Kreuz & Quer vom 25.01.2004, Römer 1,16-17

Liebe Gemeinde!

Einige Jungen erlaubten sich einen frechen Silvesterscherz. Sie stahlen aus der Dorfkirche die große Altarbibel. Zu hause schnitten sie respektlos in das Innere ein großes Loch, verbargen darin einen Knallkörper und verbanden einen Zünder mit dem Deckel des Buches. Gut verpackt legten sie die Bibel nachts vor die Pfarrhaustür. Am Neujahrsmorgen entdeckte der Pfarrer das Paket, öffnete es und fand darin die gestohlene Bibel. Voller Freude öffnete er das Buch. Da gab es einen lauten Knall, und dem Pfarrer flogen die Fetzen um die Ohren. Vom Schreck erholt und vom Dreck gesäubert, geht der Pfarrer in die Kirche und beginnt seine Neujahrspredigt mit der Geschichte von der explodierenden Bibel. "Wer dieses Buch öffnet, muss mit Explosionen rechnen. Denn in diesem Buch ist Dynamit Gottes, seine lebensverändernde Kraft enthalten!" Eindrücklich predigte er über die lebendige Kraft des göttlichen Wortes, über die Macht, die in der Bibel verborgen ist und die sich in das Leben hinein auswirkt, wenn wir die Bibel öffnen und darin lesen.

Die Jungen, die neugierig gekommen waren, um einen explodierenden Pfarrer zu erleben, wurden von den Worten so gepackt, dass sie ihren Streich bekannten und sich zu Jesus bekehrten.

Wer Gottes Wort öffnet, darf mit der Kraft Gottes und der Macht Jesu rechnen. Welche "Explosionen" würden sich wohl in unserem Leben ereignen, wenn wir Gottes Wort ganz ernst nähmen?

Paulus redet hier in unserem Predigtabschnitt vom Evangelium als der Kraft Gottes. Doch viele Menschen erleben gar nichts mit dieser Kraft. Sie gehen achtlos an ihr vorüber. Sie scheinen sie gar nicht nötig zu haben. Sogar kirchlich eingestellte Leute.

Den Mitarbeitern einer Gemeinde wird jedes Jahr ein Losungsbuch geschenkt. Viele unter uns kennen sicher diese Sammlung von Bibelsprüchen für jeden Tag. Ein Mitarbeiter nimmt sein Büchlein in Empfang und zieht grinsend das alte Losungsbuch aus seiner Tasche. Es lag dort immer noch in Weihnachtspapier eingepackt. Vergessene und verachtete Kraft Gottes.

Die Bibel scheint bei vielen Menschen "out" zu sein, außer Mode geraten zu sein. Viele meinen, sie sei nur etwas für verschrobene, weltfremde Menschen, die mit ihren Problemen nicht zurecht kommen. Und die Botschaft der Kirche sei nur ein schwächlicher Trost, der nicht ernstzunehmen ist.

Ein Mitarbeiter der Gideons verteilt im "Lebenskundlichen Unterricht" der Bundeswehr seine grünen Neuen Testamente. Ein Offizier, jung, braungebrannt, vor Kraft strotzend, meldete sich zu Wort. "Ich brauche die Bibel nicht", sagte er. "Mir geht es gut. Ich bin gesund."

Aber wir alle kommen doch einmal an die Grenzen unserer Kraft. Wir alle sind manchmal müde und kraftlos. Auch die stärksten Powermänner und Powerfrauen sind einmal ausgepowert. Körperliche Kraft ist nicht im Überfluss vorhanden. Auch im geistig - seelischen Bereich kann die Kraft zum Durchhalten fehlen. Jeder Mensch kommt einmal in Situationen hinein, wo er am liebsten alles hinschmeißen würde und seufzt: "Ich kann nicht mehr!" Im Berufsleben kann einer ausgebrannt sein. Aber auch schon Schüler und Studenten kann die Kraft zum Lernen fehlen. Sie sind einfach überfordert, aus welchen Gründen auch immer.

Ohne Energie kein Leben. Wo etwas funktionieren, in Gang gehalten werden soll, da ist eine Kraftzufuhr, Energie nötig. Ohne Energieversorgung bricht in unserem Lande alles zusammen, ohne Benzin oder Elektromotor fährt kein Auto, ohne Energiezufuhr in Form von Nahrung stirbt, verhungert ein Mensch. Ohne seelische und geistige Kraft bricht er zusammen. Wir alle brauchen unendlich viele innere und äußere Kräfte, um unser Leben recht meistern zu können.

Auch Paulus weiß das. Deshalb redet er hier von einer Kraft, von einer Kraft Gottes, die uns angeboten wird. Es ist ihm ungeheuer wichtig, dass er seine Botschaft, sein Evangelium, so bezeichnet. Er weiß, leere Worte helfen einem nicht, sondern nur Worte, hinter denen eine Kraft steht.

Dr. Claude Fly, ein amerikanischer Landwirtschaftsexperte, erlebte einmal in einer Extremsituation die Kraft des Wortes Gottes. Er war in Uruguay im Auftrag der UNO tätig. Eines Tages wurde er auf offener Straße von Terroristen als Geisel genommen. Acht lange Monate musste er in einem winzigen Versteck tief unter der Erde von unnachgiebigen Gangstern bewacht, aushalten. Nach seiner Freilassung beschrieb Dr. Fly in einem Buch die lange Zeit seiner Leiden und Qualen:

"Mein Aufenthalt in der Zelle der Tupamaros kommt mir nun wie ein böser Traum vor. Es fällt mir schwer, mich an all die verschiedenen Gefühle und Leidenschaften zu erinnern, die mich so umgetrieben haben. Glücklicherweise hatte ich während der ganzen Zeit ein kleines neues Testament bei mir. Es wurde für mich die einzige Quelle der Begegnung mit solchen Kräften, die außerhalb meines Herzens und auch außerhalb meiner Gefängniszelle wirksam waren. Das Klappern von Gewehren, die geladen und entladen wurden, das Geräusch von auf den Boden fallenden Patronenhülsen - dies alles nur zwei Meter von meinem Bett entfernt - waren für mich eine Seelenqual und ließen mich immer wieder vor Angst erschauern. Die ganze Zeit hindurch hielt mich die ständige Lektüre des Neuen Testaments aufrecht."

Die Bibel eröffnet uns den Zugang zu Kräften außerhalb unseres Herzens und unserer Möglichkeiten. Wir brauchen nur in ihr zu lesen. Dann begegnen uns diese Kräfte, die stärker sind als Angst und Leid, auch stärker als alles Böse und sogar stärker als der Tod.

Natürlich kann einer auch woandersher seine Kraft beziehen, um sein Leben zu bewältigen. Es gibt unzählig viele Lebenshilfen, die einem modernen Menschen angeboten werden, wie Yoga oder autogenes Training. Auch die großen Weltreligionen können einem Kraft geben. Ich denke an jene 97jährige alte Frau, die nach dem großen Erdbeben im Iran tagelang verschüttet war. Erst nach Tagen holte man sie aus den Trümmern ihres Hauses heraus. Was ihr die ganze Zeit über half, waren Koranverse, die sie hersagte. Das hatte ihr Kraft gegeben.

Mit bestimmten Lebensnöten kann ich auch ohne das Evangelium fertig werden. Ich kann auch glücklich leben ohne die Bibel. Es sind ja nicht alle unglücklich, die ohne Jesus leben! Aber eine bestimmte Kraft gibt nur das Evangelium. Das Evangelium von Jesus Christus ist "Kraft zur Rettung".

Rettung setzt eine Gefahr, eine bedrohliche Situation voraus. Die Feuerwehr kommt nur dann zum Löschen, wenn ein Feuer ausgebrochen ist. Ein Rettungssanitäter macht nur dann Wiederbelebungsmaßnahmen, wenn der Patient dem Tode nahe ist. Und die Botschaft von Jesus Christus, das Evangelium, brauchen wir nur deshalb, weil wir alle in einer furchtbaren Gefahr stehen. Wir sind in Gefahr, unser ewiges Leben zu verpassen. Es kann sein, dass uns nach dem Tod die Tür zu Gott verschlossen bleibt.

Für mich unvergesslich ist folgendes Erlebnis beim Zugfahren: Der Schaffner ging durch die Abteile und kontrollierte die Fahrkarten. Eine Frau hatte keine und konnte oder wollte auch keine kaufen. Der Schaffner forderte sie auf, bei der nächsten Station den Zug zu verlassen.

Einmal, beim Jüngsten Gericht, heißt es auch für uns: "Ihre Fahrkarte, bitte!" Wenn wir keine besitzen, dann müssen wir aus dem Zug, der in die Ewigkeit fährt, aussteigen. Dann können wir dem Gericht Gottes und der damit verbundenen Katastrophe unseres Lebens nicht entfliehen.

Das Evangelium, die gute Nachricht, sagt uns nun: Diese Fahrkarte musst du dir nicht selber erwerben, etwa durch gute Taten oder Frömmigkeit oder Gebete. Das geht auch gar nicht. Die bösen Taten, Worte, Gedanken und auch das, was wir unterlassen haben, überwiegt immer das, was wir an Gutem getan haben. In uns steckt ganz tief das Misstrauen gegen Gott und der Egoismus, der letzten Endes doch nur an sich denkt.

Die Fahrkarte für die Ewigkeit schenkt uns Gott selber. Wir brauchen sie nur zu nehmen. Im Evangelium, d.h. in der guten Botschaft von Jesus Christus, geschieht das mächtige Eingreifen des ewigen Gottes. Wo es gelesen oder gehört und geglaubt wird, da wird der Mensch aus allen Mächten des Bösen herausgerissen. Er wird gerettet zu einem herrlichen, unvergleichlichen und ewigen Leben. Wo das Evangelium von Jesus Christus verkündigt wird, da wirkt eine göttliche Kraft, die es so nirgendwo in der Welt gibt.

"Irgendeinen Halt braucht der Mensch" sagen wir. Aber das stimmt nicht. Dazu eine Geschichte:

Zwei Jungen unternahmen eine Paddelbootfahrt auf dem Rhein. Sie gerieten in einen gefährlichen Strudel. Ihr Boot wurde mit unheimlicher Gewalt herumgewirbelt und von starken Kräften in die Tiefe gezogen. Die Jungen kämpften um ihr Leben und schrieen um Hilfe. Vom Ufer aus wurde der Unfall beobachtet. Männer eilten herbei und warfen ein Rettungsseil in den Fluss. Jeder der beiden Jungen suchte in seiner Todesangst nach einem Halt. Der eine Junge klammerte sich an das Boot, wurde mit ihm in die Tiefe gezogen und ertrank. Der andere griff nach dem Seil und wurde an das rettende Ufer gezogen.

Nicht irgendeinen Halt braucht der Mensch. Wenn der Strudel der Not und der Sog des Bösen kommt und uns bedroht, brauchen wir den richtigen Halt. Am eigenen Lebensschiff kann man sich nicht festhalten. Wir brauchen einen Halt, der uns vom rettenden Ufer der Ewigkeit selbst zugeworfen wird. Wir brauchen Kräfte und Möglichkeiten über uns hinaus.

Gott streckt uns in Jesus seine Hand entgegen. Er ist das Rettungsseil der Liebe vom rettenden Ufer aus. Damit möchte Gott unser Leben retten. Wir müssen nur zugreifen und uns an Christus halten. Alles andere hält nicht. Aber Christus hält uns fest!

Das Evangelium von Jesus sagt uns: Alle Schuld kann vergeben werden, weil einer am Kreuz all unsere Schuld auf sich genommen hat, wir können von allen zerstörerischen Mächten gerettet werden, weil einer am Kreuz sich hat kaputt machen lassen. Man kann es gar nicht oft genug sagen: Wer an Jesus glaubt, der hat das ewige Leben. Selbst wenn er stirbt, kommt er zu Gott. Gott sieht uns als Gerettete an, wenn wir glauben, das Rettungswerk Jesu in Anspruch nehmen.

Das Evangelium ist die einmaligste und atemberaubendste Botschaft der Welt. Es ist die Liebeserklärung Gottes an diese Welt, seine Lovestory. Die Bibel zeigt uns keinen fernen Gott, dem man nur in ehrfurchtsvoller Distanz begegnen kann. Er ist zwar auch der heilige Gott, der gerecht ist und die Sünde straft. Aber er kümmert sich gleichzeitig in unendlicher Liebe um seine Geschöpfe wie ein Vater um seine Kinder. Er will nicht, dass auch nur eines von ihnen verlorengeht, sondern dass sie zu ihm zurückfinden. Deshalb ist er uns in Jesus ganz nahe gekommen, ist er Mensch geworden. Jesus Christus ist für unsere Sünde amKreuz gestorben. Er hat den Weg zu Gott, der durch unsere Sünde verbaut war, wieder frei gemacht.

In der Bibel dürfen wir Gott als einen vergebenden Vater kennenlernen. So kann man die Bedeutung dieses Buches zusammenfassen. Auf jeder Seite nahezu schlägt uns die Liebe Gottes entgegen, Gott ruft uns durch das Evangelium zu sich, damit wir nicht verlorene Söhne und Töchter sind und bleiben, sondern seine Kinder werden, die er in sein Reich aufnehmen kann.

Deshalb kann ich nur jedem Menschen den dringenden Rat geben: Greif nach dem Evangelium der Bibel, nach nichts anderem. Glückliche Gefühle, gute Tipps zur Bewältigung von Problemen kannst vielleicht auch woanders bekommen. Mag sein. Aber Rettung für die Ewigkeit kann dir nur das Evangelium von Jesus Christus geben.

Glaub Gott einfach aufs Wort. Er ist da, für dich da, mit seinem Frieden, seiner Vergebung, seiner Liebe, seiner Kraft. Glaub ihm das! Wer Gott bei seinem Wort nimmt, der geht nie leer aus, der bekommt immer etwas geschenkt.

Wer eine Tablette im Vertrauen auf das Wort seines Arztes einnimmt, der wird ihre Wirkung erfahren. Und wer das Wort Gottes vertrauensvoll in sich hereinlässt, wird auch seine Wirkkraft spüren. Er wird die Erfahrung machen, dass Gott wirklich aus Schuld und Einsamkeit rettet.

Manch eine Zeitschrift und manch ein Buch muss sich schämen, dass es sich dem Menschen anbietet. Aber das Evangelium muss sich nie schämen. Der unbegabteste Helfer in der Gemeinde muss sich nie schämen, wenn er diese Botschaft weitersagt.

Wenn uns jemand wegen unseres Glaubens dumm anredet, müssen wir uns nicht schämen. Er macht uns eigentlich dann ein Kompliment. Wir müssen uns ja auch nicht schämen, wenn uns jemand sagt: "Du siehst aber gut aus!" Dann werden wir uns doch keine Maske aufsetzen!

Ich muss mich nie schämen, wenn ich mich zum Evangelium bekenne. Die anderen, die darüber spotten oder Angst vor dem Bekennen haben, müssen sich schämen. Denn sie verachten ja das Evangelium, den gewaltigsten Reichtum, den es gibt. Und wir dürfen stolz darauf sein, wenn wir an dieses Evangelium glauben.

Amen

© 2004 by Dieter Opitz