Der Fleck muß weg - Kreuz & Quer vom 16.11.05; Jeremia 13,23 und Epheser 5,27

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Liebe Gemeinde!

Einen Moment nicht aufgepasst, und schon ist es passiert: Das Schokoeis tropft auf das T-Shirt oder der Kaffee auf die Hose. Ein hässlicher Fleck ist das Ergebnis. Gut, in der Regel ist das kein großes Problem. Schließlich gibt es heißes Wasser, diverse Fleckenentferner und auch chemische Reinigungen. Schlimm wird es nur, wenn so ein Fleck auf empfindlichen Materialien entsteht oder wenn es sich um einen sehr hartnäckigen Fleck handelt. Und besonders schlimm wird es, wenn beides zusammenkommt - so wie beim Menschen - mit seiner Schuld.

Schuld befleckt den Menschen immer. Schuld hinterlässt immer Spuren, und zwar bei dem, dem ich sie zufüge und bei mir selbst. Schuld belastet den anderen: üble Nachrede nimmt ihn seinen guten Ruf, unüberlegte oder sehr genau überlegte Worte verletzen ihn. Kalte Gleichgültigkeit und Egoismus tun ebenfalls weh. Auch böse Gedanken spüren andere. Es kann von uns eine ungute Atmosphäre ausgehen, auch wenn wir nichts sagen.

Bild: Nicht schlafen können

Schuld belastet uns selber: Sie lässt einen nachts nicht schlafen. Unruhig wälzen wir uns hin und her. Wir wissen, wir haben falsch gehandelt und werden die Schuld nicht los.

Bild: Den Kopf einziehen

Schuld klagt an. Immer wieder stehen vor unserem Inneren bestimmte Bilder, die wir nicht mehr loswerden, Bilder, deren wir uns schämen, Situationen der Schuld.

Bild: Boxer

Man will sich gegen diese verklagenden Gedanken wehren. Dies ist die Ursache mancher Aggressivität.

Bild: Trinker

Schuld lässt manchen auch zur Flasche greifen. Man möchte die Schuldgefühle hinunterspülen, alles einfach vergessen. Natürlich funktioniert das nicht. Reiner Alkohol wird zwar in bestimmten Fällen als Fleckenentferner benutzt. Aber für Schuld ist er absolut untauglich. Er ist kein Lösungsmittel für Probleme. Er löst eher meine Gehirnzellen auf und meine Beziehungen zu anderen.

Bild: Einsam

Auch wer trinkt, wird die Erfahrung machen: Schuld trennt mich vom anderen und macht mich einsam.

Bild: In die Schuhe schieben

Mit Schuld kann kein Mensch leben. Man muss sie loswerden. Ein altbekanntes Mittel ist, seine Schuld auf andere abzuwälzen, sie anderen in die Schuhe zu schieben. Schon Adam und Eva im Paradies wandten diesen Trick an. Sie hatten verbotenerweise von einer Frucht gegessen. Gott stellte sie wegen ihres Ungehorsames zur Rede. Doch beide versuchten sich herauszureden. "Nicht ich bin dran schuld, sondern die Eva!" verteidigte sich Adam. "Sie hat mir die Frucht gegeben." Und diese Sätze sagte ein Mann, ein Mann, der doch sonst so großen Wert auf sein eigenständiges Handeln legt. Aber lieber behauptet er, ein Trottel seiner Frau zu sein, als zuzugeben, dass er schuldig geworden war. Und die Eva schiebt die Schuld auf die Schlange ab. "Sie war es! Sie ist schuld! Sie hat mich verführt!" will sie sich herausreden.

Bild: Auf andere zeigen

Eine andere beliebte Taktik ist, von seiner Schuld abzulenken. Man stellt Schuld als eine allgemeinmenschliche Erscheinung hin. "Die anderen sind auch nicht besser." ist ein beliebter Satz. "Die anderen haben auch Dreck am Stecken." Doch wird die eigene Schuld dadurch kleiner, wenn man auf die des anderen weist?

Bild: Fleck verstecken

Ein sicher oft unbewusst gemachter Versuch, Schuld loszuwerden, ist, sie zu verdrängen. Man will einfach nicht mehr an sie denken. Man tut so, als ob es sie nicht gäbe. Doch geht das überhaupt? Kann man Schuld gewissermaßen verstecken und somit loswerden? Oder wird man nicht vielmehr die Erfahrung machen, dass sie doch irgendwann einmal wieder auftaucht? Psychologen sagen, dass verdrängte Schuld den Menschen weiterbeschäftigt und auch körperlich und seelisch krank macht. Wir mögen Schuld verdrängen, vergessen. Aber einer wird sie ganz gewiss nicht vergessen: Das ist Gott.

Bild: Unter den Teppich kehren

Man kann Schuld unter den Teppich kehren, aber dort bleibt sie. Und wenn einer den Teppich wieder hoch hebt, dann sieht man sie wieder.

Bild: Fleck anmalen

Man kann Schuld gewissermaßen übertünchen. Aber sie wird irgendwann wieder einmal zum Vorschein kommen, vielleicht gerade dann, wenn es uns am peinlichsten ist.

Folgende Geschichte ist tatsächlich so passiert: Kurz vor Ende des 2. Weltkrieges wird das KZ Flossenbürg bei Weiden von den Deutschen geräumt. An einer Mauer ist rotes Blut von den Erschießungen der Häftlingen zu sehen. Die Wärter entschließen sich, diese Todesmauer mit weißem Kalk zu übertünchen. Drei Tage später kommen die Amerikaner. Und das Blut ist durch den Farbanstrich wieder zu sehen! Wir können unsere Schuld nie so übertünchen, dass sie für immer "gestrichen" ist.

Bild: Fleck am Kreuz

Es gibt nur eine einzige Möglichkeit, Schuld loszuwerden. Man sucht Vergebung bei Gott. Man bringt den schwarzen Fleck der Sünde zum Kreuz. Das heißt, man bringt seine Schuld im Gebet dem gekreuzigten Christus.

Wer unter uns schon einmal Vergebung seiner Sünden erlebt hat, der weiß, dass dies ein befreiendes Erlebnis ist. Es ist nichts Finsteres, Niederdrückendes sondern etwas Fröhliches. Auch heute in diesem Gottesdienst, bei der Beichte und beim Abendmahl darf jeder von uns diese froh machende Erfahrung machen. Die Last der Schuld soll abgenommen werden, der Druck darf weichen. Eigentlich müsste sich jeder von uns darauf freuen.

Und wer sich nicht darauf freut? Wer Vergebung nicht braucht? Für mich gibt es für diese Einstellung nur eine Erklärung: Er fühlt sich in seinem Dreck der Sünde wohl. Er möchte sie gar nicht loswerden, - und weiß gar nicht, auf was er verzichtet: auf die Möglichkeit neu, frei von aller Schuld, anfangen zu können.

Diese Möglichkeit gibt es für jeden und jede unter uns, auch für die, deren Schuld nach menschlichem Ermessen sehr schwer ist, auch für die, deren Schuld schon uralt ist, auch für die, die immer wieder die gleiche Schuld begangen haben.

Bei Gott gibt es keine hoffnungslosen Fälle. Auch wenn die Flecken der Sünde schon uralt sein sollten, auch wenn sie tief in unsere Seele eingedrungen sind. Bei Gott gibt es immer Hoffnung für Hoffnungslose.

Er hält die Tür für einen neuen Anfang auf. Du brauchst nur durch diese Tür zu gehen. Wir dürfen zu Jesus kommen, zu Gott umkehren, biblisch gesprochen "Buße tun". Man kann es nicht oft genug sagen: Buße tun, ist nichts Schlimmes und Finsteres. Es hat nichts mit quälenden Selbstvorwürfen zu tun, mit traurigen Gesichtern, die so düster sind wie der November. Buße tun heißt zu Gott umkehren können, wie der verlorene Sohn zu seinem Vater. Umkehren können - was für eine Chance! Vielleicht kann's nur der ermessen, der einmal in seinem Leben vor einer zugeschlagenen Tür gestanden hat. Wem man einmal ins Gesicht hinein gesagt hat: "Nein, mit dir nicht mehr! Mit dir will ich nichts mehr zu tun haben. Mit dir bin ich endgültig fertig. Schluss. Aus."

Hätte Gott nicht allen, so mit uns zu reden? Könnten wir uns dann beschweren? Aber er schlägt die Tür nicht zu. Er nennt zwar Sünde klar beim Namen. Aber stempelt uns nicht zu hoffnungslosen Fällen ab. Er sagt "ja" zu uns in seinem Angebot zur Umkehr.

Und dieses Angebot ist praktikabel. Wir können und brauchen uns auch nicht von unserer Schuld selbst reinwaschen. Sondern wir dürfen auf das vertrauen, was uns im Abendmahl angeboten wird: "Das Blut Jesu Christi, des Sohnes Gottes, macht uns rein von aller Sünde." Das Blut Jesu, das bei seinem Sterben geflossen ist, hat reinigende, befreiende Wirkung. Sünde kann in einem Augenblick ausgelöscht sein, wenn ich an die Vergebungskraft des Sterbens Jesu glaube. Der Prophet Jesaia sagte einmal das gewaltige Wort: "Wenn eure Sünde auch blutrot ist, soll sie doch schneeweiß werden." Ich brauche mir nur etwas zu nehmen, nur ein Wort, nur einen Satz: Dir sind deine Sünden vergeben! Wenn wir diesen Satz glauben, dann hat das ungeheure Folgen: Dann sind uns wirklich unsere Sünden vergeben.

Diese Vergebung kann ich heute während diese Gottesdienstes erfahren. Bei der Beichte kann jeder in der Stille seine persönliche Schuld vor Gott bekennen und die Vergebung glauben, die ich ihm im Namen Jesu zuspreche. Jeder von uns darf heute unbelastet von Schuld, froh und frei diesen Gottesdienst verlassen. Er muss seine Schuld nicht mehr weiter mit sich herumschleppen.

"Wie eine Braut soll seine Gemeinde sein. Schön und makellos" schreibt Paulus in dem Wort, das ich vorhin vorgelesen habe. Hast du schon einmal eine hässliche Braut gesehen? Ich nicht. Und ich habe schon eine ganze Menge verheiratet. Alle Bräute haben ein wunderschönes Brautkleid an. Sie sind sorgfältig frisiert und geschminkt. Und was sie am schönsten macht, ist ihr Strahlen. Warum strahlen sie? Weil an diesem Tag ihrer Hochzeit jemand "Ja" zu ihnen sagt. Die Liebe des Bräutigams macht sie schön, auch wenn sie niemals in ihrem Leben auf einem Laufsteg als Model laufen können.

Ich denke an eine besondere Hochzeit, von der ich gelesen habe, die von Joni Eareckson. Mit siebzehn Jahren trug sie nach einem Tauchunfall eine Lähmung davon. Die meisten ihrer mittlerweile über 50 Jahre verbrachte sie in einem Rollstuhl. Ihre Behinderung hält sie nicht davon ab, zu schreiben, zu malen oder über ihren Erretter Jesus Christus zu sprechen. Ihre Behinderung hielt sie ebenfalls nicht davon ab, ihren Mann Ken zu heiraten.

Sie freute sich sehr auf diesen Tag ihrer Hochzeit. Aber ein Umstand hätte ihr fast die Feier in der Kirche verdorben. Ihr Mann stand schon am Altar, und sie fuhr mit dem Rollstuhl auf ihn zu. Da entdeckte sie auf ihrem wunderschönen Brautkleid einen großen schwarzen Fettfleck - verursacht vom Rollstuhl. Dann rutschte auch das Blumenbouquet auf ihrem Schoß zur Seite und sie konnte es mit ihren gelähmten Händen nicht wieder hinrichten. Sie kam sich so hässlich vor und schämte sich sehr, als sie nach vorne fuhr.

Dann sah sie ihren Bräutigam. Ihre Blicke trafen sich und überraschenderweise änderte sich an diesem Punkt alles. Es spielte für sie keine Rolle mehr, wie sie aussah. Fettflecken? Verrutschte Blumen? Warum sollte ihr das etwas ausmachen? Sie fühlte sich nicht mehr hässlich oder unwürdig. Die Liebe ihres Bräutigams, die sie in seinen Augen spürte, wusch alles weg. Sie war die reine und vollkommene Braut. Das war das, was ihr zukünftiger Mann in ihr sah und was sie veränderte. Sie musste sich sehr zurückhalten, um nicht mit Höchstgeschwindigkeit den Mittelgang hinunterzurasen, um bei ihrem Bräutigam zu sein.

Auch wir haben unsere Flecken, die Flecken der Sünde, für die wir uns schämen. Doch wenn wir auf ihn sehen, Jesus Christus, den Bräutigam gewissermaßen, dann wird alles anders. Wenn von uns wegsehen und uns seiner Vergebung anvertrauen, dann werden diese Flecken uns nicht mehr belasten müssen.

Was die peinliche Situation für Joni schlagartig veränderte, war der liebevolle Blick des Bräutigams. Dieser liebevolle Blick des Bräutigams liegt jetzt auch auf uns, der Blick Jesu Christi. Wir sind nicht allein in diesem Raum. Er ist als der Lebendige und Auferstandene auch da und sieht uns an, mit einem liebevollen Blick wie der Mann Jonis. Er sieht nicht auf unsere Flecken der Sünde, sondern er sieht uns so an, als ob uns alles Böse schon vergeben wäre, ja noch viel mehr, als ob wir schon ganz anders wären, ganz rein und makellos. Es ist eben der Blick der Liebe. Die Liebe, auch Jesu Liebe, sieht uns nicht so an, wie wir sind, sondern so, wie wir sein sollten. Jesus sieht dich jetzt schon so, wie du in Zukunft sein sollst. Er sieht dich so, wie er dich verändern, was seine Liebe aus dir machen will.

Sieh dich doch auch so an! Nicht als einen Menschen, der voller Sünde und Schuld ist, sondern als einen Menschen, dem die ganze vergebende und auch verändernde Liebe Jesu gilt. Seine Liebe gilt auch dir, sein Vergebung und seine verändernde Kraft. Glaube für dich diese Liebe. Und du wirst erfahren, dass diese Liebe dich tatsächlich frei und froh macht und dich verändert.

Amen

© 2005 Dieter Opitz