Kreuz & Quer vom 8. April 2004
"Ich doch nicht, oder?" über Matthäus 26,20-30

Liebe Gemeinde!

Ein brutaler und gefürchteter KZ-Aufseher quält einen Häftling wegen eines lächerlich kleinen Vergehens. Als er ihn schließlich einfach erschießen will, besinnt er sich und sagt zu ihm: "Ich gebe dir eine Chance. Schau mich an! Eines meiner Augen ist ein Glasauge, aber es ist so täuschend echt gemacht, dass du es nicht erkennst. Wenn du es auf Anhieb richtig zeigst, kommst du mit dem Leben davon!" Der Häftling schaut dem Mann in die Augen und sagt spontan: "Das linke ist das Glasauge!" Der Aufseher ist überrascht über den guten Blick des Häftlings und fragt zurück: "Woran hast du das so schnell erkannt?" Der Häftling: "Es schaut so menschlich!"

Wann immer Menschen Übermenschen und Herrenmenschen sein wollten, wurden sie zu Untermenschen, Unmenschen und Handlangern des Bösen. Und dafür gibt es genügend Beispiele. Man denke nur an den Rassenwahn der Nazis, der in dem Bau von KZs gipfelte. Mit Abscheu haben wir in den letzten Monaten davon erfahren, dass es in Deutschland Menschen gibt, die gerne andere aufessen und auch solche, die sich freiwillig als Opfer zur Verfügung stellen. Der Prozess in Belgien gegen den Kinderschänder Dutroux führt uns vor Augen, wie weit verbreitet Kindesmissbrauch und Kinderpornographie ist. Der Mensch ist anscheinend zu allen Gemeinheiten und Abscheulichkeiten fähig.

Er ist auch dazu fähig, den selbstlosesten und besten Menschen, der je gelebt hat, zu hintergehen und ihn seinen Feinden auszuliefern. Und dies für ein Taschengeld von 30 Silberlingen. Ich spreche von Judas, der Jesus verraten hatte. Der Sohn Gottes weiß von diesem ungeheuerlichen Vorhaben. Und beim letzten Abendessen, das er mit seinen Jüngern einnahm, ließ er die Bombe platzen. "Einer von euch wird mich verraten." sagt er während der Feier. Also einer, der die letzten drei Jahre am engsten mit Jesus zusammen war. Unfassbar! Und noch unfassbarer die Wirkung dieses Satzes. Die Jünger sind geschockt. Das ist verständlich, aber sie sind nicht empört, wie wir es wohl gewesen wären. Sie schimpfen nicht. Sie werden nicht zornig. Sie regen sich nicht auf. Sie sagen nicht: "Ich doch nicht! Ich wäre nicht fähig, für 30 Euro, pardon 30 Silberstücke, Jesus zu verraten und zu verkaufen. Mir geht's doch nicht ums Geld!" Sie fragen sich auch nicht: "Unter uns ein Verräter? Ja, wer könnte das denn sein? Wem kann man denn so eine feige, boshafte Gesinnung zutrauen?"

Die Jünger hätten ja ganz anders reagieren können, als es hier erzählt wird. Sie hätten sich ja auch gegenseitig verdächtigen können. Sie hätten denken können: "Der Thomas könnte es sein. Der hat doch immer schon so oft gezweifelt! Oder der Matthäus, der ehemalige Zollbeamte, dem ging es doch früher immer so ums Geld, vielleicht... Oder der Jakobus. Der hat doch Wert darauf gelegt, dass Taten geschehen! Wollte er durch diesen Verrat Jesus dazu zwingen, eine große Tat zu tun, endlich alle seine Feinde niederzuschlagen? Oder," ein misstrauischer Blick streift den Petrus, "sollte der es etwa sein? Er hat sich doch immer so ein bisschen hervorgehoben und in den Vordergrund gerückt. Vielleicht ist er gar nicht besser, vielleicht ist er nur ein kleiner Angeber? Oder sollte es gar der Johannes sein, der Jünger, den Jesus besonders liebte. Immer war er in seiner Nähe. Sollte dieser Johannes ein frommer Heuchler sein, der sich das Vertrauen seines Herrn erschlichen hat?"

Aber alle diese misstrauischen und verurteilenden Gedanken hatten die Jünger nicht! Sie hatten etwas Entscheidendes begriffen, was wir alle auch begreifen müssen. Es geht im Christsein nicht darum, dass wir andere beobachten, kritisieren und ihnen alles Böse zutrauen. Nein, es geht darum, dass wir uns selber prüfen, wo das Böse in uns sitzt! Genau das taten die Jünger. Und sie kamen zu der Erkenntnis: Auch ich wäre dazu fähig, Jesus zu verraten. Das Böse hockt auch in meinem Herzen. Deshalb fragen sie ja erschrocken: "Meinst du etwa mich?"

Wie ist das, wenn wir von einer bösen Tat hören, wie reagieren wir da? Sind wir dann ganz empört und entrüstet? Denken wir dann: "Wie kann man nur so handeln?" Aber müssten wir nicht ganz ehrlich bekennen: "Unter bestimmten Umständen, in einer bestimmten Lage, wäre ich auch zu diesem Bösen fähig gewesen?" Der Verräter, der Mörder, der Dieb, der Ehebrecher, der Sadist, steckt in uns allen. Haben wir uns schon so erkannt, dass wir gemerkt haben, wie tief das Böse in uns steckt, auch in uns?

Ein Mann leidet sehr unter der Ungerechtigkeit und Bosheit dieser Welt. Da hat er eines Nachts einen Traum: Er kommt auf einen anderen Planeten, auf dem alle in Liebe und Harmonie miteinander leben. "Welch eine wunderbare Welt!" denkt er. "Ganz anders wie bei uns auf der Erde. Dort möchte ich für immer bleiben!" Doch nach kurzer Zeit kommt es an dem Ort, wo er wohnt, zu Hass, Eifersucht und Streit. Enttäuscht reist er weiter. Beim zweiten Ort ergeht es ihm genauso. Auch dort vertragen sich die Menschen. Doch kurz nach seiner Ankunft kommt es auch dort zu bösen Dingen. Er reist wieder weiter. Und beim dritten Ort geschieht genau das Gleiche. Dann merkt er entsetzt: Er selbst ist die Ursache des Bösen. Er hat es auf diesen Planeten mitgebracht und nun kommt es überall, wo er hinkommt, zum Ausbruch! Erschrocken und nachdenklich wacht er auf.

Der Keim des Bösen, für jedes Böse, steckt auch in uns. Es braucht nur den richtigen Nährboden, damit es sich entwickeln, wachsen und die entsprechenden Früchte bringen kann.

Ich weiß, das, was ich gesagt habe, klingt sehr unangenehm. Denn wer hört schon gerne etwas von seiner Schuld? Von den Fehlern anderer hören wir ganz gern etwas, da fällt es uns auch nicht schwer uns zu empören und aufzuregen. Aber wenn es um die eigenen Fehler geht, sieht die Sache meist anders aus. Da fällt es uns oft sehr leicht, sie zu vertuschen, zu verkleinern, zu entschuldigen. Wir sind lieber Zeugen und Zuschauer als Angeklagte - so wie der König David in der Bibel.

Dieser hatte einmal auf ganz miese Art und Weise seine Macht missbraucht. Er bricht die Ehe mit einer Frau. Deren Mann, einen seiner Offiziere, schickt er in den sicheren Soldatentod. Und dann heiratet er diese Frau. Eine ganz üble Sache!

Eines Tages kommt zum König David ein Mann, der Prophet Natan und erzählt ihm eine Geschichte. Er berichtet von einem Mann, der viele Schafe hatte. Eines Tages bekommt er Besuch. Doch er bringt es nicht über das Herz, eines seiner vielen Schafe für das Festessen zu schlachten. Er stiehlt das einzige Schaf eines armen Mannes und setzt es dem Gast vor.

David empört sich über das Verhalten des reichen Mannes. Doch da entgegnet ihm Natan: "Du bist der Mann! Denn du hast deinem Offizier seine Frau weggenommen!"

Irgendwann, früher oder später, holt unsere Schuld uns ein. Wir können ihr nicht davonlaufen. Bei Judas, dem Verräter, geschah es schneller, als er es gedacht hatte. Er meinte, von seinem Vorhaben, Jesus für eine Handvoll Geld zu verraten, wüsste niemand. Er hatte ja niemand etwas gesagt. Und die Gespräche mit den Feinden Jesu waren ja auch heimlich gewesen. Doch nun sieht er sich entlarvt, von einem Augenblick auf den anderen. Jesus macht ihm klar, dass er ganz genau über seine Absichten Bescheid weiß. Er weiß um die heimlichen Gänge von Judas zu seinen Feinden. Jesus weiß um den Verrat seines Jüngers. Er weiß alles. Alles.

Und doch stellt Jesus ihn nicht vor den anderen Jüngern bloß. Niemand, außer Jesus und Judas, bekamen offensichtlich mit, wer denn nun der Verräter war. Jesus schmeißt ihn nicht raus. Sondern er lässt ihn sitzen. Auch Judas darf am Abendmahl teilnehmen. Unglaublich!

Jesus schließt niemand aus. Auch nicht den schlimmsten Mörder, Dieb, Betrüger und Kinderschänder. Auch den Judas hat er nicht ausgeschlossen. Man kann sich nur selber von der Liebe Jesu ausschließen. So tat es ja auch Judas. Er verschloss sich vor der unbegreiflich großen Liebe Jesu. Er wollte von ihr nichts wissen. Er wollte nur das Geld der Hohenpriester.

Jesus schloss sogar einen Mann wie Adolf Eichmann nicht aus. Er war für die Millionen von Judenmorde im Dritten Reich verantwortlich. Ein Schreibtischtäter. 1961 stand er wegen seiner Untaten in Jerusalem vor Gericht. Der amerikanische Pfarrer Hull besuchte ihn vor seiner Hinrichtung dreizehnmal in dessen Gefängniszelle. Und er bot auch ihm die Vergebung Jesu an. Es grauste ihm zwar fast, dies zu tun. Konnte so ein Mann Vergebung bekommen? Ja!

Aber dieser Mann, dieser millionenfache Schreibtischmörder, lehnte bis zum Schluss dieses Angebot ab. Ich brauche keinen Jesus, der mich stirbt. Ich brauche keine Vergebung der Sünden. Ich will sie auch nicht.

Jesus schließt niemand aus. Auch dich nicht. Wer du auch bist, was du auch getan hast. Auch wenn du denkst: Jesus kann mich doch gar nicht annehmen, mich doch nicht! Ich habe so viel Schuld auf mich geladen, und ich wäre zu noch viel Schlimmerem fähig! Vielleicht fragst du dich auch: Wieso soll dieser Jesus mich überhaupt lieb haben? Ich kenne ihn doch noch gar nicht, oder noch nicht so richtig. Das mag sein. Aber er kennt dich. Und er will dein Freund sein. Ausgerechnet dich will er zum Freund haben.

"Mein Freund!" Diesen Satz sagte Jesus ein paar Stunden nach dem Abendmahl ausgerechnet zu Judas. Ausgerechnet dann, als dieser ihn mit einem Kuss verriet. Judas spielte ihm in diesem Moment Freundschaft vor. Denn dieser Kuss war ja das Zeichen dafür, dass die Soldaten Jesus verhaften konnten. Aber Jesus meinte es ernst mit diesem Satz: "Mein Freund!" Es war bei ihm keine hohle Phrase. Er sagt auch zu diesem Verräter: "Obwohl du mir das jetzt antust, bleibe ich dein Freund, habe ich dich trotzdem lieb. Ich trenne mich nicht von dir, auch wenn du dich von mir trennst."

Die Freiheit hat natürlich jeder von uns, zu sagen: "Ich brauche keine Vergebung. Das, was Jesus mir anzubieten hat, interessiert mich nicht!" Jeder kann natürlich die Hölle statt den Himmel wählen und den Teufel statt Gott. Die Freiheit hat er.

Aber Jesus liebt dich trotzdem. Er trennt sich nicht von dir. Er bleibt dein Freund, auch wenn du dich so weit von ihm entfernt hast wie der entfernteste Stern unseres Weltalls.

Auch heute in der Beichte und im Abendmahl kommt er zu dir als dein Freund. Glaube es doch, nimm seine Freundschaft an. Lass sie dir schenken. Was du auch immer getan, gesagt oder gedacht hast oder nicht getan hast, Jesus sagt zu dir: "Ich vergebe dir. Ich liebe dich trotzdem, und zwar nicht weniger, sondern viel mehr." Willst du nicht diese Liebe annehmen?

Jesus ist dein Freund! Du hast einen wunderbaren Freund, den besten Freund, den du dir überhaupt vorstellen kannst. Er bietet dir nur Liebe, nur Hilfe und Treue an. Er lässt dich nicht im Stich. Er bietet dir alles, was einer nur anbieten kann, sogar sein Leben hat er für dich gelassen. Er ist auch für dich gestorben, damit du begreifst: Ich habe einen wunderbaren Freund. Der steht mir jeden Tag in meinem Leben bei. Er vergibt mir, hilft mir und gibt mir auch einmal das ewige Leben.

Amen

© 2004 Dieter Opitz