.

So dumm brauchen wir nicht zu sein. Wir brauchen uns nicht aus den Abfalleimern der Angst, des Pessimismus und des Unglaubens zu ernähren, anstatt auf dem grünen Gras seiner Gnade und seiner Macht zu weiden.

Es ist immer genug Gnade da. Wir brauchen sie nur zu nehmen, und wir werden erfahren: Seine Gnade ist mächtig, um auch uns zu helfen und zu verändern.

Amen

© 2006 Dieter Opitz