Kreuz und Quer vom 17.11.2004 - “Return” über 2. Samuel 12,1-13

Liebe Gemeinde!

„Du bist dieser Mann!“ Diese Worte bekam ein mächtiger, erfolgreicher und hoch angesehener Mann zu hören. Es war der König David. Es waren Worte wie Peitschenhiebe, Worte, die sehr weh taten. Sie bezogen sich auf das, was er am liebsten verdrängt hätte. Es war der dunkelste Punkt im Leben Davids. Der König brach mit der Frau Urias, einem seiner Offiziere, die Ehe. Bathseba, so hieß diese Schönheit, erwartete nun ein Kind von David. Um die ganze Sache zu vertuschen und um Bathseba heiraten zu können, fasst der König einen gemeinen Plan. Der Oberbefehlshaber der Truppen soll den Offizier Uria im Krieg gegen die Ammoniter an die vorderste Frontlinie stellen, dorthin, wo es am gefährlichsten ist. Und der Plan geht auf. Uria fällt im Kampf. David kann Bathseba heiraten. Das Kind kommt ein bisschen früher wie üblich zur Welt. Ansonsten scheint Gras über diese üble Angelegenheit zu wachsen, - meint David.

Doch in ganz Jerusalem sprach man mit vorgehaltener Hand von dieser empörenden Tat von David: „Hast du schon gehört? Einfach unglaublich...“ Aber keiner wagte es, ihm ins Gesicht zu sagen, außer einem, außer dem Propheten Nathan. Wie er es tat, davon lesen wir im 2. Buch Samuel, Kapitel 12.

(2. Samuel 12,1-13 vorlesen)

Man kann die Geschichte von dem Fehltritt Davids total missverstehen. Es ist keine Sensationsstory über die Sünden der Reichen und Mächtigen. Die Bibel ist nicht die Bild-Zeitung, die genüsslich das üble Verhalten mancher Promis einem gierigen Millionenpublikum ausbreitet, natürlich unter dem Deckmantel der moralischen Entrüstung. „Einfach unmöglich, wie Oli Kahn mit seiner Frau umgegangen ist, oder wie der Karsten Speck seine Betrügereien gemacht hat.“

Wenn die Bibel von Schuld redet, meint sie nie die Schuld des anderen sondern immer die eigene. Es geht immer um die Erkenntnis, zu der auch David in unserer Geschichte geführt wurde: Du bist der Mann! Du bist die Frau! Nicht der hinter, vor oder neben dir sitzt, hat Schuld auf sich geladen, sondern du! Auch wenn man nichts ahnt von seiner Sünde, wenn man sie ganz und gar vergessen und verdrängt hat, irgendwann kann sie einem wieder zu Bewusstsein kommen, wie bei David.

Ein Schriftsteller erzählt einmal die Geschichte von einem schlaflosen Mann, der sich einen Spaß daraus macht, andere Leute nachts anzurufen, um ihnen Angst einzujagen. Er wählt die Nummer eines wildfremden Mannes und sagt durchs Telefon: „Hören Sie mir gut zu. Es ist alles entdeckt. Alles, verstehen Sie? Ich möchte Ihnen raten: Fliehen Sie, solange Ihnen noch Zeit bleibt.“ Nach einer halben Stunde kommt ein Taxi, das Opfer des Anrufs fährt mit zwei Koffern davon. Der Schlaflose wiederholt dieses Spiel noch einige Male mit dem gleichen Erfolg.

So einen Anruf wie in dieser Geschichte haben wir wohl noch nicht bekommen. Aber den Telefonanruf unseres Gewissens kennen wir alle. Vergangene Begebenheiten fielen uns wieder ein. Auf einmal standen sie vor unserem inneren Auge und klagten uns an.

Gott möchte, dass wir ehrlich unsere Schuld eingestehen. Denn nur dann kann er sie uns auch vergeben. Er kann dies nicht tun, wenn wir uns hinter der Schuld der anderen verstecken, wenn wir vom anderen denken: Du bist der Mann!

Vielleicht kennen Sie das Stück von Heinrich Kleist „Der zerbrochene Krug“. Da geht es um den Dorfrichter Adam, der einen Kriminalfall verhandelt. Ein unbekannter Mann hat sich in das Zimmer eines Mädchens eingeschlichen. Aber er wird verscheucht. Bei der Flucht aus dem Fenster zerbricht der Eindringling einen alten bemalten Krug. Ein junger Mann wird der Tat bezichtigt und angeklagt. Der Dorfrichter versucht, ihn als Täter hinzustellen. Aber im Laufe des Prozesses stellt sich heraus, dass Adam selbst jener unbekannte Eindringling war. Der Ankläger wird zum Angeklagten.

So ergeht es auch David. Er ist zunächst empört über das Verhalten des reichen Mannes, von dem ihm Nathan erzählt. Doch dann wird er zutiefst getroffen, als ihm der Prophet klarmacht, dass er ganz genauso gehandelt hat wie der, der einem armen Mann das einzige Schaf weggenommen hat.

Man sagt: Wenn ich mit dem Finger auf andere weise, zeigen drei auf mich zurück. Das heißt in mir selber steckt auch das Böse, das ich dem anderen vorwerfe. In der einen oder anderen Form habe ich es selber vielleicht auch schon getan.

Eine junge Frau erzählt im Cafe ihrer Freundin von ihrem Chef. „Wenn er mit mir spricht, ist immer nur freundlich und lobt mich. Aber hinten herum macht er mich schlecht. Soll er mir doch sagen, was ihm nicht passt. Der ist ja scheinheilig, vor dem hab’ ich keine Achtung mehr.“

Da betritt der Chef das Cafe. Das Gespräch verstummt. Freundlich begrüßt die Frau ihren Chef: „Das freut mich aber, dass ich Sie hier treffe. Wollen Sie sich nicht zu uns setzen?“ – Tut sie nicht das, wofür sie ihren Chef verachtet?

Tun wir nicht auch oft das, wofür wir andere verachten? Es ist oft gar nicht so einfach, zu erkennen und dann auch zuzugeben, dass wir nicht besser sind als der, über den wir uns empören, ja vielleicht sogar schlechter. Denn von Natur aus sind wir dazu geneigt, dass wir hellwach sind für die Fehler des anderen aber blind für unsere eigenen. Wir möchten lieber gerne als solche dastehen, die im Großen und Ganzen doch prima Kerle sind.

Diese Haltung ist nicht nur nicht ehrlich. Wer sich seiner Schuld nicht stellt, verzichtet auch auf die Erfahrung einer großen Freiheit und Freude, die Freiheit und Freude, die uns die Vergebung Gottes gibt. Und deshalb muss auch in einem Gottesdienst von Sünde gesprochen werden. Es geht nicht darum, einen anderen fertig zu machen. Es geht nicht darum, einem einen Schuldkomplex einzureden. Es geht auch nicht darum, im Leben eines anderen so lange herumzustochern, bis etwas Unrechtes ans Licht kommt. Sondern es geht darum, die Macht der Sünde zu brechen.

Wir brauchen Männer und Frauen wie Nathan, die in Liebe und Klarheit es wagen, Sünde beim Namen zu nennen. Wir brauchen auch die 10 Gebote, anhand derer wir uns selber erkennen können. Wir brauchen die Stücke zur Beichte in unserem Gesangbuch. Wir brauchen Predigten, die Sünde beim Namen nennen. Denn wir können nur dann unsere Schuld erkennen, wenn Gott selber uns anspricht, durch das, was andere Menschen in seinem Namen zu sagen haben, oder was ich in seinem Wort lese.

Gottes Wort ist wie ein Licht, das in mein dunkles Leben hineinleuchtet und so manches sichtbar macht, was wir vorher gar nicht bemerkt haben.

Wir sind in der Lage eines Menschen, der in einem finsteren Kohlenkeller sitzt. In der Dunkelheit kann er sich einbilden, dass er doch ganz sauber wäre. Aber sobald Licht in den Keller kommt, kann er schnell seinen Irrtum bemerken, wie er über und über mit Kohlestaub bedeckt ist.

Die gleiche Wirkung wie das Licht hat das Wort Gottes, vorausgesetzt, wir setzen uns ihm aus und schließen nicht vor seiner aufdeckenden Wirkung die Augen. Auch im Leben von David wird es hell, durch die Worte Nathans: “Du bist der Mann!“ Was soll er nun tun? Der große König hat erkannt: Ich bin ja viel schuldiger als mancher, über den ich das Urteil gesprochen habe. Soll er seine Schuld leugnen? Soll er Nathan aus dem Palast werfen oder ihn wegen Majestätsbeleidigung verhaften lassen?

David stellt sich Gott mit seiner Schuld. Er sucht nicht nach Ausreden, bringt keine mildernden Umstände vor, verdrängt nicht seine Schuld sondern bekennt sie und spricht: „Ich habe gesündigt gegen den Herrn.“ Das heißt: Ich war es und kein anderer. Ich habe Gottes gute Ordnungen mit Füßen getreten. Kein aber setzt er hinter sein Bekenntnis. Das, was er ausspricht, ist nichts anderes als eine Beichte.

Ich weiß nicht, was für Gefühle Ihr und Sie mit diesem Wort „Beichte“ verbinden. Vielleicht denken manche: ,,Ach, du liebe Zeit, Beichte, Beichtstuhl, so etwas Altmodisches. Das hat doch etwas mit auf die Knie gehen, schwarzem Anzug, Sack und Asche zu tun! Wie schade, dass wir aus der Beichte eine so düster unerfreuliche Sache gemacht haben! Beichte, das ist Gottes Einladung, seine Güte zu schmecken. Das ist kein Weg in die Zerknirschung, sondern ein Weg in die Freude.

Beichte heißt: ich bete. Ich spreche mich aus vor Gott, spreche meine Schuld aus und alle Folgen, die das in meinem Leben hatte. Wenn wir das tun, vor Gott unsere Sünde aussprechen, fängt unsere Geschichte mit ihm wieder ganz neu an.

Ich weiß nicht, wie viele unter uns diese Erfahrung schon einmal „live“ gemacht haben? Oder meint gar jemand, dass Gott sowieso allen vergibt, auch denen, die ihn darum gar nicht gebeten haben? Haben wir schon einmal „Beichte“ in irgendeiner Form erlebt? Aus eigener Erfahrung weiß ich, wie befreiend das ist, wenn man z. B. in Gegenwart eines anderen Christen vor Gott ehrlich wird und sich zusprechen lässt: „Deine Schuld ist dir vergeben. Es ist alles wieder gut!“ Ich kann nur jedem unter uns Mut machen: Gönne dir doch, gönnen Sie sich doch immer wieder einmal eine Beichte, nicht nur heute.

Mit unserer Sünde und ihren Folgen ist es wie mit ”Rumpelstilzchen” Wir kennen das Märchen? Der kleine Giftzwerg hat eine ungeheure Macht – so wie unsere Schuld Macht über uns hat. Bei dem Gnom im Märchen wird die Macht erst gebrochen, als jemand seinen Namen nennt: ”Rumpelstilzchen!" Da ist der Spuk vorbei. Erst wenn wir unsere Sünde aussprechen vor Gott, wenn wir beim Namen nennen, was uns von ihm entfremdet hat, ist der Bann gebrochen. Erst dann werden wir frei und froh.

Und wie sieht das praktisch aus, wenn man beichtet? Wir können im Gebet Gott unsere Schuld sagen. Allerdings spricht uns dann niemand zu: „Deine Schuld ist dir vergeben!“ Deshalb gibt es noch ein anderes Angebot. Wir können auch zu einem Christen unseres Vertrauens gehen und uns dort aussprechen. Bleiben wir auf jeden Fall mit unserer Schuld nicht alleine. Gönnen wir uns das, was Gott uns schon lange gönnt: die befreiende Erfahrung der Vergebung.

Vielleicht ist die Schwelle zu so einem Beichtgespräch sehr hoch. Heute wird es uns ein wenig leichter gemacht als in einem persönlichen Beichtgespräch. Dafür allerdings auch ein wenig anonymer und unpersönlicher. Aber trotzdem kann heute jeder von uns, ob blutjung oder uralt, diese Erfahrung machen: Gott nimmt mich in seine Arme und vergibt mir. Ich möchte Euch und Sie nach dieser Ansprache und einem Lied einladen, zunächst einmal still zu werden, still zum Gebet. Da darf jeder das sagen, was nicht recht war in seinem Leben und so sprechen wie der verlorene Sohn: „Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir!“

Und dann geschieht an uns das Wunder der Vergebung. Vergebung ist nichts Selbstverständliches, eigentlich etwas Unmögliches. Schuld kann nicht einfach beseitigt werden, auch nicht, wenn ich mich bei dem entschuldige, an dem ich schuldig geworden bin. Was passiert ist, ist passiert und kann nicht wieder ungeschehen gemacht werden.

Vergebung ist ein Wunder. Zum Wunder der Vergebung braucht es die ganze barmherzige Liebe Gottes. Nur Gott kann Schuld wegräumen, die Leben zerstört und belastet. Und er tut es auch, wenn einer mit dem Bekenntnis seiner Schuld zu ihm kommt. Denn er hat sich selbst zur Vergebung verpflichtet. Sie ist nichts Unsicheres, auf die man vielleicht hoffen kann. Nein, sie ist eine von Gott geschaffene Tatsache. Dass Jesus für die Sünde der ganzen Welt, auch für deine und meine, gestorben ist, ist keine unbestimmte Hoffnung, sondern eine Tatsache. Jesus hat auf dem Hügel Golgatha diese Erlösungstat vollbracht. Das ist nichts Unsicheres sondern ein Faktum. Deshalb empfängt jeder, der der von Jesus geschaffenen Erlösung vertraut, Vergebung.

Folgende Geschichte kann diese Wahrheit verdeutlichen: Ein Mann wollte seinem eigenen Schatten davonlaufen. Aber so schnell er auch rannte, der Schatten blieb ihm auf den Fersen. Immer mehr steigerte er sein Tempo, in der Hoffnung, seinem Schatten doch noch entfliehen zu können. Schließlich sank er tot zu Boden. Wäre er nur in den Schatten eines Baumes getreten, so wäre er seinen Schatten losgeworden.

Unser Schatten ist unsere Sünde. Es gibt nur eine Möglichkeit, den Schatten loszuwerden: man muss sich in den Schatten des Kreuzes von Golgatha stellen. Man braucht nur zu glauben: Meine Schuld ist mir vergeben, weil Jesus am Kreuz für mich gestorben ist. Du kannst nichts zu deiner Vergebung beitragen. Du kannst sie dir nur schenken lassen. Alles, was du tun kannst, ist, die Vergebung anzunehmen, und dich darüber zu freuen, dass Gott auch dir gnädig ist!


Amen


Etwas gruselig, nicht wahr? Aber keine Angst, ihr seid in keine verspätete Halloweenparty hineingeraten. Ihr seid schon im Kreuz&Quer-Gottesdienst am Buß- und Bettag. „Das Spiel ist aus! Wir haben dich gefunden!“ Diese Sätze, die wir eben gehört haben, waren natürlich ein Spiel, aber eigentlich waren sie mehr als ein Spiel. Da wird jemand gesucht. Es bleibt im unklaren, warum und von wem. Es könnte jeder von uns sein. Denn hat nicht jeder von uns etwas zu verbergen? Haben wir nicht alle unsere Leichen im Keller?

Ein Schriftsteller erzählt einmal die Geschichte von einem schlaflosen Mann, der sich einen Spaß daraus macht, andere Leute nachts anzurufen, um ihnen Angst einzujagen. Er wählt die Nummer eines wildfremden Mannes und sagt durchs Telefon: „Hören Sie mir gut zu. Es ist alles entdeckt. Alles, verstehen Sie? Ich möchte Ihnen raten: Fliehen Sie, solange Ihnen noch Zeit bleibt.“ Nach einer halben Stunde kommt ein Taxi, das Opfer des Anrufs fährt mit zwei Koffern davon. Der Schlaflose wiederholt dieses Spiel noch einige Male mit dem gleichen Erfolg.

So einen Anruf wie in dieser Geschichte haben wir wohl noch nicht bekommen. Aber den Telefonanruf unseres Gewissens kennen wir alle. Vergangene Begebenheiten fielen uns wieder ein. Auf einmal standen sie vor unserem inneren Auge und klagten uns an.

Es kann ganz plötzlich und unerwartet geschehen. So wie bei jenem mächtigen, erfolgreichen und hoch angesehenen Mann, der sich zunächst über einen anderen Menschen aufregte. Doch dann bekam er zu hören: „Du bist dieser Mann!“



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