Predigt zum Kreuz&Quer vom 16.01.05: "Alles egal?" über 2. Mose 2, 1-14

Liebe Gemeinde!

Wo finde ich Gott? Um diese Frage geht es auch in der Geschichte, die wir eben gehört haben. Die Antwort darauf hat uns heute, 3000 Jahre nachdem Mose dieses Ereignis erlebt hat, immer noch etwas zu sagen.

Wo finde ich Gott? Diese Frage bewegte auch zwei Mönche, von denen uns eine mittelalterliche Legende erzählt. Sie lasen in einem klugen Buch: Gott sei am Ende der Welt zu finden. Dort befände sich eine Tür, und wenn sie diese Tür öffnen, dann würden sie Gott begegnen. So machten sie sich auf den Weg, erlebten unzählige Abenteuer, bestanden unzählige Schwierigkeiten. Schließlich gelangten sie an diese in dem Buch beschriebene Tür. Bebenden Herzens öffneten sie sie, - und sie standen wieder in ihrer alten Klosterzelle, von der sie aufgebrochen waren.

Diese alte Geschichte will uns also sagen: Gott begegnet uns da, wo wir sind, mitten im Alltag. Es muss nicht Sonntag sein, es muss keine Kirche sein, es muss nicht auf einer christlichen Freizeit sein, Gott kann mir grundsätzlich überall begegnen, - aber immer durch sein Wort.

Auch Mose macht die Erfahrung: Er erlebt Gott im Alltag, mitten im öden Alltag seines Hirtendaseins. Er steht seit 40 Jahren auf dem Abstellgleis. So dramatisch und vielversprechend sein Leben anfing, so eintönig schleppt es sich jetzt dahin. Er wuchs als Findelkind am Hof des Pharao auf. Doch er vergaß nicht, dass er zu einem Sklavenvolk gehörte, den Hebräern, die die Ägypter brutal unterdrückten und ausbeuteten. Ein eigenmächtiger Versuch, seinem Volk zu helfen, scheiterte. Mose wurde zum Mörder und musste in die Einsamkeit der Wüste fliehen. Dort vergeudete er scheinbar die besten Jahre seines Lebens als Schafhirte. 40 Jahre lang war Mose ein Nomade, das heißt ein Hirte, der mit seiner Herde herumzog, ohne eine feste Bleibe zu haben. Er wurde alt dabei, sein Leben schien gelaufen.

Doch die aufregendsten Jahre standen ihm noch bevor. Gott hat nämlich Mose nicht vergessen. Er hat ihn nur einen Umweg geführt und hat noch viel mit ihm vor. Als Mose ganz ruhig geworden ist, beginnt Gott mit ihm zu reden. Nachdem er sein heißes Temperament vier Jahrzehnte hat abkühlen lassen, tritt GOTT ihm nun als Feuer entgegen. Mose sieht den brennenden Dornbusch.

Auch wenn wir denken, wir sind von Gott aufs Abstellgleis gestellt worden, wir verbringen unser Leben unnütz, die Tage verrinnen scheinbar sinnlos und langweilig, so kann unser Dasein doch ganz plötzlich eine Wende, vielleicht sogar dramatische Wende, nehmen, wie bei Mose. Auch wenn Gott uns scheinbar ins Abseits führt, heißt das noch lange nicht, das er uns nicht gebrauchen kann. Oft ist sogar das Gegenteil der Fall.

Mose will sich diese merkwürdige Naturerscheinung etwas genauer unter die Lupe nehmen: einen Dornbusch, der brennt und doch nicht verbrennt.

Er denkt nicht: Ist mir doch egal, was da mit dem Busch los ist. Ich hüte meine Schafe. Das ist mein Job. Ansonsten will ich meine Ruhe haben. Außerdem: So ein Feuer, das keine Asche produziert, ist mir zu unheimlich. Damit will ich nichts zu tun haben. Das ist mir zu unheimlich. Zu gefährlich.

So denken viele Menschen, die von dem lebendigen Gott der Bibel etwas hören. Damit will ich nichts zu tun haben! Nur diesem Gott nicht zu nahe kommen! Da könnte man ja selber Feuer fangen und dabei ein anderer Mensch werden. Nein, nein, lieber führe ich mein bequemes Alltagsleben weiter!

So denkt Mose nicht. Er ist neugierig. Und seine Neugierde hat in diesem Falle etwas Gutes: Interessiert kommt er näher, um das Rätsel zu lösen. Da hört er eine Stimme. Es ist Gott, der ihn anredet. Mose zieht aus, um Grünfutter für seine Schafe zu suchen, - und er findet Gott.

So kann es vielleicht auch manchem unter uns ergehen. Er geht aus Neugierde in die Kirche, um zu sehen, was da los ist und wird dabei von Gott gepackt.

Vielleicht bist du heute von jemand eingeladen worden. Und du bist gekommen. "Mal sehen, was die Christen hier so machen." Und dann triffst du auf einmal auf Gott.

Es kann einem auch heute in diesem Gottesdienst so gehen wie Mose: Aus einem Neugierigen wird ein Betroffener und aus einem kühl Beobachtenden ein Gerufener. Mose wird bei seinem Namen gerufen und begreift: Hier geht es um mich, ich bin gemeint. Und Mose meldet sich zur Stelle: "Hier bin ich."

Der Gott seiner Vorväter war Mose sicher von seiner Erziehung her bekannt. Aber das reichte nicht. Gott sollte und wollte mit ihm in eine persönliche Verbindung treten. "Gott hat keine Enkel, sondern nur Kinder!"

Diese Gottesbegegnung hatte es in sich. Sie gab dem ganzen Leben von Mose eine neue Richtung und ein neues Ziel. Echte Gottesbegegnung bringt das Leben eines Menschen durcheinander. Der Gott der Bibel ist kein bequemer Gott, der mich so lässt, wie ich bin, der mir in nichts hineinredet, der mit meinem Alltag nichts zu tun hat, der keinen Anspruch auf mein Leben erhebt.

Gott ist nicht so harmlos, wie viele Menschen ihr Leben lang von Gott denken, - sogar noch auf dem Sterbebett.

Die Schwedin Selma Lagerlöf schildert in ihrem Roman "Gösta Berling" das Sterben eines alten Bauern. Um ihn herum stehen die Angehörigen und das Gesinde, die Knechte und Mägde. Der alte Mann spricht von sich selbst und sagt: "Ich bin doch ein fleißiger Arbeiter gewesen und ein guter Hausherr!" Alle nicken. "Und ich habe nicht getrunken, ich habe nicht gestohlen, ich habe die Ehe nicht gebrochen, Gott wird mir einen sehr guten Platz im Himmel geben!" Das Gesinde um ihn herum nickt zustimmend. Da tritt auf einmal ein Fremder ins Sterbezimmer herein. Er hat mitgehört, was der sterbende Bauer gesagt hat. Er tritt an das Krankenbett, ergreift die Hand des Kranken und sagt: "Mein Freund, hast du bedacht, wer der Herr ist, vor dem du treten sollst, vor dessen Angesicht du jetzt kommen musst? -Von dem Feuer und Glanz ausgeht, dass ein Mose erschrickt und eine Stimme ihm zuruft: ,Zieh deine Schuhe aus, das Land, darauf du stehst, ist heiliges Land!'?" Dieser alte Bauer hatte gar keine Verbindung mit dem wahren, heiligen Gott gehabt. Er gibt sich einen guten Platz im Himmel und damit spricht er sich selber einen Platz in der Hölle zu.

Mit diesem heiligen Gott der Bibel kann ich nicht wie mit einem gutem Kumpel umgehen. Er ist der Gott, von dem Feuer ausgeht, wie in dieser Geschichte. Wer ihm begegnet, der merkt, dass ein ungeheuerer Abstand zwischen beiden besteht: Dort der wunderbare, heilige und reine Gott, und da der erbärmliche, unheilige und unreine Mensch.

Und wo begegnet mir Gott nun? In seinem Wort. Gott redet mit dir und mir selten so unmittelbar wie hier in dieser Geschichte mit Mose. Aber er spricht mich an, wenn ich die Bibel lese, oder wenn ich wie heute in einem Gottesdienst bin. Wo Menschen in seinem Auftrag reden, da höre ich die Stimme Gottes.

Dieser Gott schickt mich nicht weg, wenn er mich anspricht. Auch einen Mose hat er nicht fortgejagt, obwohl er ganz genau wusste, wer er war: ein Mörder, der aus seiner Heimat fliehen musste. Sondern er ruft mich zu sich. Ganz persönlich spricht er mich mit meinem Namen an, so wie damals den Mose. Und diese Anrede will uns von aller Furcht, die man in der Nähe Gottes empfinden kann, befreien. Beim Propheten Jesaia lesen wir, wie Gott das Volk Israel anredet: "Fürchte dich nicht, ich habe dich erlöst, ich habe dich bei deinem Namen gerufen. Du bist mein." Gott ruft dich bei deinem Namen. Das heißt, er will mit dir eine ganz persönliche Beziehung eingehen und eine ganz spezielle Geschichte mit dir haben. Und diese Geschichte fängt immer mit seiner Vergebung an. Er bietet dir einen Neuanfang an. Die Vergangenheit ist ausgelöscht. Sie zählt bei Gott nicht mehr. All das, was dich von ihm trennt, nimmt er selber weg. Er ist ein heiliger, für uns Menschen unnahbarer Gott. Aber trotzdem sehnt er sich nach unserer Nähe. Nicht weil er uns braucht, sondern weil wir ihn brauchen. Deshalb ruft er uns zu sich - mit dem Wort seiner Vergebung, - immer wieder, - auch heute.

Diese Geschichte, die mit der Vergebung anfängt, geht dann auch weiter. Wenn Gott uns vergeben hat, entlässt er uns nicht wieder in unser altes Leben. Sondern er möchte uns gebrauchen, unser Leben in eine neue Richtung bringen.

Gott fordert Mose auf, seine Sandalen auszuziehen. Es handelt sich dabei um eine Symbolhandlung aus dem Rechtsleben. Wenn jemand auf sein Recht verzichtete, zum Beispiel auf eine Erbschaft, dann zog er seine Schuhe aus. Wenn ich zu Gott komme, dann kann ich auch nicht mit Rechtsansprüchen kommen. Dann bestimmt er, was ich zu tun und zu lassen habe. Ich verzichte also freiwillig darauf, mein Leben selbst zu bestimmen und zu dirigieren. Ich bin bereit, die Aufträge Gottes entgegen zu nehmen. Zumindest im Prinzip. In der Praxis des Glaubensalltages sieht es mit dem Gehorsam Gott gegenüber oft schwer aus. Genauer gesagt: Wir machen es Gott schwer. Wir schrecken oft vor dem, was Gott von uns verlangt, zurück.


Auch Mose reagiert, gelinde gesagt, sehr zurückhaltend auf den Befehl Gottes. Er soll nach Ägypten zurückkehren, also in das Land, aus dem er 40 Jahre vorher geflohen war. Und dann soll er zum ägyptischen König, dem Pharao gehen, und ihm sagen: "Lass mein Volk ziehen!" Dann soll Mose, der Viehhirte, das Volk der Israeliten aus Ägypten in ihre alte Heimat, nach Kanaan, zurückführen.

Als Mose die Pläne Gottes erfährt, ist ihm klar: Das ist nicht mein Ding. Da mache ich nicht mit. Er weigert sich, nicht nur einmal, nicht nur zweimal, auch nicht dreimal, sondern insgesamt viermal. Er hat durchaus begründete Einwände: Der Pharao, der mächtigste Mann der Welt, wird doch auf mich, einen Schafhirten, nicht hören. Mein Volk wird mir auch nicht glauben. Und schließlich: Ich habe ja gar keine rednerische Begabung. Mit einem Wort: Ich bin für dich der falsche Mann. Immer wieder will Gott ihm Mut machen. Aber Mose will nicht. Schließlich sagt er sogar: "Mein Herr, sende, wen du senden willst, -aber mich nicht!"

Vielleicht hat Gott mit dir auch schon geredet und bestimmte Dinge verlangt wie: Ändere dein Leben! Mach mit dieser Beziehung Schluss, die dir nicht gut tut! Hör mit dem Rauchen auf! Ändere die Beziehung zu deinen Eltern, Kindern oder deinem Ehepartner! Oder: Arbeite in der Gemeinde mit! Da gibt es so viel zu tun, in der Kinder- oder Jugendarbeit! Da könnte ich dich gebrauchen!

Aber du hast auch darauf so wie Mose reagiert: Das ist mir zu viel! Das schaffe ich nicht! Das ist eine Überforderung! Ich hab' doch so schon genug um die Ohren, da kann ich nicht auch noch das tun! Und außerdem: Ich bin nicht der Typ, der zu einem guten Christen und erst recht nicht zu einem Mitarbeiter taugt.

Wer so redet, so wie Mose ja auch geredet hat, der muss wissen, was er Gott antut. Er beleidigt ihn. Denn im Klartext sagt er dann ja Gott: Ich misstraue dir. Du sagst zwar, du meinst es gut mit mir, aber in Wirklichkeit willst du mich nur ausnutzen und überfordern und mich für eine Sache einspannen, die ich nicht kann.

Viel besser ist es, Gott zu vertrauen und zu sagen: Ich mache das, was du von mir haben willst. Und ich kann es auch. Denn du gibst mit deine Kraft dazu. Du lässt mich nicht im Stich. Du willst mit mir sein.

Angst lähmt, macht träge und faul. Aber Vertrauen auf Gottes Macht und Hilfe gibt dir Mut und macht dich aktiv.

Ein Junge stand im Fenster eines brennenden Hauses. Er schrie vor Angst. Der Rauch hüllte ihn ein und nahm ihm den Atem. Der Vater kam herzu und rief zu dem Jungen herauf: "Spring, ich fange dich sicher auf!" Der Junge weinte: "Ich sehe dich nicht, Vater!" Aber der Vater rief: "Aber ich sehe dich! Und nun spring, ich fange dich!" Und obwohl der Junge nichts sah, vertraute er seinem Vater und sprang durch das Dunkel in seine Arme.

So fass du dir doch auch ein Herz. Tu das, was Gott von dir will! Setz dich in Bewegung und du wirst sehen: Gott lässt dich nicht im Stich. Du fällst nicht in einen Abgrund, sondern Gott fängt dich auf. Er gibt dir alles, was du für deine Aufträge brauchst.

Auch ein Mose machte sich schließlich doch noch auf den Weg und gehorchte Gott. Es wurde noch ein schwerer und steiniger Weg, aber auch ein wunderbarer und gesegneter Weg. Größere Abenteuer als Mose hat vorher und nachher kaum einer erlebt. Unter eines litt er ganz gewiss nie mehr in seinem Leben: unter Langeweile.

Und wenn du Schritte des Gehorsams im Vertrauen auf Gott wagst, dann wirst du dich auch wundern, was Gott aus deinem Leben noch alles machen wird. Dieser Weg wird nicht immer einfach sein. Du wirst auch manches mal stolpern und fallen. Aber wenn du wieder aufstehst und weitergehst, wirst du lauter Wunder erleben. Du wirst erfahren, wie Gott sich zu dir stellt und was er aus deinem Leben Großartiges macht. Du wirst erfahren, wie er dich formt und verändert. Geh die Wege Gottes, die er dir zeigt, mit. Du kannst nichts besseres tun.

Amen

© 2005 Dieter Opitz