Predigt zum Kreuz&Quer vom 24.03.05: "Komm so wie du bist" über 1. Korinther 11, 23-31

Liebe Gemeinde!

Ein junger Student macht sich – vor gut hundert Jahren - in die Weihnachtsferien auf. Die Frau, bei der er zur Untermiete wohnt, packt ihm in seinen Rucksack noch einige Sachen ein. Dann fährt er mit dem Zug nach Hause. Wie er am Bahnhof aussteigt, war ein gewaltiges Schneetreiben. Er muss noch zu Fuß in sein Heimatdorf laufen, über drei Stunden. Und er macht sich auf den Weg, trotz des Schneesturmes. Doch seine Kräfte erlahmen. Unweit des Dorfes bricht er entkräftet zusammen. Als er seine Augen aufschlägt, ist er zu hause. Man hat ihn gefunden. Er macht seinen Rucksack auf und findet darin alles, was ihm unterwegs geholfen hätte. Die fürsorgliche Wirtin hat Weißbrot und eine kleine Flasche Wein eingepackt.

Ob nicht auch viele unwissend an einer großen Stärkung vorbeigehen, wenn sie nicht zum Abendmahl gehen? Brot und Wein beim Abendmahl wollen uns neue Kraft geben für unseren Lebensweg. Und doch brauchen anscheinend viele diese Kraft nicht oder wissen nicht darum. Auch wir, die wir heute zum Abendmahl gehen, müssen uns prüfen: Wie, mit welcher Einstellung und Haltung, empfangen wir denn Brot und Wein? Man kann sich zu dieser Frage zu wenig aber auch zu viel Gedanken machen. Man kann zu leichtfertig oder zu ängstlich das Abendmahl empfangen. Dazu gleich später.

Doch zunächst wollen wir uns mit der Frage beschäftigen: Was ist denn das Abendmahl für eine besondere Handlung? Es hat einen ganz bestimmten geschichtlichen Hintergrund. Jesus feierte mit seinen Jüngern das Passahmahl. Dies ist bis auf den heutigen Tag eine jüdische Feier mit einer ganz bestimmten Speisenfolge. Während dieses Festessens spricht Jesus jene unglaublichen Sätze: „Dies ist mein Leib!“ und „Dies ist mein Blut!“ Beim Abendmahl, beim Essen des Brotes und dem Trinken des Weines kommt Jesus bis auf den heutigen Tag auf geheimnisvolle Weise zu uns, und zwar nicht nur als Gedanke, nicht nur geistig, sondern ganz real, ganz persönlich. Er isst und trinkt mit uns, so wie er vor 2000 Jahren mit seinen Jüngern gegessen und getrunken hat. Er selber ist da, leibhaftig, auch wenn wir ihn nicht sehen, aber doch greifbar in einer Oblate und einem Schluck Wein.

Gottes Sohn soll in einem Stück Brot und einem Schluck Wein anwesend sein? Man kann sich leicht über diese Aussage lustig machen, wie es ja immer wieder geschieht. Aber dass Jesus das Abendmahl eingesetzt hat, passt ganz genau zu ihm, wie er geredet und gehandelt hat. Er selber, der Sohn Gottes, war ja auch verborgen in der Gestalt eines verletzlichen und sterblichen Menschen. Er wurde als Mensch geboren, lebte wie ein Mensch, aß und trank wie ein Mensch, fror und weinte wie ein Mensch und starb auch wie ein Mensch. Warum? Um uns nahe zukommen, so nahe wie es nur geht. Er zahlte einen hohen Preis dafür. Es kostete ihn schließlich das Leben. Doch das alles, Hohn und Spott und schließlich der Tod, nahm er in Kauf, nur um als Mensch bei uns Menschen zu leben und uns seine Liebe zu zeigen.

Im Heiliggeist-Hospital in Lübeck, dem ältesten Altenheim der Welt, ist in der Kapelle ein Stein, der Christus in der Weinpresse darstellt. Christus wird wie die Weintrauben zusammengepresst. Gott selber dreht die Spindel. Die Gestalt des Sohnes wird immer jämmerlicher. Aber draußen fließt der Wein, der Abendmahlswein. Ein grausames und abstoßendes Bild, sicher. Aber doch ein Abbild der Wirklichkeit. Jesus musste leiden, damit wir die Frucht dieses Leidens beim Abendmahl bekommen.

Auch beim Abendmahl kommt er zu uns, in der Gestalt von Brot und Wein. Unbegreiflich für unseren Verstand, aber doch wahr. Denn er selber hat es so gesagt. Er kommt sogar in uns hinein. Nicht in unseren Magen. So dürfen wir das Abendmahl nicht missverstehen. Sondern in unser Herz, das heißt in das Wesen unserer Person. Er kommt zu dir, in deine innerste Gedankenwelt, in deine Träume und Sehnsüchte, in deinen Charakter mit all seinen Macken und Ecken, in deine Ängste und Sorgen, ja auch in deinen Körper mit seinen Schwächen und Krankheiten.

Und wo er hinkommt, da bleibt nichts so, wie es ist. Jesus ist der große Veränderer, Verwandler. Beim Abendmahl kommt etwas Neues ins Leben hinein, in unsere Seele, in unseren Geist, in unseren Körper, etwas von Jesu Liebe, seinem Frieden, seiner Freude, seiner Geduld, seiner Kraft, von seinen Kräften, die unserem Körper und unserer Seele gut tun, heilende Kräfte, die uns von mancher Krankheit wieder gesund machen wollen. So haben es manche erlebt: nach dem Abendmahl waren sie von einer bestimmten Krankheit wieder gesund. Sie waren froh und frei. Es fielen Ängste und Sorgen von ihnen ab, die sie vorher quälten. Solche Erfahrungen sollten eigentlich nicht die Ausnahme sondern der Normalfall beim Abendmahl sein. Denn wo der Auferstandene selber präsent, gegenwärtig ist, da muss sich doch etwas in unserem Leben verändern, da muss doch etwas von seiner Auferstehungskraft wirksam werden. Wenn du Brot und Wein zu dir nimmst, kommt ein Stück Ewigkeit in dein Leben hinein, also etwas, das nicht vergeht. Was du im Abendmahl geschenkt bekommen hast, das bleibt dein Leben lang, seine Vergebung, seine Liebe, seine heilenden Kräfte. Es gehört dir. Halt es nur fest, damit du es nicht mehr verlierst!

Und wenn du es doch wieder verlierst? Wenn du doch wieder sündigst, zweifelst und versagst? Darf man dann wieder zum Abendmahl kommen, immer wieder? Ja, immer wieder, gerade dann immer wieder.

Paulus spricht hier zwar von unwürdigen Teilnehmern beim Abendmahl. Aber damit sind die gemeint, die damals in Korinth vorher zusammen kamen und ein mehrgängiges Festmenü zu sich nahmen, aber die Armen waren da nicht eingeladen. Die mussten mit hungrigem Magen zum Abendmahl, während die Reichen sich vorher den Bauch vollgeschlagen hatten. So ein Verhalten nennt Paulus unwürdig, weil es lieblos und hochmütig war.

Aber wer unter seiner Sünde leidet, der ist nicht unwürdig. Der, gerade der darf kommen, so wie er ist. Es sind auch unter uns welche, die nehmen es ernst mit ihrem Christsein, und sind deshalb auch oft traurig, weil sie doch immer wieder versagen. Lass dich dadurch nicht abhalten, zu glauben, dass Jesus dich trotzdem lieb hat, dass er trotzdem für dich am Kreuz gestorben ist und sein Blut für dich vergossen hat. Wir sind eben noch keine Heiligen und werden es auch unser Leben lang nicht werden. Und das ist gut so. Denn Jesus ist für Sünder gekommen und gestorben, für die, die seine Liebe und Vergebung immer wieder brauchen. Die dürfen und sollen auch zum Abendmahl und sich ja nicht abhalten lassen. Was Jesus am Kreuz an Gutem getan hat, das ist immer mehr als das, was du an Bösem getan hast. Seine Erlösungskraft ist immer größer als die Kraft unserer Sünde, seine Reinheit ist immer stärker als unser Schmutz, sogar stärker als die schmutzigsten Verbrechen.

Im November 1945 wird der amerikanische Geistliche Gericke Seelsorger für die als Kriegsverbrecher angeklagten Nazigrößen. Er begleitete diese Männer, die oft Furchtbares getan hatten bis zu ihrer Hinrichtung. Die meisten lehnten bewusst einen Heiland, der für sie gestorben war, ab. Einen bat Gericke vor seiner Hinrichtung, ob er für ihn beten dürfe. Er sagte lächelnd: „Nein, danke!“ Er lebte ohne Retter und starb auch ohne Retter. Ein zweiter ging mit einem „Heil Hitler!“ in die Ewigkeit. Ein dritter, der Luftwaffengeneral Göring, weigerte sich, anzunehmen, dass Christus für Sünder starb. Er leugnete bewusst die Kraft des Blutes Jesu. Eine Stunde später nahm er sich das Leben. Aber es gab auch andere: Wenigstens drei von zehn, die zum Tode verurteilt wurden, kamen noch zum Glauben an Jesus Christus. Diese drei feierten zusammen mit Gerecke vor ihrer Hinrichtung das Abendmahl. Es war für den Pfarrer bewegend, als er merkte, wie Gott ihre Herzen veränderte. Sie saugten die Botschaft von der erlösenden Kraft des Blutes Jesu förmlich in sich auf. Auch sie konnten und durften glauben, dass Jesus sie angenommen hatte.

Paulus schreibt: „Wenn wir uns selbst richteten, würden wir nicht gerichtet.“ Und Luther drückt diese Wahrheit so aus: Wenn unser Herz uns verteidigt, klagt uns Gott an. Aber wenn unser Herz uns anklagt, dann verteidigt uns Gott.

Es kommt beim Abendmahl nicht auf Äußerlichkeiten an, nicht auf feierliche Kleider oder ernste Gesichter. Entscheidend ist nur, dass du als Sünder kommst, der denkt und weiß: Ich brauche wieder Vergebung, viel Vergebung. Das darfst du auch heute dir beim Abendmahl nehmen: Nicht nur ein bisschen Vergebung, ein bisschen Liebe und Kraft, sondern die ganze Vergebung, die ganze Liebe Jesu und seine ganze Kraft. Im Abendmahl begegnet dir ja nicht nur ein bisschen Jesus, sondern der ganze Jesus mit all seinen Gaben.

Eine seiner Gaben ist auch die gegenseitige Liebe. Das Abendmahl verbindet uns auch miteinander. Wenn ich mit einem gemeinsam den Leib und das Blut Jesu Christi empfangen habe, dann kann ich doch nichts mehr gegen ihn haben, dann kann ich ihm seine Fehler nicht mehr vorhalten, im Streit mit ihm leben oder irgendwelche Vorurteile gegen ihn haben. Denn er hat ja die gleiche Vergebung bekommen wie ich. Er hat den gleichen Christus empfangen wie ich. Beim Abendmahl fallen auch allen äußeren Unterschiede weg. Ob hoch gebildet oder weniger intelligent, ob reich oder arm, ob einer im Leben viel erreicht hat oder ob er es menschlich gesehen verpfuscht hat, ob schwarz oder weiß, all das spielt beim Abendmahl keine Rolle mehr. Da wird schon die neue Gesellschaft im Reich Gottes geprobt, bei der auch all diese äußerlichen Unterschiede keine Rolle mehr spielen.

In Südafrika besucht ein Seelsorger einen schwarzen Gefangenen, der um einen Besuch und das Abendmahl gebeten hat. Das Gespräch und die kleine Feier werden von einem weißen Aufseher bewacht. Zu dritt sind die Männer in einem Raum eingeschlossen. Als er mit dem Abendmahl beginnt, sagt der Pfarrer zu dem Gefängniswärter: „Wir Christen feiern das Abendmahl auch im Gefängnis als offene Gemeinde und als Zeichen der Freiheit, die für alle bereit ist“ und bittet den Aufseher, am Abendmahl teilzunehmen. Zögernd kommt der Wärter dazu. Der Pfarrer bricht das Brot für alle drei und gibt den Kelch dem Gefangenen dann dem Aufseher und alle trinken aus dem einen Kelch. Zur Segensbitte reichen sich die Männer die Hände und wünschen sich den Frieden Gottes.

Über alle Unterschiede und Gegensätze hinweg, leben alle von einem Brot der Vergebung und trinken alle aus einem Kelch der Versöhnung. Schwarze und Weiße, Gefangene und Wärter können sich durch die Liebe Jesu die Hand reichen.

Das Abendmahl ist das Mahl der Versöhnung. Deshalb kannst du doch auch nach diesem Abendmahl dem die Hand reichen, der dir einmal weh getan hat oder der dir unsympathisch ist. Deshalb muss von dir nicht bloß eine kalte und gleichgültige Atmosphäre sondern es kann von dir Liebe ausgehen. Nicht nur du, sondern auch die anderen um dich herum brauchen diese Jesusliebe, deine Freunde und Bekannten, auch deine Geschwister und Eltern.

Lass sie nicht alleine, wenn sie dich brauchen. Jesus lässt dich ja auch nicht alleine. Er ist ja immer bei dir, auch und gerade in allen schwierigen und scheinbar hoffnungslosen Lagen. Und andere um dich herum, die auch an Jesus glauben, lassen dich ebenfalls nicht alleine. Wenn du an Jesus glaubst, bist du gleichzeitig in einer Gemeinschaft, wo du nicht im Stich gelassen wirst, sondern wo andere sich um dich kümmern, dir helfen und für dich beten. Das glaube, und du wirst es auch so erleben. Du bist nicht allein.

Amen

© 2005 Dieter Opitz