Predigt Kreuz&Quer vom 13.7.03
"Sehnsucht", Psalm 42,1-3

Liebe Gemeinde!

Der Theologe Ernst Lange hat ein Musical mit dem Titel Halleluja Billy geschrieben. In diesem Stück tritt ein Junge auf und singt:

Ich habe den Vater gefragt, warum der Himmel so weit ist.
Da hat er gelacht und gesagt:
Ach Junge, so fragt nur der, der nicht gescheit ist.
Schluck die Sehnsucht hinunter.
Wisch die Angst vom Gesicht,
Frag nicht, warum alles so ist, wie es ist,
Denn die Großen wissen es nicht.

Da hab ich die Mutter gefragt, warum sie so traurig und matt ist,
Da hat sie geweint und geklagt:
Ach Junge, man ist froh, wenn man satt ist.
Schluck die Sehnsucht hinunter,
Wisch die Angst vom Gesicht,
Frag nicht, warum alles so ist, wie es ist,
Denn die Großen wissen es auch nicht.

Sehnsucht ist die Unruhe des Menschen, der sich nicht damit zufrieden geben kann, dass alles so ist, wie es ist. Die Sehnsucht des Menschen will den Dingen auf den Grund gehen.

Der Schreiber des Psalms, den ich eben vorgelesen habe, hat seine Sehnsucht nicht hinuntergeschluckt. Ganz im Gegenteil. Er hat sie herausgeschrieen. "Wie der Hirsch lechzt nach frischem Wasser, so schreit meine Seele, Gott, zu dir." Die Adresse seiner Sehnsucht ist Gott. Ihm möchte er begegnen, ja, ihn möchte er sehen.

Sehnsucht. Jeder Mensch kennt sie oder hat sie gekannt. Sie gehört zu unserem Menschsein dazu.

Der bekannte Physiker Wernher von Braun hat dazu gesagt: "Es treibt mich seit meiner Kindheit eine Sehnsucht, wegzukommen von der Welt. Ich will mich mit dieser Welt nicht abfinden, sie ist mir zu klein." Mit sechzehn Jahren packte es ihn, herauszukommen aus der Enge seiner Welt. Er nahm heimlich seine Sachen und floh Richtung Hamburg. Da haben sie ihn geschnappt und gefragt. "Junge, wo willst du hin?" "Ich möchte einmal raus!" "Ja, wohin denn?" "Ich weiß nicht, nur weit, weit weg." Die Polizisten haben gelacht: "Ach Junge, das haben wir auch mal gedacht, so weit ist die Welt gar nicht, die ist hier nämlich zu Ende." Dann haben sie ihn nach hause gebracht.

"Schluck die Sehnsucht hinunter, wisch die Angst vom Gesicht."

Wernher von Braun wurde später Weltraumphysiker, der beim Mondlandeprogramm der NASA mitarbeitete. Viele Menschen sind deshalb Wissenschaftler geworden, weil sie gepackt waren von einer Sehnsucht weiterzukommen, immer weiter.

Andere werden Rock- oder Popmusiker. Einer der erfolgreichsten deutschsprachigen Popsongs heißt "Sehnsucht". Es kommen darin die Sätze vor: "Das Paradies ist abgebrannt. Ich hab Heimweh. Ich will nur weg, ganz weit weg... Ich will raus." Warum hören denn Millionen von Fans die Musik ihrer Pop- und Rockidole? Warum strömen sie zu zehntausenden in ihre Konzerte? Weil sie eine Sehnsucht in sich spüren - nach Leben.

Wieder andere flüchten sich in ihrer Sehnsucht nach Leben in den Rausch. Alkohol oder Drogen bestimmen und zerstören ihr Leben.

Die größte Sehnsucht eines Menschen ist die nach Liebe. Nichts in der Welt treibt die Menschen so um wie die Liebe. Sie sehnen sich nach einem Freund, nach einem Partner, der mit ihnen ihr Leben teilt und vor allen Dingen sie lieb hat. Ich bin mir sicher: Nachts weinen Millionen von Menschen in ihre Kissen, weil sie diese Liebe nicht gefunden oder von ihr enttäuscht wurden. Der Schrei der Sehnsucht, hört ihn niemand?

Ein Kind wird geboren. Es schreit nach Leben. Kleine Kinder schreien eben nach Nahrung und Liebe, nach Wärme und Zuwendung.

Ein Baby, neun Monate alt, lag in seinem Stubenwagen im Wohnzimmer und schrie laut. Die Mutter war in der Wohnung beschäftigt und konnte nicht herbeikommen. Dem älteren Bruder wurde das Schreien lästig. So redete er auf das Brüderchen ein: "Baby leise sein!" Als seine Ermahnungen nichts nützten, nahm er ein dickes Sofakissen und drückte es mit beiden Händen fest auf das Gesicht des Babys. Noch ein schwaches Wimmern, dann war es still. Das Baby war leise, im Zimmer war totenstille. Gerade in diesem Augenblick kam die Mutter herein, riss das Kissen weg und nahm ihr Kind auf den Arm, drückte es an sich, und die Atmung setzte wieder ein. Es schrie und lebte. Dann stillte es seine Mutter, und es wurde ruhig.

Menschen haben Hunger nach Leben und Durst nach Liebe. Sie rufen und schreien in ihren Ängsten und Sorgen nach Hilfe, wie dieses Baby. Wie oft werden diese Sehnsüchte nicht gestillt sondern nur zum Schweigen gebracht, erstickt!

Bei Gott ist das anders. Bei ihm kommt unsere Seele zur Ruhe. "Wie der Hirsch lechzt nach frischem Wasser, so schreit meine Seele, Gott, zu dir." so hat es der Verfasser unseres Psalms gemacht. Und Gott ist wie eine gute Mutter. Er hört unseren Schrei nach Leben und Liebe. Er stillt ihn mit seiner Barmherzigkeit und schenkt uns tiefe Geborgenheit.

Diese Aussage ist wirklich wahr. Jeder unter uns darf erfahren: Es stimmt, wenn Gott verspricht, dass er unserer Seele Ruhe geben will. Denn der Gott der Bibel ist mehr als ein Ideal, mehr als ein Begriff, den Menschen verwenden. Er ist der lebendige Gott, von jedem erfahrbar.

Die Sehnsucht des Menschen nach Leben und Liebe ist letztlich die Sehnsucht nach Gott. Nur, wann wird diese Sehnsucht gestillt? Der Psalmist formuliert es so: "Wann werde ich dahin kommen, dass ich Gottes Angesicht schaue?"

Für die Beantwortung dieser Frage müssen wir wissen: Gott ist nicht weit weg von uns. Denn auch er hat Sehnsucht nach uns. Der Kirchenvater Augustin sagte einmal: "Der Mensch ist die Sehnsucht Gottes." Alles in Gott drängt und verlangt nach uns. Er hat sich schon längst nach uns auf den Weg gemacht, um uns nahe zu kommen.

Ein deutscher Junge wurde nach dem Krieg aus seiner Heimat in die entfernteste Ecke der damaligen Sowjetunion an die mongolische Grenze verschleppt. Dort musste er in einem Arbeitslager ein elendes Leben fristen, bis er eines Tages, krank vor Sehnsucht nach Heimat, ausbrach.

Er lief zu Fuß, jede menschliche Behausung meidend, in sechs Jahren zwölftausend Kilometer, um in das Land seiner Sehnsucht, nach Deutschland zu kommen.

Wieviel mehr hat Gott in seiner Sehnsucht nach uns Menschen auf sich genommen und ist uns den ganzen Weg aus der Herrlichkeit des Himmels bis in unsere Welt nachgegangen!

In Jesus ist uns Gott mit seiner Sehnsucht nahe gekommen. Unsere Sehnsucht nach einem erfüllten Leben, nach Liebe und Geborgenheit, nach Heimat und Zuhause ist nur die eine Hälfte. Gott hat eine noch viel größere Sehnsucht nach seinen Menschen und hat sich aufgemacht zu ihnen zu kommen.

Aus der Ewigkeit machte sich Gott auf den Weg zu uns und wurde Mensch in Jesus Christus. Dort bei seinem Vater hätte Jesus es gut gehabt: kein Leid, keine Schmerzen, kein Dreck, kein Tod. Aber er wollte nicht dort bleiben. Er musste gehen. Warum? Weil ihn die Sehnsucht nach uns Menschen auf die Erde trieb. So wurde er in einer Futterkrippe in einem Stall geboren. Nach einer ruhigen Jugend - zumindest erzählt uns die Bibel nichts Aufregendes - kommt wieder dieses: "Ich muss jetzt gehen!" Jesus verließ seine gutbürgerliche Existenz als Zimmermannssohn in Nazareth und ging als Wanderprediger durchs Land. Kein geregeltes Einkommen, ohne soziale Absicherung. Seine Verwandten hielten ihn für verrückt. Warum nur tat Jesus das? Er hatte Sehnsucht danach, den Menschen die Liebe Gottes zu bringen. Und Jesus zog sie wie ein Magnet an. Sie spürten: Dieser Jesus kann unsere Sehnsucht nach Leben und nach Liebe stillen! So hingen sie an seinen Lippen, wenn er von der Vergebung Gottes sprach, die auch dem schlimmsten Sünder galt. Sie kamen zu Tausenden, um sich von ihm von ihren körperlichen Krankheiten und seelischen Verwundungen heilen zu lassen.

Und dann nach einigen Jahren kam wieder dieses: "Ich muss gehen, nach Jerusalem, um dort zu sterben!" Und wieder hielten ihn seine engsten Freunde für verrückt. "Das kannst doch nicht tun!" Aber er musste es tun, - weil er Sehnsucht danach hatte, die Menschen von ihrer Schuld zu befreien, durch seinen Tod am Kreuz. Diese Sehnsucht Jesu war also mehr als ein sentimentales Gefühl. Sie schreckte sogar vor dem Tod nicht zurück. Kann es eine größere Sehnsucht geben, als die Sehnsucht Jesu, dass Gott und Mensch durch seinen Tod am Kreuz wieder zusammenkommen?

Und nun kommt das Fantastischste. Dieser Jesus hat auch Sehnsucht nach dir und mir. Seine Sehnsucht hat ihn auch heute zu uns in diesen Gottesdienst getrieben. Und er will dir begegnen, durch sein Wort der Bibel und in der Predigt.

Kürzlich im Religionsunterricht kam ich darauf zu sprechen, dass Jesus uns in seinem Wort begegnet. Verwundert sagte darauf ein Schüler: "Und ich dachte, der ist tot!" Ja, das denken wohl viele: Dieser Jesus ist doch tot! Der hat uns doch nichts mehr zu sagen! Aber das ist nicht wahr! Er lebt! Er ist von den Toten auferstanden und möchte auch in dein Leben treten. Er möchte auch deine Sehnsucht nach Leben und Liebe stillen. Deshalb und nur deshalb feiern wir übrigens jeden Sonntag Gottesdienst!

Darf ich jedem von uns eine Frage stellen: Warum bist du eigentlich hier? Nur aus frommer Pflichterfüllung, oder weil mich jemand eingeladen hat oder weil ich schon immer in den Gottesdienst ging? Oder ist es mehr? Weil du Sehnsucht nach Gott hast?

Einer, von dem Jesus einmal erzählte, kannte auch diese Sehnsucht. Sein Erbteil hatte er verschleudert und er saß nun heruntergekommen bei den Schweinen. Da entdeckte er tief in sich die Sehnsucht: ich will wieder nach Hause, wieder zurück zum Vater. Ich spreche vom verlorenen Sohn. Wir wissen, wie es weiterging: Der Junge ging wieder zurück nach hause. Und dort wartete schon der Vater, um seinen Sohn mit offenen Armen in Empfang zu nehmen. Er hatte also Sehnsucht nach seinem Jungen gehabt. Vielleicht hatte der Vater manche Nacht nicht geschlafen, war immer wieder ans Fenster getreten, hatte in die Dunkelheit gestarrt und sehnsüchtig den Horizont abgesucht.

Genauso wie dieser Vater hat auch Gott Sehnsucht nach dir und mir. Er kriegt kein Auge zu, bis seine verlorenen Töchter und Söhne wieder zu Haus sind. Gott sitzt nicht selbstgenügsam und gelangweilt in seinem Himmel, während wir uns auf Erden verlaufen. Er will mit uns zusammensein, er wartet auf uns, er sehnt sich nach uns wie ein Liebhaber nach seiner Geliebten. Wir Menschen sind Gottes große Leidenschaft.

Muss man so einem Gott, der es so grenzenlos gut mit uns meint, nicht auch grenzenlos offen gegenüber sein? Kann man dem nicht alles sagen, wirklich alles? Tun wir's doch! Schütten wir ihm unser Herz aus! Sagen wir ihm alle unsere enttäuschten Sehnsüchte nach Liebe, Zuneigung und Geborgenheit, unsere Sehnsucht nach einem Leben, das diesen Namen verdient. Sagen wir ihm auch alle Abgründe unserer Seele, das worüber wir uns zutiefst schämen, was wir vielleicht noch keinem Menschen gesagt haben. Ihm können wir alles sagen, auch unsere schlimmste Sünde und Schuld. Er verachtet uns nicht. Ganz im Gegenteil. Er wartet nur auf solche Worte. Er sehnt sich nach so einem Bekenntnis. Denn dann kann er uns ja seine Liebe zeigen, die er schon immer für uns hatte. Dann kann er uns auch alle unsere Schuld vergeben.

Der Verfasser unseres Psalms fragte sehnsuchtsvoll: "Wann werde ich dahin kommen, dass ich Gottes Angesicht schaue?" In diesem Leben können wir Gott nicht mit unseren Augen sehen. Aber jeder, der sich Gott öffnet und Vergebung empfängt, der kann seine Nähe spüren. Gott ist ihm nah in seinem Wort, das er zu ihm gesprochen hat. Jeden Tag. Jesus hat seinen Leuten versprochen: "Ich bin bei euch alle Tage!" Alle Tage, das heißt nicht nur an den Tagen, an denen bildlich gesprochen die Sonne scheint, an denen es uns gut geht, sondern auch an denen es regnet, wo wir die Nähe Gottes anscheinend nicht spüren. So wie sich hinter den Wolken trotzdem die Sonne verbirgt, so ist auch Jesus trotzdem da. Sein Wort ist die Garantie dafür. Es sagt uns zu, dass uns nichts, aber auch gar nichts von der Liebe Gottes trennen kann. Was wir auch äußerlich erleben, wie es uns auch innerlich geht. Seine Liebe enttäuscht nicht, nie. Darauf können wir uns verlassen.

Amen

© 2003 by Dieter Opitz