Kreuz & Quer - Predigt vom 19.11.03 - ...u.s.w? - Matthäus 18, 1-5

Liebe Gemeinde!

Es gibt einen amüsanten, etwas verrückten Film: Ein Reporter, ein unausstehlicher Typ, ist in eine "Zeitfalle" geraten. Er muss immer wieder den gleichen Tag erleben. Die gleiche Radiomelodie weckt ihn auf. Er gerät in die gleichen Situationen. Die gleichen Menschen begegnen ihm. Aber er hat die Freiheit immer wieder anders zu reagieren. Die Liebe zu einer Frau verändert diesen unsympathischen Journalisten und erlöst ihn aus der "Zeitfalle".

Natürlich wäre es ein Albtraum, immer wieder den gleichen Tag durchmachen zu müssen. Aber manchmal wünschte man es sich schon, bestimmte Fehler rückgängig machen zu können. Da wäre es doch schön, wenn man in einer bestimmten Situation noch einmal die Chance bekäme, anders zu reagieren. Denn wir wissen ja: Einmal sich falsch entschieden haben, ein unbedachtes Wort, eine unbedachte Tat, kann unser ganzes Leben entscheidend beeinflussen.

An einer bestimmten Stelle auf dem Lebensweg umkehren und dann einen anderen Weg gehen können, darum geht es am heutigen Buß- und Bettag und auch in unserem Predigttext. "Wenn ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder." sagt Jesus hier, "so werdet ihr nicht ins Himmelreich kommen."

Buße tun, das ist keine zerknirschte Stimmung über seinen Seelenzustand an einem bestimmten Tag im November. Sondern das bedeutet nichts anderes als "umkehren". Buße heißt umkehren zu dem Ursprung des Lebens, zu Gott.

Haben wir das nicht alle nötig? Oder ist hier jemand, der meint, sein Leben sei in Ordnung? Vielmehr ist doch bei jedem mehr oder weniger deutlich die Sünde wirksam, auch wenn er brav und anständig lebt. Sünde ist ja kein moralischer Begriff. Sondern Sünde heißt, sein Leben ohne Gott zu führen, ohne mit ihm im Gebet in Verbindung zu sein, einfach so leben, wie man es selber für richtig hält, ohne ihn um Hilfe zu bitten, ohne sich für alles Gute in seinem Leben bei ihm zu bedanken. Und aus dieser fehlenden Verbindung folgt dann all das andere, was unser Leben belastet, wie Lieblosigkeit, Arroganz, Zorn, Gier, Neid, Zweifel oder Unglauben, dass man zu feige ist, seinen Glauben zu bekennen.

Ich weiß, niemand hört gern von der Sünde, von seiner Sünde, ich auch nicht. Es ist uns unangenehm, mit ihr konfrontiert zu werden. Predigten, die Sünde beim Namen nennen und uns zur Umkehr rufen, möchten wir am liebsten überhören. Viel lieber möchten wir von der Gnade Gottes hören.

So war es auch bei einigen Gemeindegliedern. Sie kamen zu ihrem Pfarrer, um sich bei ihm zu beschweren. Sie warfen ihm vor: "Herr Pfarrer, Sie reden zuviel von der Sünde." "Ja, ich muss so oft von ihr reden, um euch vor ihr und ihren Folgen zu warnen." "Könnten Sie dann nicht weniger drastisch, vielleicht nur andeutungsweise von ihr reden?" Der Pfarrer verließ wortlos den Raum und kam zurück - mit einer Flasche voll Gift, deutlich erkennbar an dem Etikett mit dem Totenkopf. "Was halten Sie davon", so fragte der Pfarrer, "wenn ich das Etikett überkleben und draufschreiben würde "Pfefferminztee"?" Die Gemeindeglieder verstanden und gingen schweigend wieder nach hause.

Die Sünde des Menschen ist wie ein Gift, das für ihn tödlich ist. Je harmloser man davon redet, desto schlimmer macht man den Schaden. Die Boten Gottes müssen die Menschen so deutlich, wie sie nur können, vor den Folgen der Sünde warnen. Sie kostet einen Menschen das ewige Leben, das Himmelreich. Das Etikett "Vorsicht, lebensgefährlich!" kann nicht entfernt werden. Das wäre Verantwortungslosigkeit gegenüber denen, die von der Gefährlichkeit dieses Giftes nicht wissen.

Wir brauchen keine Menschen, die einem immer nur Schmeichelhaftes sagen. Einer, der einem immer nur schmeichelt, meint es gewiss nicht gut mit uns. Wir brauchen Menschen, die auch einmal im Namen Gottes den Mut haben, uns unangenehme Wahrheiten zu sagen, so wie Jesus es ja auch tat. Die harte Wirklichkeit, die er nicht verschweigt, lautet: Ohne Buße, ohne Umkehr zu Gott, geht der Mensch in seiner Sünde rettungslos verloren. Die Sünde muss sterben, in den Tod gegeben werden, durch tägliche Reue und Buße, wie Luther im Kleinen Katechismus sagt.

Was ist nun Buße? Buße ist mehr als Reue über seine Fehler zeigen und es in Zukunft besser machen wollen. Wer sich bessern will, kann sicher manches erreichen. Aber er wird dadurch kein anderer Mensch. Er wird trotzdem immer wieder Fehler machen, andere halt oder doch immer wieder die gleichen.

Im Mittelalter gab es ein grausames Spiel, das zur Belustigung des Volkes gezeigt wurde. In einem verschlossenen Burghof hing über einem Feuer ein Kessel mit siedendem Honig. Ein Bär wurde in den Innenhof gelassen und von dem süßen Duft des Honigs angezogen. Oben auf den Rängen saßen die vornehmen Damen und stand das schaulustige Volk. Sie alle sahen zu, wie der Bär in seinem Hunger an dem siedenden Honig leckte und mit verbrannter Schnauze davonlief. Immer wieder vom süßen Honig angelockt, versuchte der Bär zu lecken, und immer wieder verbrannte er sich heftig das Maul, bis er schließlich erschöpft und voller Schmerzen zusammenbrach.

Geht es uns Menschen nicht oft genug ähnlich? Wir werden auch immer wieder von den süßen Verlockungen der Sünde angezogen, - trotz guter Vorsätze und trotz böser Erfahrungen. Macht und Reichtum, Erfolg und Ruhm, Sex und Lust, Ehrgeiz und Eitelkeit, Egoismus und Bequemlichkeit verführen uns zu manchen Dummheiten. Wie oft haben wir uns schon den Mund verbrannt, aber immer neu lassen wir uns verführen, und so weiter, und so weiter, bis wir schließlich daran kaputt gehen, ohne je wirklich befriedigt zu sein. Und oft genug amüsieren sich noch andere über unsere Fehler. Muss das immer so weiter gehen mit uns, trotz guter Vorsätze, trotz des Bemühens anders zu werden? Nein!

Aber dazu müssen wir lernen, was Buße tun heißt: nämlich werden wie die Kinder, wie Jesus sich hier ausdrückt. Was ist der Vergleichspunkt bei den Kindern? Sind sie unschuldig und rein? Nein, Kinder lieben den Dreck, so viel wie nur geht. Mit Sand manschen, in Pfützen treten, das macht ihnen Spaß! Und Unschuldsengel sind sie auch nicht. Bei ihnen sieht man die Fehler und Sünden sogar oft viel deutlicher wie bei den Erwachsenen, weil sie es noch nicht gelernt haben, sich wie diese zu verstellen. Ist kindlich sowas wie kindisch? Sollen wir alle Lebenserfahrung vergessen? Das kann doch nicht sein!

Es geht um etwas andres: Kinder sind zwar keine Schoßtiere, aber sie brauchen Liebe. Sie fühlen sich wohl im Schutz des Stärkeren und setzen sich gerne mal auf den Schoß von Mama und Papa. Erst ab einem gewissen Alter machen sie das nicht mehr so gerne. Das wichtigste Kennzeichen der Kinder ist ihr unglaubliches Vertrauen. Und sie haben eine weitere einzigartige Fähigkeit: Sie können sich beschenken lassen. Ohne diese Fähigkeit könnten sie gar nicht leben. Alles, was wir zum Leben wirklich brauchen, kann man nämlich nicht kaufen, sondern bekommt man geschenkt: Bei der Geburt das physische Leben. Die notwendige Zuwendung als Kind. Die Liebe, das Vertrauen. Die Luft zum Atmen. Nichts kann man kaufen oder sich verdienen.

Das ist manchen nicht richtig klar, die meinen, sie hätten ihr Leben vor allem sich selber zu verdanken. Dieses Verhalten färbt auf die ganze Lebenseinstellung ab. Auch wenn es um Religion geht. Viele verstehen ihr Christsein als die Summe ihrer guten Taten. Sie sagen: "Ich habe mir in meinem Leben nichts zu schulden kommen lassen, ich habe Gutes getan, zumindest habe ich mich bemüht, Gutes zu tun." Aber das ist nicht das entscheidende Kennzeichen eines Christen, dass er etwas Gutes tut. Jesus sagt, dass es ganz anders ist. Nur wenn wir uns wie Kinder beschenken lassen, werden wir unter Gottes gutem Einfluss leben. Sich beschenken zu lassen, das ist das Kennzeichen des Christen. Das bedeutet auch Buße tun.

Buße tun, heißt umkehren von den eigenen Bemühungen, sich bessern zu wollen. Durch solche Anstrengungen wird man nur ein verbissener, verkrampfter, unfroher Mensch, die Karikatur eines Christen. Solche Menschen empfinden das Christsein irgendwann einmal als eine schwere, vielleicht sogar unerträgliche Last, die man am liebsten los sein möchte. Warum? Weil sie sich selbst zu wichtig nehmen.

Zu Papst Johannes XXIII. kam einmal ein hoher Würdenträger. Der schüttete ihm sein Herz aus und sagte, dass er kaum noch schlafen könne. Denn die Verantwortung für seine vielen Aufgaben mache ihn ganz fertig. Da antwortete Johannes lächelnd: "So erging es mir früher auch. Aber eines Nachts, als ich wieder einmal nicht schlafen konnte, da sagte mein Schutzengel zu mir: "Johannes, nimm dich nicht so wichtig!" Ich habe seinen Rat beherzigt. Und seitdem kann ich wieder prima schlafen!"

Nimm dich nicht so wichtig. So könnte man auch den Satz von Jesus übersetzen: "Werdet wie die Kinder!" Kinder tragen auch nicht die Last ihres Lebens ganz alleine. Sondern sie verlassen sich darauf, dass ihre Eltern für sie sorgen.

So kannst du es doch auch machen: Nimm die ganze Last deines Lebens, deine Sorgen und Ängste, deine Sünde und Schuld. Bring den ganzen Packen zu Jesus und sag zu ihm: "Das alles ist doch nicht mein Problem. Ich muss mich damit nicht abquälen. Sondern du willst mir doch meine Sorgen abnehmen, meine Schuld vergeben und mir auch die Kraft geben, ein anderes Leben zu führen." Du kannst unmöglich das selber leisten, was Gott von dir erwartet. Wir können uns nicht Liebe zu ihm und unseren Mitmenschen geben. Aber Jesus kann es tun. Lass dich doch von ihm beschenken. Er will dir alle seine Gaben geben, seine Liebe, seine Freude, seinen guten Geist, ja sogar sein Himmelreich.

Damit meint er keine jenseitige Größe, die für unser Leben keine Bedeutung hat. Sondern das Reich Gottes, das ist die Welt, in der Gott herrscht, in der die Wunder und Hilfen Gottes geschehen, Befreiung von Schuld, von Gebundenheiten, von Mächten der Krankheit, Angst oder Sorge. Etwas Größeres kann man einem Menschen gar nicht anbieten als die Gegenwart des lebendigen Gottes. Wo das Reich Gottes in das Leben eines Menschen hereinbricht, da geschehen wunderbare Dinge: da kann man wieder fröhlich werden, weil die Last eines bösen Gewissens weggenommen wurde, da kann man wieder befreit aufatmen, weil Lasten von Sorgen und Ängsten abfallen, da kann man nur noch staunen und danken, weil Gottes mächtiges Eingreifen Nöte und Probleme gelindert oder gelöst hat. Schon jetzt will dir Jesus dieses Himmelreich schenken, und dann auch einmal in Ewigkeit.

Ich denke an Theresia von Lisieux. Man nannte sie die "kleine" Theresia. Sie erkannte: Gott will keine großen Taten von uns. Er liebt gerade die kleinen Dinge, den Gehorsam im Alltag. Immer wieder findet sich in ihren Schriften das Wort vom kleinen Weg. Sie schrieb einmal: "Mich größer machen ist unmöglich. Ich muss mich ertragen, wie ich bin, mit all meinen Unvollkommenheiten. Aber ich will das Mittel suchen, in den Himmel zu kommen, auf einem kleinen Weg. Ich möchte einen Aufzug finden, der mich zu Jesus emporhebt. Denn ich bin zu klein, um die beschwerliche Treppe der Vollkommenheit hinaufzusteigen. Der Fahrstuhl, der mich zum Himmel emporheben soll, deine Arme sind es, o Jesus! Dazu brauche ich nicht zu wachsen; ich muss klein bleiben, ja mehr und mehr es werden!"

Kleiner werden, kindlicher werden, auch diese katholische Ordensfrau hat diese biblische Wahrheit entdeckt. Je kleiner, je kindlicher du bist, desto lieber bist du Gott, desto mehr Himmel kommt in dein Leben hinein. Das Entscheidende, worauf es in deinem Christsein ankommt, ist das kindliche Vertrauen Jesus gegenüber. Vertraue ihm doch in allen Dingen deines Lebens. Sprich zu ihm: "Ich schaffe es nicht, was du von mir haben willst. Ich kann kein Leben voller Liebe und Vertrauen dir gegenüber führen. Aber du kannst mir das alles geben. Dir will ich vertrauen. Du bringst mich auch einmal in dein Reich."


Amen

© 2003 Dieter Opitz