Kreuz und Quer vom 18.7.2004 - "Grund zum Leben" über Johannes 3,1-16

Nikodemus, von dem Johannes hier erzählt, war einbeneidenswerter Mensch. Er gehörte zu den Spitzenpolitikern seines Landes. Dazu war er als Professor der Theologie ein sehr kluger Kopf. Als Jesus starb, so erzählt uns Johannes anderer Stelle, konnte Nikodemus für dessen Leiche 100 Pfund einer wertvollen Salbe zur Verfügung stellen. Er war also auch sehr wohlhabend – und dazu noch sehr fromm. Ein geachteter, einflussreicher Mann also. Mehr als er konnte man im Leben nicht erreichen. Eine größere Karriere war nicht drin.

Dieser erfolgreiche, intelligente, einflussreiche und fromme Mann sucht nun eines Nachts das Gespräch mit Jesus. Was will er nur von dem armen, unbedeutenden Wanderprediger aus Nazareth? Genau das Gleiche könnte ich jeden von euch fragen: Was erwartest du hier in diesem Gottesdienst von Jesus? Warum bist du hier?

Nikodemus war ein kluger Kopf. Er wusste eine ganze Menge aus der Bibel. Vielleicht konnte er sie sogar auswendig. Er wusste auch Etliches über Jesus: wer er war, was er tat. Dieser Mann imponierte ihm. Denn solche Wunder wie Jesus kann nur einer tun, auf dessen Seite Gott ist. Diesen Mann Gottes wollte Nikodemus näher kennen lernen, um noch mehr über ihn zu erfahren. Gleich in der Begrüßung bringt er seine Hochachtung für Jesus zum Ausdruck. Aber dieser denkt gar nicht daran, sich für das Kompliment des hohen Herren zu bedanken. Fast schroff klingt seine Antwort: "Wahrlich, wahrlich, ich sage dir, wenn einer nicht von neuem geboren wird, so kann er das Reich Gottes nicht sehen."

Dieser Satz muss dem Nikodemus ins Herz gefahren sein. Denn Jesus sagt ihm ja: Du magst viel von mir wissen. Aber dein Wissen ist nicht das Wichtigste. Auch dein Interesse, deine Sympathie für mich ist nicht das Entscheidende. Du weißt viel, lieber Nikodemus, aber du siehst nichts. Du hast keine geöffneten Augen für Gott.

Was Jesus hier dem Nikodemus geantwortet hat, hat auch uns ungeheuer viel zu sagen. Unser Wissen, das wir uns einmal im Konfirmanden- und Schulunterricht, in Jungscharstunden, Bibelstunden und Gottesdiensten angesammelt haben, kann Jesus nicht imponieren. Dass wir den Pfarrer gern hören und auch die Bibel lesen, macht uns noch lange nicht zu Christen. Wir mögen in einem christlichen Elternhaus aufgewachsen sein, schön und gut. Aber dadurch werden wir auch nicht automatisch Christen. Es hat einmal jemand gesagt: Wer in einer Garage wohnt und sich vielleicht noch einen Autoreifen um den Hals hängt, ist dadurch noch kein Auto. Auch dadurch, dass wir heute in diesen Gottesdienst gekommen sind, haben wir keinen Stammplatz im Himmel. Wir können trotz unseres frommen Wissens, unserer Gottesdienstbesuche, unserer Gebete und auch unserer guten Taten außerhalb des Reiches Gottes stehen.

Wir stehen vor einer wichtigen und spannenden Frage. Sie heißt: Wer ist denn eigentlich ein Christ? Auf diese Frage kann ich antworten: "Ich bemühe mich. Oder ich versuche es." Aber es gibt eine Sorte von Fragen, die muss man mit einem klaren Ja oder Nein beantworten. Nehmen wir zum Beispiel diese: Da fragt einer den anderen: "Bist du in Bayreuth geboren?", und erhält zur Antwort: "Ab und zu – gelegentlich." Das macht keinen Sinn. Frage ich dich: "Bist du Deutscher?" dann kannst du schlecht antworten: "Ich versuche es." Das steht in deinem Pass, ob du Deutscher bist oder nicht.

Es gibt Fragen, die kann man nur mit einem eindeutigen Ja oder Nein beantworten. Sonst hat man sie nicht verstanden. Und die Frage: "Bist du Christ?" gehört zu dieser Sorte von Fragen. Das kann man wissen, ob man Christ ist oder nicht. Ja, man soll es auch wissen. So wie du auch weißt, ob du Männlein oder Weiblein bist.

Nochmals: Es gibt falsche Antworten auf die Frage, ob man ein Christ ist. Ein Christ bin ich nicht, wenn ich einer Kirche angehöre, auch nicht, wenn ich der christlichen Lehre zustimme, und erst recht nicht, wenn ich mich bemühe, ein anständiger Mensch zu sein.

Bei all diesen Antworten geht es darum, dass ich etwas tue. Doch diese Antworten können mir keine Gewissheit auf die Frage geben, ob ich nun ein Christ bin oder nicht. Denn ich kann mich ja zurecht fragen, ob ich denn mich genug für meine Kirche eingesetzt habe, ich auch allen christlichen Lehrsätzen zustimme, ob ich mich genügend angestrengt habe, ein anständiger Mensch zu sein.

Jesus gibt dem Nikodemus auch nicht eine dieser Antworten. Er sagt nicht: Streng dich nur recht an! Je mehr du fromme Leistungen vollbringst, desto näher stehst du mir. Er sagt etwas ganz anderes. Er spricht von einer Neugeburt. Und er meint damit: Du brauchst ein ganz neues, anderes Leben, als das du bisher kennst. Du brauchst Leben aus Gott. Du musst in Verbindung mit dem lebendigen Gott kommen. Er sagt: "Es sei denn, dass jemand geboren werde aus Wasser und Geist, so kann er nicht in das Reich Gottes kommen."

Aha, kann jetzt ein aufmerksamer Zuhörer sagen, Jesus redet hier von einer Geburt aus dem Wasser, also von der Taufe. Also: Ein Christ ist, wer getauft ist. Der Satz ist nicht falsch. Aber er ist noch nicht zu Ende gedacht. Er gleicht einem guten Witz, dessen Erzählung man kurz vor der Pointe abbricht. Da bleibt dann das befreiende Lachen aus.

Viele verstehen ihre Taufe wie eine Schluckimpfung: Sie kann nichts schaden und wirkt irgendwie aus sich selbst heraus. So verstanden wird die Taufe zu einem religiösen Beruhigungsmittel. Sie lullt ein, verkommt zum kirchlichen Schlummerkissen, auf dem man es sich bequem macht.

In einem anderen Bild ausgedrückt: Die Taufe ist wie eine Fahrkarte ins Reich Gottes. Ein Frei - Fahrschein, auf deinen Namen ausgestellt! Gott hat dir einen Platz reserviert im Zug der Erwählung. Taufe bedeutet: Der Zug ist eingelaufen - bitte einsteigen!

Das ist das Drama unserer Volkskirche: Da steht ein Heer von getauften Menschen mit einem gültigen Fahrschein in der Tasche auf dem Bahnsteig der Skepsis - und kaum einer steigt ein.

Da wird man eingeladen zur spannendsten Reise seines Lebens, aber steht sich lieber die Beine der Gleichgültigkeit in den Bauch und lässt die Karte verfallen. Christsein heißt nicht nur: einen Taufschein besitzen, sondern den Zug des Glaubens auch besteigen. Christen sind Menschen, die vom großen Vorrecht Ihrer Erwählung Gebrauch machen. Eine Fahrkarte ohne die Fahrt, zu der sie berechtigt, ist wie ein Konto, von dem man nichts abhebt. Man hat nichts davon.

Man kann sich wirklich darüber freuen, dass man getauft ist. Auch Martin Luther tat das. Aber zugleich wusste er: "Ohne Glauben ist sie zu nichts nütze."

Nur, wie steige ich in den Zug zum ewigen Leben ein? Wie löse ich die Fahrkarte, die ein Getaufter ja schon hat? Auch Nikodemus fragt. "Wie kann dies geschehen?" Da erinnert Jesus Nikodemus an eine ihm bekannte Geschichte aus dem Alten Testament. Das Volk Israel war in einer furchtbaren Lage. Bei ihrer Wanderung von Ägypten nach Kanaan kam es zu einer wahren Invasion von Giftschlangen. Viele im Lager der Israeliten werden gebissen und sterben. Da sehen sie etwas Merkwürdiges: Mose heftet an eine Stange eine Schlange aus Bronze und sagt im Auftrag Gottes: "Wer gebissen ist und diese Schlange ansieht, der soll leben." Die diesen Worten gehorchten, blieben am Leben, die anderen starben.

In unseren Adern pulsiert nun kein Schlangengift, aber das Gift der Sünde. Das Gift der Lieblosigkeit, der Ungeduld, der Unfreundlichkeit, des Misstrauens Gott gegenüber, des Unglaubens, der Gier nach Geld, der Gier nach Sex ohne Liebe und Treue, und, und, und. Das alles ist Gift, Gift, das anderen schadet und vor allem dir. Denn es ist dein Gift, das in dir ist, ein Gift, das dich tötet. Es kostet dich das ewige Leben.

Wer nur einmal geboren ist, der stirbt zweimal: den natürlichen Tod, den jeder Mensch stirbt und den ewigen Tod, der dich in alle Ewigkeit von Gott trennt. Wer aber zweimal geboren wird, als Baby und wiedergeboren durch Wasser und Geist, der muss nur einmal sterben. Der ewige Tod bleibt ihm erspart.

Die Israeliten mussten auf eine Schlange an einer Stange schauen, um nicht zu sterben. Dieses Ereignis ist ein Hinweis auf das, was hunderte von Jahren später geschah: Jesus Christus wurde nicht an eine Stange aber an Kreuz geheftet. Dort trug er die Sünde der ganzen Welt, auch meine und deine. Er nahm sie auf sich. Das ganze Gift war gewissermaßen in ihm und tötete ihn, damit wir leben können.

Dieses Geschehen am Kreuz ist die Grundlage unseres Christseins, nicht das, was wir getan haben, nicht unsere guten Taten, auch nicht unser Glaube. Nein, dort am Kreuz ist die Wiedergeburt der ganzen Welt geschehen, auch für dich und mich. Dort am Kreuz hat Jesus für dich alles getan, damit du das ewige Leben bekommst. Dort am Kreuz hängt der neue Mensch, der Gott gehorsam ist bis zum Tod, der nur Liebe ist auch unter den größten Gehässigkeiten und übelsten Gemeinheiten. Dort am Kreuz hängt der Mensch, der sich nicht an Gottes Liebe beirren ließ, sondern an ihr festhielt bis zum letzten.

Lass diesen Menschen doch in dein Leben hinein, lass Jesus in dein Leben hinein, dann bist du ein wiedergeborener Christ. Jesus drückt es hier in dem Gespräch mit Nikodemus so aus: "Denn also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben."

Diese Botschaft von der Liebe Gottes brauchen wir nur im Glauben anzunehmen. Wenn wir glauben, haben wir das ewige Leben, haben wir Jesus, haben wir den Geist Gottes in uns, sind wir neu geboren. Wir brauchen uns also nur von Gott beschenken lassen. Mehr verlangt er nicht von uns. Hängt das neue Leben, das Gott mir geben will, also doch von mir ab, eben von meinem Glauben?

Nein! Denn Glauben ist keine Leistung, zu der ich mich erst aufraffen muss. Ich muss kein religiös Begabter zu sein, um glauben zu können. Wir brauchen gar keinen großen Glauben sondern den Glauben an einen großen Gott. Was der Glaube in sich selber ist, ist überhaupt nicht von Belang. Entscheidend ist der Inhalt. Zwei Bilder dazu zur Erklärung. Man kann den Glauben mit einer Türklinke vergleichen, die eine Tür zu einem Raum öffnet. Dieser Raum ist die Hilfe Gottes, seine Gnade, seine Vergebung, seine Liebe, sein Trost, also alles, was Gott uns schenken will. Es ist überhaupt nicht entscheidend, wie groß oder wie klein die Türklinke ist, ob sie aus Holz oder aus Metall ist, ob sie schön verziert oder hässlich ist, ob sie vergoldet oder rostig ist. Wichtig ist nur, dass sie die Tür öffnet.

Ein anderes Bild: Gott hat uns allen einen Rettungsring zugeworfen. Es ist Jesus Christus. Er gibt uns alles, was wir brauchen, um vor der Ewigkeit der Gottesferne gerettet zu werden. Unser Glaube ist die Hand, die diesen Rettungsring ergreift. Es spielt keine Rolle, wie schön oder wie hässlich diese Hand ist, wie klein oder wie groß. Entscheidend ist nur, dass sie sich an der Hilfe festklammert.

Eine Frau hat dies begriffen. Sie war Vielen als ein sehr frommer und gläubiger Mensch bekannt. Eines Tages wurde sie gefragt: "Sind Sie nicht die Frau mit dem großen Glauben?" "Nein", antwortete sie, "Ich bin die Frau mit dem großen Heiland."

Auch Martin Luther hatte diese Wahrheit begriffen. Er dachte immer, er müsste etwas leisten, vor Gott vorweisen können, um vor ihm bestehen zu können. Aber da stieß er in seinem Bibelstudium auf die Stelle im Römerbrief, Kapitel 1, Vers 17. Dieser Vers packte ihn und ließ ihn nicht mehr los. Er machte ihn zu einen wiedergeborenen Christen und veränderte sein ganzes Leben. Es waren nur ein paar Worte: "Der Gerechte wird seines Glaubens leben." Er begriff: Ich brauche mich nicht mehr abzumühen und abzuquälen, um Gott gnädig zu stimmen. Gott will in erster Linie etwas ganz anderes von mir. Ich darf glauben, dass Gott mich gerecht gemacht hat, weil sein Sohn Jesus Christus für mich am Kreuz gestorben ist. Gott schenkt mir seine Gerechtigkeit durch den Glauben an seinen Sohn. Da wurde er fröhlich. Und er schrieb später: "Ich fühlte mich völlig neu geboren und als wäre ich durch die geöffneten Pforten ins Paradies eingetreten."

Durch den Glauben an Jesus beginnt etwas Neues in uns. Es ist noch nicht perfekt. So wie ein neugeborenes Baby noch kein erwachsener Mensch ist. Noch lange nicht. Es muss noch viel lernen. So muss auch ein wiedergeborener Christ auch noch viel lernen. Er macht noch viele Fehler und lädt neue Schuld auf sich. Aber es ist trotzdem etwas anders geworden. Er ist ja nun eine Kind Gottes, das Jesus Christus immer auf seiner Seite weiß. Zu ihm darf er jeden Tag mit seiner Schuld kommen. Er vergibt sie ihm. Und er verändert ihn im Laufe seines Lebens. Jeder, bei dem durch den Glauben etwas Neues im Leben angefangen hat, darf nun auch glauben, dass Jesus bei ihm keine halben Sachen macht. Paulus schrieb einmal an Menschen, die angefangen haben zu glauben: "Der in euch angefangen hat das gute Werk, der wird's auch vollenden bis an den Tag Jesu Christi." Amen

© 2004 Dieter Opitz