"Mach mal Pause!" 26.7.98

 

Mach mal Pause ist keine überflüssige Aufforderung, auch wenn wir heute, was die Freizeit angeht, in fast paradiesischen Verhältnissen leben. Es gab noch nie soviel Freizeit wie jetzt. Die Arbeitszeit schrumpft. Kurz vor dem ersten Weltkrieg wurde die Sechzigstundenwoche erreicht. Nach dem ersten Weltkrieg war es dann der Kampf um die Achtundvierzigstundenwoche. In den letzten Jahren ging es um die Vierzigstundenwoche. Alle Forderungen, um die es heute geht, haben eine Drei als erste Ziffer.

Eigentlich müßten wir eine Gesellschaft sein, in der alle furchtbar viel Zeit haben. Aber genau das Gegenteil ist der Fall! Die Terminkalender bleiben gefüllt, anscheinend gibt es immer unendlich viel zu tun. Immer noch, vielleicht sogar viel häufiger als früher, begegnet uns der Satz: " Ich habe keine Zeit!" Oder: "Ich bin im Streß." Auch wenn die Sirenen der Fabriken heulen und es heißt: Feierabend!, auch wenn der Beamte den Aktendeckel zuklappt und nach Hause geht, hört die Arbeit noch lange nicht auf. Da muß im Haus der Keller oder das Dach ausgebaut werden, im Garten gibt’s immer was zu tun. Der "lange Samstag" geht drauf für Einkäufe. Abends ist man geschafft vom Tag, rafft sich zu nichts anderen auf, als den Fernseher einschalten. Oder aber der Frau fällt ein, daß sie ja noch Bügeln muß, der Mann möchte mit ein paar Kumpels reden und geht zum Stammtisch oder zur Vereinssitzung. Sonntags möchte man einmal ausschlafen, am Sonntagnachmittag muß endlich einmal die Familie und die Verwandtschaft zu ihren Recht kommen.

Wenn man jung ist und noch keine Familie hat, müßte man Zeit haben. Doch die Schüler seufzen auf: "Wir haben über 30 Stunden Unterricht davon dreimal Nachmittag Unterricht. Und wenn ich meine Hausaufgaben gewissenhaft mache, sitze ich sitze ich bis in die Abendstunden. Von einer 40 Stundenwoche kann ich nur träumen." Ich kann diese Stoßseufzer gut nachempfinden. Denn auch ich war einmal Schüler. Einmal saß ich an einem Montagabend bis halb zehn über meinen Aufgaben. Am nächsten Morgen erzählte ich meinem Banknachbarn von meiner nächtlichen Arbeit. Doch der guckte mich nur an und sagte: "Ich bin bis halb zwölf gesessen."

Als Jugendlicher braucht man natürlich auch Zeit für seine Hobbys. Da gehen locker einige Abende für den Sportverein oder den Musikunterricht drauf. Und an Wochenende wartet der große Einsatz auf dem Fußballplatz oder in der Musikgruppe auf einen. Außerdem: Wenn man jung ist, dann will man schließlich auch etwas erleben. Ausgehen, tanzen und Essen gehen, Parties feiern bis zum Abwinken. Ob jung, ob alt, pausenlos ist man im Beruf und in der sogenannten Freizeit in Aktion. Es wundert einen nicht, daß viele Menschen keine Zeit zur Entspannung, zur Ruhe, zur Stille haben - ,und sie wohl auch gar nicht mehr ertragen könnten. Woran liegt das nur?

Keine Zeit zu haben ist das Zeichen einer Welt, der die Ewigkeit verlorengegangen ist, die die Dimension des lebendigen Gottes nicht mehr kennt. Wer von der Ewigkeit nichts weiß, muß versuchen, aus den Jahren seines Lebens herauszuholen, was nur eben herauszuholen ist. Deshalb hetzt er von Termin zu Termin, von Vergnügen zu Vergnügen, von einer Party zur anderen, von einer Sitzung zur anderen. Und kriegt nie genug. Denn der Hunger nach Ewigkeit, den er in sich trägt, kann in unserer kurzen Lebenszeit gar nicht gestillt werden. Er verlangt zuviel von diesem Leben. Es ist sicher hart, was ich jetzt sage. Aber jeder, der sich jetzt darüber ärgert, sollte darüber nachdenken, ob es nicht vielleicht doch stimmt: "Ich habe keine Zeit", das ist das Glaubensbekenntnis eines modernen Heidentums. Es ist ein Zeichen von Gottlosigkeit, keine Zeit zu haben. Wer nur rotiert, dem ist Gott sehr fern.

Ja ,ist’s überhaupt so gut, kann man nun fragen, Zeit zu haben? Wer viel Zeit hat, kommt leicht auf allerlei dumme Gedanken. "Müßiggang ist aller Laster Anfang", heißt es im Sprichwort. Ist es nicht besser, dauernd in Aktion zu sein als gelangweilt herumzuhängen und seine Zeit totzuschlagen?

Wer Zeit hat, muß nicht automatisch zum Müßiggänger werden. Er kann und soll sie dazu nutzen, um sich einmal zu entspannen, Kraft zu schöpfen und vor allen Dingen diese Zeit mit Gott zu verbringen. Dazu muß ich mir oft Zeit nehmen. Ich muß darum kämpfen. Sie fällt mir nicht ohne weiteres in den Schoß. Nötigenfalls muß ich auch einmal meinen Terminkalender durchgehen – und streichen.

Wir brauchen Zeit, um uns einmal zu entspannen und abzuschalten Am besten ist es eine Tätigkeit, die meiner normalen Arbeit entgegengesetzt ist. Der eine kommt nach Hause, setzt sich ans Klavier und vergißt beim Spielen was ihn tagsüber belastet hat. Der andere dreht einige Runden im Wald und fühlt sich hinterher wir erneuert. Aber auch Hobbys wie Malen, Lesen, Basteln können diese Entspannung bewirken.

Entspannung ist wichtig. Ein Bogenschütze spannt seinen Bogen nur, wenn er ihn gebraucht, denn sonst würde der Bogen seine Spannkraft verlieren. Spannkraft behält nur, wer auch zu entspannen weiß.

Dann brauche ich Zeit, um in die Stille zu gehen. Viele Menschen können das gar nicht. Sie brauchen z. b. immer Musik um sich herum. Ohne Musik können sie nicht lernen, ohne Walkman im Ohr können manche gar nicht mehr einschlafen. Blaise Pascal sagte einmal:"Alles Unglück der Menschen.entstammt daher, daß sie unfähig sind, in Ruhe allein in ihrem Zimmer bleiben zu können." Stille brauche ich nicht, um in mich zu gehen, um mich in der Meditation in mich zu versenken. Das ist nicht nötig. Wenn mich einer auffordern würde: "Geh in dich!" müßte ich ihm antworten: " War ich schon. Dort ist auch nichts los." Der Apostel Paulus hat sich so ausgedrückt: "In mir wohnt nichts Gutes."

Die Zeit der Stille brauche ich, um Gott kennenzulernen. Nur wenn ich still werde, werde ich in meinem Leben auf Gott stoßen. Der Norweger Hallesby drückte es so aus: " Der größte Segen, den die Stille bringt, ist der, daß wir die Ewigkeit hören können." Diese Zeit, die ich mit Gott verbringe, lohnt sich auch für uns selbst. Denn wir haben ja keinen fordernden sondern einen schenkenden Gott. Kinder klagen über ihre Eltern: Ihr habt keine Zeit für uns!" Und Eltern beklagen sich über ihre Kinder: "Wenn man einen braucht, seid ihr nicht da!" Aber einer hat bestimmt Zeit für uns. Das ist Jesus, zu ihm kann ich immer kommen mit meinen Problemen, mit meiner Schuld. Und wenn ich es tue, werde ich immer die Erfahrung machen, daß er mir weiterhilft. Wie oft habe ich es selber erlebt: Wenn ich in Not war, traurig oder niedergeschlagen, und ich Jesus um Hilfe bat, dann ließ er mich nicht im Stich. Dann redete er mit mir Auf einmal sprach mich ein Wort der Bibel ganz direkt an, oder es fiel mir ein, und alle Sorgen, alle Lasten oder alle Schuld fielen wieder von mir ab.

Auf unseren Konfirmandenfreizeiten lege ich deshalb großen Wert darauf, daß die Jugendlichen sich in dieser "Stillen Zeit" einüben. Wie man diese Zeit mit Gott verbringt, darüber kann man keine Gesetze aufstellen. Aber ich möchte einige bewährte Ratschläge weitergeben:

Gott hat einen Anspruch darauf, daß ich jeden Tag eine bestimmte Zeit mit ihm ganz allein verbringe. Jede enge Beziehung, eine Freundschaft oder eine Ehe lebt von diesen Gesprächen unter vier Augen, von den gemeinsamen Spaziergängen im Wald, von den abendlichen Gesprächen im Wohnzimmer oder auf der Gartenbank. Bei der Beziehung zu Gott ist das nicht anders. Wenn ich nicht bereit bin, eine bestimmte Zeit in sie zu investieren, leidet sie darunter und schläft ein.

Für dieses tägliche Zusammensein mit Gott sucht man sich am besten einen Platz, wo man möglichst ungestört ist. Der Schulbus oder Wartesaal im Bahnhof sind also denkbar ungünstige Orte. Die "Stille Zeit" plant man in seinen Tagesablauf fest mit ein. Den Termin mit Gott verpasse ich ebenso nicht wie den Termin beim Zahnarzt, die Abfahrtzeit des Zuges früh am morgen oder das Vorstellungsgespräch beim Chef. Ich spare mir also eine gewisse Zeit aus, am besten früh am morgen, wenn der Tag noch vor mir liegt. Sonst schiebe ich den Termin mit Gott vor mir her und komme schließlich doch nicht dazu. Die "Stille Zeit" ist dazu da, um mit Gott ins Gespräch zu kommen. Da möchte ich zunächst einmal vom Danken reden. Es ist so wichtig, daß wir uns immer wieder Zeit nehmen, nicht nur einmal am Tag, sondern immer wieder, daß wir Gott loben und ihm danken. Danken hat mal einer gesagt ist das einzige Tor, durch das wahre Freude in unser Leben kommt. Wer die Freude nicht hereinläßt, weil die Tür des Dankens verschlossen bleibt, gehört zu de ärmsten Menschen. Wer nicht dankt, läßt die Freude draußen vor der Tür. Sich Zeit zum Danken zu nehmen, ist wie eine erfrischende Dusche, die die Lebensgeister wieder weckt, nach der ich wieder wie neugeboren bin. Wer Gott lobt, der lebt bewußter. Er nimmt dann nicht alles für selbstverständlich. Dann wird ihm erst richtig klar, welch wunderbares Geschenk sein Leben ist: daß er atmen kann – jeder Asthmakranke ringt um die Gnade, atmen zu können, und wir können das jeden Augenblick tun, - daß wir unsere Hände und Füße gebrauchen können, daß wir essen können, daß wir zu den Bevorzugten gehören, die Gottes Wort hören dürfen, von seiner Liebe, Gnade, Vergebung, daß wir glauben dürfen, daß immer einer bei uns ist, um uns beizustehen und zu helfen: Jesus Christus . Dankbarkeit ist das Tor zur Freude und zum Leben.

"Stille Zeit" heißt natürlich auch Zeit zum Gebet für mich und andere. Ich habe endlich einmal Zeit, dem, der alle Macht besitzt, zu sagen, was mir auf dem Herzen liegt: eine kaputte Beziehung, Schwierigkeiten am Arbeitsplatz oder in der Schule, die verrückte Weltlage, und vor allen Dingen auch mein eigenes Versagen und meine Schuld. Das wichtigste beim Gebet ist nun , daß ich dem auch glaube, daß Gott dieses Gebet auch gehört hat und nun auch eingreift. Wer das nicht tut, sollte das Gebet besser bleiben lassen. Dann darf ich mir auch Zeit nehmen, um Gott zu mir reden zu lassen. Er tut dies durch das Wort der Bibel. Viele unter uns kennen schon das Losungsbuch, in dem für jeden Tag ausgewählte Bibelsprüche stehen. Außerdem sind auch noch bestimmte Bibelabschnitte angegeben. Diese uralten Worte reden oft nicht unmittelbar zu mir. Sie scheinen wie tot zu sein. Aber sie werden für mich lebendig wenn ich Gott darum bitte, daß er sein Wort für mich lebendig macht und ganz persönlich zu mir redet. Mechanische Bibellese bringt natürlich nichts. Aber wer Gott um seinen Heiligen Geist bittet, der kann seine Wunder erleben, wie Gott durch sein Wort zu ihm redet. Wie stehst du zum Wort Gottes? Wie wichtig ist es dir? An der Einstellung zu ihm entscheidet sich deine Ewigkeit. Jesus hat einmal einer Frau gesagt, der Martha: Eins ist notwendig, mir zuzuhören! Alles andere wie dringlich es auch scheinen mag, ist zweitrangig.

Ebenso wichtig wie der tägliche persönliche Termin mit Gott ist die gemeinsame Beschäftigung mit dem Wort Gottes. Damit meine ich nicht nur den Gottesdienst sondern auch einen Kreis von Christen, die sich regelmäßig treffen, um sich mit dem Glauben und dem Wort Gottes beschäftigen. Such dir doch einen solchen Kreis! Dies bedeutet sicher einen zusätzlichen Termin, der sich aber lohnt.

Vorhin habe ich erzählt, wie ich als Schüler einmal abends solange über meinen Hausaufgaben saß. Trotzdem nahm ich mir an diesem Abend die Zeit, in meinen Jugendkreis zu gehen. Ich wollte diesen Termin nicht missen und streichen. Und ich habe meine Arbeit trotzdem geschafft – sogar schneller als mein Banknachbar der auch nicht dümmer war als ich. Viele Menschen haben es ebenso gemacht: Sie wollten die Gemeinschaft mit anderen Christen nicht missen, obwohl sie eigentlich keine Zeit hatten. Und Sie machten die Erfahrung, daß ihnen gerade bei diesem Zusammensein geholfen wurde und daß sie andererseits trotzdem alles schafften, was sie tun mußten, oder daß sich manches von selbst erledigte.. Wer einmal Pause macht, um Gott zu suchen und zu begegnen, wird es nicht bereuen. Amen

(c) Dieter Opitz, Bayreuth